Little Brother – Kapitel 8

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Borders gewidmet, dem globalen Buchhandelsriesen, den man in Städten rund um die Welt finden kann – ich werde nie vergessen, wie ich einmal in den gigantischen Borders-Laden auf der Orchard Road in Singapur spaziert bin und ein Regal voll mit meinen Romanen gefunden habe! Viele Jahre lang war der Borders in Londons Oxford Street Gastgeber für Pat Cadigans monatliche Science-Fiction-Abende, bei denen ansässige und angereiste Autoren aus ihren Werken lasen, über Science Fiction sprachen und ihre Fans trafen. Wenn ich in einer fremden Stadt bin – und das passiert häufig – dann ist eigentlich immer ein Borders mit großartiger Auswahl in der Nähe.; aber ganz besonders schätze ich den Borders auf dem Union Square in San Francisco.

Borders weltweit:
http://www.bordersstores.com/locator/locator.jsp

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Ich war nicht der Einzige, der den Histogrammen zum Opfer fiel. Jede Menge Leute haben unnormale Bewegungs- und Nutzungsmuster. Unnormal ist so verbreitet, dass es praktisch schon wieder normal ist.

Das Xnet war voll von solchen Geschichten, ebenso die Zeitungen und die Fernsehnachrichten. Ehemänner wurden dabei erwischt, ihre Frauen zu betrügen; Ehefrauen wurden dabei erwischt, ihre Männer zu betrügen; und Kinder wurden mit heimlichen Freunden oder Freundinnen erwischt. Ein Junge, der seinen Eltern nichts von seiner AIDS-Erkrankung gesagt hatte, wurde dabei erwischt, in die Klinik zu fahren, wo er seine Medikamente bekam.

Das also waren die Leute, die was zu verbergen hatten – nicht schuldige Menschen, sondern Menschen mit Geheimnissen. Und noch viel mehr Leute hatten überhaupt nichts zu verbergen, sondern bloß was dagegen, abgegriffen und verhört zu werden. Stell dir einfach mal vor, du wirst auf dem Rücksitz eines Polizeiautos festgehalten und hast zu beweisen, dass du kein Terrorist bist.

Und es war nicht bloß der öffentliche Nahverkehr. Die meisten Autofahrer in der Bay Area haben einen FasTrak-Pass an der Sonnenblende hängen. Das ist so ne kleine Funk-„Brieftasche“, die deine Maut bezahlt, wenn du eine Brücke passierst, und dir so das lästige stundenlange Warten in der Schlange vor den Mauthäuschen erspart. Erst hatten sie die Gebühren fürs Barzahlen an den Brücken verdreifacht (was sie aber immer abstritten und behaupteten, FasTrak sei billiger, nicht etwa anonyme Barzahlung teurer). Und was dann noch an Barzahlern übrig blieb, verschwand, als sie die Barzahler-Spuren auf eine pro Brückenkopf eindampften, wodurch die Warteschlangen noch länger wurden.

Egal also, ob du hier wohnst oder bloß einen Mietwagen einer örtlichen Agentur fährst – du hast immer einen FasTrak. Aber wie sich rausstellte, sind Mauthäuschen nicht der einzige Ort, an dem dein FasTrak gelesen wird. Das DHS hatte FasTrak-Leser in der ganzen Stadt installiert – wenn du dran vorbeifuhrst, zeichneten sie die Zeit und deine ID-Nummer auf und trugen so ein immer perfekteres Bild dessen zusammen, wer wann wohin fuhr, das in einer Datenbank landete, die zusätzlich von Ampelblitzern und Tempoüberwachungsanlagen gespeist wurde und von all den anderen Nummernschild-Erkennungskameras, die hier wie Pilze aus dem Boden schossen.

Bisher hatte niemand groß darüber nachgedacht. Aber jetzt, da die Leute anfingen, darauf zu achten, bemerkten wir alle irgendwelche Kleinigkeiten, wie etwa den Umstand, dass der FasTrak keinen Ausschalter hat.

