Little Brother – Kapitel 13

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Books-A-Million gewidmet, einer Kette riesiger Buchläden überall in den USA. Mit Books-A-Million bin ich zum ersten Mal in Berührung gekommen, als ich in einem Hotel in Terre Haute, Indiana wohnte (an diesem Tag sollte ich eine Rede im Rose Hulman Institute of Technology halten). Der Laden war ganz in der Nähe des Hotels, und ich brauchte dringend was zu lesen – Ich war schon einen ganzen Monat auf Achse gewesen, hatte alle Bücher in meinem Koffer durch und noch fünf weitere Städte auf dem Reiseplan, bevor ich wieder nach Hause konnte. Und während ich eifrig durch die Regale schaute, fragte mich eine Angestellte, ob ich Hilfe benötige.

Ich habe selbst schon in Buchläden gearbeitet, und Buchhändler mit Erfahrung sind ihr Gewicht in Gold wert; also sagte ich ja und fing an, meinen Geschmack und meine Lieblingsautoren zu beschreiben. Die Angestellte lächelte und sagte, „da habe ich genau das richtige Buch für Sie“, und dann brachte sie mir meinen ersten Roman, „Down and Out in the Magic Kingdom“. Ich brach in Gelächter aus, stellte mich vor, und wir hatten eine ganz wunderbare Plauderei über Science Fiction, die mich fast davon abhielt, rechtzeitig zu meiner Rede zu kommen!

Books-A-Million:
http://www.booksamillion.com/ncom/books?&isbn=0765319853

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Die sind ja absolute Huren“, sagte Ange, wobei sie das Wort geradezu ausspuckte. „Nein, das wär ja eine Beleidigung aller hart arbeitenden Huren. Die – die sind Profiteure“

Wir blätterten einen Stapel Zeitungen durch, die wir ins Café mitgebracht hatten. Sie hatten alle „Berichterstattung“ über die Party in Dolores Park, und ausnahmslos stellten sies so dar, als sei es eine Orgie betrunkener, bekiffter Kiddies gewesen, die die Polizei angegriffen hatten. USA Today schrieb über die Kosten der „Ausschreitungen“ und vergaß dabei nicht aufzurechnen, was es kosten würde, die Rückstände des Pfefferspray-Bombardements zu beseitigen, was der Anstieg an Asthma-Attacken, die die städtischen Notaufnahmen verstopft hatten, und was die Behandlung der achthundert festgenommenen „Randalierer“.

Niemand erzählte es aus unserer Sicht.

„Na ja, zumindest im Xnet steht es richtig“, sagte ich. Ich hatte einige Blogeinträge, Videos und Fotostreams auf meinem Handy gespeichert und zeigte sie ihr. Darunter waren Erfahrungsberichte von Leuten, die vom Gas erwischt worden waren, und von solchen, die man verprügelt hatte. Auf dem Video sah man uns alle tanzen und Spaß haben, man sah die friedlichen politischen Ansprachen und den Chorus von „Holt es euch zurück“, man sah Trudy Doo darüber sprechen, dass wir die einzige Generation sei, die noch daran glauben könne, für unsere Freiheiten zu kämpfen.

„Wir müssen das den Menschen zeigen“, sagte sie.

„Ja“, sagte ich finster. „Hübsche Theorie.“

„Warum meinst du denn, dass die Presse unseren Standpunkt nicht veröffentlichen würde?“

„Du hast doch selbst gesagt, es sind Huren.“

„Ja, aber Huren machens für Geld. Wenn sie eine richtige Kontroverse hätten, könnten sie mehr Zeitungen und mehr Anzeigen verkaufen. Was sie bis jetzt haben, ist bloß ein Verbrechen; eine Kontroverse ist das viel größere Thema.“

„Okay, so weit, so gut. Aber warum machen sies dann nicht? Na ja, Reporter finden sich ja schon kaum in normalen Blogs zurecht, wie sollen die dann auch noch das Xnet finden? Ist ja auch nicht wirklich ein erwachsenenfreundlicher Ort.“

