Little Brother – Kapitel 16

………………………………………………………………………………………………
Kapitelübersicht
Kapitel 15 | Start | Kapitel 17
………………………………………………………………………………………………
Cory DoctorowLittle Brother
{ Download: HTMLTXTPDFEPUBMOBIPDBPRCAZW }
………………………………………………………………………………………………

Dieses Kapitel ist San Franciscos Booksmith gewidmet, versteckt im legendären Haight-Ashbury-Viertel, nur ein paar Türen hinter Ben and Jerry’s an eben dieser Ecke Haight und Ashbury. Die Leute von Booksmith wissen genau, wie man eine Autorenlesung veranstalten muss – als ich in San Francisco lebte, war ich ständig dort, um unglaubliche Autoren zu hören (William Gibson war unvergesslich). Sie produzieren auch kleine Sammelkarten für jeden Autor – ich habe zwei von meinen eigenen Lesungen dort.

Booksmith:
http://thebooksmith.booksense.com 1644 Haight St. San Francisco CA 941 17 USA + 1 415 863 8688

………………………………………………………………………………………………

Zuerst wirkte Mom schockiert, dann wütend, und schließlich gab sie es ganz auf und saß bloß noch mit offenem Mund da, während ich sie durch die Vernehmungen führte, durch mein Einpinkeln, den Sack über meinem Kopf, Darryl. Ich zeigte ihr den Zettel.

„Warum…?“

Es war alles in diesem einen Wort: All die Vorwürfe, die ich mir während der Nächte machte, jeder Moment, den es mir an Mut mangelte, der Welt zu berichten, worum es wirklich ging, warum ich in Wirklichkeit kämpfte und was das Xnet in Wahrheit inspiriert hatte.

Ich atmete tief durch.

„Sie haben mir gesagt, ich würde ins Gefängnis gehen, wenn ich darüber rede. Nicht nur für ein paar Tage. Für immer. Ich… ich hatte Angst.“

Mom saß eine lange Zeit nur bei mir und sagte kein Wort. Dann: „Und was ist mit Darryls Vater?“ Genauso gut hätte sie mir eine Stricknadel in die Brust bohren können. Darryls Vater. Er musste glauben, dass Darryl schon lange, lange tot war.

Und war er es etwa nicht? Wenn das DHS dich widerrechtlich drei Monate lang festgehalten hat, lassen sie dich dann überhaupt noch mal raus?

Aber Zeb war rausgekommen. Vielleicht würde Darryl auch rauskommen. Vielleicht konnten ich und das Xnet dabei helfen, Darryl rauszubekommen.

„Ich hab es ihm nicht erzählt.“

Jetzt fing Mom an zu weinen. Das tat sie nicht oft; es war ihre britische Ader. Das machte ihre kleinen hicksenden Schluchzer noch viel schwerer zu ertragen.

„Du wirst es ihm erzählen“, brachte sie hervor. „Du musst.“

Ja.“

„Aber zuerst müssen wir es deinem Vater erzählen.“

[x]

Dad kam längst nicht mehr zu einer bestimmten Zeit nach Hause. Durch seine Beratungstätigkeit – seine Kunden hatten jetzt reichlich Arbeit, seit das DHS sich auf der Halbinsel nach Data-Mining-Startups umsah – und die lange Pendelei nach Berkeley kam er irgendwann zwischen sechs Uhr abends und Mitternacht nach Hause.

Heute abend rief Mom ihn an und sagte, er möge „auf der Stelle“ heimkommen. Er entgegnete etwas, und sie wiederholte bloß „auf der Stelle“.

Als er ankam, hatten wir uns im Wohnzimmer hingesetzt und den Zettel zwischen uns auf den Kaffeetisch gelegt.

Beim zweiten Mal fiel das Erzählen leichter. Das Geheimnis war nicht mehr so drückend. Ich schönte nichts, und ich verheimlichte nichts. Ich redete mir alles von der Seele.

Ich hatte die Phrase schon gehört, aber nie zuvor begriffen, was sie eigentlich bedeutete. Das Geheimnis für mich zu behalten hatte mich beschmutzt, meinen Geist verdorben. Es hatte mich ängstlich und beschämt gemacht. Es hatte mich zu all dem gemacht, was Ange über mich gesagt hatte.

Dad saß die ganze Zeit steif wie ein Amboss da, sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Als ich ihm den Zettel reichte, las er ihn zwei Mal und legte ihn dann sorgfältig beiseite.