Wenn du also Auto fuhrst, konntest du jederzeit von einer SFPD-Kutsche rausgewunken werden, und die fragten dich dann, warum du in letzter Zeit so häufig bei Home Depot warst oder wozu dieser mitternächtliche Trip nach Sonoma letzte Woche gut war.

Die kleinen Wochenend-Demonstrationen überall in der Stadt wurden größer. Nach einer Woche dieser Überwachungsmaßnahmen marschierten fünfzigtausend Menschen über Market Street. Mir wars egal: Den Leuten, die meine Stadt eingenommen hatten, wars ja auch egal, was die Bürger wollten. Sie waren eine Besatzerarmee. Und sie wussten, wie wir darüber dachten.

Eines Morgens kam ich grade rechtzeitig zum Frühstück runter, um zu hören, wie Dad Mom erzählte, dass die zwei größten Taxiunternehmen eine „Ermäßigung“ für Leute einführten, die spezielle Karten zum Bezahlen der Fahrt verwendeten, angeblich im Sicherheitsinteresse der Fahrer, die dann nicht mehr so viel Bargeld bei sich hatten. Ich fragte mich, was wohl mit den Informationen passierte, wer mit welchem Taxi wohin fuhr.

Ich merkte, wie knapp es geworden war. Der neue indienet-Client war als automatisches Update verteilt worden, als die ganze Sache grade anfing, richtig übel zu werden, und Jolu erzählte, dass jetzt 80 Prozent des Datenverkehrs bei Pigspleen verschlüsselt war. Das Xnet dürfte im letzten Moment gerettet worden sein.

Aber Dad machte mich langsam wahnsinnig.

„Du bist ja paranoid, Marcus“, sagte er einmal beim Frühstück, als ich ihm davon erzählte, wie ich am Tag zuvor gesehen hatte, wie Polizisten ein paar Leute aus der BART pflückten.

„Dad, das ist doch lächerlich. Die fangen überhaupt keine Terroristen, oder etwa doch? Das alles jagt den Leuten bloß Angst ein.“

„Vielleicht haben sie noch keine Terroristen geschnappt, aber sie kriegen auf jeden Fall eine Menge Gesindel von den Straßen. Denk mal an die Drogenhändler – angeblich haben sie Dutzende eingesperrt, seit das alles angefangen hat. Weißt du noch, wie diese Junkies dich ausgeraubt haben? Wenn wir ihre Dealer nicht schnappen, wird das immer noch schlimmer.“

Im Jahr zuvor war ich beraubt worden, allerdings noch ziemlich zivilisiert. Ein hagerer Typ mit strengem Geruch sagte mir, er habe eine Knarre, der andere verlangte meine Brieftasche. Sie ließen mir sogar meinen Ausweis, behielten allerdings meine Kreditkarte und den Fast Pass. Ich hatte trotzdem fürchterlich Angst gehabt und noch wochenlang paranoid über meine Schulter geguckt.

„Aber die meisten Leute, die sie festhalten, haben doch überhaupt nichts Falsches gemacht, Dad“, sagte ich. Das ging mir an die Nieren. Mein eigener Vater! „Das ist doch verrückt. Auf jede schuldige Person, die sie schnappen, müssen sie Tausende Unschuldige bestrafen. Das ist einfach nicht in Ordnung.“

„Unschuldig? Typen, die ihre Frau betrügen? Drogendealer? Die verteidigst du, aber was ist mit all den Leuten, die gestorben sind? Wenn du nichts zu verbergen hast…“

„Also dich würde es nicht stören, wenn sie dich anhalten?“ Die Histogramme meines Vaters waren bislang deprimierend normal.

„Ich würde es als meine Pflicht betrachten“, sagte er. „Ich wäre stolz. Und ich würde mich sicherer fühlen.“ Der hatte gut reden.

[x]

Vanessa mochte es nicht, wenn ich über diese Sachen sprach, aber sie war zu klug diesbezüglich, als dass ich das Thema lange vermeiden konnte. Wir trafen uns ständig, redeten übers Wetter, die Schule und so Zeug, und dann kam ich irgendwie auf dieses Thema zurück. Vanessa blieb dann cool – noch einmal rastete sie nicht mehr aus -, aber ich merkte, dass es sie aufregte.