„Stimmt. Aber das lässt sich doch ändern, oder?“

„Ach ja?“

„Schreib es alles auf. Tu es alles auf eine Seite, mit allen Links. Eine einzige Site, extra für die Presse, wo sie sich ein vollständiges Bild machen kann. Verlink die noch mit den How-Tos für das Xnet. Normale Internet-Surfer kommen ja auch ins Xnet, solange es ihnen egal ist, dass das DHS mitbekommt, was sie da besuchen.“

„Und du meinst, das kann klappen?“

„Und wenn nicht, dann haben wir es zumindest versucht.“

„Warum sollten sie uns schon zuhören?“

„Wer würde denn M1k3y nicht zuhören?“

Ich stellte meinen Kaffee ab. Ich nahm mein Handy und steckte es in die Tasche. Ich stand auf, drehte mich auf dem Absatz um und verließ das Café. Ich suchte mir keine bestimmte Richtung aus und ging einfach nur los. Mein Gesicht fühlte sich wie erstarrt an, und mein Magen rebellierte.

Die wissen, wer du bist, dachte ich. Die wissen, wer M1k3y ist. Die Sache war gelaufen. Wenn Ange es rausgefunden hatte, dann das DHS ja wohl erst recht. Ich war geliefert. Ich hatte es von dem Moment an gewusst, in dem ich aus dem DHS-Truck aussteigen durfte: Eines Tages würden sie kommen, um mich zu holen und mich für immer verschwinden zu lassen, dort, wo sie auch Darryl hatten verschwinden lassen.

Alles war aus.

Auf Höhe Market Street rannte sie mich fast um. Sie war außer Atem und sah ziemlich wütend aus.

„Was zum Teufel ist Ihr Problem, mein Herr?“

Ich schüttelte sie ab und ging weiter. Alles war aus.

Sie packte mich wieder. „Hör auf damit, Marcus, du machst mir Angst. Komm schon, sprich mit mir.“

Ich hielt an und schaute sie an. Sie verschwamm vor meinen Augen. Ich sah alles nur unscharf. Und ich hatte diesen wahnsinnigen Drang, mich einfach vor die Straßenbahn zu werfen, die grade an uns vorbeiratterte, hier, mitten auf der Straße. Lieber sterben als noch mal dorthin zurück.

„Marcus!“ Sie tat etwas, was ich bisher nur aus Filmen kannte: Sie haute mir eine runter, und zwar hart ins Gesicht.

„Sprich mit mir, verdammtnochmal!“

Ich sah sie an und befühlte mein Gesicht, das brannte wie Hölle.

„Niemand darf wissen, wer ich bin“, sagte ich. „Ich kanns nicht anders sagen. Wenn du es weißt, dann ist es vorbei. Sobald andere Leute es wissen, ist es gelaufen.“

„Oh Gott, es tut mir Leid. Hey, ich weiß das bloß, weil, also, ich hab Jolu erpresst. Nach der Party hab ich dir ein bisschen hinterhergeschnüffelt, um rauszukriegen, ob du wirklich so nett bist, wie du wirkst, oder vielleicht doch ein heimlicher Serienkiller. Jolu kenn ich schon ewig, und als ich ihn über dich ausgefragt habe, da hat er von dir geschwärmt, als wärst du der nächste Messias oder so; aber ich hab gemerkt, dass da immer noch was war, womit er nicht rausrücken wollte. Ich kenn ihn also schon ewig; und er war mal im Computer-Camp hinter meiner älteren Schwester her, als er nochn Kind war. Ich weiß ein paar ziemlich schmutzige Sachen über ihn. Und ich hab ihm gesagt, ich würde die in der Welt rumposaunen, wenn er mir nicht alles erzählt.“

„Und dann hat ers dir erzählt.“

„Nein“, sagte sie. „Er meinte, ich könne mich mal gehackt legen. Dann hab ich ihm also was über mich erzählt. Etwas, was ich überhaupt noch niemandem erzählt habe.“

„Was denn?“

Sie schaute mich an. Blickte sich um, blickte wieder zu mir. „Okay, ich lass dich jetzt nicht Verschwiegenheit schwören; was solls? Entweder ich kann dir trauen oder nicht.

