Little Brother – Kapitel 10

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Anderson’s Bookshops gewidmet, Chicagos legendärer Kinderbuchhandlung. Anderson’s ist ein sehr, sehr altes familiengeführtes Unternehmen, das in grauer Vorzeit damit angefangen hatte, als Apotheke ein paar Bücher nebenher zu verkaufen. Heute ist es ein florierendes Kinderbuchimperium mit zahlreichen Niederlassungen und mit ein paar unglaublich innovativen Buchvertriebsideen, die auf spannende Weise Bücher und Kinder zusammenbringen. Am besten sind ihre mobilen Buchmessen; dafür schicken sie riesige rollende Bücherregale mit exzellenten Kinderbüchern auf LKWs direkt an die Schulen – voilà, eine Instant-Buchmesse!

Anderson’s Bookshops:

http://www.andersonsbookshop.com/search.php?qkey2=doctorow+little+brother&sid=5156&imageField.x=0&imageField.y=0
123 WestJefferson, Naperville, IL 60540 USA + 1 630 355 2665

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Was würdet ihr tun, wenn ihr rausfindet, dass ihr einen Spion in eurer Mitte habt? Ihr könntet ihn verurteilen, an die Wand stellen und umlegen. Aber vielleicht habt ihr irgendwann einen anderen Spion unter euch, und der neue wäre dann viel vorsichtiger als der erste und würde sich dann nicht mehr so leicht schnappen lassen.

Hier kommt eine bessere Idee: Fangt an, die Kommunikation des Spions abzufangen, und dann füttert ihn und seine Auftraggeber mit Fehlinformationen. Angenommen, seine Hintermänner instruieren ihn, Informationen über eure Unternehmungen zu sammeln. Dann lasst ihn ruhig hinter euch herrennen und so viele Notizen machen, wie er möchte, aber macht hinterher die Umschläge auf, die er ans Hauptquartier sendet, und ersetzt seinen Bericht eurer Unternehmungen durch einen fiktiven Bericht.

Wenn ihr wollt, könnt ihr ihn als wirr und unzuverlässig dastehen lassen und so dafür sorgen, dass er abgesägt wird. Ihr könnt auch Krisen konstruieren, die die eine oder andere Seite dazu veranlassen, die Identität anderer Spione preiszugeben. Kurz: Ihr habt sie in der Hand.

Das nennt man Man-in-the-Middle-Angriff oder auch Janus-Angriff, und wenn man sichs recht überlegt, ist das eine ziemlich erschreckende Sache. Ein Man-in-the-Middle in eurem Kommunikationsstrang kann euch auf tausenderlei Arten übers Ohr hauen.

Aber natürlich gibt es eine Möglichkeit, einem Man-in-the-Middle-Angriff zu begegnen. Benutzt Krypto. Mit Krypto ist es egal, ob der Feind eure Nachrichten sehen kann, denn er kann sie nicht entziffern, verändern oder neu verschicken. Das ist einer der Hauptgründe, Krypto zu benutzen.

Aber denkt dran: Damit Krypto funktioniert, braucht ihr Schlüssel für die Leute, mit denen ihr reden wollt. Ihr und euer Partner müsst ein, zwei Geheimnisse teilen, ein paar Schlüssel, die ihr dazu benutzt, eure Nachrichten so zu ver- und entschlüsseln, dass der Man-in-the-Middle außen vor bleibt.

Hier kommt die Idee des öffentlichen Schlüssels ins Spiel. Jetzt wirds ein bisschen haarig, aber es ist dabei auch unglaublich elegant.

In Krypto mit öffentlichem Schlüssel bekommt jeder Benutzer zwei Schlüssel. Das sind lange Folgen von mathematischem Krickelkrackel, die eine geradezu magische Eigenschaft haben: Was immer du mit dem einen Schlüssel unleserlich machst, kannst du mit dem anderen wieder entziffern und umgekehrt. Mehr noch: Es sind die einzigen Schlüssel, die diese Eigenschaft haben – wenn du mit dem einen Schlüssel eine Nachricht entziffern kannst, dann weißt du mit Sicherheit, dass sie mit dem anderen verschlüsselt worden ist (und umgekehrt).

Also nimmst du einen der beiden Schlüssel, egal welchen, und veröffentlichst ihn einfach. Du machst ihn total ungeheim. Du willst, dass jeder auf der ganzen Welt ihn kennt. Aus naheliegenden Gründen nennt man das deinen „öffentlichen Schlüssel“.