Er schüttelte den Kopf, stand auf und ging zur Haustür.

„Wohin gehst du?“, fragte Mom besorgt.

„Ich muss mal um den Block“, war alles, was er mit brechender Stimme hervorbrachte.

[X]

Wir sahen einander unsicher an, Mom und ich, und warteten auf seine Rückkehr. Ich versuchte mir vorzustellen, was in seinem Kopf vorgehen mochte. Nach den Attentaten war er ein so anderer Mensch geworden, und ich wusste von Mom, dass das, was ihn geändert hatte, die Tage waren, während derer er mich für tot gehalten hatte. Er war zu der Ansicht gelangt, dass die Terroristen seinen Sohn beinahe getötet hatten, und das hatte ihn verrückt gemacht.

Verrückt genug, um alles zu tun, was das DHS von ihm verlangte: sich einzureihen wie ein braves kleines Lamm, sich kontrollieren zu lassen, sich antreiben zu lassen.

Und nun wusste er, dass es das DHS war, das mich gefangen gehalten hatte, dasselbe DHS, das San Franciscos Kinder in Gitmo-an-der-Bay als Geiseln hielt. Es war auch völlig logisch, jetzt, da ich drüber nachdachte. Natürlich musste es Treasure Island sein, wo man mich gefangen gehalten hatte. Was sonst war zehn Minuten Bootsfahrt von San Francisco entfernt?

Als Dad zurückkam, sah er so zorniger aus als jemals zuvor im Leben.

„Du hättest es mir erzählen müssen!“, polterte er.

Mom stellte sich zwischen ihn und mich. „Du beschuldigst den Falschen“, sagte sie. „Es war doch nicht Marcus, der für das Kidnapping und die Einschüchterung verantwortlich war.“

Er schüttelte den Kopf und stampfte. „Ich beschuldige nicht Marcus. Ich weiß nur zu genau, wer hier schuld ist. Ich. Ich und das dumme DHS. Zieht eure Schuhe an und holt eure Mäntel.“

„Wohin gehen wir?“

„Zuerst zu Darryls Vater. Und dann besuchen wir Barbara Stratford.“

Der Name Barbara Stratford sagte mir irgendwas, aber mir fiel nicht ein, was. Mochte sein, dass sie eine alte Freundin meiner Eltern war, aber ich konnte sie nicht einordnen.

Erst mal waren wir jetzt zu Darryls Vater unterwegs. Ich hatte mich nie sehr wohl gefühlt in der Gegenwart des alten Mannes, der Funker bei der Navy gewesen war und seinen Haushalt straff wie auf dem Schiff organisierte. Er hatte Darryl schon Morsecode beigebracht, als der noch ein Kind war, und das hatte ich ziemlich cool gefunden. Das war übrigens einer der Gründe dafür, dass ich wusste, ich konnte Zebs Nachricht trauen. Aber auf jedes coole Ding wie Morsecode kam bei Darryls Vater irgendeine schwachsinnige militärische Disziplinnummer aus anscheinend reinem Selbstzweck – zum Beispiel bestand er auf perfektes Bettenbauen und auf zwei Rasuren pro Tag. Das trieb Darryl ziemlich auf die Palme.

Darryls Mutter hatte das auch nicht so dufte gefunden und war zu ihrer Familie nach Minnesota zurückgegangen, als Darryl zehn war; er verbrachte seine Sommer- und Weihnachtsferien dort.

Ich saß hinten im Auto und konnte den Hinterkopf meines Vaters betrachten, während er fuhr. Seine Muskeln im Nacken waren angespannt und waren in steter Bewegung, weil er mit seinen Kiefern mahlte.

Mom behielt ihre Hand auf seinem Arm, aber es war niemand da, der mich tröstete. Wenn ich doch bloß Ange anrufen könnte. Oder Jolu. Oder Van. Naja, vielleicht, wenn dieser Tag rum war.

„Er muss seinen Sohn innerlich schon beerdigt haben“, sagte Dad, während wir uns auf den Haarnadelkurven hinauf nach Twin Peaks dem Häuschen näherten, in dem Darryl und sein Vater lebten. Es war neblig um Twin Peaks, wie so oft bei Nacht in San Francisco, und das Scheinwerferlicht wurde zu uns zurückreflektiert. In jeder Kurve sah ich die Täler der Stadt tief unter uns, Schüsseln voller glitzernder Lichter, die sich im Nebel bewegten.