Letztes Jahr hab…“ Sie stockte. „Letztes Jahr hab ich die standardisierten Tests geklaut und im Internet veröffentlicht. War eigentlich nur zum Spaß. Ich kam zufällig am Büro des Schulleiters vorbei und sah sie im Safe, und die Tür war offen. Ich bin also reingehuscht – da waren sechs Exemplare, und ich hab mir eins davon in die Tasche gesteckt und bin wieder raus. Daheim hab ich sie gescannt und auf einem Piratenpartei-Server in Dänemark veröffentlicht.“

„Du warst das?“

Sie errötete. „Hm, ja.“

„Heilige Scheiße!“ Das war wirklich ne dolle Sache gewesen. Das Erziehungsministerium sagte damals, dass es etliche Millionen Dollar gekostet habe, ihre „Kein Kind wird zurückgelassen“-Tests produzieren zu lassen, und dass sie jetzt nach dem Leck gleich noch mal dieselbe Summe ausgeben müssten. Sie sprachen von „Bildungsterrorismus“, und in den Nachrichten wurde spekuliert ohne Ende über die politischen Motive des Täters; man fragte sich, ob es ein Lehrerprotest war, ein Schüler, ein Dieb oder ein unzufriedener Behördenmitarbeiter.

„DU warst das?“

„Ich war das.“

„Und du hast es Jolu erzählt…“

„Weil ich ihm zeigen wollte, dass er sich drauf verlassen kann, dass ich das Geheimnis für mich behalte. Wenn er mein Geheimnis kennt, dann hat er was gegen mich in der Hand, das mich ins Gefängnis bringen würde, falls ich meine Falle öffne. Bisschen geben, bisschen nehmen. Quid pro quo, wie in Schweigen der Lämmer.“

„Und dann hat er es dir erzählt.“

„Nein, hat er nicht.“

„Aber…“

„Dann hab ich ihm erzählt, wie total verknallt ich in dich bin und dass ich bereit wär, mich völlig zum Depp zu machen, nur um dich zu kriegen. Dann hat er es mir erzählt.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und guckte meine Zehen an. Sie nahm meine Hände und drückte sie.

„Es tut mir Leid, dass ich es aus ihm rausgepresst habe. Es wäre deine Entscheidung gewesen, es mir zu erzählen oder eben nicht. Es stand mir nicht zu…“

„Nein“, sagte ich. Jetzt, da ich wusste, wie sies erfahren hatte, beruhigte ich mich langsam wieder. „Nein, es ist gut, dass du es weißt. Du.“

„Ich“, sagte sie. „Ich dummes kleines Ding.“

„Okay, ich kann damit leben. Aber da ist noch eine Sache.“

„Was?“

„Keine Ahnung, wie ich es sagen soll, ohne wie ein kompletter Idiot zu klingen, aber… egal. Also: Wenn Leute zusammen sind, oder wie immer man das nennen soll mit uns, dann trennen sie sich manchmal. Und wenn sie sich trennen, dann sind sie böse aufeinander. Manchmal hassen sie sich sogar. Eigentlich zu finster, auch nur drüber nachzudenken bei dir und mir, aber weißt du, wir müssen drüber nachdenken.“

„Ich verspreche hoch und heilig, dass nichts, was du jemals tun könntest, mich dazu bringen könnte, dein Geheimnis zu verraten. Nichts. Vögel ein Dutzend Cheerleader in meinem Bett, während meine Mutter zuschaut. Zwing mich, Britney Spears zu hören. Zerleg meinen Laptop, hau ihn mit Hämmern zu Brei und weich ihn in Meerwasser ein. Ich verspreche es dir. Nichts, niemals.“

Ich atmete sehr tief aus.

„Hm.“

„Jetzt wäre ein guter Moment, mich zu küssen“, sagte sie und wandte mir ihr Gesicht entgegen.

[x]

M1k3ys nächstes großes Xnet-Projekt war die ultimative Zusammenstellung von Berichten über die Trau-Keinem-Party in Dolores Park. Ich machte daraus die größte und rattenschärfste Website, die mir nur möglich war, die gesamte Action aufgeschlüsselt nach Orten, nach Zeit, nach Kategorien – Polizeigewalt, Tanzen, Nachwirkungen, Gesang. Dazu lud ich das komplette Konzert hoch.

