Little Brother – Kapitel 14

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist der unvergleichlichen Mysterious Galaxy in San Diego, Kalifornien gewidmet. Die Leute von Mysterious Galaxy laden mich jedes Mal zu einer Signierstunde ein, wenn ich zu einer Konferenz oder zum Unterrichten in San Diego bin (an der San Diego State University im nahen La Jolla, CA findet der Clarion Writers‘ Workshop statt), und jedes Mal ist die Bude gerammelt voll. Dieser Laden hat eine treue Kundschaft aus Hardcore-Fans, die sich drauf verlassen können, dort hervorragende Empfehlungen und Ideen zu bekommen. Im Sommer 2007 nahm ich meinen Autoren-Kurs bei Clarion zum mitternächtlichen Erstverkauf des letzten Harry Potter in die Buchhandlung mit, und ich habe niemals sonst eine so ausgelassene, unglaublich lustige Party in einem Geschäft erlebt.

Mysterious Galaxy:
http://mysteriousgalaxy.booksense.com/NASApp/store/Product?s=showproduct&isbn=9780765319852
7051 Clairemont Mesa Blvd., Suite #302 San Diego, CA USA 92111 +1 858 268 4747

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Das Xnet machte tagsüber keinen Spaß, wenn alle regelmäßigen Benutzer in der Schule waren. Ich hatte den Schrieb zusammengefaltet und in die hintere Jeanstasche gesteckt, und als ich heimkam, warf ich ihn auf den Küchentisch. Dann setzte ich mich ins Wohnzimmer und schaltete die Glotze ein. Ich sah nie Fernsehen, aber ich wusste, dass meine Eltern es taten. Fernsehen, Radio und Zeitungen waren es, wo sie ihre Ideen über die Welt her hatten.

Die Nachrichten waren fürchterlich. Es gab so viele Gründe, Angst zu haben. Amerikanische Soldaten starben überall auf der Welt. Und im Übrigen nicht bloß Soldaten. Auch Nationalgardisten, die sich vermutlich gemeldet hatten, um nach Wirbelstürmen Menschenleben zu retten, und die jetzt auf Jahre hinaus für einen endlos langen Krieg in Übersee stationiert waren.

Ich zappte durch die Nachrichtensender, einen nach dem anderen, und sah eine Parade von Würdenträgern, die uns erzählten, warum wir Angst haben sollten, und eine Parade von Fotos von Bomben, die überall auf der Welt hochgingen.

Ich zappte weiter und sah plötzlich ein vertrautes Gesicht. Es war der Typ, der damals in den Truck gekommen war und mit Frau Strenger Haarschnitt gesprochen hatte, während ich hinten angekettet war. Der in der Militäruniform. Die Unterschrift wies ihn aus als Major General Graeme Sutherland, Regional Commander, DHS.

„Hier in meinen Händen halte ich Literatur, die bei dem angeblichen Konzert in Dolores Park am vergangenen Wochenende angeboten wurde.“ Er hielt einen Stapel Pamphlete hoch. Ich erinnerte mich, dort viele Leute mit Handzetteln gesehen zu haben. Sobald sich in San Francisco eine Gruppe von Menschen traf, waren auch Handzettel dabei.

„Bitte schauen Sie sich das einen Moment an. Ich lese mal die Titel vor. OHNE ZUSTIMMUNG DER REGIERTEN: EIN BÜRGERLEITFADEN ZUM UMSTURZ DES STAATES. Nehmen wir den hier: SIND DIE ANSCHLÄGE VOM 11. SEPTEMBER WIRKLICH PASSIERT? Und noch einer: WIE MAN IHRE SICHERHEITSMAßNAHMEN GEGEN SIE WENDET. Diese Literatur zeigt uns, wobei es bei der illegalen Zusammenrottung Samstagnacht wirklich ging. Es war nicht bloß eine unsichere Versammlung von Tausenden Leuten ohne entsprechende Vorkehrungen oder auch bloß Toiletten. Es war eine Rekrutierungsveranstaltung für den Feind. Es war der Versuch, Kindern missbräuchlich die Idee einzuimpfen, dass Amerika sich nicht mehr selbst verteidigen sollte.

Nehmen Sie diesen Slogan, TRAU KEINEM ÜBER 25. Wie könnte man besser gewährleisten, dass keine umsichtige, ausgewogene Diskussion erwachsener Menschen deiner Pro-Terroristen-Botschaft in die Quere kommt, als Erwachsene von vornherein auszuschließen und die Gruppe auf leicht beeinflussbare junge Menschen zu begrenzen?

Als die Polizei am Ort des Geschehens erschien, fand sie eine Rekrutierungsveranstaltung für die Feinde Amerikas in vollem Gange. Die Versammlung hatte bereits die Nachtruhe von Hunderten Anwohnern gestört, von denen keiner im Vorfeld in die Planung dieser nächtlichen Rave-Party einbezogen worden war.

Die Polizisten forderten diese Leute auf, sich zu zerstreuen – das ist auf allen Videos zu sehen -, und als das Partyvolk sie angriff, von den Musikern auf der Bühne aufgestachelt, setzte die Polizei nicht-tödliche Massenkontroll-Techniken ein, um sie unter Kontrolle zu bringen.

