Little Brother – Kapitel 4

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Barnes and Noble gewidmet, einer US-Kette von Buchläden. Während Amerikas Mami-und-Papi-Buchhandlungen verschwanden, begann Barnes and Noble überall im Land diese gigantischen Lesetempel hochzuziehen. Mit einem Lager von zehntausenden Titeln (Buchgeschäfte in den Einkaufszentren und Bücherabteilungen in Supermärkten hatten stets nur einen Bruchteil davon vorrätig) und ausgedehnten Öffnungszeiten, die gleichermaßen für Familien, Angestellte und andere potenzielle Lesergruppen attraktiv waren, stützten die B&N-Läden die Karrieren zahlreicher Schriftsteller, indem sie auch Titel vorrätig hatten, die kleinere Shops mit ihrer begrenzten Regalfläche nicht parat haben konnten.

B&N machte immer schon starke Promotion innerhalb der Szene, und einige meiner bestbesuchten, bestorganisierten Signierstunden fanden in B&N-Filialen statt, darunter die großartigen Events im (leider nicht mehr existenten) B&N in New Yorks Union Square, wo das Mega-Signieren nach den Nebula Awards stattfand, und im B&N in Chicago, das Gastgeber des Events nach den Nebs einige Jahre später war. Aber am besten ist, dass B&Ns geekige Einkäufer genau Bescheid wissen, wenn’s um Science Fiction, Comics und Mangas, Spiele und derlei Dinge geht. Sie sind mit Leidenschaft und Sachkenntnis bei der Sache, wie die exzellente Auswahl in den einzelnen Laden-Regalen beweist.

Barnes and Noble, USA-weit:
http://search.barnesandnoble.com/Little-Brother/Cory-Doctorow/e/97807653 19852/?itm=6

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Sie fesselten mich erneut und stülpten mir wieder einen Sack über, dann ließen sie mich allein. Eine ganze Weile später setzte der Truck sich in Bewegung, bergab, und dann wurde ich wieder auf meine Füße gezerrt. Ich fiel sofort wieder um. Meine Beine waren so eingeschlafen, dass sie sich wie Eisklötze anfühlten, ausgenommen meine Knie, die angeschwollen und wund waren nach all den Stunden im Knien.

Hände griffen nach meinen Schultern und Füßen, und ich wurde hochgehoben wie ein Sack Kartoffeln. Undeutliche Stimmen waren rings umher zu hören. Jemand weinte. Jemand fluchte.

Ich wurde eine kurze Strecke weit getragen, dann wieder runtergelassen und an eine andere Strebe gefesselt. Meine Knie trugen mich nun nicht mehr, und ich kippte nach vorn, um verknotet wie eine Brezel liegenzubleiben, die Handgelenke schmerzend vom Ziehen an den Ketten.

Dann setzten wir uns wieder in Bewegung, und dieses Mal fühlte es sich nicht nach LKW-Fahren an. Der Boden unter mir schwankte sanft und vibrierte vom Stampfen schwerer Diesel, und ich erkannte, dass ich auf einem Schiff war. Mein Magen wurde zum Eisklumpen. Ich wurde von amerikanischem Territorium irgendwo anders hin verschifft, und wer zum Teufel konnte wissen, wo das war? Angst hatte ich vorher schon gehabt, aber dieser Gedanke war entsetzlich, er lähmte mich und machte mich sprachlos vor Furcht. Ich begriff, dass ich möglicherweise meine Eltern nie wieder sehen würde, und spürte Übelkeit in meiner Kehle emporsteigen. Die Tüte über meinem Kopf schien noch enger zu werden, und ich konnte kaum mehr atmen, was durch die bizarre Haltung, in der ich lag, noch verstärkt wurde.

Glücklicherweise waren wir nicht allzu lang auf dem Wasser. Gefühlsmäßig wars etwa eine Stunde, doch heute weiß ich, dass es bloß 15 Minuten waren; dann spürte ich, wie wir andockten, spürte Schritte auf dem Deck um mich her und spürte, wie andere Gefangene losgebunden und weggetragen oder -geführt wurden. Als sie mich holen kamen, versuchte ich wieder aufzustehen, doch es gelang nicht, und sie trugen mich wieder, unpersönlich und grob.

Als sie die Kappe wieder entfernten, war ich in einer Zelle.

Die Zelle war alt und verwittert, und sie roch nach Seeluft. Es gab ein Fenster hoch oben, mit verrosteten Gitterstäben davor. Draußen wars immer noch dunkel. Auf dem Boden lag eine Decke, und eine kleine Metalltoilette ohne Sitz war in die Wand eingelassen. Der Wärter, der meine Kapuze abgenommen hatte, grinste mich an und schloss die schwere Eisentür hinter sich.

Vorsichtig massierte ich meine Beine und zog die Luft ein, als wieder Blut durch Beine und Hände zu strömen begann. Irgendwann konnte ich aufstehen, dann ein paar Schritte gehen. Ich hörte andere Leute reden, weinen, rufen. Ich rief ebenfalls: „Jolu! Darryl! Vanessa!“ Andere Stimmen im Zellenblock griffen die Rufe auf, riefen ebenfalls Namen, brüllten Obszönitäten. Die Stimmen in der Nähe klangen wie Besoffene, die an der Straßenecke delirierten. Vielleicht klang ich ja auch so.