Das war so ziemlich alles, was ich den Rest der Nacht machte. Und die nächste Nacht. Und die übernächste.

Meine Mailbox quoll über mit Anregungen von Anderen, die mir Aufzeichnungen aus ihren Handys und ihren Kompaktkameras zusandten. Dann bekam ich eine E-Mail von jemandem, dessen Namen ich kannte – Dr. Eeevil (mit drei „E“), einem der führenden Köpfe hinter ParanoidLinux.

>  M1k3y

>  Ich habe dein Xnet-Experiment sehr interessiert verfolgt. Hier in Deutschland haben wir eine Menge Erfahrung damit, was passiert, wenn Regierungen außer Kontrolle geraten.

>  Eine Sache solltest du wissen: Jede Kamera hat eine einzigartige „Rausch-Signatur“, die man später dazu verwenden kann, ein Bild einer bestimmten Kamera zuzuordnen. Das bedeutet, dass Fotos, die du auf deiner Site veröffentlichst, möglicherweise dazu benutzt werden können, ihre Fotografen zu identifizieren, falls sie später mal wegen was anderem hochgenommen werden.

>  Es ist zum Glück nicht schwer, die Signaturen zu entfernen, wenn du dir die Mühe machen willst. In der ParanoidLinux-Distro, die du benutzt, gibt es dafür ein Tool. Es heißt photonomous, und es steckt in /usr/bin. Lies einfach die Hilfeseiten als Anleitung. Ist aber eigentlich simpel.

> Viel Glück bei dem, was du da tust. Lass dich nicht schnappen. Bleib frei. Bleib paranoid.

>  Dr Eeevil

Ich beseitigte die Signaturen von allen Fotos, die ich gepostet hatte, und lud sie dann wieder hoch, zusammen mit einem Bericht darüber, was Dr. Eeevil mir erzählt hatte, und der dringenden Bitte an alle anderen, es genauso zu machen, um all unsere Fotos zu anonymisieren. Mit den Fotos, die schon runtergeladen und gespeichert waren, konnten wir nichts mehr machen, aber von jetzt an würden wir schlauer sein.

Weiter dachte ich in dieser Nacht nicht über die Sache nach, bis ich am nächsten Morgen zum Frühstück runterkam und Mom das Radio anhatte, wo die NPR-Morgennachrichten liefen.

„Die arabische Nachrichtenagentur Al-Dschassira verbreitet Fotos, Videos und Augenzeugenberichte vom Jugendaufstand am vorigen Wochenende in Mission Dolores Park“, sagte der Sprecher, während ich grade ein Glas Orangensaft trank. Irgendwie schaffte ich es, ihn nicht über den ganzen Raum zu versprühen, aber ein bisschen verschluckte ich mich dann doch.

„Al-Dschassira-Reporter geben an, dass diese Berichte im so genannten ,Xnet‘ veröffentlicht wurden, einem Untergrund-Netzwerk von Studenten und Al-Kaida-Sympathisanten in der Bay Area. Über die Existenz dieses Netzwerks wurde schon lange spekuliert, doch der heutige Tag markiert seine erstmalige Erwähnung in Massenmedien.“

Mom schüttelte den Kopf. „Das fehlte uns noch. Als ob die Polizei nicht schon schlimm genug wäre. Kids, die rumrennen und glauben, eine Guerilla-Armee zu sein, geben denen doch bloß einen Vorwand, noch härter zuzuschlagen.“

„Die Weblogs im Xnet sind voll mit Hunderten von Berichten und Multimedia-Dateien junger Menschen, die bei dem Aufruhr dabeiwaren und behaupten, es sei eine friedfertige Versammlung gewesen, bis die Polizei sie angegriffen habe. Hier ist einer dieser Berichte:

,Alles, was wir machten, war tanzen. Ich hatte meinen kleinen Bruder mitgebracht. Bands spielten, und wir redeten über Freiheit und darüber, dass wir auf dem besten Weg sind, sie an diese Idioten zu verlieren, die behaupten, Terroristen zu hassen, aber uns dann angreifen, als ob wir Terroristen sind und nicht Amerikaner. Ich glaube, die hassen die Freiheit, nicht uns.