Die Festgenommenen waren Rädelsführer und Provokateure, die Tausende beeinflussbarer junger Menschen dazu brachten, die Polizisten anzugreifen. 827 von ihnen wurden in Gewahrsam genommen. Viele von diesen Leuten waren schon früher straffällig geworden. Gegen mehr als hundert lagen bereits Haftbefehle vor. Sie sind nach wie vor inhaftiert.

Meine Damen und Herren, Amerika führt einen Krieg an vielen Fronten, aber unser Land ist nirgends stärker gefährdet als hier in der Heimat. Sei es, dass wir von Terroristen angegriffen werden oder von jenen, die mit ihnen sympathisieren.“

Ein Reporter hob die Hand und fragte: „General Sutherland, sie wollen doch sicherlich nicht behaupten, dass diese Kinder, bloß weil sie eine Party im Park besucht haben, Terror-Sympathisanten sind?“

„Natürlich nicht. Aber wenn junge Menschen unter den Einfluss der Feinde unseres Landes geraten, wächst ihnen so eine Sache schnell über den Kopf. Terroristen würden liebend gern eine fünfte Kolonne rekrutieren, die für sie den Krieg an der Heimatfront führt. Wären dies meine Kinder, ich würde mir ernsthaft Sorgen machen.“

Ein anderer Reporter griff den Faden auf. „Aber wir reden hier lediglich von einem Open-Air-Konzert, General. Es fand wohl kaum Drill mit Gewehren statt.“

Der General holte einen Stoß Fotos hervor und begann sie emporzuhalten. „Dies sind Fotos, die Beamte mit Infrarot-Kameras aufgenommen haben, bevor sie dort vorrückten.“ Er hob sie zu seinem Gesicht empor und blätterte eins nach dem anderen auf. Es waren wild tanzende Menschen zu sehen, so wild, dass sie andere umrempelten oder auf sie traten. Dann folgten Sex-Szenen bei den Bäumen, ein Mädchen mit drei Typen, zwei knutschende Jungs. „Bei diesem Event waren Kinder anwesend, die teilweise nicht älter als zehn Jahre waren. Ein tödlicher Cocktail aus Drogen, Propaganda und Musik hat zu Dutzenden Verletzten geführt. Es grenzt an ein Wunder, dass keine Toten zu beklagen sind.“

Ich schaltete den Fernseher aus. Sie stellten es dar, als wäre es ein Aufstand gewesen. Wenn meine Eltern ahnten, dass ich auch dort war, würden sie mich einen Monat lang ans Bett binden und mich hinterher nur noch mit einem Funkhalsband wieder rauslassen.

A propos: sie würden ziemlich angepisst sein, wenn sie rausfanden, dass ich freigestellt war.

Sie nahmen es jedenfalls nicht gut auf. Dad wollte mich zur Schnecke machen, aber Mom und ich konnten es ihm noch ausreden.

„Du weißt genau, dass dieser Konrektor es schon seit Jahren auf Marcus abgesehen hat“, sagte Mom. „Als wir ihn das letzte Mal sprachen, hast du hinterher eine Stunde lang über ihn geflucht. Ich erinnere mich, dass mehrfach das Wort ,Arschloch‘ gefallen ist.“

Dad schüttelte den Kopf. „Den Unterricht zu unterbrechen, um gegen die Heimatschutzbehörde zu wettern…“

„Es ist ein Gesellschaftskunde-Kurs, Dad.“ Mir war mittlerweile alles egal, aber ich fand, wenn mir Mom schon in die Bresche sprang, dann sollte ich sie nicht hängen lassen. „Wir haben über das DHS gesprochen. Ist Diskutieren denn nichts Gutes mehr?“

„Hör mal, Sohn“, sagte er. In letzter Zeit sagte er viel zu oft „Sohn“ zu mir. Fühlte sich an, als ob er aufgehört hätte, mich als Person zu betrachten, und mich stattdessen als so ne Art halbfertige Larve sah, die Führung und Anleitung beim Entpuppen brauchte. Ich hasste das. „Du wirst dich endlich an die Tatsache gewöhnen müssen, dass wir heute in einer veränderten Welt leben. Du hast selbstverständlich immer noch das Recht, deine Meinung zu äußern, aber du musst bereit sein, die Konsequenzen daraus zu tragen. Du musst endlich begreifen, dass es da draußen Leute gibt, die leiden und die nicht gewillt sind, die Feinheiten des Verfassungsrechts zu diskutieren, während ihr Leben bedroht ist. Wir sitzen jetzt im Rettungsboot, und wenn man im Rettungsboot sitzt, will niemand was darüber hören, wie gemein der Käptn ist.“

Viel fehlte nicht, und ich hätte mit den Augen gerollt.