Den anderen Schlüssel vergräbst du in den hintersten Windungen deines Gehirns. Du verteidigst ihn mit deinem Leben. Du lässt nie jemanden erfahren, welches dieser Schlüssel ist. Das nennt man deinen „privaten Schlüssel“. (Na klar.)

Jetzt mal angenommen, du bist ein Spion und willst mit deinen Chefs reden. Ihr öffentlicher Schlüssel ist jedem bekannt. Dein öffentlicher Schlüssel ist jedem bekannt. Niemand kennt deinen privaten Schlüssel außer du selbst. Niemand kennt den privaten Schlüssel deiner Chefs außer sie selbst.

Du willst ihnen eine Nachricht schicken. Zuerst verschlüsselst du sie mit deinem privaten Schlüssel. Jetzt könntest du die Nachricht schon verschicken, und das wäre so weit okay, weil deine Chefs wissen würden, dass die Botschaft tatsächlich von dir kommt. Warum? Nun, dadurch, dass sie die Nachricht mit deinem öffentlichen Schlüssel entziffern können, ist klar, dass sie nur mit deinem privaten Schlüssel verschlüsselt worden sein kann. Das ist ungefähr so wie dein Siegel oder deine Unterschrift unter einer Nachricht. Es besagt: „Ich habe das geschrieben, niemand sonst. Niemand kann daran herumgefuhrwerkt und es verändert haben.“

Blöderweise sorgt das allein noch nicht dafür, dass deine Nachricht geheim bleibt. Denn dein öffentlicher Schlüssel ist ja weithin bekannt (das muss er auch, denn sonst bist du darauf beschränkt, Nachrichten an die paar Leute zu schicken, die deinen öffentlichen Schlüssel haben). Jeder, der die Nachricht abfängt, kann sie lesen. Er kann sie zwar nicht ändern und dann wieder so tun, als käme sie von dir, aber wenn du Wert drauf legst, dass niemand erfährt, was du zu sagen hast, dann brauchst du eine bessere Lösung.

Also verschlüsselst du die Nachricht nicht bloß mit deinem privaten Schlüssel, sondern zusätzlich mit dem öffentlichen Schlüssel deiner Chefs. Jetzt ist sie doppelt gesperrt. Die erste Sperre – der öffentliche Schlüssel der Chefs – lässt sich nur mit dem privaten Schlüssel deiner Chefs lösen. Die zweite Sperre – dein privater Schlüssel – lässt sich nur mit deinem öffentlichen Schlüssel lösen. Wenn deine Chefs die Nachricht bekommen, dann entschlüsseln sie sie mit beiden Schlüsseln und wissen jetzt zweierlei ganz sicher: a) du hast sie geschrieben und b) nur sie selbst können sie lesen.

Das ist ziemlich cool. Noch am selben Tag, an dem ich das entdeckte, tauschten Darryl und ich Schlüssel aus; und dann verbrachten wir Monate damit, zu gackern und uns die Hände zu reiben über unsere militärischen Geheimnisse, wo wir uns nach der Schule treffen wollten und ob Van ihn wohl je bemerken würde.

Aber wenn du Sicherheit richtig begreifen willst, musst du auch die paranoidesten Möglichkeiten in Betracht ziehen. Was ist zum Beispiel, wenn ich dich dazu bringe zu glauben, dass mein öffentlicher Schlüssel der öffentliche Schlüssel deiner Chefs ist? Dann würdest du die Nachricht mit deinem geheimen und meinem öffentlichen Schlüssel verschlüsseln. Ich entziffere sie, lese sie, verschlüssele sie dann wieder mit dem echten öffentlichen Schlüssel deiner Chefs und schicke sie weiter. So weit deine Chefs wissen, kann niemand außer dir die Botschaft geschrieben haben, und niemand außer ihnen selbst hätte sie lesen können.

Und dann sitze ich in der Mitte, wie eine dicke Spinne in ihrem Netz, und all deine Geheimnisse gehören mir.

Der einfachste Weg, das Problem zu beheben, besteht darin, deinen öffentlichen Schlüssel wirklich sehr weit bekannt zu machen. Wenn es wirklich für jedermann leicht ist zu wissen, welches dein öffentlicher Schlüssel ist, dann wird Man-in-the-Middle immer schwieriger. Aber weißt du was? Dinge sehr weit bekannt zu machen ist genauso schwierig wie sie geheim zu halten. Überleg mal – wie viele Milliarden werden für Shampoo-Werbung und anderen Mist ausgegeben, bloß um sicherzustellen, dass möglichst viele Leute etwas kennen, was sie laut der Meinung irgendeines Werbis kennen sollten?