Wärter brüllten uns zu, wir sollten leise sein, und das machte jeden von uns bloß noch lauter. Bald waren wir alle am Heulen, brüllten uns die Seele aus dem Leib, brüllten, bis die Kehle schmerzte. Warum auch nicht? Was hatten wir noch zu verlieren?

Als sie mich das nächste Mal zum Verhör holten, war ich verdreckt und müde, durstig und hungrig. Frau Strenger Haarschnitt gehörte auch zur neuen Fragerunde, dazu kamen drei große Typen, die mich rumschubsten wie ein Stück Fleisch. Einer war schwarz, die anderen beiden weiß, einer von ihnen könnte aber auch ein Hispanic gewesen sein. Alle trugen sie Waffen. Ich kam mir vor wie in einer Mischung aus Benetton-Werbung und einer Runde Counter-Strike.

Sie hatten mich aus der Zelle geholt und meine Handgelenke und Knöchel zusammengekettet. Während wir gingen, achtete ich auf meine Umgebung. Ich hörte Wasser draußen und dachte, dass wir vielleicht auf Alcatraz waren – immerhin war das ein Gefängnis, wenn es auch schon seit Jahrzehnten als Touristenmagnet diente: Hierher kam man, um zu sehen, wo Al Capone und seine Gangster-Zeitgenossen ihre Zeit abgesessen hatten. Aber nach Alcatraz war ich mal auf einem Schulausflug gekommen. Das war alt und rostig, irgendwie mittelalterlich. Dies hier fühlte sich mehr nach Zweitem Weltkrieg an, nicht nach der Kolonialzeit.

An den Zellentüren gabs Aufkleber mit aufgedruckten Barcodes, auch Nummern, aber sonst keinen Hinweis darauf, wer oder was sich jeweils hinter der Tür befinden mochte.

Der Befragungsraum war modern, mit Neonröhren, ergonomischen Stühlen (aber nicht für mich, ich kriegte einen Garten-Faltstuhl aus Plastik) und einem großen Konferenztisch aus Holz. Ein Spiegel bedeckte eine Wand, wie in den Polizei-Sendungen, und ich schätzte, der eine oder andere würde wohl von der anderen Seite zuschauen. Frau Strenger Haarschnitt und ihre Freunde versorgten sich mit Kaffee aus einer Kanne auf nem Beistelltisch (in dem Moment hätte ich ihr die Kehle mit den Zähnen aufschlitzen können, nur um an ihren Kaffee zu kommen), und dann stellte sie eine Plastiktasse mit Wasser vor mich – ohne meine Hände hinterm Rücken loszubinden, so dass ich nicht drankam. Sehr komisch.

„Hallo, Marcus“, sagte Frau Strenger Haarschnitt. „Wie stehts heute um deine Einstellung?“ Ich sagte kein Wort.

„Weißt du, das hier ist nicht das Schlimmste“, fuhr sie fort. „Besser wirds ab jetzt nie mehr für dich. Selbst wenn du uns jetzt noch sagen solltest, was wir wissen wollen, und selbst wenn uns das davon überzeugt, dass du bloß zur falschen Zeit am falschen Ort warst – jetzt haben wir dich auf dem Radar. Wohin du auch gehst, was immer du tust, wir werden dir dabei zuschauen. Du hast dich benommen, als habest du was zu verbergen. Und so was mögen wir gar nicht.“

So kitschig es klingt: Alles, woran mein Gehirn denken konnte, war dieser Satz „wenn uns das überzeugt, dass du bloß zur falschen Zeit am falschen Ort warst“. Das war das Schlimmste, was mir jemals passiert war. Niemals zuvor hatte ich mich so erbärmlich und ängstlich gefühlt. Diese Wörter, „zur falschen Zeit am falschen Ort“, diese sechs Wörter, sie waren wie ein Rettungsring vor mir, während ich strampelte, um den Kopf über Wasser zu halten.

„Hallo, Marcus?“ Sie schnipste mit den Fingern vor meiner Nase. „Hierher, Marcus.“ Ein kleines Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht, und ich hasste mich dafür, ihr meine Angst gezeigt zu haben. „Marcus, es kann noch viel schlimmer werden als jetzt. Dies ist längst nicht der übelste Ort, an den wir dich bringen können, ganz gewiss nicht.“ Sie griff unter den Tisch und holte eine Aktentasche hervor, die sie aufklappte. Heraus zog sie mein Handy, den RFID-Killer/Kloner, meinen WLAN-Finder und meine Speichersticks. Eins nach dem anderen legte sie auf den Tisch.