„Na, jedenfalls habe ich die Aufgabe, zwei Wochen lang unabhängig Studien zu treiben und in jedem Fach einen Aufsatz zu schreiben, der die Stadt als Hintergrund hat – einen Aufsatz in Geschichte, einen in Gesellschaftskunde, einen in Englisch und einen in Physik. Ist allemal besser, als tagsüber vor der Glotze zu hängen.“

Dad sah mich prüfend an, als erwarte er, dass ich auf irgendwas hinauswolle, dann nickte er. Ich sagte ihnen Gute Nacht und verzog mich in mein Zimmer. Dort warf ich die Xbox an, startete eine Textverarbeitung und fing an, Ideen für meine Aufsätze zu sammeln. Warum auch nicht? Das war wirklich besser, als bloß daheim herumzusitzen.

Letztlich chattete ich dann die halbe Nacht mit Ange. Sie war voll auf meiner Seite und sagte, sie würde mir bei den Aufsätzen helfen, wenn ich sie nach der Schule am nächsten Abend sehen wolle. Ihre Schule kannte ich – es war dieselbe, auf die Van ging -, sie war ganz drüben in der East Bay, wo ich seit den Bombenanschlägen nicht mehr gewesen war.

Der Gedanke, sie wiederzusehen, machte mich ziemlich hibbelig. Seit der Party hatte ich jede Nacht beim Einschlafen an zweierlei gedacht: an den Anblick der Masse, wie sie auf die Polizei zustürmte, und an das Gefühl, dort an dem Pfeiler ihre Brüste unter dem T-Shirt zu spüren. Sie war einfach umwerfend. Ich war noch nie mit einem so… aggressiven Mädchen zusammengewesen. Bisher war immer ich es gewesen, der die Initiative ergriff, um dann zurückgewiesen zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass Ange genauso scharf drauf war wie ich, und das war ein quälender Gedanke.

In dieser Nacht schlief ich tief und fest und träumte wildes Zeug von Ange und mir und was wir wohl anstellen würden, wenn wir uns nur an einem abgeschiedenen Fleck fänden.

Am nächsten Tag fing ich mit meinen Aufsätzen an. Über San Francisco kann man phantastisch schreiben. Geschichte? Jede Menge, vom Goldrausch zu den Schiffsdocks im Zweiten Weltkrieg, den Internierungslagern für die japanischstämmige Bevölkerung und der Erfindung des PCs. Physik? Das Exploratorium hat die coolste Austellung von allen Museen, in denen ich je war. Ich empfand eine perverse Befriedigung bei der Darstellung der Verflüssigung des Erdreichs während großer Beben. Englisch? Jack London, die Beat-Poeten, Science-Fiction-Autoren wie Pat Murphy und Rudy Rucker. Gesellschaftskunde? Die Bewegung für Meinungsfreiheit, Cesar Chavez, Schwulenrechte, Feminismus, die Antikriegsbewegung…

Ich fand es schon immer toll, Sachen einfach um ihrer selbst willen zu lernen, mehr zu wissen über die Welt um mich herum. Und dazu genügte es schon, einfach nur in der Stadt herumzulaufen. Ich entschied mich dafür, mit einem Englisch-Aufsatz über die Beatniks zu beginnen. City Lights Books hatte eine großartige Bibliothek in einem Zimmer im Obergeschoss, wo Allen Ginsberg und seine Kumpel ihre radikale Drogenpoesie verfasst hatten. Das eine Gedicht, das wir im Englisch-Kurs gelesen hatten, war Howl (Geheul); und seine ersten Zeilen würde ich niemals vergessen, solche Gänsehaut verursachten sie mir:

/ saw the best minds ofmy generation destroyed by madness, starving hysterical naked,
(Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgezehrt hysterisch nackt,

dragging themselves through the negro streets at dawn lookingfor an angry fix,
wie sie sich durch die Negerstraßen schleppten bei Tagesanbruch auf der Suche nach einer zornigen Spritze,

angelheaded hipsters burningfor the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night…
engelsköpfige Hipster, sich verzehrend nach jener uralten himmlischen Verbindung zum Sternendynamo in der Maschinerie der Nacht…)

Ich liebte es, wie diese Wörter ineinanderflössen, „ausgezehrt hysterisch nackt“. Ich kannte dieses Gefühl. Und „die besten Köpfe meiner Generation“ gab mir auch schwer zu denken. Es erinnerte mich an den Park und an die Polizei und daran, wie das Gas fiel. Man klagte Ginsberg für Howl wegen Obszönität an – wegen einer Zeile über Homo-Sex, deretwegen heute niemand mehr mit der Wimper zucken würde. Irgendwie stimmte es mich fröhlich zu wissen, dass wir doch irgendwelche Fortschritte gemacht hatten, dass frühere Zeiten noch viel restriktiver gewesen waren als diese.

In der Bibliothek vergaß ich alles um mich herum, während ich die wunderschönen alten Ausgaben dieser Bücher las. Ich verlor mich in Jack Kerouacs „On the Road“, einen Roman, den ich schon lange lesen wollte, und ein Angestellter, der nachschauen kam, was ich da trieb, nickte zustimmend und fand eine billige Ausgabe für mich, die er mir für sechs Dollar verkaufte.

Dann ging ich nach Chinatown weiter und aß Dim Sum Buns und Nudeln mit scharfer Sauce, die ich früher als ziemlich scharf bezeichnet hätte, die mir aber mit der Erfahrung eines Ange-Special mittlerweile eher mild vorkam.