„Ist es das?“

„Ja“, sagte ich, „das ist es.“ Ich war nun monatelang nicht bei Darryl gewesen, aber ich hatte in all den Jahren genug Zeit hier verbracht, um sein Haus auf Anhieb zu erkennen.

Wir drei standen einen ausgedehnten Moment lang ums Auto herum, um zu sehen, wer gehen und an der Tür klingeln würde. Zu meiner eigenen Überraschung war ich es.

Ich klingelte, und wir warteten in angespanntem Schweigen eine Minute lang. Dann klingelte ich erneut. Der Wagen von Darryls Vater stand in der Auffahrt, und wir hatten im Wohnzimmer ein Licht brennen sehen. Gerade wollte ich ein drittes Mal klingeln, als die Tür geöffnet wurde.

„Marcus?“ Ich erkannte Darryls Vater kaum wieder. Unrasiert, in einem Hausmantel und barfuß, mit langen Zehennägeln und roten Augen. Er hatte Gewicht zugelegt, und unter dem kräftigen Soldatenkinn war ein weiches Doppelkinn zu erkennen. Sein dünnes Haar war strähnig und ungepflegt.

„Mr. Glover“, sagte ich. Meine Eltern schoben sich hinter mir zur Tür herein.

„Hallo, Ron“, sagte meine Mutter.

„Ron“, sagte mein Vater.

„Ihr auch? Was ist los?“

„Können wir reinkommen?“

Sein Wohnzimmer sah aus wie eins jener Zimmer, die man in den Nachrichtenmeldungen über verwahrloste Jugendliche sieht, die einen Monat eingeschlossen sind, bevor sie von den Nachbarn gerettet werden: Schachteln für Tiefkühlkost, leere Bierdosen und Saftflaschen, schmutzige Müslischüsseln und stapelweise Zeitungen. Ein Hauch von Katzenpisse hing in der Luft, und Müll knirschte unter unseren Füßen. Selbst ohne die Note von Katzenpisse wäre der Geruch unglaublich gewesen, wie in einem Bahnhofsklo.

Die Couch war mit einem schmuddeligen Laken und ein paar fettig glänzenden Kissen bedeckt, und die Polster waren eingedrückt wie nach vielen Nächten Schlaf.

Wir standen alle für einen langen, schweigsamen Moment da, während dessen Verlegenheit alle anderen Gefühle überlagerte. Darryls Vater sah aus, als wolle er auf der Stelle sterben.

Langsam räumte er dann die Laken vom Sofa, räumte die Stapel schmutzigen Geschirrs von einigen der Sofas und trug sie in die Küche, wo er sie, dem Geräusch nach zu urteilen, auf den Boden fallen ließ.

Vorsichtig setzten wir uns auf die Plätze, die er freigeräumt hatte, dann kam er zurück und setzte sich ebenfalls.

„Es tut mir Leid“, sagte er undeutlich. „Ich kann euch wirklich keinen Kaffee anbieten. Ich rechne für morgen mit der Lebensmittellieferung, deshalb bin ich ein bisschen knapp…“

„Ron“, sagte mein Vater. „Hör uns bitte zu. Wir haben dir etwas zu erzählen, und es wird nicht leicht sein, es anzuhören.“

Er saß wie eine Statue da, während ich berichtete. Dann starrte er auf den Zettel, las ihn augenscheinlich, ohne ihn zu begreifen, und las ihn noch einmal. Dann gab er ihn mir zurück.

Er zitterte.

„Er…“

„Darryl lebt“, sagte ich. „Darryl lebt, und er wird auf Treasure Island als Gefangener festgehalten.“

Er presste seine Faust in seinen Mund und gab ein furchterregendes Stöhnen von sich.

„Wir haben eine Freundin“, sagte mein Vater. „Sie schreibt für den ,Bay Guardian‘. Eine investigative Reporterin.“

Daher also kannte ich den Namen. Die kostenlose Wochenzeitung „Guardian“ verlor häufiger ihre Reporter an die größeren Tageszeitungen und ans Internet, aber Barbara Stratford war dort schon seit Ewigkeiten. Ich hatte eine vage Erinnerung an ein Abendessen mit ihr, als ich ein Kind war.

„Wir gehen jetzt zu ihr“, sagte meine Mutter. „Wirst du mit uns kommen, Ron? Wirst du ihr Darryls Geschichte erzählen?“

Er schlug die Hände vors Gesicht und atmete schwer. Dad versuchte ihm die Hand auf die Schulter zu legen, aber Mr. Glover schüttelte sie vehement ab.