„Hör zu, was wir von dir erwarten. Heute entsperrst du dein Telefon für uns. Damit verdienst du dir Frischluft- und Badeprivilegien. Du wirst duschen dürfen und im Innenhof ein paar Schritte gehen. Morgen bringen wir dich wieder her, und dann werden wir dich bitten, die Daten auf diesen Speichersticks zu dechiffrieren. Wenn du das machst, verdienst du dir ein Essen in der Messe. Noch einen Tag später werden wir dich nach deinen E-Mail-Passworten fragen, und das wird dir Bibliotheksprivilegien einbringen.“

Mir lag das Wort Nein auf der Zunge wie ein Rülpser im Entstehen, aber es kam nicht. Stattdessen kam ein

„Warum?“

„Wir müssen sicherstellen, dass du der bist, der du zu sein scheinst. Hier geht es um deine Sicherheit, Marcus. Mag sein, du bist unschuldig. Vielleicht bist du wirklich unschuldig, obwohl mir nicht klar ist, welcher unschuldige Mensch so tut, als ob er so viel zu verbergen hätte. Aber mal angenommen, du bist unschuldig: Du hättest auf dieser Brücke sein können, als sie in die Luft flog. Deine Eltern hätten dort sein können. Deine Freunde. Willst du nicht auch, dass wir die Leute fangen, die deine Heimat angegriffen haben?“

Merkwürdig: Als sie über die „Privilegien“ sprach, die ich mir verdienen könnte, machte mich das so ängstlich, dass ich hätte nachgeben mögen. Ich fühlte mich grade so, als ob ich irgendwas dazu beigetragen hätte, hier zu landen, als ob ich teilweise selbst dran schuld wäre, als ob ich irgendetwas daran ändern könnte.

Aber als sie mit diesem „Sicherheits“-Scheiß anfing, da kam mein Rückgrat zurück. „Hören Sie“, sagte ich, „Sie sprechen darüber, wie meine Heimat angegriffen wird, aber wie ich es sehe, sind Sie die einzigen, die mich in letzter Zeit angegriffen haben. Ich dachte, ich lebe in einem Land mit einer Verfassung. Ich dachte, ich lebe in einem Land, in dem ich Rechte habe. Aber sie reden davon, meine Freiheit zu verteidigen, indem Sie die Bill of Rights zerreißen.“

Ein Hauch von Verstimmung erschien auf ihrem Gesicht und verschwand wieder. „Wie melodramatisch, Marcus. Niemand hat dich angegriffen. Die Regierung deines Landes hat dich in Gewahrsam genommen, während wir den schlimmsten Terroranschlag aufzuklären versuchen, der je auf unserem Staatsgebiet verübt wurde. Es liegt in deiner Macht, uns bei diesem Krieg gegen die Feinde unserer Nation zu unterstützen. Du willst die Bill of Rights erhalten? Dann hilf uns, böse Menschen daran zu hindern, deine Stadt in die Luft zu sprengen. So, und jetzt hast du genau dreißig Sekunden Zeit, dieses Telefon zu entsperren, bevor ich dich in deine Zelle zurückbringen lasse. Wir haben heute schließlich noch eine Menge andere Leute zu befragen.“

Sie blickte auf ihre Uhr. Ich schüttelte meine Handgelenke, schüttelte die Ketten, die mich daran hinderten, herumzugreifen und das Handy zu entsperren. Ja, ich würde es tun. Sie hatte mir den Weg zurück in die Freiheit gezeigt – zurück zur Welt, zu meinen Eltern -, und ich hatte Hoffnung geschöpft. Nun hatte sie gedroht, mich fortzuschicken, ab von diesem Weg; meine Hoffnung war verflogen und alles, woran ich denken konnte, war, wieder auf diesen Weg zurückzugelangen.

Also schüttelte ich meine Handgelenke, um an mein Handy zu gelangen und es für sie zu entsperren, und sie saß bloß da, schaute mich kalt an und guckte auf die Uhr.

„Das Passwort“, sagte ich, als ich endlich begriff, was sie von mir wollte. Sie wollte, dass ich es laut sage, hier, wo sie es aufzeichnen konnte, wo ihre Kumpels es hören konnten. Sie wollte nicht bloß, dass ich das Handy entsperrte. Sie erwartete von mir, dass ich mich ihr unterwerfe. Dass ich mich ihrer Verantwortung unterstellte. Dass ich alle Geheimnisse preisgab, meine gesamte Privatsphäre. „Das Passwort“, sagte ich noch mal, und dann nannte ich ihr das Passwort. Gott steh mir bei, ich hatte mich ihrem Willen unterworfen.

Sie lächelte ein sprödes Lächeln – für diese Eiskönigin war das wohl schon wie ne Engtanzfete -, und die Wachen führten mich weg. Als die Tür zuging, sah ich noch, wie sie sich über mein Handy beugte und das Kennwort eingab.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, auf diese Möglichkeit gefasst gewesen zu sein und ihr ein Pseudo-Kennwort geliefert zu haben, mit dem sie eine völlig unverfängliche Partition meines Handys freigeschaltet hätte; aber so paranoid oder clever war ich damals längst nicht.

An diesem Punkt könntet ihr euch fragen, was für finstere Geheimnisse ich wohl auf meinem Handy, auf den Speichersticks und in meinen E-Mails zu verbergen hatte – immerhin bin ich bloß ein Jugendlicher.

Die Wahrheit lautet: Ich hatte alles zu verbergen und nichts zugleich. Handy und Speichersticks zusammen würden bloß einiges darüber verraten, mit wem ich befreundet war, was ich von diesen Freunden dachte und welche albernen Dinge wir erlebt hatten. Man konnte die Mitschnitte unserer elektronischen Diskussionen nachverfolgen und die elektronischen Ergebnisse, zu denen diese Diskussionen uns geführt hatten.