Als es auf Nachmittag zuging, stieg ich in die BART und dann in einen Shuttlebus über San Mateo Bridge, der mich zur East Bay brachte. Ich las mein Exemplar von „On the Road“ und genoß die vorbeiflitzende Landschaft. „On the Road“ ist ein halb autobiografischer Roman über Jack Kerouac, einen drogen- und alkoholabhängigen Schriftsteller, der per Anhalter durch Amerika reist, Billigjobs annimmt, bei Nacht durch die Straßen geistert, Leuten begegnet und wieder seiner Wege zieht. Hipster, traurige Hobos, Betrüger, Straßenräuber, Penner und Engel.

Das Buch hat keine eigentliche Handlung – Kerouac soll es, zugedröhnt bis zur Kante, innerhalb von drei Wochen auf eine lange Rolle Papier geschrieben haben -, es beschreibt bloß eine Reihe erstaunlicher Dinge, ein Ereignis nach dem anderen. Er freundet sich mit selbstzerstörerischen Leuten wie Dean Moriarty an, die ihn in merkwürdige Pläne verwickeln, aus denen nie irgendwas wird, und doch wird was draus, wenn ihr wisst, was ich meine.

Diese Worte hatten einen ganz eigenen Rhythmus, sie waren üppig, ich konnte sie laut in meinem Kopf hören. Sie weckten in mir das Verlangen, mich auf der Ladefläche eines Pickups schlafen zu legen und in einer staubigen Kleinstadt im Central Valley auf halber Strecke nach L.A. wieder aufzuwachen, in einem dieser Orte mit einer Tankstelle und einem Diner, und dann einfach nur auf die Felder hinauszulaufen und Leute zu treffen, Dinge zu sehen und Dinge zu tun.

Es war eine lange Busfahrt, und ich musste ein bisschen eingenickt sein – mit Ange bis werweißwann zu chatten war schlecht für meinen Schlafrhythmus, denn Mom erwartete mich nach wie vor zum Frühstück. Ich wachte auf, wechselte den Bus, und kurz daraufwar ich bei Anges Schule.

Sie kam mir hüpfend entgegen in ihrer Uniform – ich hatte sie noch nie darin gesehen, sie sah auf eine merkwürdige Art süß aus und erinnerte mich an Van in ihrer Uniform. Sie umarmte mich lange und gab mir einen harten Kuss auf die Wange.

„Hallo, du!“, sagte sie.

„Hi!“

„Was liestn da?“

Daraufhatte ich gewartet. Ich hatte die Stelle mit einem Finger markiert. „Hör mal:

,Sie tanzten die Straßen hinab wie Dingledodies (6), und ich schlurfte hinterher, wie ich es mein Leben lang mit Leuten getan habe, die mich interessieren, weil die einzigen Leute, die für mich zählen, die Verrückten sind – die verrückt sind nach Leben, verrückt nach Reden, verrückt nach Erlösung, begierig nach allem zugleich; die niemals gähnen oder Gemeinplätze plappern, sondern brennen, brennen, brennen wie sagenhafte gelbe römische Kerzen, explodieren wie Spinnen über all die Sterne hinaus, und in der Mitte siehst du das blaue Zentrum der Flamme verpuffen und alles sagt „Oohhh!“‚“

(6) Pardon, das wundervolle Wort „dingledodies“ kann in der Übersetzung nur verlieren. Am ehesten bedeutet es wohl „wilde Verrückte“, A.d.Ü

Sie nahm das Buch und las die Passage noch einmal. „Wow, Dingledodies! Ich liebe so was! Ist das alles so?“

Ich erzählte ihr von dem, was ich schon gelesen hatte, während wir langsam den Bürgersteig runter zur Bushaltestelle schlenderten. Als wir um die Ecke gebogen waren, schlang sie ihren Arm um meine Hüfte, und ich legte meinen über ihre Schulter. Die Straße runterzugehen mit einem Mädchen im Arm – meiner Freundin? Klar, wieso nicht? – und über dieses coole Buch zu reden, das war einfach himmlisch. Es ließ mich meine Sorgen für einen Moment vergessen.

„Marcus?“

Ich drehte mich um. Es war Van. Im Unterbewusstsein hatte ich damit gerechnet. Ich wusste es, weil mein Bewusstsein nicht im Mindesten überrascht war. Es war keine große Schule, und sie hatten alle zur selben Zeit Schluss. Ich hatte seit Wochen nicht mit Van geredet, und diese Wochen fühlten sich wie Monate an. Früher hatten wir jeden Tag miteinander geredet.

„Hi, Van“, sagte ich. Ich unterdrückte den Reflex, meinen Arm von Anges Schulter zu nehmen. Van schien überrascht zu sein, aber nicht so sehr wütend als vielmehr bleich und erschüttert. Sie beobachtete uns beide scharf.

„Angela?“

„Hi, Vanessa“, sagte Ange.

„Was machst du denn hier?“

„Ich bin hier rausgekommen, um Ange abzuholen“, sagte ich in bemüht neutralem Tonfall. Plötzlich fühlte ich mich unwohl dabei, mit einem anderen Mädchen gesehen zu werden.