Trotzdem.

„Und dann sagt mein Vater, ,ich würde es als meine Pflicht betrachten‘. Kannst du dir das vorstellen? Ich mein, hallo? Ich hab ihm in dem Moment fast davon erzählt, wie ich im Knast war und ob er meint, dass das auch unsere Pflicht‘ wäre.“

Wir saßen nach der Schule in Dolores Park im Gras und sahen den Hunden dabei zu, Frisbees zu fangen.

Van war zu Hause reingesprungen und hatte sich umgezogen – sie trug jetzt ein altes T-Shirt einer ihrer brasilianischen Lieblings-Techno-Brega-Bands, Carioca Proibidão, „der verbotene Typ aus Rio“. Das T-Shirt hatte sie bei einer Live-Show gekauft, wo wir alle vor zwei Jahren waren, ein heimlicher Ausflug zu einem großen Abenteuer im Cow Palace; und seither war sie ein, zwei Zoll gewachsen, deshalb saß es knapp überm Bauch und erlaubte Blicke auf ihren flachen kleinen Nabel.

Sie lag zurückgelehnt in der Sonne, die Augen hinter den Brillengläsern geschlossen, und wackelte in ihren Flip-Flops mit den Zehen. Ich kannte Van schon ewig, und wenn ich an sie dachte, sah ich gewöhnlich das kleine Mädchen mit Hunderten klirrender Armreifen aus aufgeschlitzten Limo-Dosen, das Klavier spielte und ums Verrecken nicht tanzen konnte. Als sie heute in Dolores Park saß, sah ich sie plötzlich so, wie sie war.

Sie war total h31ß – im Klartext: heiß. Es war so, wie wenn man diese Vase anguckt und plötzlich merkt, dass das ja auch zwei Gesichter sind. Ich sah zwar, dass Van ja eigentlich nur Van war, aber ich konnte jetzt auch sehen, dass sie ne echte Schönheit war, und das war mir bisher noch nie aufgefallen.

Okay, Darryl hatte das die ganze Zeit schon gewusst, und glaubt mal nicht, dass ich nicht enttäuscht war, das jetzt zu begreifen.

„Deinem Dad kannst dus nicht erzählen, ist ja klar“, sagte sie. „Du würdest uns alle in Gefahr bringen.“ Ihre Augen waren geschlossen, und ihre Brust hob und senkte sich im Takt ihres Atems, was mich doch ziemlich aus dem Konzept brachte.

„Ja“, sagte ich düster, „das Problem ist bloß: Ich weiß, dass er totalen Blödsinn redet. Wenn du meinen Dad rauswinkst und von ihm Beweise verlangst, dass er kein kinderschändender, drogendealender Terrorist ist – der würde amoklaufen. Er hasst es schon, in der Warteschleife zu hängen, wenn er wegen seiner Kreditkartenabrechnung telefoniert. Sperr ihn eine Stunde auf einem Autorücksitz ein und verhör ihn, dann kriegt der nen Infarkt.“

„Die kommen ja bloß damit durch, weil die Normalen sich für was Besseres halten als die Unnormalen. Wenn sie jeden rauswinken würden, das wär eine Katastrophe. Niemand würde mehr irgendwo hinkommen, alle würden bloß noch drauf warten, von den Bullen verhört zu werden. Der totale Stau.“

Wow.

„Van, du bist echt genial“, sagte ich.

„Erzähl mir mehr davon“, antwortete sie. Sie lächelte abwesend und blickte mich durch halb geschlossene Augen an, dass es fast schon romantisch war.

„Ehrlich. Wir können das schaffen. Wir können die Profile ganz einfach durcheinanderbringen. Leute rauswinken zu lassen ist kein Problem.“

Sie setzte sich auf, wischte ihr Haar aus dem Gesicht und sah mich an. Ich spürte einen kleinen Hüpfer im Bauch, weil ich dachte, sie sei schwer beeindruckt von mir.