Wisst ihr, ich lösch einfach nichts. Wozu auch? Speicherplatz ist billig, und man weiß nie, wann man auf die Sachen noch mal zurückkommen mag. Vor allem auf die dummen Sachen. Kennt ihr das Gefühl, wenn man in der U-Bahn sitzt und niemanden zum Quatschen hat, und plötzlich erinnert man sich an irgendeinen heftigen Streit, an irgendwas Fieses, was man mal gesagt hat? Und normalerweise ist das doch nie so übel, wie es einem in der Erinnerung vorkommt. Wenn man dann noch mal die alten Sachen durchgucken kann, hilft das zu merken, dass man doch nicht so ein mieser Typ ist, wie man dachte. Darryl und ich haben auf diese Weise so viele Streitereien hinter uns gebracht, dass ichs gar nicht mehr zählen kann.

Und auch das triffts noch nicht. Ich weiß einfach: Mein Handy ist privat; meine Speichersticks sind privat. Und zwar dank Kryptografie – Texte unleserlich zerhacken. Hinter Krypto steckt solide Mathematik, und jeder hat Zugriff auf dieselbe Krypto, die auch Banken oder die Nationale Sicherheitsbehörde nutzen. Jeder nutzt ein und dieselbe Sorte Krypto: öffentlich, frei und von jedermann benutzbar. Deshalb kann man sicher sein, dass es funktioniert.

Es hat echt was Befreiendes zu wissen, dass es eine Ecke in deinem Leben gibt, die deine ist, die sonst keiner sieht außer dir. Das ist so ähnlich wie nackt sein oder kacken. Jeder ist hin und wieder nackt, und jeder muss mal aufs Klo. Nichts daran ist beschämend, abseitig oder bizarr. Aber was wäre, wenn ich verfügen würde, dass ab sofort jeder, der mal eben ein paar Feststoffe entsorgen muss, dazu in ein Glashäuschen mitten auf dem Times Square gehen muss, und zwar splitterfasernackt?

Selbst wenn an deinem Körper nichts verkehrt oder komisch ist – und wer von uns kann das schon behaupten? -, musst du schon ziemlich schräg drauf sein, um die Idee gut zu finden. Die meisten von uns würden schreiend weglaufen; wir würden anhalten, bis wir platzen.

[x]

Es geht nicht darum, etwas Verwerfliches zu tun. Es geht darum, etwas Privates zu tun. Es geht um dein Leben und dass es dir gehört.

Und das nahmen sie mir jetzt weg, Stück für Stück. Auf dem Weg zurück in die Zelle kam dieses Gefühl wieder auf, es irgendwie verdient zu haben. Mein ganzes Leben lang hatte ich alle möglichen Regeln übertreten und war damit meist durchgekommen. Vielleicht wars ja nur gerecht so? Vielleicht kam jetzt meine Vergangenheit zu mir zurück. Immerhin war ich dort gewesen, wo ich war, weil ich die Schule geschwänzt hatte.

Ich durfte mich duschen. Ich durfte auf den Hof gehen. Man sah ein Fleckchen Himmel oben, und es roch nach Bay Area, aber darüber hinaus hatte ich keinen Schimmer, wo man mich festhielt. Keine anderen Gefangenen waren zu sehen, solange ich mich bewegen durfte, und immer nur im Kreis rumlaufen wurde mir schnell langweilig. Ich bemühte mich, irgendwelche Geräusche aufzuschnappen, die mir Aufschlüsse über diesen Ort geben könnten, aber alles, was ich hörte, war gelegentlicher Fahrzeuglärm, entfernte Unterhaltungen oder mal ein Flugzeug, das in der Nähe landete.

Sie brachten mich in die Zelle zurück und gaben mir was zu essen: eine halbe Peperoni von Goat Hill Pizza. Die kannte ich gut, sie saßen oben auf Potrero Hill. Der Karton mit der vertrauten Gestaltung und der 415er Telefonnummer erinnerte mich daran, dass ich gestern noch ein freier Mensch in einem freien Land gewesen war und heute ein Gefangener. Ich machte mir ständig Sorgen um Darryl und war unruhig wegen meiner anderen Freunde. Vielleicht waren die ja kooperativer gewesen und freigelassen worden. Vielleicht hatten sies schon meinen Eltern erzählt, und die telefonierten jetzt in der Weltgeschichte rum.

Vielleicht auch nicht.

Die Zelle war unglaublich leer, so leer wie meine Seele. Ich stellte mir vor, dass die Wand gegenüber meiner Koje ein Monitor war, dass ich jetzt hacken konnte, dass ich die Zellentür öffnen konnte. Ich träumte von meiner Werkbank und den Projekten, die da auf mich warteten – die alten Dosen, die ich in eine Ghetto-Surroundsound-Anlage verwandeln würde, die Lenkdrachen-Kamera zur Luftbildfotografie, die ich grade baute, meinen Eigenbau-Laptop.

Ich wollte hier raus. Ich wollte heim zu meinen Freunden, in die Schule, zu meinen Eltern; ich wollte mein Leben zurückhaben. Ich wollte gehen können, wohin ich wollte, nicht dazu verdonnert sein, immer nur im Kreis zu laufen.