„Oh. Na dann, war nett, dich gesehen zu haben.“

„Ja, war nett, dich gesehen zu haben, Vanessa“, sagte Ange, zog mich herum und weiter Richtung Bushaltestelle.

„Du kennst sie?“

„Ja, schon ewig.“

„Wart ihr zusammen?“

„Was? Nein! Überhaupt nicht! Wir waren bloß Freunde.“

„Ihr wart Freunde?“

Ich hatte das Gefühl, als würde Van direkt hinter uns herlaufen und zuhören, obwohl sie bei dem Tempo, das wir eingeschlagen hatten, hätte joggen müssen, um an uns dranzubleiben. Ich widerstand der Versuchung, über die Schulter zu blicken, so lange wie nur möglich, aber schließlich tat ich es doch. Hinter uns waren massenhaft Mädchen aus der Schule, aber keine Van.

„Sie war mit mir und Jose-Luis und Darryl unterwegs, als wir verhaftet wurden. Wir haben zusammen ARGs gemacht. Wir vier waren so was wie beste Freunde.“

„Und dann?“

Ich dämpfte die Stimme. „Sie mochte die Idee mit dem Xnet nicht. Sie dachte, wir würden Ärger kriegen und ich würde andere Leute in Schwierigkeiten bringen.“

„Und deshalb seid ihr jetzt keine Freunde mehr?“

„Wir haben uns bloß sozusagen auseinandergelebt.“ Wir gingen ein paar Schritte.

„Ihr wart nicht, du weißt schon, Freund-und-Freundin-Freunde?“

„Nein!“, sagte. Ich. Mein Gesicht glühte. Ich fühlte mich, als würde ich mich wie ein Lügner anhören, obwohl ich ja nun die Wahrheit sagte.

Ange brachte uns beide abrupt zum Stehen und studierte meinen Gesichtsausdruck.

„Oder doch?“

„Nein! Ehrlich nicht! Nur Freunde. Darryl und sie – na ja, auch nicht wirklich, aber Darryl war ziemlich in sie verknallt. Überhaupt kein Gedanke daran,…“

„Aber wenn Darryl nicht in sie verknallt gewesen wäre, wärst du, oder was?“

„Nein, Ange. Nein. Bitte glaub mir doch einfach und lass das Thema. Vanessa und ich waren gute Freunde und sind es jetzt nicht mehr, und das macht mir zu schaffen; aber ich war nie hinter ihr her, okay?“

Sie entspannte sich ein bisschen. „Okay, okay. Tut mir Leid. Ist bloß, dass ich mit ihr nicht klarkomme. Wir sind nie miteinander klargekommen in all den Jahren, die wir uns schon kennen.“

Ach so, dachte ich. Das erklärte, weshalb Jolu Ange schon so lange kannte und ich sie trotzdem noch nie getroffen hatte. Sie hatte ihre Privatfehde mit Van, und deshalb hatte er sie nie mitgebracht.

Wir umarmten uns ausgiebig und küssten uns, und eine Horde Mädels kam an uns vorbei und machte „huiuiuiui“; also rissen wir uns zusammen und gingen weiter zur Bushaltestelle. Vor uns lief jetzt Van, die an uns vorbeigekommen sein musste, während wir uns küssten. Ich fühlte mich wie ein kompletter Idiot.

Natürlich war sie auch an der Bushaltestelle und dann im Bus, und wir sprachen kein Wort miteinander, und ich versuchte die ganze Fahrt über ein Gespräch mit Ange zu führen, aber es war sehr verkrampft.

Wir hatten geplant, irgendwo auf einen Kaffee anzuhalten und dann zu Ange weiterzugehen, um zu „lernen“, also um abwechselnd mit ihrer Xbox im Xnet zu lesen. Anges Mom kam an Dienstagen immer spät nach Hause, weil sie da abends Yogakurs hatte und dann mit ihren Freundinnen essen ging, und Anges Schwester war mit ihrem Freund auf der Piste, also würden wir ganz ungestört sein. Und ich hatte schmutzige Phantasien seit dem Moment, als wir uns für diesen Abend verabredet hatten.

Wir kamen bei ihr an, gingen direkt in ihr Zimmer und machten die Tür hinter uns zu. Ihr Zimmer hatte was von einem Bombenkrater, es wär übersät mit schichtenweise Klamotten, Notizbüchern und PC-Teilen, die sich wie Krähenfüße in die Socken bohren würden. Ihr Schreibtisch war noch schlimmer als der Fußboden, dort stapelten sich die Bücher und Comics; so setzten wir uns schließlich auf ihr Bett, wogegen ich nichts einzuwenden hatte.

Die Verlegenheit seit dem Treffen mit Van hatte sich einigermaßen gelegt, und wir warfen ihre Xbox an. Sie war in ein Nest von Kabeln eingebettet, von denen einige zu einer WLAN-Antenne führten, die sie am Fenster befestigt hatte, um die Funknetze der Nachbarn anzapfen zu können. Andere Kabel führten zu alten Laptop-Monitoren, die sie zu Einzelbildschirmen umgebaut hatte, auf Standfüßen balancierend und voll freiliegender Elektronik. Die Monitore standen auf beiden Nachttischen, ein geniales Arrangement, um im Bett Filme zu sehen oder zu chatten: Wenn sie die Bildschirme zum Bett hin drehte, konnte sie sich auf die Seite drehen und hatte nach links oder rechts immer ein seitenrichtiges Bild.