Wir haben getanzt, und die Bands spielten, und alles war lustig und einfach toll, und dann brüllten die Polizisten uns an, wir sollten auseinandergehen. Wir schrien alle, holt es euch zurück!, und damit meinten wir, holt euch Amerika zurück. Die Polizei hat uns mit Pfefferspray angegriffen. Mein kleiner Bruder ist zwölf, der konnte drei Tage lang nicht in die Schule gehen.

Meine dämlichen Eltern behaupten, das sei meine Schuld. Und was ist mit der Polizei? Wir bezahlen die dafür, uns zu beschützen,aber die haben uns ohne Grund mit Pfefferspray begast, als ob wir feindliche Soldaten seien.‘

Ähnliche Berichte, einschließlich Video und Audio, können Sie auf Al-Dschassiras Website und im Xnet finden. Wie Sie dieses Xnet erreichen, erfahren Sie auf der Homepage von NPR.“

Dad kam runter.

„Benutzt du das Xnet?“, wollte er wissen. Er blickte mir eindringlich ins Gesicht. Mir wurde übel.

„Das ist für Computerspiele“, sagte ich. „Jedenfalls benutzen die meisten Leute es dafür. Es ist bloß ein drahtloses Netzwerk. Das hat jeder mal ausprobiert, als sie letztes Jahr diese Xboxen verschenkt haben.“

Er sah mich finster an. „Spiele? Marcus, du scheinst nicht zu begreifen, dass du damit Leuten eine Tarnung verschaffst, die dieses Land angreifen und zerstören wollen. Ich möchte nicht, dass du dieses Xnet noch ein Mal benutzt. Nie wieder. Haben wir uns verstanden?“

Ich wollte diskutieren. Ach verdammt, ich wollte ihn an den Schultern packen und schütteln. Aber ich ließ es sein.

Ich sagte „Na klar, Dad“ und verschwand in die Schule.

[x]

Zuerst war ich erleichtert, als ich merkte, dass Fred Benson nicht dauerhaft für meinen Gesellschaftskunde-Kurs zuständig war. Aber die Frau, die ihn ersetzen sollte, war mein schlimmster Alptraum.

Sie war jung, vielleicht 28 oder 29, und auf so eine gesunde Weise hübsch. Sie war blond und ließ einen leichten Südstaaten-Akzent durchschimmern, als sie sich bei uns als Mrs. Andersen vorstellte. Das ließ bei mir sofort die Alarmglocken klingeln: Ich kannte keine Frau unter sechzig, die sich selbst „Mrs.“ nannte.

Aber darüber wollte ich hinwegsehen. Sie war jung, hübsch und klang nett. Sie würde schon okay sein.

Sie war nicht okay.

„Unter welchen Umständen sollte die Regierung bereit sein, die Bill of Rights außer Kraft zu setzen?“, fragte sie und drehte sich dabei an die Tafel, um die Zahlen von eins bis zehn untereinanderzuschreiben.

„Gar nicht“, sagte ich, ohne abzuwarten, dass sie mich aufrief. Das war ja wohl leicht. „Verfassungsrechte sind absolut.“

„Das ist keine sonderlich fortschrittliche Ansicht.“ Sie schaute auf ihren Sitzplan. „Marcus. Nimm zum Beispiel einen Polizisten, der eine unzulässige Durchsuchung durchführt und dabei seine Befugnisse überschreitet. Dabei stößt er auf erdrückende Beweise, dass ein Krimineller deinen Vater getötet hat. Diese Beweise sind die einzigen, die existieren. Sollte der Kriminelle ungeschoren davonkommen?“

Ich wusste, wie die Antwort lauten musste, aber ich konnte es nicht recht erklären. „Ja“, sagte ich schließlich. „Aber die Polizei sollte keine unzulässigen Durchsuchungen durchführen…“

„Falsch. Die richtige Reaktion auf polizeiliches Fehlverhalten sind Disziplinarmaßnahmen, aber es wäre falsch, die ganze Gesellschaft für das Fehlverhalten eines einzelnen Polizisten zu bestrafen.“ Sie schrieb „Verbrecherische Schuld“ unter Punkt eins an die Tafel.