Als nächstes holten sie sich die Passworte für meine USB-Sticks. Da waren ein paar interessante Nachrichten drauf, die ich aus diversen Diskussionsforen runtergeladen hatte, einige Chat-Mitschriften, so Sachen, wo mir Leute mit ihrer Erfahrung ein bisschen bei den Sachen geholfen hatten, die ich halt so tat. Nichts dabei, was man nicht auch mit Google finden könnte, aber ich nahm nicht an, dass man mir das als mildernde Umstände anrechnen würde.

An diesem Nachmittag bekam ich wieder Bewegung, und dieses Mal waren auch andere im Hof, als ich rauskam: vier Typen und zwei Frauen verschiedensten Alters und ethnischer Zugehörigkeit. Schätze mal, eine Menge Leute taten Dinge, um sich „Privilegien“ zu verdienen.

Sie gaben mir ne halbe Stunde, und ich versuchte, mit dem am normalsten aussehenden Häftling ins Gespräch zu kommen: einem Schwarzen etwa meines Alters mit kurzem Afroschnitt. Aber als ich mich vorstellte und die Hand ausstreckte, drehte er bloß die Augen in Richtung der Kameras, die in den Hofecken angebracht waren, und lief weiter, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

Aber dann, kurz bevor sie meinen Namen ausrufen würden, um mich ins Gebäude zurückzubringen, öffnete sich die Tür, und heraus kam – Vanessa! Nie zuvor war ich so froh gewesen, ein vertrautes Gesicht zu sehen. Sie sah übermüdet, aber nicht verletzt aus, und als sie mich sah, rief sie meinen Namen und rannte auf mich zu. Wir fielen einander um den Hals, und ich merkte, wie ich zitterte. Und sie zitterte ebenfalls.

„Bist du okay?“, fragte sie und betrachtete mich auf Armlänge Abstand.

„Ich bin okay“, entgegnete ich. „Sie sagten, sie würden mich rauslassen, wenn ich ihnen meine Passwörter gebe.“

„Sie fragen mich dauernd über dich und Darryl aus.“ Über Lautsprecher plärrte uns eine Stimme an, mit Reden aufzuhören und weiterzulaufen, aber wir ignorierten sie.

„Antworte ihnen“, sagte ich eilig. „Was auch immer sie fragen, gib ihnen Antwort. Vielleicht bringts dich raus.“

„Wie gehts Darryl und Jolu?“

„Hab sie nicht mehr gesehen.“

Die Tür schwang auf, und vier riesige Wärter stürmten raus. Zwei schnappten mich und zwei Vanessa. Sie zwangen mich zu Boden und drehten meinen Kopf von Vanessa weg, doch ich konnte hören, wie man mit ihr das gleiche machte. Plastikhandschnellen schnappten um meine Handgelenke zu, dann wurde ich auf die Füße gezerrt und in meine Zelle zurückgebracht.

An diesem Abend gab es kein Essen. Am nächsten Morgen gab es kein Frühstück. Niemand kam und brachte mich zum Befragungsraum, um weitere Geheimnisse aus mir rauszupressen. Die Plastikhandschellen bleiben dran, meine Schultern brannten, schmerzten, wurden taub, brannten wieder. In den Händen hatte ich überhaupt kein Gefühl mehr.

Ich musste mal pinkeln. Aber ich konnte die Hose nicht aufmachen. Ich musste richtig, richtig dringend pissen. Ich machte mir in die Hose.

Danach kamen sie, um mich zu holen; als die warme Pisse kalt und klamm geworden war und meine sowieso schon dreckige Jeans an meinen Beinen klebte. Sie holten mich und brachten mich den langen Gang mit den vielen Türen runter, jede Tür ihr eigener Barcode, jeder Barcode ein Gefangener wie ich. Sie brachten mich den Gang runter und ins Befragungszimmer, und es war, als käme ich auf einen anderen Planeten, einen Ort, wo Dinge normal liefen, wo nicht alles nach Urin roch. Ich fühlte mich so dreckig und beschämt, und all die Gefühle, dass ich vielleicht doch verdient hätte, was mit mir geschah, kamen wieder hoch.

Frau Strenger Haarschnitt saß bereits. Sie sah perfekt aus: frisiert und nur ein Hauch Make-up. Ich roch das Zeug, das sie in den Haaren hatte, und sie rümpfte die Nase über mich. Ich fühlte Scham in mir aufsteigen.

„Na, du warst ein sehr ungezogener Junge, nicht wahr? Uhh, was bist du nur für ein schmuddeliger Kerl.“

Ich blickte beschämt zum Tisch. Hochzuschauen ertrug ich nicht. Ich wollte ihr mein E-Mail-Passwort verraten und dann nix wie raus hier.

„Worüber hast du dich mit deiner Freundin im Hof unterhalten?“

Ich lachte kurz in Richtung Tisch. „Ich hab ihr gesagt, sie soll die Fragen beantworten. Dass sie kooperieren soll.“

„Ach, du gibst hier also die Befehle?“

Das Blut pulsierte in meinen Ohren. „Ach Quatsch“, sagte ich, „wir spielen da dieses Spiel, Harajuku Fun Madness. Ich bin der Teamchef. Wir sind keine Terroristen, wir sind bloß Schüler. Ich geb ihr keine Befehle, ich hab ihr bloß gesagt, dass wir ehrlich zu Ihnen sein müssen, damit wir jeden Verdacht ausräumen können und wieder hier wegkommen.“

Für einen Moment sagte sie nichts.