Es gibt noch eine billigere Art, Man-in-the-Middle-Probleme zu lösen: das Web of Trust. Nimm an, bevor du das Hauptquartier verlassen hast, sitzen deine Chefs und du bei einem Kaffee zusammen, und ihr verratet euch gegenseitig eure Schlüssel. Schluss-aus-vorbei für den Mann in der Mitte! Du bist dann absolut sicher, wessen Schlüssel du hast, weil du sie direkt in die Hand bekommen hast.

So weit, so gut. Aber es gibt eine natürliche Begrenzung für so etwas: Wie viele Leute kannst du im wahren Leben tatsächlich treffen, um Schlüssel mit ihnen zu tauschen? Wie viele Stunden des Tages willst du daran aufwenden, das Äquivalent deines eigenen Telefonbuchs zu schreiben? Und wie viele von diesen Leuten sind wohl bereit, dir auf diese Weise ihre Zeit zu opfern?

Es hilft tatsächlich, sich diese Sache wie ein Telefonbuch vorzustellen. Die Welt war mal ein Ort mit einer ganzen Menge von Telefonbüchern, und wenn du eine Nummer brauchtest, dann hast du sie im Buch nachgeschlagen. Aber eine Menge derjenigen Nummern, die du so übern Tag brauchst, kennst du entweder auswendig oder kannst sie von jemandem erfragen.

Selbst heute, wenn ich mit meinem Handy unterwegs bin, frag ich noch Darry oder
Jolu, ob sie mir eine bestimmte Nummer geben können. Das ist schneller und einfacher, als online nachzuschlagen, und zuverlässiger ist es sowieso. Wenn Jolu eine Nummer weiß, dann traue ich ihm, also traue ich auch der Nummer. Das nennt sich „transitives Vertrauen“ – Vertrauen, das sich über das Netz deiner Bekanntschaften hinweg fortpflanzt.

Ein Web of Trust ist dasselbe in größer. Mal angenommen, ich treffe Jolu und bekomme seinen Schlüssel. Den kann ich an meinen „Schlüsselbund“ hängen – eine Liste von Schlüsseln, die ich mit meinem privaten Schlüssel signiert habe. Das bedeutet, du kannst ihn mit meinem öffentlichen Schlüssel entschlüsseln und weißt mit Sicherheit, dass ich – oder zumindest jemand mit meinem Schlüssel – sage, „dieser-und-jener Schlüssel gehört zu dieser-und-jener Person“.

Also gebe ich dir meinen Schlüsselbund, und – vorausgesetzt, du traust mir so weit, zu glauben, dass ich die Leute zu all diesen Schlüsseln wirklich getroffen und ihre Schlüssel bestätigt habe – jetzt kannst du ihn nehmen und zu deinem Schlüsselbund hinzufügen. So wird der Schlüsselbund größer und größer, und vorausgesetzt, du vertraust dem Nächsten in der Kette, und er traut dem Nächsten, und so weiter, dann ist die Sache ziemlich sicher.

Und damit komm ich zu Keysigning-Partys. Das ist haargenau das, was der Name sagt: eine Party, wo sich Leute treffen und die Schlüssel aller anderen signieren. Als Darryl und ich Schlüssel tauschten, war das so was wie eine Mini-Keysigning-Party, eine mit bloß zwei traurigen Geeks. Aber mit mehr Leuten dabei legst du das Fundament für ein Web of Trust, und von da an kann das Netz sich weiter ausdehnen.

Und in dem Maße, wie jeder an deinem Schlüsselbund in die Welt rausgeht und mehr Leute trifft, kommen mehr und mehr Namen am Schlüsselbund zusammen. Du musst diese neuen Leute gar nicht mehr in echt treffen, du musst bloß drauf vertrauen, dass die signierten Schlüssel, die du von den Leuten in deinem Netz bekommst, gültig sind.

Und deswegen passen ein Web of Trust und Partys zusammen wie Faust auf Auge.

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„Sag ihnen aber, dass es eine superprivate Party ist, nur mit Einladung“, sagte ich. „Und sag ihnen, dass sie niemanden mitbringen dürfen, sonst werden sie nicht reingelassen.“

Jolu schaute mich über seinen Kaffee hinweg an. „Machst du Witze? Wenn du den Leuten das sagst, dann bringen sie erst recht noch ein paar Mann extra mit.“

„Mist“, sagte ich. Ich verbrachte jetzt eine Nacht pro Woche bei Jolu, um den indienet-Code auf dem neuesten Stand zu halten. Pigspleen zahlte mir sogar einen gewissen Betrag dafür, was ich irgendwie ziemlich abseitig fand. Ich hatte nie gedacht, dass ich mal dafür bezahlt würde, Code zu tippen.