„Wir brauchen bloß RFID-Kloner“, sagte ich. „Und das ist total einfach. Wir müssen bloß die Firmware auf einen Zehn-Dollar-Leser von Radio Shack flashen. Dann laufen wir rum und vertauschen wahllos die Marker irgendwelcher Leute und überschreiben ihre Fast Passes und FasTraks mit den Codes von anderen Leuten. Dann sieht jeder plötzlich ziemlich merkwürdig aus, und ziemlich kriminell. Und schwupp: der totale Stau!“

Van verzog die Lippen und setzte die Sonnenbrille wieder auf; ich merkte, dass sie so wütend war, dass sie kein Wort rausbrachte.

„Machs gut, Marcus“, sagte sie und stand auf. Ehe ich mich versah, ging sie davon – so schnell, dass sie fast rannte.

„Van“, rief ich, sprang auf und stürzte hinter ihr her. „Van! Warte doch!“ Sie legte noch einen Zahn zu, und ich musste rennen, um ihr zu folgen.

„Van, was zum Teufel soll das?“, sagte ich und schnappte sie am Arm. Sie riss ihn so heftig weg, dass ich mir selbst ins Gesicht schlug.

„Du bist völlig durchgeknallt, Marcus. Du bringst all deine kleinen Xnet-Kumpel in Lebensgefahr, und außerdem willst du die ganze Stadt in Terrorverdächtige verwandeln. Kannst du nicht aufhören, bevor du den Leuten wehtust?“

Ich machte den Mund ein paarmal auf und zu. „Van, ich bin nicht das Problem, die sind es. Ich verhafte schließlich keine Leute, steck sie in den Knast und lass sie verschwinden. Die Heimatschutzbehörde, die tut das. Und ich kämpfe dagegen, um sie aufzuhalten.“

„Aber wie, wenn dus doch nur schlimmer machst?“

„Vielleicht muss es ja erst schlimmer werden, bevor es besser wird, Van. Wars nicht das, was du meintest? Wenn jetzt jeder rausgewunken würde …“

„Das hab ich aber nicht gemeint. Ich hab nicht gemeint, dass du dafür sorgen sollst, dass sie jeden verhaften. Wenn du protestieren willst, dann geh doch zur Protestbewegung. Mach irgendwas Positives. Hast du denn überhaupt nichts von Darryl gelernt? Gar nichts?“

„Du hast verdammt Recht“, sagte ich, schon halb aus der Fassung. „Ich hab gelernt, dass man denen nicht trauen kann. Dass jeder ihnen hilft, der sie nicht bekämft. Und dass sie das Land in einen Knast verwandeln, wenn wir sie nur lassen. Und was hast du gelernt, Van? Immer nur ängstlich zu sein, stillzusitzen und den Mund zu halten und zu hoffen, dass dich keiner bemerkt? Glaubst du, das wird noch mal besser? Wenn wir nichts unternehmen, dann ist das das Beste, was wir noch zu erwarten haben. Dann wirds in Zukunft immer nur noch schlimmer werden. Willst du Darryl helfen? Dann hilf mir, die zu stoppen!“

Da war er wieder, mein Schwur. Nicht Darryl zu befreien, sondern das gesamte DHS in die Knie zu zwingen. Dass das Wahnsinn war, wusste ich selbst nur zu gut. Aber es war genau das, was ich zu tun gedachte, da gabs gar kein Vertun.

Van schubste mich mit beiden Händen grob von sich. Sie hatte mächtig Kraft vom Schulsport – Fechten, Lacrosse, Hockey, all diese Mädchenschul-Sportarten -, und ich landete mit dem Hintern auf dem grässlichen San Franciscoer Bürgersteig. Sie verschwand, und ich folgte ihr nicht.

[x]

> Der entscheidende Aspekt bei Sicherheitssystemen ist nicht, wie sie arbeiten, sondern wie sie versagen.