„Wie gehts Darryl?“, fragte ich.

„Wem?“

„Darryl. Sie haben uns zusammen aufgelesen. Mein Freund. Irgendjemand hat ihm in der Station Powell Street einen Messerstich verpasst. Deshalb waren wir ja bloß oben. Um Hilfe für ihn zu holen.“

„Na, dann bin ich sicher, ihm gehts gut“, sagte sie.

Mein Magen verkrampfte sich, fast musste ich würgen. „Sie wissen es nicht? Sie haben ihn nicht hier?“

„Wen wir hier haben und wen nicht, das besprechen wir ganz sicher nicht mit dir, niemals. Das geht dich überhaupt nichts an. Marcus, du hast gesehen, was passiert, wenn du nicht mit uns kooperierst. Und du hast gesehen, was passiert, wenn du unsere Anweisungen missachtest. Du warst ein bisschen kooperativ, und damit hast dus bis fast dahin gebracht, dass wir dich wieder freilassen. Wenn du möchtest, dass diese Möglichkeit Realität wird, dann bleib einfach dabei, meine Fragen zu beantworten.“

Ich sagte nichts.

„Du lernst. Das ist gut. Jetzt bitte deine E-Mail-Passwörter.“

Ich war drauf vorbereitet. Ich gab ihnen alles: Server-Adresse, Login, Passwort. Das war eh egal. Auf meinem Server speicherte ich keine E-Mails. Ich lud sie alle runter und speicherte sie auf dem Laptop daheim, und der saugte und löschte die Mails auf meinem Server im 60-Sekunden-Takt. Aus meinen Mails würden sie nichts erfahren – auf dem Server war nichts mehr, alles nur auf dem Laptop daheim.

Dann zurück in die Zelle; aber sie machten meine Hände frei, ließen mich duschen und gaben mir eine orangefarbene Gefängnishose anzuziehen. Die war mir zu groß und hing mir über die Hüften wie bei einem mexikanischen Gang-Kid in der Mission. Hättet ihr gewusst, dass dieser Sackhosen-überm-Arsch-Look genau daher kommt – aus dem Knast? Und wenn mans nicht als modisches Statement meint, ist es definitiv weniger cool.

Meine Jeans nahmen sie mit, und ich verbrachte einen weiteren Tag in der Zelle. Die Wände bestanden aus Zement, der über ein Stahlgitter gespachtelt war. Das konnte man daran sehen, dass das Gitter rot-orange durch die grüne Wandfarbe schimmerte, weil der Stahl in der Salzluft rostete. Irgendwo hinter diesem Fenster waren meine Eltern.

Am nächsten Tag holten sie mich wieder.

„Wir haben deine Mails jetzt einen Tag lang gelesen. Und wir haben das Passwort geändert, damit dein Computer daheim sie nicht mehr holen kann.“

Na klar hatten sie. Hätte ich auch so gemacht, wenn ichs mir recht überlegte.

„Wir haben jetzt genug gegen dich in der Hand, um dich für lange Zeit wegzusperren, Marcus. Dass du diese Gegenstände besitzt“ – sie wies auf all meine kleinen Spielzeuge -, „die Daten, die wir auf deinem Telefon und den Speichersticks sichergestellt haben, und dann all das subversive Material, das wir zweifellos finden würden, wenn wir deine Wohnung durchsuchen und den Computer mitnehmen würden – das alles reicht, um dich wegzusperren, bis du ein alter Mann bist. Hast du das begriffen?“

Ich glaubte ihr kein Wort. Kein Richter dieser Welt würde in all dem Zeug irgendein Verbrechen sehen. Freie Meinungsäußerung, technische Spielereien – aber kein Verbrechen.

Aber wer sagte denn, dass diese Typen mich vor einen Richter bringen würden? „Wir wissen, wo du wohnst, und wir wissen, wer deine Freunde sind. Wir wissen, wie du handelst und wie du denkst.“ Langsam wurde mir was klar: Sie würden mich rauslassen. Der Raum schien heller zu werden. Ich hörte mich atmen, kurze, flache Atemzüge.

„Da ist nur eine Sache, die wir noch wissen wollen: Wie sind die Bomben auf der Brücke dahin gekommen, wo sie gezündet wurden?“

Ich hörte auf zu atmen. Der Raum wurde wieder dunkel.

„Was?“

„Es waren zehn Sprengsätze auf der Brücke, über die ganze Länge verteilt. In Kofferräumen waren sie nicht. Sie waren dort platziert worden. Aber von wem, und wie sind sie dorthin gekommen?“

„Was?“, wiederholte ich.