„Was machen wir denn dann? Wir wollen da doch nur Leute haben, denen wir total vertrauen, und wir wollen erst die Schlüssel haben und geheime Nachrichten senden können, bevor wir denen allen erklären, warum wir das so machen.“

Jolu war am Debuggen, wobei ich ihm über die Schulter schaute. Das hatte man früher mal „Extremprogrammieren“ genannt, aber das war ein bisschen lächerlich. Heute hieß das nur noch „Programmieren“. Zwei Leute finden einfach besser die Fehler als nur einer, wie das Klischee besagt: „Mit genug Augen werden alle Fehler unbedeutend“.

Wir arbeiteten uns durch die Bug-Meldungen und machten die neue Revision startklar. Die aktualisierte sich automatisch im Hintergrund, so dass unsere Nutzer sich um überhaupt nichts kümmern mussten, sie bekamen einfach einmal pro Woche oder so ein besseres Programm. Es war ziemlich irre zu wissen, dass der Code, den ich schrieb, gleich morgen von Hunderttausenden Leuten benutzt wurde!

„Tja, was machen wir? Mann, ich weiß nicht. Schätze mal, wir müssen einfach damit leben.“ Ich dachte zurück an unsere Tage mit Harajuku Fun Madness. Zu dem Spiel hatten auch Berge von sozialen Herausforderungen gehört, bei denen man es mit großen Menschengruppen zu tun hatte.

„Okay, du hast Recht. Aber lass uns zumindest versuchen, die Sache geheim zu halten. Sagen wir ihnen, sie dürfen höchstens eine andere Person mitbringen, und das muss jemand sein, den sie schon seit mindestens fünf Jahren persönlich kennen.“

Jolu sah vom Bildschirm hoch. „Hey“, sagte er. „Hey, das wird garantiert klappen. Ich seh das schon. Ich meine, wenn du mir sagst, ich soll niemanden mitbringen, dann denk ich doch ,was glaubt der, wer er ist?‘ Aber so rum klingt das wie irgendwas tolles 007-Mäßiges.“

Ich fand einen Fehler. Wir tranken Kaffee. Ich ging heim, spielte ein bisschen Clockwork Plunder, wobei ich versuchte, nicht an Aufzieher mit neugierigen Fragen zu denken, und schlief dann wie ein Baby.

[x]

Sutro Baths sind San Franciscos original falsche Römerruinen. Bei der Eröffnung 1896 waren sie die größte Schwimmhalle der Welt, ein riesiges Viktorianisches Glassolarium, voll mit Pools, Wannen und sogar einer frühen Wasserrutsche. In den Fünfzigern gings bergab, und die Besitzer fackelten sie 1966 für die Versicherungssumme ab. Was davon übrig blieb, ist ein Labyrinth verwitterter Steine inmitten der vertrockneten Klippenlandschaft von Ocean Beach.

Es sieht für die ganze Welt wie eine römische Ruine aus, verfallen und geheimnisvoll, und direkt unterhalb gibt es noch ein paar Höhlen, die zum Meer führen. Bei stürmischer See rauschen die Wellen durch die Höhlen und überspülen die Ruinen – man weiß sogar von dem einen oder anderen Touristen, der mitgerissen wurde und ertrank.

Ocean Beach ist weit draußen hinter Golden Gate Park, eine kahle Klippe, gesäumt von teuren, aber dem Untergang geweihten Häusern, die zu einem schmalen Streifen Strand hin abfällt, wo man Quallen und mutige (wahnsinnige) Surfer antrifft. Es gibt da einen riesigen weißen Felsen, der sich kurz vor der Küste aus dem seichten Wasser erhebt. Den nennt man Robbenfelsen, und er war der Versammlungsplatz der Seelöwen, bevor man sie in die touristenfreundlichere Gegend bei Fisherman’s Wharf umsiedelte.

Nach Einbruch der Dunkelheit ist kaum mehr jemand da. Es wird dort sehr kalt, und der Salznebel weicht dich völlig durch, wenn du nichts Geeignetes anhast. Die Felsen sind scharfkantig, außerdem liegen Glasscherben und vereinzelt mal eine gebrauchte Spritze rum.