„Andere Anlässe, bei denen die Bill of Rights ersetzt werden kann?“

Charles hob die Hand. „In einem überfüllten Theater Feuer schreien?“

„Sehr gut,…“ – sie konsultierte den Sitzplan – „Charles. Es gibt viele Umstände, unter denen das First Amendment keine absolute Gültigkeit hat. Lasst uns noch ein paar davon zusammentragen.“

Charles hob die Hand noch mal. „Einen Exekutivbeamten in Gefahr bringen.“

„Ja, die Identität eines verdeckten Ermittlers oder Geheimdienstlers offenlegen. Sehr gut.“ Sie schrieb es auf. „Noch etwas?“

„Nationale Sicherheit“, sagte Charles, ohne nochmals aufs Aufrufen zu warten. „Verleumdung. Obszönität. Missbrauch Minderjähriger. Kinderpornografie. Bombenbauanleitungen.“

Mrs. Andersen schrieb zügig mit, hielt aber bei Kinderpornografie inne. „Kinderpornografie ist nur eine Unterart von Obszönität.“

Mir wurde langsam schlecht. Das war nicht das, was ich über mein Land gelernt hatte oder woran ich glaubte. Ich hob die Hand.

„Ja, Marcus?“

„Ich verstehe das nicht. Wie Sie es sagen, klingt das, als ob die Bill of Rights optional wäre. Aber es ist die Verfassung. Und der sollen wir uneingeschränkt Folge leisten.“

„Das ist eine verbreitete Übervereinfachung“, sagte sie mit aufgesetztem Lächeln. „Tatsache ist, dass die Gestalter der Verfassung sie als ein lebendiges Dokument verstanden, das durchaus im Lauf der Zeit revidiert werden sollte. Ihnen war klar, dass die Republik keinen dauerhaften Bestand haben konnte, wenn die jeweilige Regierung nicht den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend regieren konnte. Sie hatten nicht vorgesehen, dass man an die Verfassung glauben solle wie an eine religiöse Doktrin. Immerhin waren sie auf der Flucht vor religiöser Doktrin hierher gekommen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Was? Nein. Sie waren Kaufleute und Handwerker, und sie waren dem König so lange loyal verbunden, bis er Gesetze erließ, die ihren Interessen zuwiederliefen, und sie mit Gewalt durchzusetzen versuchte. Die religiösen Flüchtlinge waren schon viel früher.“

„Einige der Farmer (5) stammten von religiösen Flüchtlingen ab“, sagte sie.

(5) Autoren der Verfassung von 1787, als solche sozusagen die zweite Welle der Gründerväter, siehe auch
http://en.wiki pedia.org/wi ki/Founding_Fathers_of_the_United_States, A.d.Ü

„Und die Bill of Rights ist doch nicht etwas, aus dem man sich nach Belieben rauspicken kann, was man möchte. Die Framer hassten Tyrannei. Und genau das soll die Bill of Rights verhindern. Sie waren eine Revolutionsarmee, und sie wollten ein Regelwerk, dem jeder zustimmen konnte. Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Das Recht des Volkes, seine Unterdrücker zu beseitigen.“

„Ja, ja“, sagte sie gestikulierend. „Sie glaubten an das Recht des Volkes, seine Könige zu beseitigen, aber…“ Charles grinste, und als sie das sagte, grinste er noch viel breiter.

„Sie erarbeiteten die Bill of Rights, weil sie dachten, es sei besser, absolute Rechte zu haben, als zu riskieren, dass irgendjemand sie ihnen wegnimmt. Wie beim First Amendment: Das ist dazu gedacht, uns zu beschützen, indem es der Regierung untersagt, zwei Sorten von Meinungsäußerung zu unterscheiden, die erlaubte und die kriminelle.

„Sie wollten nicht das Risiko eingehen, dass irgendein Idiot auf die Idee käme, die Dinge, die ihm nicht passten, als illegal zu deklarieren.“

Sie drehte sich um und schrieb „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ an die Tafel.

„Wir sind dem Lehrplan schon ein bisschen voraus, aber ihr scheint eine fortgeschrittene Gruppe zu sein.“ Die anderen lachten nervös.