„Ich muss mich auf Vordermann bringen“, sagte er. „Gebt mir eine Minute.“

Mr. Glover kam als veränderter Mensch wieder die Treppe herunter. Er hatte sich rasiert und sein Haar zurückgegelt, und er hatte eine makellose Militär-Ausgehuniform mit einer Reihe Abzeichen auf der Brust angezogen. Am Fuß der Treppe blieb er stehen und wies auf die Uniform.

„Ich habe momentan nicht allzu viele saubere Sachen, die vorzeigbar sind. Und das hier schien mir angemessen. Ihr wisst schon, falls sie Fotos machen möchte.“

Er und Dad saßen vorn und ich auf dem Rücksitz hinter ihm. Aus der Nähe roch er ein wenig nach Bier, als ob es durch seine Poren käme.

[x]

Als wir in Barbara Stratfords Einfahrt bogen, war es bereits Mitternacht. Sie lebte außerhalb der Stadt, unten in Mountain View, und während wir über die 101 sausten, sprach keiner von uns ein Wort. Die Hightech-Gebäude längs des Highways flitzten an uns vorbei.

Das war eine ganz andere Bay Area als die, in der ich lebte, eher wie das kleinstädtische Amerika, das ich manchmal im Fernsehen sah. Jede Menge Autobahnen und segmentierte Ansammlungen identischer Häuser; Städte, in denen kein einziger Obdachloser seinen Einkaufswagen den Bürgersteig entlang schob – hier gab es nicht einmal Bürgersteige!

Mom hatte Barbara Stratford angerufen, während wir darauf warteten, dass Mr. Glover wieder runterkam. Die Journalistin hatte schon geschlafen, aber Mom war so erregt gewesen, dass sie völlig vergessen hatte, sich britisch zu benehmen und peinlich berührt zu sein, sie geweckt zu haben; stattdessen hatte sie ihr nachdrücklich erzählt, dass sie etwas zu besprechen habe und dass es persönlich sein müsse.

Als wir zu Barbara Stratfords Haus hochrollten, war meine erste Assoziation Brady Bunch – ein geducktes Ranch-Haus mit Ziegelverblendung und ordentlichem, vollkommen quadratischem Rasen. Die Verblendung hatte ein abstraktes Kachelmuster, und dahinter ragte eine altmodische UHF-TV-Antenne hervor. Wir gingen ums Haus herum zum Eingang und sahen, dass drinnen bereits Licht brannte.

Die Schreiberin öffnete die Tür, bevor wir auch nur eine Chance hatten, den Klingelknopf zu drücken. Sie war etwa so alt wie meine Eltern, mit scharf profilierter Nase und klugen Augen mit vielen Lachfältchen. Sie trug Jeans, die hip genug waren, um auch in einer der Boutiquen auf Valencia Street durchzugehen, und eine weite indische Baumwollbluse, die ihr bis über die Oberschenkel hing. Ihre kleinen runden Brillengläser blitzten im Licht ihres Korridors.

Sie schenkte uns die Andeutung eines Lächelns.

„Wie ich sehe, seid ihr mit der ganzen Sippe angereist.“

Mom nickte. „Du wirst gleich verstehen, warum“, sagte sie.

Mr. Glover trat hinter Dad hervor.

„Und die Navy habt ihr auch angefordert?“

„Alles zu seiner Zeit.“

Wir wurden ihr vorgestellt. Sie hatte einen festen Händedruck und langgliedrige Finger.

Ihr Heim war japanisch-minimalistisch eingerichtet mit nur wenigen wohlproportionierten, niedrigen Möbelstücken, großen Tongefäßen mit Bambus, dessen Wedel bis zur Decke ragten, und etwas, das aussah wie großes, verrostetes Bauteil eines Dieselaggregats auf einem polierten Marmorsockel. Ich entschied mich dafür, es zu mögen. Die Fußböden waren altes Holz, gesandet und gebeizt, aber nicht versiegelt, so dass man Risse und Vertiefungen unter dem Firnis sehen konnte. Das mochte ich wirklich sehr, insbesondere, als ich auf Socken darüberlief.

„Ich habe Kaffee aufgesetzt“, sagte sie. „Wer möchte welchen?“ Wir hoben alle die Hände. Ich blickte meine Eltern herausfordernd an.