Nebeneinander an den Nachttisch gelehnt auf ihrem Bett sitzend wussten wir beide, weshalb wir wirklich hier waren. Ich zitterte ein wenig, und die Wärme ihres Beins und ihrer Schulter an mir waren nur zu gegenwärtig; aber ich musste mich zumindest mal ins Xnet einloggen, meine Mails lesen und so.

Eine Mail kam von einem Jungen, der gern lustige Handy-Videos über das Amok laufende DHS verschickte. Das letzte hatte gezeigt, wie sie einen Kinderwagen zerlegten, weil ein Sprengstoffspürhund sich dafür interessiert hatte; sie hatten ihn mitten auf der Straße in der Marina mit Schraubenziehern auseinandergenommen, und man konnte sehen, wie all die reichen Leute da vorbeikamen, sich umdrehten und offensichtlich wunderten, wie bescheuert das war.

Ich hatte zu dem Video verlinkt, und es war wie bescheuert runtergeladen worden. Er hatte es auf den Spiegelserver des „Internet Archive“ in Alexandria, Ägypten hochgeladen, wo sie so ziemlich alles akzeptierten, vorausgesetzt, es stand unter einer remix- und weitergabefähigen Creative-Commons-Lizenz. Das US-„Archive“ – im Presidio, nur ein paar Minuten von hier – war gezwungen worden, all diese Videos im Namen der nationalen Sicherheit vom Netz zu nehmen, aber das „Archive“ in Alexandria hatte sich als eigenständige Organisation abgespalten und hostete jetzt alles, was geeignet war, die Vereinigten Staaten zu verärgern.

Dieser Junge – sein Nick war Kameraspie – hatte mir diesmal ein noch besseres Video geschickt. Es war im Eingang zur City Hall im Civic Center aufgenommen, dieser riesigen Hochzeitstorte von einem Haus, voll mit Statuen in kleinen Bogengängen, vergoldeten Blättern und Gedöns. Das DHS hatte rund um das Gebäude eine Sicherheitszone eingerichtet, und Kameraspies Video zeigte eine Ansicht ihres Checkpoints, während sich ein Typ in Offiziersuniform näherte, seinen Ausweis zeigte und seine Aktentasche auf das Röntgenband stellte.

Alles war okay, bis einer der DHS-Leute auf dem Röntgenbild etwas sah, das ihm nicht gefiel. Er stellte dem General Fragen, und der rollte mit den Augen und sagte etwas Unhörbares (das Video war von der anderen Straßenseite aufgenommen, offenkundig mit einem getarnten Eigenbau-Zoom, deshalb war die Tonspur voll mit Geräuschen von vorbeieilenden Passanten und dem Straßenverkehr).

Der General und die Leute vom DHS gerieten aneinander, und je länger sie diskutierten, desto mehr DHS-Typen scharten sich dazu. Schließlich schüttelte der General verärgert den Kopf, wies mit dem Finger auf die Brust des einen DHSlers, schnappte sich die Aktentasche und ging davon. Die DHS-Typen riefen ihm nach, aber er wurde nicht langsamer. Seine Körpersprache sagte überdeutlich „ich bin äußerst verärgert“.

Dann geschah es. Die DHS-Typen rannten dem General hinterher. Kameraspie hatte das Video hier verlangsamt, so dass man in extremer Zeitlupe, Bild für Bild, das Gesicht des Generals sehen konnte: Wie er sich halb umdrehte mit diesem Ausdruck im Gesicht, der besagte „Ihr werdet den Teufel tun, mich zu tackeln“, und wie der Ausdruck sich in Entsetzen verwandelte, als sich drei der riesigen DHS-Wachen auf ihn stürzten, ihn zur Seite stießen und dann um die Hüfte fassten, als wäre dies das letzte Football-Tackling in seiner Karriere. Der General – schon etwas älter, mit stahlgrauem Haar, zerfurchtem und würdevollem Gesicht – ging zu Boden wie ein Sack Kartoffeln, schlug zweimal hart auf, sein Gesicht knallte auf den Bürgersteig, und Blut schoss aus seiner Nase.

Das DHS verschnürte den General, fesselte ihn an Händen und Füßen. Der General brüllte jetzt, und wie er brüllte, sein Gesicht verfärbt von dem Blut, das ihm immer noch aus der Nase strömte. Beine flitzten durchs Bild. In der starken Tele-Einstellung sah man vorbeikommende Fußgänger zuschauen, wie man diesen Typ in Uniform fesselte, und seinem Gesicht war zu entnehmen, dass dies das Schlimmste von allem war – dies war rituelle Erniedrigung, der Raub seiner Würde. Hier endete der Clip.

„Ach du mein süßer Buddha“, sagte ich, während der Schirm schwarz wurde und ich das Video nochmals startete.