„Marcus, dies ist deine letzte Chance“, sagte sie und sah traurig aus dabei. „Bis hierher hast du so gut mitgemacht. Erzähl uns das noch, und du darfst nach Hause gehen. Du kannst dir einen Anwalt besorgen und dich vor einem ordentlichen Gericht verteidigen. Ganz sicher wird es mildernde Umstände geben, die deine Handlungen erklären können. Erzähl uns nur dies noch, und du kannst gehen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden!“ Ich weinte und machte mir nichts draus. Ich flennte Rotz und Wasser. „Ich habe nicht die leiseste Idee, wovon Sie reden!“

Sie schüttelte den Kopf. „Marcus, bitte, lass dir doch helfen. Inzwischen solltest du wissen, dass wir immer bekommen, was wir wollen.“

Irgendwo hinten in meinem Kopf hörte ich merkwürdige Geräusche. Die waren wahnsinnig. Ich nahm mich zusammen und versuchte die Tränen zu unterdrücken. „Hören Sie, das ist doch Irrsinn. Sie waren an meinen Sachen, Sie haben alles gesehen. Ich bin ein siebzehnjähriger Schüler und kein Terrorist. Sie können doch nicht ernsthaft annehmen -“

„Marcus, hast du immer noch nicht begriffen, dass wir ernsthaft sind?“ Sie schüttelte wieder den Kopf. „Du hast ziemlich gute Noten. Ich glaubte, du würdest klüger sein.“ Sie machte eine schnippende Geste, und die Wachen packten mich unter den Armen.

Zurück in der Zelle fielen mir hundert kleine Reden ein. Die Franzosen nennen das „esprit d’escalier“ – den Geist der Treppe, die schlagfertigen Erwiderungen, die dir einfallen, sobald du den Raum verlässt und die Treppe runterschleichst. In Gedanken stand ich da vor ihr und deklamierte meine Texte, sagte ihr, ich sei ein Bürger, der seine Freiheit liebt, weshalb wohl eher ich der Patriot und sie der Verräter sei. In Gedanken beschämte ich sie dafür, mein Land in ein bewaffnetes Lager verwandelt zu haben. In Gedanken war ich beredt und brillant und ließ sie in Tränen aufgelöst zurück.

Aber wisst ihr was? Kein einziges dieser edlen Worte kam mir wieder in den Sinn, als sie mich am nächsten Tag wieder holten. Alles, woran ich denken konnte, war Freiheit. Meine Eltern.

„Hallo, Marcus“, sagte sie. „Wie fühlst du dich?“

Ich schaute zum Tisch. Sie hatte einen ordentlichen Dokumentenstapel vor sich aufgehäuft, und neben ihr stand der unvermeidliche Starbucks-Pappbecher. Irgendwie fand ich das beruhigend, eine Erinnerung daran, dass es irgendwo hinter diesen Mauern noch eine echte Welt gab.

„Für den Moment haben wir die Ermittlungen über dich abgeschlossen.“ Sie ließ den Satz so im Raum stehen. Vielleicht bedeutete es, sie würde mich jetzt rauslassen. Vielleicht bedeutete es, sie würde mich irgendwo in ein Loch werfen und meine Existenz vergessen.

„Und?“, fragte ich schließlich.

„Und ich möchte dir nochmals ins Gedächtnis rufen, dass wir diese Angelegenheit sehr ernst nehmen. Unser Land hat den schlimmsten Terroranschlag aller Zeiten auf seinem Territorium erlebt. Wie viele 11. September willst du uns noch erleiden lassen, bevor du kooperierst? Die Einzelheiten unserer Untersuchungen sind geheim. Wir lassen uns von nichts und niemanden in unserem Bemühen aufhalten, die Urheber dieser abscheulichen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Verstehst du das?“

„Ja“, murmelte ich.

„Wir schicken dich heute nach Hause, aber du bist jetzt ein Gezeichneter. Du bist keineswegs frei von jedem Verdacht – wir lassen dich lediglich frei, weil wir für den Moment keine weiteren Fragen an dich haben. Aber von nun an gehörst du uns. Wir werden dich beobachten. Wir werden nur darauf warten, dass du einen falschen Schritt machst. Begreifst du, dass wir dich rund um die Uhr genauestens überwachen können?“

„Ja“, murmelte ich.

„Gut. Du wirst niemals und mit niemandem darüber reden, was hier passiert ist. Dies ist eine Angelegenheit nationaler Sicherheit. Weißt du, dass auf Verrat in Kriegszeiten immer noch die Todesstrafe steht?“

„Ja“, murmelte ich.

„Guter Junge“, säuselte sie. „Wir haben hier einige Dokumente für dich zur Unterschrift.“ Sie schob den Papierstapel über den Tisch zu mir hin. Kleine Post-its, bedruckt mit „hier unterschreiben“, waren drauf verteilt. Ein Wärter löste meine Handschellen.

Ich blätterte durch die Papiere; meine Augen tränten und mein Kopf brummte. Ich verstand das nicht. Ich versuchte die Paragraphen zu entziffern. Wies aussah, unterschrieb ich eine Erklärung, derzufolge ich mich freiwillig hier hatte festhalten und befragen lassen, ganz aus eigenem freiem Willen.

„Was passiert denn, wenn ich das nicht unterschreibe?“, fragte ich.

Sie zog den Stapel an sich und machte wieder diese schnippende Geste. Die Wachen rissen mich auf meine Füße.

„Warten Sie!“, schrie ich. „Bitte! Ich unterschreibe!“ Sie zerrten mich zur Tür. Alles, was ich sehen konnte, war diese Tür; alles, woran ich denken konnte, wie sie hinter mir zuging.