„Okay“, sagte sie.

Sie verschwand in einem anderen Raum und kam kurz darauf mit einem groben Bambustablett zurück, auf dem eine Zwei-Liter-Thermoskanne und sechs Tassen in sehr präziser Formgebung, aber grobschlächtiger Dekoration standen. Die mochte ich auch.

„Nun denn“, sagte sie, nachdem sie eingeschenkt und verteilt hatte. „Es ist sehr schön, euch alle mal wieder zu sehen. Marcus, als ich dich letztes Mal gesehen habe, warst du ungefähr sieben Jahre alt. Und wenn ich mich recht erinnere, warst du damals sehr begeistert von deinen neuen Videospielen, die du mir gezeigt hast.“

Ich erinnerte mich daran überhaupt nicht, aber es klang genau nach dem, wofür ich mich mit sieben begeistert hatte. Musste wohl meine Sega Dreamcast gewesen sein.

Sie holte ein Tonbandgerät, einen gelben Block und einen Kugelschreiber und drehte den Stift auf. „Ich bin bereit, anzuhören, was immer ihr mir zu erzählen habt, und ich kann euch versprechen, dass ich alles, was ich höre, vertraulich behandeln werde. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich das, was ich höre, irgendwie verwenden werde oder dass es veröffentlicht werden wird.“ Die Art, wie sie das sagte, machte mir klar, dass diese Lady meiner Mom, die sie aus dem Bett geklingelt hatte, einen sehr großen Dienst erwies, Freundinnen hin oder her. Berühmte investigative Reporterin musste manchmal ein ganz schöner Scheißjob sein. Wahrscheinlich waren eine Million Leute heiß drauf, dass sie sich ihrer Fälle annahm.

Mom nickte mir zu. Obwohl ich die Story in dieser Nacht schon drei Mal erzählt hatte, ging sie mir dieses Mal nicht so leicht über die Lippen. Das hier war was anderes, als es meinen Eltern zu erzählen. Es war auch was anderes, als es Darryls Vater zu erzählen. Das hier, das würde dem Spiel eine völlig neue Wendung geben.

Ich fing langsam an und beobachtete Barbara dabei, wie sie sich Notizen machte. Ich trank eine ganze Tasse Kaffee nur während der Erklärung, was ARG war und wie ich zum Spielen aus der Schule rauskam. Mom, Dad und Mr. Glover hörten dabei besonders aufmerksam zu. Ich schenkte mir eine zweite Tasse ein und trank sie über dem Bericht unserer Festnahme aus. Als ich mit der kompletten Geschichte durch war, hatte ich die Kanne leer gemacht und hatte Druck auf der Blase wie ein Rennpferd.

Ihr Badezimmer war genauso puristisch wie das Wohnzimmer, und es gab braune Öko-Seife, die wie reiner Schlamm roch. Ich kam wieder zurück und sah die Augen aller Erwachsenen auf mir ruhen.

Dann erzählte Mr. Glover seine Geschichte. Er konnte nichts darüber berichten, was passiert war, aber er erzählte, dass er ein Veteran sei und sein Sohn ein guter Junge. Er sprach darüber, wie er sich gefühlt hatte, als er annehmen musste, dass sein Sohn tot war, und wie seine Ex-Frau einen Zusammenbruch erlitten hatte und in die Klinik kam. Er weinte ein wenig und schämte sich nicht dafür, wie die Tränen über sein zerfurchtes Gesicht liefen und den Kragen seiner Ausgehuniform benetzten.

Als alles gesagt war, verschwand Barbara in einem anderen Zimmer und kam mit einer Flasche irischem Whiskey zurück. „Ein 15-jähriger Bushmills, im Rum-Fass gelagert“, sagte sie, während sie vier kleine Gläser hinstellte. Keins für mich. „Dieser hier wird seit zehn Jahren nicht mehr verkauft. Ich glaube, dies ist wohl ein angemessener Moment, ihn anzubrechen.“

Sie goss allen ein kleines Gläschen ein, hob ihres, nippte daran und leerte es zur Hälfte. Die anderen taten es ihr nach. Sie tranken nochmals und leerten die Gläser. Sie goss ihnen neu ein.