Es ist ein Wahnsinns-Ort für eine Party.

Die Tarps und chemischen Handschuhwärmer mitzubringen war meine Idee. Jolus Job war es, für das Bier zu sorgen – sein älterer Bruder, Javier, hatte einen Kumpel, der einen regelrechten Getränkedienst für Minderjährige unterhielt: Wenn du genug zahltest, belieferte er deine abgeschottete Party mit Kühlkisten und so viel Gebräu, wie du nur wolltest. Ich opferte was von meiner indienet-Programmierkohle, und der Typ war pünktlich: Um acht, eine gute Stunde nach Sonnenuntergang, wuchtete er sechs Schaum-Kühlboxen von seinem Pickup runter und rein in die Ruinen der Badeanstalt. Er brachte sogar eine leere Box für die Abfälle mit.

„Ihr Kids geht aber echt auf Nummer Sicher“, sagte er und tippte sich an die Hutkrempe. Er war ein fetter Samoaner mit einem breiten Lächeln und einem furchterregenden Tanktop, unter dem sein Achsel-, Brust- und Schulterhaar hervorquoll. Ich wickelte ein paar Zwanziger von meiner Rolle ab und gab sie ihm. Seine Marge war 150 Prozent – kein schlechtes Geschäft.

Er starrte auf meine Rolle. „Weißte, ich könnte dir die jetzt einfach wegnehmen“, sagte er, ohne dabei aufzuhören zu lächeln. „Immerhin bin ichn Krimineller.“

Ich steckte die Rolle in die Tasche zurück und sah ihm fest in die Augen. Es war dumm von mir gewesen, ihm zu zeigen, was ich dabei hatte, aber ich wusste, manchmal musste man einfach fest bleiben.

„Ich mach bloß Quatsch“, sagte er schließlich. „Aber sei vorsichtig mit der Kohle. Zeigs nicht so viel rum.“

„Danke“, sagte ich, „aber der Heimatschutz passt eh auf mich auf.“ Sein Lächeln wurde noch breiter. „Ha! Das sind doch nicht mal echte Bullen! Die Spacken haben doch gar keinen Plan.“ Ich schaute zu seinem Lieferwagen rüber. Hinter der Windschutzscheibe klemmte gut sichtbar ein FasTrak. Ich fragte mich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis sie ihn hopsnehmen würden.

„Habt ihr Bräute hier heute nacht? Braucht ihr dafür das ganze Bier?“ Ich grinste und winkte ihm zu, als ginge er zurück zum Wagen (was er jetzt endlich tun sollte). Irgendwann begriff er den Wink und fuhr davon, aber er lächelte immer noch.

Jolu half mir, die Kühlboxen im Schutt zu verstecken, wobei wir uns mit kleinen weißen LED-Lampen an Stirnbändern behalfen. Sobald sie verstaut waren, steckten wir weiße LED-Schlüsselanhänger rein, die leuchteten, sobald man die Styropordeckel anhob, damit man sehen konnte, was man tat.

Der Nachthimmel war mondlos und bedeckt, und die Straßenlaternen in der Ferne warfen kaum Licht bis hierher. Ich wusste, auf einem Infrarotdetektor würden wir uns klar und deutlich abzeichnen, aber eine ganze Truppe Leute würden wir nirgends zusammentrommeln können, ohne dabei observiert zu werden. Na gut, dann würden wir eben als kleine betrunkene Strandparty durchgehen.

Ich trinke nicht wirklich viel. Seit ich 14 bin, gabs auf den Partys Bier, Pot und Ecstasy, aber ich hasste Rauchen (obwohl ich nichts gegen ein gelegentliches Haschkekschen hatte), Ecstasy dauerte zu lange – wer hat schon das ganze Wochenende Zeit, high zu werden und wieder runterzukommen? -, und Bier, na ja, es war okay, aber mir war nicht klar, was daran jetzt toll sein sollte. Mein Ding waren ja eher riesige, kunstvolle Cocktails, die Sorte, die in Keramikvulkanen serviert wird, sechs Schichten, flambiert, ein Plastikaffe außen am Rand, aber das war eigentlich nur wegen dem Brimborium.

Betrunken bin ich eigentlich ganz gern. Nur den Kater kann ich nicht ausstehen, und oh Mann, was krieg ich immer für einen Kater! Obwohl – das kann natürlich auch an den Getränken liegen, die üblicherweise in Keramikvulkanen ausgeschenkt werden.