Ich hatte verloren. Ich weinte. Ich bettelte, die Papiere unterschreiben zu dürfen. Der Freiheit so nah zu sein und sie dann wieder entzogen zu bekommen, das machte mich willens, wirklich alles zu tun. Ich weiß nicht, wie oft ich jemanden hab sagen hören, „eher sterb ich, als dies-und-jenes zu machen“ – ich habs ja selbst oft genug gesagt. Aber in diesem Moment begriff ich erstmals, was das wirklich bedeutete. Ich wäre eher gestorben, als in meine Zelle zurückzugehen.

Ich bettelte, als sie mich auf den Flur rauszogen. Ich sagte ihnen, ich würde alles unterschreiben.

Sie rief den Wachen etwas zu, und sie blieben stehen. Sie brachten mich zurück. Sie setzten mich an den Tisch.

Einer von ihnen gab mir den Stift in die Hand.

Und natürlich unterschrieb ich, und ich unterschrieb, und ich unterschrieb.

Meine Jeans und mein T-Shirt waren in meiner Zelle, gereinigt und zusammengelegt. Sie rochen nach Waschmittel. Ich zog sie an, wusch mir das Gesicht, setzte mich dann auf meine Pritsche und starrte die Wand an. Sie hatten mir alles genommen. Erst meine Privatsphäre, dann meine Würde. Ich war bereit gewesen, wirklich alles zu unterschreiben. Ich hätte sogar unterschrieben, dass ich Abraham Lincoln ermordet hatte.

Ich versuchte zu weinen, aber meine Augen fühlten sich trocken an, keine Tränen mehr da.

Sie holten mich wieder. Ein Wärter kam mit einer Kapuze zu mir, so einer wie der, die ich aufbekommen hatte, als sie uns aufgriffen; wann auch immer das war – vor Tagen, vor Wochen.

Man stülpte die Kapuze über meinen Kopf und zog sie im Nacken eng an. Völlige Dunkelheit umgab mich, und die Luft war stickig und schal. Ich wurde auf meine Füße gestellt und Korridore entlang geführt, Treppen hoch, auf Schotter. Eine Gangway hoch. Aufs Stahldeck eines Schiffs. Meine Hände wurden hinter meinem Rücken an ein Geländer gekettet. Ich kniete mich aufs Deck und horchte auf das Dröhnen der Diesel-Maschinen.

Das Schiff setzte sich in Fahrt. Ein Hauch von Salzluft fand seinen Weg unter der Kapuze hindurch. Es regnete, und meine Klamotten wurden schwer vom Wasser. Ich war draußen, auch wenn mein Kopf noch unter einer Kappe steckte. Ich war draußen, in der Welt, Momente entfernt von meiner Freiheit.

Sie kamen, mich zu holen, führten mich vom Boot runter und über unebenen Grund. Drei Metallstufen hoch. Meine Handfesseln wurden gelöst und die Kapuze entfernt.

Ich war wieder im Truck. Frau Strenger Haarschnitt war auch wieder hier, am selben kleinen Schreibtisch wie zuvor. Sie hatte einen Reißverschlussbeutel bei sich, und darin waren mein Handy und die anderen kleinen Werkzeuge, meine Brieftasche und das Kleingeld aus meinen Taschen. Wortlos reichte sie mir alles.

Ich füllte meine Taschen. Es fühlte sich komisch an, alles wieder am vertrauten Ort zu haben, wieder in meinen vertrauten Klamotten zu stecken. Hinter der Hecktür des Trucks konnte ich die vertrauten Geräusche meiner vertrauten Stadt vernehmen.

Eine Wache reichte mir meinen Rucksack. Die Frau streckte mir ihre Hand entgegen. Ich schaute sie nur an. Sie nahm die Hand wieder runter und lächelte ein schiefes Lächeln. Dann machte sie eine Geste wie das Verschließen ihrer Lippen, zeigte auf mich – und öffnete die Tür.

Draußen wars heller Tag, aber grau und regnerisch. Ich blickte eine Gasse runter auf Autos, LKWs und Räder, die die Straße entlangsausten. Wie angenagelt stand ich auf der obersten Stufe des Trucks und starrte der Freiheit entgegen.

Meine Knie zitterten. Ich wusste jetzt, dass sie wieder mit mir spielten. Im nächsten Moment würden die Wachen mich wieder schnappen und nach drinnen zerren, die Kapuze würde wieder über meinen Kopf gestülpt, und dann würde ich wieder auf dem Boot sein und ins Gefängnis zurückgeschickt werden, zu den endlosen, nicht zu beantwortenden Fragen. Kaum konnte ich mich beherrschen, meine Faust in den Mund zu stecken.

Dann zwang ich mich, eine Stufe runterzusteigen. Noch eine. Die letzte. Meine Turnschuhe knirschten auf dem Zeug auf dem Fußboden, Glasscherben, einer Nadel, Kies. Ich ging einen Schritt. Noch einen. Ich erreichte den Anfang der Gasse und trat auf den Bürgersteig.

Niemand schnappte mich.

Ich war frei.

Dann pressten sich kräftige Arme um mich. Fast begann ich zu weinen.

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