„Also“, begann sie. „Im Moment kann ich euch folgendes sagen: Ich glaube euch. Nicht nur, weil ich dich kenne, Lillian. Die Story klingt schlüssig und fügt sich in einige andere Gerüchte ein, die mir zugetragen wurden. Aber es wird nicht reichen, mich allein auf euer Wort zu verlassen. Ich werde jeden einzelnen Aspekt dieser Sache recherchieren müssen und jedes kleine Teilchen eures Lebens und eurer Geschichte. Ich muss wissen, ob es irgendetwas gibt, das ihr mir noch nicht erzählt habt und das dazu dienen könnte, euch zu diskreditieren, nachdem diese Sache ans Licht kommt. Ich brauche alles. Es könnte Wochen dauern, bevor ich etwas veröffentlichen kann.

Ihr müsst auch an eure Sicherheit denken und an die Sicherheit dieses Darryl. Wenn er wirklich eine ,Unperson‘ ist, dann könnte jeder Druck, den wir auf das DHS ausüben, dazu führen, dass sie ihn sehr weit weg bringen, zum Beispiel nach Syrien. Sie könnten auch etwas noch viel Schlimmeres tun.“ Sie ließ das so in der Luft hängen. Ich wusste, dass sie meinte, sie könnten ihn töten.

„Ich werde jetzt diese Nachricht einscannen. Und ich brauche Fotos von euch beiden, jetzt gleich und später. Wir können noch einen Fotografen rumschicken, aber ich will alles heute Nacht schon möglichst sorgfältig dokumentieren.“

Ich ging mit in ihr Büro, um zu scannen. Ich hatte einen schicken Kleincomputer erwartet, der zur Einrichtung passte, aber tatsächlich war ihr kombiniertes Schlaf- und Arbeitszimmer gerammelt voll mit High-End-Rechnern, großen Flachbildschirmen und einem Monster-Scanner, mit dem man eine ganze Zeitungsseite auf einmal einlesen konnte. Und mit all dem ging sie sehr souverän um. Mit einiger Befriedigung registrierte ich, dass sie mit Paranoid-Linux arbeitete. Diese Lady nahm ihren Job ernst.

Die Computerlüfter sorgten schon für sehr effektive Geräuschunterdrückung, dennoch schloss ich die Tür und trat nah an sie heran.

„Barbara?“

Ja?“

„Was Sie vorhin gesagt haben, über Dinge, die geeignet wären, mich zu diskreditieren…“

Ja?“

„Was ich Ihnen erzähle: Man kann Sie doch nicht zwingen, das jemandem weiterzuerzählen?“

„Theoretisch schon. Aber sagen wir so: Ich bin schon zwei Mal ins Gefängnis gegangen, statt einen Informanten preiszugeben.“

„Okay, okay. Gut. Wow. Knast. Wow. Okay.“ Ich atmete tief ein. „Sie haben doch schon vom Xnet und von M1k3y gehört?“

Ja, und?“

„Ich bin M1k3y.“

„Oh“, sagte sie. Sie hantierte am Scanner und drehte den Zettel um, um auch die Rückseite einzulesen. Sie scannte mit irgendeiner unglaublich hohen Auflösung, 10.000 dpi oder noch mehr, und am Schirm sah der Scan aus wie der Ausdruck eines Rastertunnelmikroskops.

„Nun, das wirft ein anderes Licht auf die Sache.“

„Ja“, sagte ich. „So siehts wohl aus.“

„Und deine Eltern wissen nichts davon.“

„Nichts. Und ich bin nicht sicher, ob sies wissen sollten.“

„Das ist etwas, das du selbst entscheiden musst. Ich muss drüber nachdenken. Kannst du mich im Büro besuchen? Ich würde gern mit dir darüber sprechen, was genau das alles bedeutet.“

„Haben Sie eine Xbox Universal? Ich würde einen Installer mitbringen.“

„Ja, ich bin sicher, das lässt sich arrangieren. Wenn du kommst, dann sag am Empfang, dass du Mr. Brown bist und mich sprechen möchtest. Dort wissen sie, was das bedeutet. Deine Ankunft wird nirgends registriert, und die Aufzeichnungen dieses Tages aus den Überwachungskameras werden automatisch gelöscht und die Kameras ausgeschaltet, bis du wieder gehst.“

„Wow“, sagte ich. „Sie denken wie ich.“

Sie lächelte und knuffte mich in die Schulter. „Mein Junge, ich bin schon verdammt lange in diesem Spiel. Und bislang habe ich es geschafft, mehr Zeit in Freiheit als hinter Gittern zu verbringen. Paranoia ist meine Freundin.“

[x]

Am nächsten Tag hing ich wie ein Zombie in der Schule rum. Ich hatte nur noch drei Stunden Schlaf bekommen, und nicht mal drei Tassen Koffeinschlamm beim Türken hatten mein Gehirn auf Touren bringen können. Das Problem mit Koffein ist, dass man sich zu leicht dran gewöhnt und dann immer höhere Dosen braucht, nur um sein Level zu halten.