Das war die erste Zeile meines ersten Blog-Eintrags auf Open Revolt, meiner Xnet-Site. Ich schrieb als M1k3y, und ich war bereit, in den Krieg zu ziehen.

>  Mag ja sein, all diese automatische Durchleuchtung ist wirklich dafür gedacht, Terroristen zu fangen. Und es mag sogar sein, sie fangen damit früher oder später tatsächlich einen Terroristen. Das Problem ist bloß, es fängt uns alle auch, obwohl wir überhaupt nichts Falsches tun.

> Je mehr Leute sie damit fangen, desto fragwürdiger wird das System. Wenn es zu viele Leute fängt, dann ist das sein Tod.

>  Ist die Sache klar?

Dann kopierte ich meine Anleitung zum Bau eines RFID-Kloners rein, dazu ein paar Tips, wie man nah genug an Leute rankommt, um ihre Marker zu lesen und überschreiben zu können. Meinen eigenen Kloner steckte ich in die Tasche meiner Original-Motocross-Jacke aus schwarzem Leder mit den verstärkten Taschen und ging dann zur Schule. Zwischen daheim und Chavez High schaffte ich es, sechs Marker zu klonen.

Sie wollten Krieg. Sie würden Krieg bekommen.

[x]

Wenn du jemals auf die Schnapsidee kommen solltest, einen automatischen Terrordetektor zu bauen, dann solltest du erst mal eine bestimmte Mathematik-Lektion lernen. Sie heißt „Paradoxon vom Falsch-Positiven“, und sie ist ein Prachtstück.

Nimm an, es gibt diese neue Krankheit, sagen wir, Super-AIDS. Nur einer von einer Million Menschen bekommt Super-AIDS. Du entwickelst einen Test, der eine Genauigkeit von 99 Prozent hat. Damit meine ich, er liefert in 99 Prozent der Fälle das korrekte Ergebnis: „ja“, wenn der Proband infiziert ist, und „nein“, wenn er gesund ist. Dann testest du damit eine Million Leute.

Einer von einer Million Leuten hat Super-AIDS. Und einer von hundert Leuten, die du testest, wird ein „falsch-positives“ Ergebnis generieren – der Test wird ergeben, dass der Proband Super-AIDS hat, obwohl er es in Wahrheit nicht hat. Das nämlich bedeutet „99 Prozent genau“: ein Prozent falsch.

Was ist ein Prozent von einer Million?

1.000.000/100 = 10.000

Einer von einer Million Menschen hat Super-AIDS. Wenn du wahllos eine Million Leute testest, wirst du wahrscheinlich einen echten Fall von Super-AIDS ausfindig machen. Aber dein Test wird nicht genau eine Person als Träger von Super-AIDS identifizieren. Sondern zehntausend Leute.

Dein zu 99 Prozent genauer Test arbeitet also mit einer Ungenauigkeit von 99,99 Prozent.

Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven. Wenn du etwas wirklich Seltenes finden willst, dann muss die Genauigkeit deines Tests zu der Seltenheit dessen passen, was du suchst. Wenn du auf einen einzelnen Pixel auf deinem Bildschirm zeigen willst, dann ist ein spitzer Bleistift ein guter Zeiger: Die Spitze ist viel kleiner (viel genauer) als die Pixel. Aber die Bleistiftspitze taugt nichts, wenn du auf ein einzelnes Atom in deinem Bildschirm zeigen willst.

Dafür brauchst du einen Zeiger – einen Test -, der an der Spitze nur ein Atom groß oder kleiner ist.

Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven, und mit Terrorismus hängt es wie folgt zusammen: Terroristen sind wirklich selten. In einer 20-Millionen-Stadt wie New York gibt es vielleicht einen oder zwei Terroristen. Vielleicht zehn, allerhöchstens. 10/20.000.000 = 0.00005 Prozent. Ein zwanzigtausendstel Prozent.