„Die Aufgabe der Regierung ist es, die Rechte der Bürger auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu gewährleisten. In dieser Reihenfolge. Das ist wie ein Filter. Wenn die Regierung etwas unternehmen möchte, das uns ein wenig unzufriedener macht oder unsere Freiheit teilweise einschränkt, dann ist das okay, vorausgesetzt, es dient dazu, unser Leben zu schützen. Deshalb dürfen Polizisten euch einsperren, wenn sie glauben, dass ihr eine Gefahr für euch oder andere darstellt. Ihr verliert eure Freiheit und eure Freude, um Leben zu schützen. Wenn ihr Leben habt, dann bekommt ihr vielleicht später noch Freiheit und Freude dazu.“

Ein paar von den anderen hatten die Hände oben. „Aber bedeutet das nicht, dass sie tun können, was immer sie wollen, solange sie behaupten, dass es jemanden davon abhält, uns irgendwann in der Zukunft zu verletzen?“

„Genau“, meinte ein anderer. „Es klingt, als ob Sie sagen, dass nationale Sicherheit wichtiger ist als die Verfassung.“

In diesem Moment war ich so was von stolz auf meine Mitschüler. Ich sagte: „Wie können Sie denn Freiheit schützen, indem Sie die Bill of Rights außer Kraft setzen?“

Sie schüttelte den Kopf, als ob wir unglaublich dumm seien. „Die „revolutionären“ Gründerväter haben Verräter und Spione erschossen. An absolute Freiheit haben sie nicht geglaubt, nicht wenn sie die Republik bedrohte. Nehmt zum Beispiel diese Xnet-Leute…“

Es fiel mir schwer, nicht zu erstarren.

„… diese so genannten Jammer, die heute früh in den Nachrichten waren. Nachdem diese Stadt von Leuten angegriffen worden war, die diesem Land den Krieg erklärt haben, machten die Xnetter sich daran, die Sicherheitsmaßnahmen zu sabotieren, die dazu dienten, Bösewichter zu fangen und sie von Wiederholungstaten abzuhalten. Das taten sie, indem sie ihre Mitbürger gefährdeten und ihnen Ärger bereiteten…“

„Das taten sie, um zu zeigen, dass unsere Rechte geraubt wurden unter dem Vorwand, sie zu schützen!“, sagte ich. Okay, ich schrie es. Oh Gott, hatte die mich in Fahrt gebracht. „Sie haben es getan, weil die Regierung jeden wie einen Terrorverdächtigen behandelt hat.“

„Ach, und um zu beweisen, dass man sie nicht wie Terroristen behandeln sollte“, brüllte Charles zurück, „haben sie sich wie Terroristen benommen? Deshalb haben sie ihren Terror ausgeübt?“

Ich kochte.

„Jetzt komm mal runter. Terror ausgeübt? Sie haben bloß gezeigt, dass allgegenwärtige Überwachung gefährlicher ist als Terrorismus. Denk mal an den Park letztes Wochenende. Die Leute da haben getanzt und Musik gehört. Was ist denn daran Terrorismus?“

Die Lehrerin kam durch den Raum auf mich zu und postierte sich über mir, bis ich still war. „Marcus, du scheinst noch zu glauben, dass sich in diesem Land nichts geändert hat. Aber du hast zu begreifen, dass die Sprengung der Bay Bridge alles geändert hat. Tausende unserer Freunde und Verwandten liegen tot da unten in der Bay. Dies ist die Zeit für nationale Einheit angesichts dieser Gewalt, die unser Land erleiden musste…“

Ich stand auf. Dieses „Alles hat sich geändert“-Geseiher ging mir bis hier. „Nationale Einheit? Was Amerika ganz wesentlich ausmacht, ist doch wohl, dass wir ein Land sind, in dem Dissens willkommen ist. Wir sind ein Land von Dissidenten und Kämpfern und Uniabbrechern und Aktivisten für Meinungsfreiheit.“

Dann dachte ich an Ms. Galvez‘ letzte Stunde und an die Tausende von Berkeley-Studenten, die den Polizeiwagen eingekesselt hatten, als dieser eine Typ für das Verteilen von Bürgerrechts-Literatur abtransportiert werden sollte. Niemand hatte versucht, die Trucks aufzuhalten, die mit all den Tänzern aus dem Park davonfuhren. Ich hatte es nicht versucht. Ich war weggelaufen.