Ich stupste Ange an und zeigte ihr den Clip. Sie sagte kein Wort und betrachtete den Film mit offenem Mund.

„Lad das ja hoch!“, sagte sie. „Los, hochladen hochladen hochladen hochladen hochladen!“ Ich lud ihn hoch. Ich konnte kaum tippen vor Aufregung, als ich aufschrieb, was ich hier gesehen hatte; und ich fügte eine Notiz an, ob wohl jemand den Offizier im Video identifizieren könne oder etwas über die Sache wisse.

Ich drückte auf „Veröffentlichen“.

Dann sahen wir uns das Video noch einmal an. Und noch einmal.

Mein E-Mail-Programm meldete sich.

> Ich erkenn den Kerl ganz sicher – du findest seine Bio in der Wikipedia. Das ist General Claude Geist. Er war Kommandeur der UN-Friedenstruppen in Haiti.

Ich schlug die Bio nach. Es gab da ein Bild des Generals bei einer Pressekonferenz und Anmerkungen über seine Rolle bei der kniffligen Haiti-Mission. Es war offensichtlich derselbe Typ.

Ich aktualisierte meinen Blogeintrag.

Theoretisch war dies die Chance für Ange und mich, ein bisschen rumzumachen, aber daraus wurde schließlich doch nichts. Wir stöberten durch die Blogs im Xnet und suchten nach weiteren Berichten über Durchsuchungen und Übergriffe durch das DHS. Das war schon ein Routinejob, weil ich dasselbe bereits nach den Ausschreitungen im Park gemacht hatte. In meinem Blog führte ich eine neue Kategorie für diese Sachen ein, MissbrauchVonBefugnissen, und sortierte alles ein. Ange überlegte sich immer noch mehr Suchbegriffe, die wir ausprobieren könnten, und als ihre Mutter heimkam, hatte meine neue Kategorie schon siebzig Einträge, allen voran der Angriff auf General Geist vor City Hall.

[x]

Den ganzen nächsten Tag über arbeitete ich daheim an meinem Beatnik-Aufsatz, las Kerouac und surfte im Xnet. Eigentlich hatte ich Ange an der Schule treffen wollten, aber der Gedanke, womöglich wieder Van zu treffen, machte mich furchtbar nervös, also simste ich ihr eine Ausrede, dass ich noch am Aufsatz zu schreiben hätte.

Derweil trudelten alle möglichen tollen Vorschläge für MissbrauchVonBefugnissen ein, Hunderte von kleinen und großen, Bilder und Videos. Das Mem hatte begonnen, sich zu replizieren.

Und es hörte nicht wieder auf. Am nächsten Morgen waren es nochmals mehr geworden. Jemand hatte ein neues Blog namens MissbrauchVonBefugnissen aufgesetzt, das Hunderte weiterer Vorfälle sammelte. Der Stapel wuchs. Wir wetteiferten darum, die saftigsten Storys und die wildesten Bilder aufzutun.

Mit meinen Eltern hatte ich vereinbart, dass ich jeden Morgen mit ihnen zusammen frühstückte und über die Projekte redete, die ich gerade in Arbeit hatte. Es gefiel ihnen, dass ich Kerouac las. Es war für sie beide eines ihrer Lieblingsbücher gewesen, und es stellte sich heraus, dass wir bereits ein Exemplar im Regal in ihrem Schlafzimmer hatten. Mein Dad brachte es runter, und ich blätterte es durch. Da waren Abschnitte mit Kuli angestrichen, es gab Seiten mit Eselsohren und Notizen am Rand. Mein Dad hatte dieses Buch offensichtlich sehr geliebt.

Das erinnerte mich an bessere Zeiten, als mein Dad und ich uns noch fünf Minuten am Stück unterhalten konnten, ohne uns über Terrorismus in die Haare zu kriegen, und wir hatten zum Frühstück ein tolles Gespräch darüber, wie der Roman strukturiert war, und über all die irren Abenteuer.

Aber am nächsten Morgen hingen sie beim Frühstück wieder wie gebannt vorm Radio.

„Missbrauch von Befugnissen – so heißt der neueste Trend in San Franciscos berüchtigtem Xnet, und er hat bereits weltweites Aufsehen erregt. Die Bewegung, kurz MvB genannt, besteht aus ,Kleinen Brüdern‘, die ihrerseits die Anti-Terrorismus-Maßnahmen der Heimatschutzbehörde überwachen und ihre Pannen und Exzesse dokumentieren. Initialzündung für MvB war ein populäres virales Video, das zeigt, wie General Claude Geist, ein pensionierter Drei-Sterne-General, von DHS-Mitarbeitern auf dem Bürgersteig vor City Hall umgerempelt wird. Geist hat den Vorfall nicht kommentiert, aber es gab zahlreiche wütende Reaktionen junger Zuschauer, die auch über ihre eigene Behandlung entrüstet sind.