Das ist wirklich verdammt selten. Und jetzt denk dir eine Software, die alle Bankdaten, Mautdaten, Nahverkehrs-Daten oder Telefondaten der Stadt durchgrasen kann und mit 99-prozentiger Genauigkeit Terroristen erwischt.

In einer Masse von 20 Millionen Leuten wird ein 99 Prozent genauer Test zweihunderttausend Menschen als Terroristen identifizieren. Aber nur zehn davon sind wirklich Terroristen. Um zehn Schurken zu schnappen, muss man also zweihunderttausend Unschuldige rauspicken und unter die Lupe nehmen.

Jetzt kommts: Terrorismus-Tests sind nicht mal annähernd 99 Prozent genau. Eher so was wie 60 Prozent. Manchmal sogar nur 40 Prozent genau.

Und all das bedeutete, dass die Heimatschutzbehörde zum Scheitern verdammt war. Sie versuchte, unglaublich seltene Ereignisse – eine Person ist ein Terrorist – mit unpräzisen Systemen zu erkennen.

Kein Wunder, dass wir es schafften, so ein Chaos zu verbreiten.

[x]

Eines Dienstagmorgens, eine Woche nach Beginn der Operation Falsch-Positiv, kam ich pfeifend aus der Haustür. Ich hörte neue Musik, die ich in der Nacht zuvor aus dem Xnet geladen hatte – eine Menge Leute schickten M1k3y kleine digitale Geschenke, um sich dafür zu bedanken, dass er ihnen wieder Hoffnung gab.

Ich bog auf die 23. Straße ein und nahm vorsichtig die paar schmalen Steinstufen in der Flanke des Hügels. Auf dem Weg runter kam ich an Herrn Dackel vorbei. Herrn Dackels richtigen Namen kenne ich nicht, aber ich sehe ihn fast täglich, wenn er seine drei schnaufenden Dackel die Treppe hoch zu dem kleinen Park führt. Es ist praktisch unmöglich, sich auf der Treppe an dieser Meute vorbeizuquetschen, und so verheddere ich mich regelmäßig in einer Leine, werde in einen Vorgarten abgedrängt oder bleibe an der Stoßstange eines der am Straßenrand parkenden Autos hängen.

Herr Dackel ist offensichtlich sehr wichtig, denn er hat eine schicke Uhr und trägt immer einen eleganten Anzug. Ich ging davon aus, dass er im Finanzdistrikt arbeitete.

Als ich heute an ihm entlangschubberte, löste ich meinen RFID-Kloner aus, der in der Tasche meiner Lederjacke bereit lag. Der Kloner saugte sich die Nummern seiner Kreditkarten, der Autoschlüssel, seines Passes und die der Hundert-Dollar-Noten in seiner Brieftasche.

Während das noch geschah, flashte ich ein paar davon mit neuen Nummern, die ich im Gedränge von anderen Leuten gesaugt hatte. Das war so, wie ein paar Nummernschilder auszutauschen, aber unsichtbar und in Echtzeit. Ich lächelte Herrn Dackel entschuldigend an und ging weiter die Treppe runter. Neben drei Autos blieb ich lange genug stehen, um ihre FasTrak-Nummern gegen die Nummern von Wagen zu tauschen, an denen ich am Tag zuvor vorbeigekommen war.

Man mag das für ziemlich rüpelig halten, aber im Vergleich mit vielen Xnettern war ich noch zurückhaltend und konservativ. Ein paar Mädels im Verfahrenstechnik-Programm an der UC Berkeley hatten ausgetüftelt, wie man aus Küchenartikeln eine harmlose Substanz erzeugt, die Sprengstoff-Sensoren anschlagen ließ. Sie hatten ihren Spaß dabei, das Zeug auf die Aktentaschen und Jacken ihrer Profs zu streuen, um sich dann zu verstecken und zu beobachten, wie diese Profs versuchten, Auditorien und Bibliotheken auf dem Campus zu betreten, nur um von den mittlerweile allgegenwärtigen Sicherheitsdiensten in die Mangel genommen zu werden.