Aber du kannst keine Party schmeißen, ohne mindestens ein, zwei Kisten Bier kaltzustellen. Das wird so erwartet. Es entkrampft. Leute machen dummes Zeug, wenn sie ein paar Biere zu viel intus haben, aber die wenigsten meiner Freunde haben Autos. Und außerdem machen Leute sowieso dummes Zeug, ob nun wegen Bier oder Gras oder was auch immer, das ist dabei zweitrangig.

Jolu und ich machten jeder ein Bier auf – Anchor Steam für ihn, ein Bud Lite für mich – und stießen damit an, wie wir so auf den Felsen saßen.

„Hast du ihnen neun Uhr gesagt?“

Jo“, sagte er.

„Ich auch.“

Wir tranken schweigend. Das Bud Lite war das am wenigsten alkoholische Getränk im Kühler. Ich würde später einen klaren Kopf brauchen.

„Kriegst du manchmal Angst?“, fragte ich schließlich.

Er drehte sich zu mir um. „Ne, Mann, ich krieg keine Angst. Ich hab immer Angst. Seit den Explosionen hab ich jede Minute Angst gehabt. Manchmal hab ich so viel Schiss, dass ich gar nicht aus dem Bett kriechen will.“

„Warum machst dus trotzdem?“

Er lächelte. „Was das angeht“, sagte er, „vielleicht mach ich es gar nicht mehr lange. Ich mein, es war toll, dir zu helfen. Toll. Wirklich klasse. Wüsste nicht, wann ich schon mal so was Wichtiges gemacht habe, Aber Marcus, Alter, ich muss sagen…“ Er verstummte.

„Was?“, fragte ich, obgleich ich wusste, was nun kommen würde.

„Ich kann das nicht mehr ewig weitermachen“, sagte er endlich. „Vielleicht nicht mal mehr einen Monat. Ich glaube, das wars für mich. Ist einfach zu riskant. Du kannst einfach nicht gegen das DHS in den Krieg ziehen. Das ist bescheuert. Wirklich totaler Wahnsinn.“

„Du hörst dich an wie Van“, sagte ich. Meine Stimme klang viel bitterer, als ich es wollte.

„Ich kritisier dich nicht, Mann. Ich finds klasse, dass du den Mut hast, die Sache die ganze Zeit durchzuziehen. Ich hab ihn nicht. Ich kann mein Leben nicht in permanenter Angst leben.“

„Was meinst du damit?“

„Ich meine, ich bin raus. Ich werde einer dieser Typen, die so tun, als ob alles in Ordnung ist und als ob bald alles wieder normal wird. Ich werde im Internet surfen wie immer und das Xnet nur noch zum Spielen benutzen. Ich zieh mich raus, das mein ich. Ich werde kein Teil deiner Pläne mehr sein.“

Ich sagte kein Wort.

„Ich weiß, das bedeutet, dich im Stich zu lassen. Ich will das nicht, glaub mir. Ich will viel lieber, dass du mit mir zusammen aufgibst. Du kannst keinen Krieg gegen die Regierung der USA erklären. Das ist ein Kampf, den du nicht gewinnen kannst. Und dir dabei zugucken, wie dus versuchst, ist wie zugucken, wie ein Vogel immer noch mal gegen die Scheibe fliegt.“

Er erwartete, dass ich was sagte. Was ich sagen wollte, war Oh Gott, Jolu, herzlichen Dank dafür, dass du mich im Stich lässt! Hast du schon vergessen, wies war, als sie uns abgeholt haben? Hast du vergessen, wie es in diesem Land aussah, bevor sie es übernommen haben? Aber das war es nicht, was er von mir hören wollte. Was er hören wollte, war:

„Ich verstehe, Jolu. Und ich respektiere deine Entscheidung.“

Er trank den Rest aus seiner Flasche, zog sich eine neue raus und öffnete sie.

„Da ist noch was“, sagte er.

„Was?“

„Ich wollts nicht erwähnen, aber ich will, dass du wirklich kapierst, warum ich das tun muss.“

„Oh Gott, Jolu, was denn?“

„Ich hasse es, das zu sagen, aber du bist weiß. Ich nicht. Weiße werden mit Kokain geschnappt und gehen dann ein bisschen auf Entzug. Farbige werden mit Crack erwischt und wandern für zwanzig Jahre in den Knast. Weiße sehen Bullen auf der Straße und fühlen sich sicherer. Farbige sehen Bullen auf der Straße und fragen sich, ob sie wohl gleich gefilzt werden. So, wie das DHS dich behandelt, so war das Gesetz in diesem Land für uns schon immer.“

Es war so unfair. Ich hatte es mir nicht ausgesucht, weiß zu sein. Ich glaubte auch nicht, mutiger zu sein, nur weil ich weiß bin. Aber ich wusste, was Jolu meinte. Wenn die Bullen in der Mission jemanden anhielten und nach den Papieren fragten, dann war dieser Jemand typischerweise kein Weißer. Welches Risiko ich auch einging – Jolu ging das höhere ein. Welche Strafe ich zu zahlen hätte, Jolu würde mehr zu zahlen haben.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, sagte ich.