Besonders bemerkenswert ist das hohe Maß an Aufmerksamkeit, das dieser Bewegung weltweit zuteil wird. Bilder aus dem Geist-Video wurden bereits auf den Titelseiten von Zeitungen in Korea, Großbritannien, Deutschland, Ägypten und Japan veröffentlicht, und Rundfunkstationen überall auf der Welt zeigten den Clip in ihren Abendnachrichten. Ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte die Angelegenheit, als gestern abend National News Evening der British Broadcasting Corporation eine Sondersendung über den Umstand ausstrahlte, dass die Story bislang weder von einem US-Sender oder einer hiesigen Nachrichtenagentur aufgegriffen wurde. Kommentatoren auf der Website der BBC weisen zudem daraufhin, dass sich die Sondersendung auf den Seiten von BBC America ebenfalls nicht finden lässt.“

Es folgte eine Reihe von Interviews: britische Medienbeobachter, ein Bürschchen von der schwedischen Piratenpartei mit spöttischen Bemerkungen über Amerikas korrupte Presse, ein ehemaliger amerikanischer Nachrichtensprecher im Ruhestand in Tokio; dann strahlten sie einen kurzen Spot von Al-Dschassira aus, in dem es um die US-Presse im Vergleich zu den nationalen Nachrichtenmedien in Syrien ging.

Ich meinte die Blicke meiner Eltern auf mir zu spüren, meinte zu ahnen, dass sie wussten, was ich tat. Aber als ich mein Geschirr wegräumte, sah ich, dass sie einander anschauten.

Dad hielt sich mit zitternden Händen am Kaffeebecher fest. Mom blickte zu ihm hin.

„Die wollen uns schlechtreden“, sagte Dad schließlich. „Die wollen alle Bemühungen um unsere Sicherheit sabotieren.“

Ich öffnete den Mund, aber dann fing ich den Blick meiner Mutter und ihr Kopfschütteln auf. Also ging ich in mein Zimmer, um weiter an dem Kerouac-Aufsatz zu arbeiten. Sobald ich zum zweiten Mal die Haustür gehört hatte, warf ich meine Xbox an und ging online.

>  Hallo M1k3y. Mein Name ist Colin Brown, ich bin Produzent der Nachrichtensendung The National bei der Canadian Broadcasting Corporation. Wir machen eine Geschichte über das Xnet und haben bereits einen Reporter nach San Francisco geschickt, um von dort zu berichten. Wären Sie an einem Interview interessiert, um über Ihre Gruppe und ihre Aktivitäten zu sprechen?

Ich starrte den Monitor an. Oh Gott. Die wollten mich über „meine Gruppe“ interviewen?

>  Oh, nein, danke. Ich achte sehr auf meine Privatsphäre. Außerdem ist es gar nicht „meine“ Gruppe. Aber danke, dass Sie eine Geschichte drüber machen!

Eine Minute später kam die nächste E-Mail.

> Wir können Sie unkenntlich machen und Ihnen Anonymität zusichern. Es ist Ihnen klar, dass das DHS nur zu gern seinen eigenen Sprecher vorschicken wird. Ich bin aber interessiert an Ihrer Sicht der Dinge.

Ich speicherte die E-Mail ab. Er hatte Recht, aber ich wäre bescheuert, das zu tun. Von meinem Standpunkt aus war er das DHS.

Ich wandte mich wieder Kerouac zu, da kam die nächste E-Mail. Dieselbe Bitte von einer anderen Nachrichtenagentur: KQED wollte mich treffen, um ein Radio-Interview aufzuzeichnen. Ein Sender in Brasilien. Die Australian Broadcasting Corporation. Deutsche Welle. Den ganzen Tag lang trudelten Presse-Anfragen ein. Und den ganzen Tag lang lehnte ich höflich ab.

Viel Kerouac las ich an diesem Tag nicht.

„Du musst eine Pressekonferenz abhalten“, sagte Ange, als wir am selben Abend in dem Café bei ihr um die Ecke saßen. Ich war nicht mehr allzu scharf drauf, sie in der Schule abzuholen und womöglich wieder mit Van im selben Bus zu sitzen.

„Hä? Bist du wahnsinnig?“

„Mach es in Clockwork Plunder. Such dir einfach einen Handelsstützpunkt, wo kein PvP erlaubt ist, und leg eine Uhrzeit fest. Du kannst dich von hier einloggen.“

PvP, Player-versus-Player, ist ein Kampf-Modus Spieler gegen Spieler. Einige Bereiche von Clockwork Plunder waren als neutrales Territorium definiert, und dort konnten wir theoretisch eine Tonne Reporter anschleppen, die keine Ahnung vom Spiel hatten, ohne zu riskieren, dass andere Spieler sie während der Pressekonferenz einfach umlegten.

„Ich kenn mich mit Pressekonferenzen null aus.“

„Musst du halt googeln. Ganz sicher hat schon mal jemand einen Ratgeber geschrieben, wie man eine erfolgreiche Pressekonferenz abhält. Ich mein, wenn der Präsident das kann, kannst du das auch. Der sieht nicht so aus, als ob er sich schon allein die Schuhe zubinden kann.“

Wir bestellten noch Kaffee.

„Du bist eine sehr kluge Frau“, sagte ich.

„Und ich bin schön.“

„Das auch.“

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Cory DoctorowLittle Brother
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