Vielleicht hatte sich ja wirklich alles geändert.

„Ich glaube, du weißt, wo Mr. Bensons Büro ist“, sagte sie zu mir. „Du wirst dich unverzüglich dort melden. Ich werde es nicht dulden, dass mein Unterricht von respektlosem Verhalten gestört wird. Für jemanden, der behauptet, die Meinungsfreiheit zu lieben, wirst du ziemlich laut, sobald irgendjemand nicht deiner Meinung ist.“

Ich schnappte mein SchulBook und meine Tasche und stürmte raus. Die Tür hatte eine Gasfeder, deshalb konnte ich sie nicht hinter mir zuknallen; ich hätte sie gern zugeknallt.

Ich ging zügig zu Mr. Bensons Büro. Kameras filmten mich auf dem Weg dorthin. Mein Gang wurde aufgezeichnet. Die RFIDs in meinem Schülerausweis funkten meine Identität an die Sensoren im Flur. Es war hier wie im Knast.

„Schließ die Tür, Marcus“, sagte Mr. Benson. Dann drehte er seinen Monitor herum, so dass ich den Videostream aus der Gesellschaftskunde-Klasse sehen konnte. Er hatte zugeschaut.

„Was hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen?“

„Das war kein Unterricht, das war Propaganda. Sie hat uns gesagt, dass die Verfassung belanglos ist.“

„Nein. Sie hat gesagt, dass sie keine religiöse Doktrin ist. Und du hast sie angegangen wie irgendein Fundamentalist und damit genau ihren Standpunkt bewiesen. Marcus, du solltest als allererster wissen, dass sich alles geändert hat, seit die Brücke gesprengt wurde. Dein Freund Darryl…“

„Wagen Sie es nicht, auch nur ein verdammtes Wort über ihn zu sagen“, sagte ich schäumend vor Ärger. „Es steht Ihnen nicht zu, ihn auch nur zu erwähnen. Ja, ich habe verstanden, dass sich alles geändert hat. Wir waren mal ein freies Land. Jetzt nicht mehr.“

„Marcus, weißt du, was Null-Toleranz bedeutet?“

Ich zuckte zusammen. Er konnte mich wegen „bedrohenden Verhaltens“ rauswerfen. Eigentlich war die Regel als Maßnahme gegen Gang-Kids gedacht, die ihre Lehrer einzuschüchtern versuchten. Aber natürlich würde er keinerlei Hemmungen haben, sie auch gegen mich einzusetzen.

„Ja, ich weiß, was das bedeutet.“

„Ich glaube, du schuldest mir eine Entschuldigung.“

Ich sah ihn an. Er unterdrückte sein sadistisches Lächeln nur unzureichend. Ein Teil von mir wollte kuschen. Dieser Teil wollte, Scham hin oder her, um seine Verzeihung winseln. Aber ich unterdrückte diesen Teil von mir und beschloss, dass ich mich lieber rauswerfen lassen würde, als um Verzeihung zu bitten.

„daß, um diese Rechte zu sichern, Regierungen eingesetzt sein müssen, deren volle Gewalten von der Zustimmung der Regierten herkommen; daß zu jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform zerstörend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu ändern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzusetzen, und diese auf solche Grundsätze zu gründen, und deren Gewalten in solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit und seinem Glücke am zweckmäßigsten erscheint.“ Ich erinnerte mich Wort für Wort daran.

Er schüttelte den Kopf. „Etwas auswendig zu wissen ist nicht dasselbe wie es zu begreifen, Kleiner.“ Er bückte sich über den Computer und klickte ein paar Mal. Der Drucker surrte. Dann reichte er mir ein noch warmes Blatt mit dem Behörden-Briefkopf, auf dem stand, dass ich für zwei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen war.

„Ich schicke jetzt deinen Eltern eine E-Mail. Wenn du in einer halben Stunde noch auf dem Schulgelände bist, wirst du wegen Hausfriedensbruchs verhaftet.“

Ich blickte ihn an.

„Du willst nicht wirklich in meiner eigenen Schule Krieg gegen mich erklären. Diesen Krieg kannst du nicht gewinnen. RAUS!“

Ich ging.

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