„Du musst nichts sagen“, entgegnete er. „Ich wollte bloß, dass dus weißt, damit dus verstehen kannst.“

Ich konnte Leute auf dem Nebenweg auf uns zukommen sehen. Es waren Freunde von Jolu, zwei Mexikaner und ein Mädchen, das ich vom Sehen kannte, klein und eher der intellektuelle Typ; sie trug immer süße schwarze Buddy-Holly-Brillen, die sie aussehen ließen wie eine ausgestoßene Kunststudentin in einem dieser Teenie-Streifen, die schließlich den Megaerfolg landet.

Jolu stellte mich vor und verteilte Bier. Das Mädchen nahm keins, sondern holte einen kleinen silbernen Flachmann mit Wodka aus ihrer Handtasche und bot mir einen Schluck an. Ich nahm einen – warmer Wodka muss ein anerzogener Geschmack sein – und beglückwünschte sie zu dem Fläschchen, das mit einem wiederholten Motiv aus Parappa-the-Rapper-Charakteren geprägt war.

„Ist japanisch“, sagte sie, während ich es mit einem LED-Schlüsselanhänger begutachtete. „Die haben jede Menge irren Trinkerbedarf mit Kinderspielzeug-Motiven. Total abgefahren.“

Ich stellte mich vor und sie sich auch. „Ange“, sagte sie und nahm meine Hand in ihre beiden Hände – trocken, warm, mit kurzen Fingernägeln. Jolu stellte mich seinen Kumpels vor, die er schon seit dem Computercamp in der vierten Klasse kannte. Dann kamen noch mehr Leute – fünf, zehn, dann zwanzig. Jetzt wars eine richtig große Gruppe.

Wir hatten den Leuten eingeschärft, bis Punkt halb zehn da zu sein, und warteten bis viertel vor, um zu sehen, wer alles kommen würde. Ungefähr drei Viertel waren Jolus Freunde. Ich hatte alle Leute eingeladen, denen ich vertraute. Entweder war ich wählerischer als Jolu oder nicht so beliebt. Aber da er mir nun erzählt hatte, dass er aufhören wolle, nahm ich an, dass er weniger wählerisch war. Ich war echt stinkig auf ihn, aber versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, indem ich mich drauf konzentrierte, mit ein paar anderen Leuten bekannt zu werden. Aber er war nicht blöd. Er wusste, was los war. Ich konnte ihm ansehen, dass er ziemlich niedergeschlagen war. Gut.

„Okay“, sagte ich und kletterte auf eine der Ruinen, „okay, hey, hallo?“ Ein paar Leute in der Nähe schenkten mir ihre Beachtung, aber die weiter hinten schnatterten weiter. Ich hob meine Arme in die Höhe wie ein Schiedsrichter, aber es war zu dunkel. Dann kam ich auf die Idee, meinen LED-Schlüsselanhänger anzuknipsen und immer abwechselnd einen der Sprecher und dann mich selbst anzublinken. Nach und nach wurde die Menge still.

Ich begrüßte sie und dankte ihnen allen fürs Kommen, dann bat ich sie darum, näher ranzukommen, um ihnen erklären zu können, warum wir hier waren. Ich merkte, dass sie von der Geheimnistuerei schon angesteckt waren, fasziniert und ein bisschen angewärmt vom Bier.

„Also, es geht darum: Ihr benutzt alle das Xnet. Es ist kein Zufall, dass das Xnet so kurz, nachdem das DHS die Stadt übernommen hat, entstanden ist. Die Leute, die das angeleiert haben, sind eine Organisation, die sich persönliche Freiheit auf die Fahne geschrieben hat und die für uns ein Netzwerk geschaffen haben, in dem wir sicher vor DHS-Schnüfflern und Vollstreckern sind.“ Jolu und ich hatten uns das vorher so zurechtgelegt. Wir wollten uns nicht als die Leute hinter dem Ganzen offenbaren, nicht gegenüber jedem. Das war viel zu riskant. Stattdessen hatten wir ausgetüftelt, dass wir bloß Leutnants in „M1k3y“s Armee seien und damit beauftragt, den örtlichen Widerstand zu organisieren.