Ich hatte in der Nacht darüber gegrübelt, was ich zu tun hatte. Und es war so, wie durch ein Labyrinth mit lauter verzweigten kleinen Gängen zu rennen, die alle gleich aussahen und alle in der gleichen Sackgasse endeten. Wenn ich zu Barbara ging, war es aus für mich. Darauflief es hinaus, ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte.

Als der Schultag vorbei war, wollte ich bloß noch heim und ins Bett kriechen. Aber ich hatte eine Verabredung beim „Bay Guardian“ unten am Wasser. Ich hielt meinen Blick auf meine Füße gerichtet, als ich aus dem Tor rauswankte, und als ich in die 24. Straße abbog, lief plötzlich ein zweites Paar Füße neben meinen her. Ich erkannte die Schuhe und blieb stehen.

„Ange?“

Sie sah so aus, wie ich mich fühlte. Übernächtigt, mit Waschbäraugen und einem traurigen Zug um die Mundwinkel.

„Hi du“, sagte sie. „Überraschung. Ich hab mir selbst schulfrei gegeben. Konnte mich sowieso nicht mehr konzentrieren.“

„Äh.“

„Halt den Mund und umarm mich, du Idiot.“

Tat ich sofort. Mann, war das gut. Besser als gut. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Teil meiner selbst amputiert, und jetzt hätte man ihn wieder angeflickt.

„Ich liebe dich, Marcus Yallow.“

„Ich liebe dich, Angela Carvelli.“

„Okay“, unterbrach sie. „Ich mochte deinen Blogeintrag darüber, warum du nicht mehr jammst. Kann ich respektieren. Und wie weit bist du mit deiner Suche nach einer Methode, sie zu jammen, ohne dich erwischen zu lassen?“

„Ich gehe grade zu einer Verabredung mit einer investigativen Journalistin, die eine Story darüber drucken will, wie ich in den Knast gekommen bin, wie ich das Xnet ins Leben gerufen habe und wie Darryl vom DHS wider- rechtlich in einem Geheimknast auf Treasure Island gefangen gehalten wird.“

„Oh.“ Sie blickte sich kurz um. „Hättest du dir nicht auch was… Ehrgeiziges ausdenken können?“

„Kommst du mit?“

„Ich komm mit, ja. Und wenns dir nichts ausmacht, könntest du mir auf dem Weg dahin auch schon mal alles im Detail erklären.“

Nach all den wiederholten Erzählungen fiel mir diese am leichtesten; während wir zur Potrero Avenue und runter zur 15. Straße liefen, hielt sie meine Hand und drückte sie häufig.

Wir nahmen zu den Büroräumen des „Bay Guardian“ hoch immer zwei Treppenstufen auf einmal. Mein Herz wummerte. Ich kam am Empfangstresen an und sagte dem gelangweilten Mädchen dahinter: „Ich bin hier mit Barbara Stratford verabredet. Mein Name ist Mr. Green.“

„Ich nehme an, Sie meinen Mr. Brown?“

„Ja.“ Ich errötete. „Mr Brown.“

Sie machte irgendwas an ihrem Computer und sagte dann: „Nehmen Sie Platz. Barbara wird in einer Minute bei Ihnen sein. Kann ich Ihnen irgendetwas anbieten?“

„Kaffee“, sagten wir wie aus einem Mund. Noch ein Grund, Ange zu lieben: Wir waren von derselben Droge abhängig.

Die Rezeptionistin – eine hübsche Latina, kaum älter als wir, in Gap-Klamotten so alt, dass sie schon wieder retroschick waren – nickte, ging hinaus und kam mit zwei Bechern zurück, die mit dem Logo der Zeitung bedruckt waren.

Wir schlürften still vor uns hin und beobachteten das Kommen und Gehen von Besuchern und Reportern. Endlich kam Barbara auf uns zu. Sie trug ziemlich genau das Gleiche wie in der Nacht zuvor. Stand ihr gut. Sie hob eine Augenbraue, als sie sah, dass ich jemanden mitgebracht hatte.