Andere wollten ausprobieren, wie man Umschläge so mit Substanzen pudern könnte, dass sie positiv auf Anthrax getestet würden, aber alle anderen hielten das für bescheuert. Zum Glück hatten sies wohl auch nicht hingekriegt.

Ich kam am San Francisco General Hospital vorbei und nickte zufrieden, als ich die langen Schlangen am Haupteingang sah. Natürlich hatten sie dort auch einen Polizeiposten, und es arbeiteten da genügend Xnetter als Praktikanten, in der Caféteria und sonstwo, dass sie mittlerweile die Marken von allen Mitarbeitern wild durchgemischt hatten. Ich hatte gelesen, dass die Sicherheits-Checks für jeden die Arbeitszeit um eine Stunde pro Tag verlängerten, und die Gewerkschaften drohten mit Streik für den Fall, dass das Hospital nichts dagegen unternahm.

Ein paar Blöcke weiter sah ich eine noch längere Schlange am Zugang zur BART. Polizisten stapften die Schlange entlang und pickten Leute raus, um sie zu befragen, die Taschen zu durchsuchen und sie komplett zu filzen. Sie wurden zwar immer öfter deswegen verklagt, aber das schien sie nicht zu bremsen.

Ich war ein bisschen zu früh an der Schule und beschloss, noch mal zur 22. Straße zu gehen, um einen Kaffee zu trinken, und da kam ich an einem Polizeiposten vorbei, an dem sie Autos anhielten und penibel durchsuchten.

In der Schule wars nicht weniger bizarr – die Sicherheitsleute an den Metalldetektoren prüften auch unsere Schulausweise und griffen sich Schüler mit ungewöhnlichen Bewegungsprofilen zur Befragung raus. Natürlich hatten wir alle ungewöhnliche Bewegungsprofile. Und natürlich fing der Unterricht mindestens eine Stunde später an.

Und im Unterricht wars völlig verrückt. Ich glaub nicht, dass sich überhaupt jemand konzentrieren konnte. Ich hörte, wie zwei Lehrer drüber sprachen, wie lange sie am Tag zuvor für den Heimweg gebraucht hatten und dass sie heute heimlich früher loskommen wollten.

Ich konnte mich nur mit Mühe beherrschen, um nicht loszuplatzen. Das Paradoxon vom Falsch-Positiven hatte wieder zugeschlagen!

Klar, dass sie uns früh aus dem Unterricht entließen; ich nahm den langen Weg nach Hause und stromerte durch Mission, um das Chaos zu begutachten. Endlose Autoschlangen. Anstehen vor BART-Stationen bis einmal um den Block rum. Leute, die Geldautomaten beschimpften, die kein Geld rausrückten, weil ihre Konten wegen ungewöhnlicher Aktivitäten eingefroren waren (das kommt dabei raus, wenn man sein Konto unmittelbar mit seinem FasTrak und FastPass koppelt!).

Ich kam heim, machte mir ein Sandwich und loggte mich ins Xnet ein. Es war ein guter Tag gewesen. Leute aus allen Ecken der Stadt bejubelten ihre Erfolge. Wir hatten die Stadt San Francisco zum Stillstand gebracht. Die Nachrichten bestätigten das – dort hieß es, das DHS sei übergeschnappt, und man machte die Pseudo-Sicherheitsmaßnahmen, die uns angeblich vor Terrorismus schützen sollten, für alles verantwortlich.

Der Wirtschaftsteil des San
Francisco Chronicle widmete die komplette Aufmacherseite einer Schätzung der volkswirtschaftlichen Kosten der DHS-Maßnahmen durch ausgefallene Arbeitsstunden, Besprechungen und so weiter. Laut dem Wirtschaftsexperten des Chronicle würde eine Woche dieses Blödsinns die Stadt mehr kosten als die Folgen der Sprengung der Bay Bridge.

Hahahahaha.

Und das Beste: Dad kam an diesem Abend später. Viel später. Drei Stunden später. Warum? Weil er rausgewunken, durchsucht und befragt worden war. Dann passierte das wieder. Zwei Mal.

Zwei Mal!

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