„Das Xnet ist nicht rein“, sagte ich. „Es kann von der Gegenseite genauso einfach benutzt werden wie von uns. Wir wissen, dass es DHS-Spione gibt, die es gerade in diesem Moment benutzen. Sie verwenden Techniken sozialer Manipulation, um uns dazu zu bringen, unsere Identität offenzulegen, damit sie uns hochgehen lassen können. Wenn das Xnet erfolgreich bleiben soll, dann müssen wir Mittel und Wege finden, wie wir sie davon abhalten können, uns auszuschnüffeln. Wir brauchen ein Netzwerk innerhalb des Netzwerks.“

Ich machte ne Pause und ließ das sacken. Jolu hatte gemeint, es sei vielleicht harter Stoff, zu erfahren, dass man gerade in eine revolutionäre Zelle eingeführt wird.

„Ich bin heute nicht hier, um euch darum zu bitten, selbst aktiv zu werden. Ihr sollt nicht losgehen und Systeme jammen oder so was. Ihr seid hierher gebeten worden, weil wir wissen, dass ihr cool seid; dass ihr vertrauenswürdig seid. Und diese Vertrauenswürdigkeit ist es, von der ich möchte, dass ihr sie heute Nacht hier einbringt. Ein paar von euch sind wahrscheinlich schon vertraut mit dem Konzept vom Web of Trust und mit Keysigning-Partys, aber für den Rest von euch will ich das noch mal kurz erklären…“ Was ich dann auch tat.

„Was ich heute Nacht von euch möchte, ist, dass ihr euch die Leute hier anschaut und euch überlegt, wie weit ihr ihnen trauen könnt. Dann helfen wir euch, Schlüsselpaare zu erzeugen und mit allen anderen hier zu tauschen.“

Dieser Teil war knifflig. Wir hätten nicht von den Leuten erwarten können, dass sie alle ihre Laptops mitbrachten, aber wir mussten trotzdem ein paar verdammt komplizierte Sachen machen, die mit Stift und Papier nicht wirklich funktionieren würden.

Ich hielt einen Laptop hoch, den Jolu und ich in der Nacht zuvor von Null aufgebaut hatten. „Ich vertraue dieser Maschine. Jedes Einzelteil haben wir von Hand eingebaut. Hier drauf läuft ein jungfräuliches ParanoidLinux, frisch von der DVD gebootet. Wenn es irgendwo auf der Welt einen vertrauenswürdigen Computer gibt, dann ist es dieser hier.

Ich habe hier einen Schlüsselgenerator geladen. Ihr kommt hier hoch und gebt dem ein bisschen Zufalls-Input

– Tasten drücken, Mauszeiger bewegen -, und auf dieser Basis erzeugt der Generator einen öffentlichen und einen privaten Schlüssel für euch, den er auf dem Monitor anzeigt. Ihr macht mit eurem Handy ein Foto von eurem privaten Schlüssel, und wenn ihr dann irgendeine Taste drückt, verschwindet der Schlüssel für immer – er wird definitiv nicht im Rechner gespeichert. Als nächstes zeigt er euren öffentlichen Schlüssel an. Dann ruft ihr all die Leute hoch, denen ihr vertraut und die euch vertrauen, und die machen dann ein Bild von dem Monitor mit euch daneben, damit sie wissen, wessen Schlüssel das ist.

Wenn ihr nach Hause kommt, müsst ihr die Fotos in Schlüssel umwandeln. Das ist eine Menge Arbeit, fürchte ich, aber ihr müsst das auch bloß ein Mal machen. Ihr müsst super-vorsichtig dabei sein, wenn ihr sie eintippt

– ein Vertipper, und die Sache ist im Arsch. Zum Glück lässt sich prüfen, ob ihrs richtig gemacht habt: Unter dem Schlüssel wird noch eine sehr viel kürzere Nummer stehen, euer ,Fingerprint‘. Sobald ihr den Schlüssel eingetippt habt, könnt ihr einen Fingerprint davon erzeugen und mit dem ersten Fingerprint vergleichen, und wenn sie passen, habt ihrs richtig gemacht.“

Alle starrten mich ziemlich erschreckt an. Okay, ich hatte sie darum gebeten, ein paar ziemlich abgefahrene Sachen zu machen, aber trotzdem…

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