„Hallo“, sagte ich. „Äh, das ist…“

„Ms. Brown“, warf Ange ein und streckte ihr die Hand entgegen. Ach klar, unsere Identitäten sollten ja geheim bleiben. „Ich arbeite mit Mr. Green zusammen.“ Sie stupste mich mit dem Ellenbogen an.

„Gehen wir also“, sagte Barbara und führte uns in einen Konferenzraum mit langen Glaswänden, deren Jalousien geschlossen waren. Sie legte ein Tablett voller Whole-Foods-Biokekse, einen Digitalrecorder und wieder einen gelben Block auf den Tisch.

„Möchtest du, dass ich das hier auch aufzeichne?“, fragte sie.

Hatte mir darüber echt noch keine Gedanken gemacht. Mir war klar, dass es nützlich sein könnte, wenn ich nachträglich dementieren wollte, was Barbara gedruckt haben würde. Trotzdem: Wenn ich mich nicht drauf verlassen konnte, dass sie meine Aussagen korrekt behandelte, dann war ich sowieso geliefert.

„Nein, ist schon okay“, sagte ich.

„Nun gut, dann los. Junge Dame, mein Name ist Barbara Stratford, und ich bin eine investigative Reporterin. Ich vermute, dass Sie wissen, warum ich hier bin, und es würde mich interessieren zu erfahren, warum Sie hier sind.“

„Ich arbeite mit Marcus im Xnet. Müssen Sie meinen Namen wissen?“

„Jetzt noch nicht unbedingt“, sagte Barbara. „Sie können anonym bleiben, wenn Sie möchten. Marcus, ich hatte dich gebeten, mir diesen Teil der Geschichte zu erzählen, weil ich wissen muss, wie sie mit der Geschichte über deinen Freund Darryl und den Zettel, den du mir gezeigt hast, zusammenpasst. Ich könnte mir vorstellen, dass sie eine gute Dreingabe wäre: Ich könnte sie als den Ursprung des Xnet darstellen. ,Sie machten sich einen Feind, den sie nie vergessen werden‘, etwas in dieser Art. Aber ehrlich gesagt würde ich diese Story lieber nicht erzählen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.

Ich hätte viel lieber eine hübsche, saubere Geschichte über das Geheimgefängnis vor unserer Haustür, ohne darauf eingehen zu müssen, inwiefern die Gefangenen dort die Sorte Leute sind, die, kaum draußen, sofort eine Untergrundbewegung ins Leben rufen, um die Regierung zu destabilisieren. Ich bin sicher, das wirst du verstehen.“

Allerdings. Wenn das Xnet ein Teil der Story war, würden manche Leute sagen, seht ihr, solche Typen muss man wegsperren, sonst starten sie einen Aufruhr.

„Es ist Ihre Show“, sagte ich. „Ich denke, Sie müssen der Welt von Darryl erzählen. Und wenn Sie das tun, dann wird es dem DHS zeigen, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin, und dann sind sie wieder hinter mir her. Vielleicht finden sie dann auch raus, dass ich mit dem Xnet zu tun habe, und stellen eine Verbindung zu M1k3y her. Schätze mal, was ich damit sagen will, ist, sobald Sie über Darryl schreiben, ist es für mich so oder so vorbei. Damit hab ich meinen Frieden gemacht.“

„Ob du nun als Schaf oder als Lamm gehängt wirst…“, sagte sie. „Gut, das wäre geklärt. Ich möchte, dass ihr beide mir möglichst alles über die Entstehung und den Betrieb des Xnet erzählt, und dann möchte ich eine Vorführung. Wofür benutzt ihr es? Wer benutzt es sonst noch? Wie hat es sich verbreitet? Wer hat die Software geschrieben? Alles.“

„Das wird ne Weile dauern“, sagte Ange.

„Ich habe eine Weile Zeit“, entgegnete Barbara. Sie trank einen Schluck Kaffee und aß einen Keks. „Dies könnte sich zur wichtigsten Geschichte über den Krieg gegen den Terror entwickeln. Es könnte die Geschichte werden, die die Regierung stürzt. Und so eine Story hat alle denkbare Sorgfalt verdient.“

………………………………………………………………………………………………
Kapitelübersicht
Kapitel 15 | Start | Kapitel 17
………………………………………………………………………………………………
Cory DoctorowLittle Brother
{ Download: HTMLTXTPDFEPUBMOBIPDBPRCAZW }
………………………………………………………………………………………………

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: