Little Brother – Kapitel 6

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Powell’s Books gewidmet, der legendären „Stadt der Bücher“ in Portland, Oregon. Powell’s ist die größte Buchhandlung der Welt, ein endloses Universum von Papiergerüchen und turmhohen Regalen über mehrere Etagen. Dort stellen sie neue und gebrauchte Bücher in dieselben Regale – das ist etwas, das ich schon immer mochte -, und jedes Mal, wenn ich dort bin, hatten sie einen ordentlichen Berg meiner Bücher vorrätig und waren unglaublich liebenswürdig, wenn es darum ging, meine vorrätigen Bücher zu signieren. Die Angestellten sind freundlich, die Auswahl überwältigend, und es gibt sogar einen Powell’s am Flughafen in Portland, für meinen Geschmack der beste Flughafen-Buchladen der Welt!

Powell’s Books:
http://www.powells.com/cgi-bin/biblio?isbn=9780765319852
1005 W Burnside, Portland, OR 97209 USA +1 800 878 7323

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Ob ihrs glaubt oder nicht, meine Eltern bestanden drauf, dass ich am nächsten Tag zur Schule ging. Erst um drei war ich in fiebrigen Schlaf gefallen, aber um sieben stand mein Dad am Fußende des Bettes und drohte mich an den Knöcheln rauszuziehen. Irgendwie schaffte ichs, aufzustehen – etwas musste in meinem Mund gestorben sein, nachdem es mir die Augenlider zugekleistert hatte – und die Dusche zu finden.

Ich erlaubte meiner Mom, eine Scheibe Toast und eine Banane in mich reinzuzwingen, und wünschte mir nichts mehr, als dass meine Eltern mich daheim mal Kaffee trinken ließen. Ich konnte mir zwar einen auf dem Weg zur Schule besorgen, aber ihnen dabei zuzusehen, wie sie ihr schwarzes Gold schlürften, während ich meinen Hintern durchs Haus schleppte, mich anzog und meine Bücher in die Tasche packte, das war mies.

Ich bin den Weg zur Schule schon tausend Mal gegangen, aber dieses Mal wars anders. Ich ging über die Hügel runter ins Mission-Viertel, und überall waren Trucks. Ich sah, dass an vielen Stoppschildern neue Sensoren und Verkehrsüberwachungskameras installiert waren. Irgendjemand hatte eine Menge Schnüffelzeug rumliegen gehabt und nur auf die erste Gelegenheit gewartet, es installieren zu können. Der Anschlag auf die Bay Bridge war genau das gewesen, was diese Leute brauchten.

Das alles machte die Stadt irgendwie gedämpfter, wie in einem Fahrstuhl, die erhöhte Aufmerksamkeit deiner Nachbarn und die allgegenwärtigen Kameras waren bedrückend.

Der türkische Coffeeshop auf der 24. Straße peppte mich mit einem Türkischen Kaffee zum Mitnehmen auf. Im Grunde ist Türkischer Kaffee Schlamm, der behauptet, Kaffee zu sein. Er ist dickflüssig genug, dass ein Löffel drin stehenbleibt, und hat viel mehr Koffein als Red Bull und diese ganze Kinderbrause. Glaubt es jemandem, der den Wikipedia-Eintrag gelesen hat: Das Ottomanische Reich wurde erobert von wildgewordenen Reitern, die von tödlich-tiefschwarzem Kaffeeschlamm angetrieben waren.

Ich zog meine Kreditkarte zum Zahlen raus und er zog ein Gesicht. „Kein Kredit mehr“, sagte er.

„Was? Warum nicht?“ Meine Kaffeesucht hatte ich beim Türken schon seit Jahren mit der Kreditkarte gezahlt. Er zog mich ständig auf, behauptete, ich sei noch zu jung, das Zeug zu trinken, und weigerte sich komplett, mir während der Unterrichtszeit was zu verkaufen, weil er sicher war, ich würde die Schule schwänzen. Aber im Lauf der Jahre hatten der Türke und ich so eine Art stillschweigendes Einvernehmen entwickelt.

Er schüttelte traurig den Kopf. „Das würdest du nicht verstehen. Geh zur Schule, Junge.“ Der sicherste Weg, mich dazu zu bringen, etwas verstehen zu wollen, ist zu behaupten, das würde ich nicht verstehen. Ich beschwätzte ihn und bestand drauf, dass ers mir erzählte. Erst guckte er, als sei er drauf und dran, mich rauszuwerfen, aber als ich ihn fragte, ob ich ihm als Kunde nicht mehr gut genug sei, taute er auf.

„Sicherheit“, sagte er und schaute über seinen kleinen Laden mit den Packungen voll getrockneter Bohnen und Samen, den Regalen mit türkischem Obst und Gemüse. „Die Regierung. Überwachen jetzt alles; stand in der Zeitung. PATRIOT Act II hat Kongress gestern beschlossen. Jetzt können sie immer sehen, wenn du deine Karte benutzt. Ich sage nein. Ich sage, mein Laden hilft ihnen nicht dabei, meine Kunden auszuschnüffeln.“

Meine Kinnlade klappte runter.

„Denkst du vielleicht, was macht das schon? Wo ist das Problem, wenn Regierung weiß, wann du Kaffee kaufst? Weil sie wissen, wo du bist und wo du warst. Warum denkst du, ich bin aus Türkei fort? Wo Regierung immer das Volk ausspioniert, ist nicht gut. Ich komme vor zwanzig Jahren wegen Freiheit hierher – ich helfe ihnen nicht, Freiheit wegzunehmen.“

„Aber Sie verlieren so viele Kunden“, stammelte ich. Ich wollte ihm sagen, dass er ein Held sei, und seine Hand schütteln, aber nur das kam raus. „Jeder benutzt Kreditkarten.“

„Vielleicht nicht mehr so viel. Vielleicht kommen meine Kunden hierher, weil sie wissen, ich liebe auch Freiheit. Ich mache Schild für Fenster. Vielleicht machen andere Läden auch. Ich höre, ACLU (2) will sie deshalb verklagen.“

(2) American Civil Liberties Union (ACLU), Amerikanische Bürgerrechts-Union, A.d.Ü.

„Ich komm ab jetzt jedenfalls nur noch zu ihnen“, sagte ich und meinte es so. Dann kramte ich in der Hosentasche.

„Oh, ich habe gar kein Geld dabei.“

Er deutete ein Lächeln an und nickte. „Viel Leute sagen dasselbe. Alles gut. Geld von heute kannst du der ACLU geben.“

Binnen zwei Minuten hatten der Türke und ich mehr Worte gewechselt als in all der Zeit, seit ich in seinen Laden kam. Ich hatte nie geahnt, dass er all diese Leidenschaft hatte. Ich hatte ihn immer nur als den freundlichen Koffein-Dealer von nebenan betrachtet. Jetzt schüttelte ich ihm die Hand und verließ den Laden. Ich hatte das Gefühl, er und ich seien nun ein Team. Ein geheimes Team.

Ich hatte zwei Tage Schule verpasst, aber anscheinend hatte ich nicht viel Unterricht verpasst. An einem der Tage, als die Stadt mühsam wieder zur Besinnung kam, hatten sie die Schule geschlossen. Am nächsten Tag hatten sie sich, wies schien, ausschließlich damit beschäftigt, um diejenigen von uns zu trauern, die vermisst wurden und wahrscheinlich tot waren. Die Zeitungen veröffentlichten Biografien der Vermissten und persönliche Erinnerungen. Das Web war voll mit Tausenden solcher Nachrufhülsen.

Blöderweise war ich einer von diesen Leuten. Kaum kam ich ahnungslos auf den Schulhof, war ein Schrei zu hören und sofort standen hundert Leute um mich rum, klopften mir auf die Schultern, schüttelten meine Hand. Ein paar Mädchen, die ich nicht mal kannte, küssten mich, und das waren nicht bloß freundschaftliche Küsse. Ich fühlte mich wie ein Rockstar.

Meine Lehrer waren kaum zurückhaltender. Ms. Galvez weinte fast so sehr wie meine Mutter und umarmte mich drei Mal, bevor sie mich an meinen Platz gehen ließ. Da war was Neues vorn im Klassenzimmer. Eine Kamera. Ms. Galvez sah, wie ich dorthin starrte, und gab mir eine Einverständniserklärung auf kopiertem, verschmiertem Schulbriefpapier.

Die übergeordnete Schulbehörde des Bezirks San Francisco hatte übers Wochenende eine Dringlichkeitssitzung einberufen und einstimmig beschlossen, von den Eltern jedes Schülers in der Stadt das Einverständnis einzuholen, in jeder Klasse und jedem Flur Überwachungskameras zu installieren.

Das Gesetz besagte zwar, dass man uns nicht zwingen konnte, eine komplett überwachte Schule zu besuchen, aber davon, dass wir unsere verfassungsmäßigen Rechte auch freiwillig aufgeben könnten, stand nichts drin. In dem Brief hieß es, dass die Behörde sicher sei, das Einverständnis aller Eltern der Stadt zu erhalten, dass man es aber auch einrichten wolle, Kinder nicht damit einverstandener Eltern in „ungeschützten“ Klassenzimmern zu unterrichten.

Warum hatten wir jetzt Kameras in den Klassenzimmern? Terroristen, na klar. Weil sie damit, dass sie eine Brücke sprengten, angedeutet hatten, dass als Nächstes Schulen an der Reihe waren. Jedenfalls war das die Erkenntnis, zu der die Behörde gelangt war.

Ich las die Mitteilung drei Mal durch und hob dann die Hand.

„Ja, Marcus?“

„Ms. Galvez, eine Frage zu dieser Mitteilung.“

„Was denn, Marcus?“

„Geht es denn bei Terrorismus nicht darum, uns Angst zu machen? Das ist doch, warum es Terrorismus heißt, oder?“

„Ich glaube schon.“ Die Klasse starrte mich an. Ich war nicht der beste Schüler dieser Schule, aber ich liebte anständige Diskussionen in der Klasse. Die anderen warteten gespannt drauf, was ich als Nächstes sagen würde.

„Tun wir dann also nicht genau das, was die Terroristen von uns erwarten? Die haben doch gewonnen, wenn wir völlig panisch sind und Kameras in Klassenräumen installieren und all so was, oder?“

Nervöses Tuscheln. Einer der anderen hob die Hand. Es war Charles. Ms. Galvez rief ihn auf.

„Kameras zu installieren macht uns sicherer, und das macht uns weniger ängstlich.“

„Sicher wovor?“, fragte ich, drauf zu warten, aufgerufen zu werden.

„Terrorismus“, sagte Charles. Die anderen nickten mit den Köpfen.

„Aber wie denn? Wenn hier ein Selbstmordattentäter reinrauschen und uns alle hochjagen würde …“

„Ms. Galvez, Marcus verletzt die Schulregeln. Wir sollen doch keine Witze über Terroranschläge machen.“

„Wer macht hier Witze?“

„Vielen Dank, ihr beiden“, sagte Ms. Galvez. Sie sah ziemlich unglücklich aus, und es tat mir ein bisschen Leid, ihren Unterricht dafür beansprucht zu haben. „Ich denke, das ist eine wirklich interessante Diskussion, aber ich möchte sie auf später vertagen. Ich glaube, diese Dinge sind noch zu gefühlsbeladen, als dass wir sie heute schon diskutieren sollten. Jetzt also bitte zurück zu den Suffragisten, ja?“

Also verwendeten wir den Rest der Stunde darauf, über die Suffragisten zu sprechen und über die neuen Lobbyismus-Strategien, die sie entwickelt hatten: Wie sie vier Frauen ins Büro jedes einzelnen Kongressabgeordneten geschickt hatten, um ihm klarzumachen, was es für seine politische Zukunft bedeuten würde, wenn er Frauen auch weiterhin das Wahlrecht verweigern sollte.

Normalerweise mochte ich solche Sachen – kleine Leute, die die Großen, Mächtigen dazu brachten, ehrlich zu sein. Aber heute konnte ich mich nicht konzentrieren. Das musste an Darryls Fehlen liegen. Wir mochten Gesellschaftskunde beide gern, und wir hatten immer binnen Sekunden unsere SchulBooks draußen und eine Messaging-Session laufen, unseren Rückkanal, um über den Unterricht zu reden.

Ich hatte in der Nacht zuvor zwanzig ParanoidXbox-Scheiben gebrannt und hatte sie alle in meiner Tasche. Die gabe ich Leuten, von denen ich wusste, dass sie harte Spieler waren. Sie hatten alle letztes Jahr eine Xbox Universal oder zwei bekommen, aber die meisten hatten irgendwann aufgehört, sie zu benutzen. Die Spiele waren ziemlich teuer und nicht sonderlich gut.

Ich nahm sie zwischen zwei Unterrichtsblöcken, beim Mittagessen oder im Studienraum beiseite und schwärmte ihnen in höchsten Tönen von ParanoidXbox-Spielen vor. Gratis und gut – Gemeinschaftsspiele mit Suchtpotenzial, bei denen man mit lauter coolen Leuten rund um die Welt spielte.

Etwas zu verschenken, um was anderes zu verkaufen, ist ein Rasierklingen-Geschäftsmodell – Firmen wie Gillette geben dir Rasierer gratis, um dir dann mit den teuren Klingen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Druckertinte ist da am schlimmsten – der teuerste Champagner der Welt ist billig im Vergleich zu Druckertinte, die zudem in der Herstellung lachhaft billig ist.

„Rasierklingen“-Firmen leben davon, dass du die „Klingen“ nirgendwo anders bekommst. Denn wenn Gillette neun Dollar an einer Zehn-Dollar-Ersatzklinge verdient, was liegt dann näher, als einen Wettbewerber zu gründen, der an einer identischen Klinge nur vier Dollar verdient? So eine 80-Prozent-Verdienstspanne ist etwas, das einen typischen Businesstypen ganz schon nervös macht.

Deshalb geben sich Rasierklingen-Firmen wie Microsoft so viel Mühe, es schwierig und/oder illegal zu machen, ihnen mit ihren Klingen Konkurrenz zu machen. In Microsofts Fall hatte jede Xbox einige Abwehrmechanismen eingebaut, die dich davon abhalten sollten, Software von Leuten drauf laufen zu lassen, die noch kein Blutgeld an Microsoft gezahlt hatten für das Recht, Xbox-Programme zu verkaufen.

Die Leute, die ich traf, dachten über so was nicht groß nach. Aber sie wurden hellhörig, als ich ihnen erzählte, dass die Spiele nicht kontrolliert wurden. Heutzutage ist jedes Online-Spiel voll mit allen möglichen unappetitlichen Typen. Zum einen gibt’s die Perversen, die dich in irgendwelche abgelegenen Ecken zu locken versuchen, um dann bizarre Schweigen-der-Lämmer-Spielchen mit dir zu spielen. Dann sind da Bullen, die sich als naive Kiddies ausgeben, um die Perversen hochnehmen zu können.

Aber am schlimmsten sind diese Kontrolleur-Typen, die nichts anderes zu tun haben, unsere Diskussionen auszuhorchen und uns zu verpetzen, weil wir ihre Geschäftsbedingungen verletzt haben, in denen Flirten, Fluchen und „Sprache, die offen oder verdeckt dazu geeignet ist, jedweden Aspekt von sexueller Orientierung oder Sexualität herabzuwürdigen“ streng verboten sind.

Ich bin nicht rund um die Uhr auf Sex fixiert, aber ich bin ein siebzehnjähriger Junge. Natürlich redet man dann und wann über Sex. Aber wehe, man redet im Chat während des Spielens drüber – dann ist sofort die Luft raus. Die ParanoidXbox-Spiele kontrollierte niemand, denn die wurden nicht von einer Firma betrieben; das waren bloß Spiele, die Hacker so zum Spaß geschrieben hatten.

Deshalb fanden diese Hardcore-Spieler die Nummer klasse. Sie nahmen die Scheiben liebend gern und versprachen, Kopien für all ihre Freunde zu brennen – Spiele machen nun mal den meisten Spaß, wenn du sie mit deinen Kumpels spielst.

Als ich heim kam, las ich, dass eine Gruppe von Eltern wegen der Überwachungskameras in den Klassenzimmern gegen die Schulbehörde klagte, aber dass sie mit ihrem Versuch, eine einstweilige Verfügung dagegen zu erwirken, bereits gescheitert waren.

Ich weiß nicht mehr, wer sich den Namen Xnet ausdachte, aber er blieb hängen. Man konnte die Leute im Nahverkehr drüber reden hören. Van rief mich an, um zu fragen, ob ich schon davon gehört hatte, und ich verschluckte mich fast, als ich begriff, worüber sie redete: Die Scheiben, die ich letzte Woche zu verteilen begonnen hatte, waren so oft kopiert und weitergereicht worden, dass sies in der Zeit ganz bis Oakland geschafft hatten. Machte mich etwas nervös – als ob ich eine Regel gebrochen hatte, und jetzt würde das DHS kommen und mich für immer wegsperrren.

Es waren harte Wochen. In der BART konnte man jetzt überhaupt nicht mehr bar bezahlen, sie hatten dafür „kontaktlose“ RFID-Karten eingeführt, die man an den Drehkreuzen rumwedelte, um durchzukommen. Die waren zwar cool und bequem, aber jedes Mal, wenn ich sie benutzte, dachte ich daran, wie man mich damit tracken konnte. Jemand postete im Xnet einen Link zu einem Infopapier der Electronic Frontier Foundation über die Möglichkeiten, mit diesen Dingern Bewegungsprofile von Menschen zu erstellen, und das Dokument enthielt einige winzige Meldungen über kleine Gruppen von Leuten, die an BART-Stationen demonstriert hatten.

Das Xnet nutzte ich jetzt für so ziemlich alles. Ich hatte mir eine Tarn-E-Mail-Adresse über die Piratenpartei eingerichtet, eine politische Partei in Schweden, die Internetüberwachung hasste und versprach, Mailaccounts bei ihr vor jedermann geheim zu halten, auch vor den Bullen. Ich griff darauf ausschließlich via Xnet zu, zappte von der Internetverbindung des einen Nachbarn zu der des nächsten und blieb dabei – hoffentlich – auf der ganzen Strecke bis Schweden anonym.

Ich war nicht mehr w1n5ton; wenn Benson dahinter kommen konnte, dann konnte das jeder. Mein neues, spontan ausgedachtes Alias war M1k3y, und ich bekam eine Menge E-Mails von Leuten, die in Chats und Foren gehört hatten, dass ich ihnen dabei helfen konnte, Probleme beim Einrichten und Verbinden mit dem Xnet zu lösen.

Harajuku Fun Madness fehlte mir. Die Firma hatte das Spiel für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Sie sagten, es sei „aus Sicherheitsgründen“ keine gute Idee, Dinge zu verstecken und Leute loszuschicken, um sie zu finden. Wenn nun jemand dachte, das sei eine Bombe? Oder wenn jemand wirklich eine Bombe an derselben Stelle versteckte?

Wenn ich nun vom Blitz getroffen wurde, während ich mit einem Regenschirm unterwegs war? Verbietet Regenschirme! Kampf der Bedrohung durch Blitze!

Meinen Laptop benutzte ich weiter, aber ich hatte ein ungutes Gefühl dabei. Wer auch immer ihn angezapft hatte, würde sich wundern, warum ich ihn nicht mehr benutzte. Also surfte ich planlos damit herum, jeden Tag ein bisschen weniger, damit jeder Beobachter sehen würde, dass sich meine Gewohnheiten allmählich änderten und nicht von jetzt auf gleich. Hauptsächlich las ich diese grausamen Nachrufe – all die Tausende Freunde und Nachbarn, die nun tot am Grunde der Bay lagen.

Um ehrlich zu sein: Hausaufgaben machte ich jeden Tag wirklich weniger. Ich hatte andere Dinge zu tun. Jeden Tag brannte ich einen neuen Stapel ParanoidXbox-DVDs, fünfzig oder sechzig, und verteilte sie in der Stadt an Leute, von denen ich gehört hatte, dass sie bereit waren, auch wieder sechzig zu brennen und an ihre Freunde weiterzugeben.

Allzu viel Angst, deshalb geschnappt zu werden, hatte ich nicht, weil ich gute Krypto auf meiner Seite hatte. „Krypto“ bedeutet Kryptografie oder „geheimes Schreiben“, und es gab sie schon seit den alten Römern (wortwörtlich: Caesar Augustus war ein großer Fan und erfand gern seine eigenen Codes, von denen wir heute noch welche verwenden, um lustige Betreffzeilen in E-Mails zusammenzuwürfeln).

Krypto ist Mathematik. Höhere Mathematik. Ich werde erst gar nicht versuchen, sie im Detail zu erklären, denn in Mathe bin ich dafür nicht gut genug – wenn ihrs wirklich wissen wollt, schlagt in der Wikipedia nach.

Aber hier ist die Kurzfassung: Es gibt mathematische Berechnungen, die in die eine Richtung sehr leicht sind, aber in die entgegengesetzte Richtung unheimlich schwierig. Es ist zum Beispiel leicht, zwei große Primzahlen zu multiplizieren und als Ergebnis eine gigantisch große Zahl zu bekommen. Aber es ist unglaublich schwierig, für eine gegebene gigantisch große Zahl die Primzahlen zu ermitteln, deren Produkt sie ist.

Das bedeutet: wenn du einen Weg findest, einen Text unleserlich zu machen, der darauf beruht, große Primzahlen zu multiplizieren, dann wird es knifflig sein, das Ergebnis wieder leserlich zu machen, ohne diese Primzahlen zu kennen. Verdammt knifflig. So knifflig, dass alle jemals gebauten Computer rund um die Uhr daran arbeiten könnten und doch in einer Bilion Jahren noch nicht damit fertig wären.

Jede Krypto-Botschaft besteht aus vier Teilen: der ursprünglichen Botschaft, dem sogenannten Klartext. Dem unleserlichen oder „chiffrierten“ Text. Dem Buchstaben-Vermengungssystem, genannt „Chiffre“. Und schließlich dem Schlüssel: geheimem Zeug, das man mit dem Klartext in die Chiffre einspeist, um chiffrierten Text zu erhalten.

Früher mal versuchten Krypto-Leute, alle diese Bestandteile geheim zu halten. Jede Behörde und Regierung hatte ihre eigenen Chiffren und ihre eigenen Schlüssel. Die Nazis und die Alliierten wollten nicht, dass die jeweils Anderen wussten, wie sie ihre Nachrichten vermengten, und schon gar nicht, dass sie die Schlüssel kannten, mit denen man die Nachrichten wieder leserlich machen konnte. Klingt ja auch logisch, oder?

Falsch.

Als mir das erste Mal jemand von diesem Primfaktorierungs-Zeug erzählte, sagte ich sofort: „Was soll der Scheiß? Okay, klar ist es schwierig, diese Primfaktorierungs-Berechnungen anzustellen, oder was auch immer es genau ist. Aber es war auch mal unmöglich, auf den Mond zu fliegen oder eine Festplatte mit mehr als ein paar Kilobyte Speicherplatz zu kaufen. Irgendjemand muss einen Weg gefunden haben, die Nachrichten wieder zu entschlüsseln.“

Ich stellte mir vor, wie in einem ausgehöhlten Berg lauter Mathematiker der Nationalen Sicherheitsbehörde jede E-Mail der Welt lasen und sich eins kicherten.

Und tatsächlich ist ziemlich genau das während des Zweiten Weltkriegs passiert. Deshalb ist das Leben ja auch nicht so wie in Schloss Wolfenstein, wo ich viele Tage damit verbracht hatte, Nazis zu jagen.

Das Ding ist: Chiffren lassen sich ganz schwer geheim halten. Eine Menge Mathe wird auf jede einzelne verwendet, und wenn sie weit verbreitet sind, dann muss jeder, der sie benutzt, sie ebenfalls geheim halten, und wenn jemand die Seiten wechselt, muss man eine neue Chiffrierung austüfteln.

Die Nazi-Chiffre hieß Enigma, und sie verwendeten einen kleinen mechanischen Rechner, die Enigma-Maschine, um ihre Botschaften zu ver- und entschlüsseln. Jedes U-Boot, jedes Schiff und jede Funkstation brauchte so eine Maschine, deshalb war es unvermeidlich, dass den Alliierten irgendwann eine in die Hände fiel.

Und als sie sie hatten, knackten sie sie. Diese Aufgabe lösten sie unter Führung meines größten Helden, eines Typen namens Alan Turing – praktisch der Erfinder des Computers, wie wir ihn heute kennen. Sein Pech war, dass er schwul war; deshalb zwang die dämliche britische Regierung ihn nach Kriegsende zu einer Hormontherapie, die seine Homosexualität „heilen“ sollte, und daraufhin brachte er sich um.

Darryl hatte mir eine Biografie von Turing zu meinem 14. Geburtstag geschenkt – in zwanzig Schichten Papier eingewickelt und in einem recycelten Spielzeug-Batmobil versteckt, das war Darryls Art, was zu verpacken -, und seither war ich ein Turing-Junkie.

Jedenfalls hatten die Alliierten jetzt also die Enigma-Maschine, und sie konnten eine Menge Nazi-Funksprüche abfangen; aber das hätte noch kein Problem sein dürfen, denn jeder Kapitän hatte ja seinen eigenen geheimen Schlüssel. Und weil die Alliierten die Schlüssel nicht hatten, hätte die Maschine ihnen noch nichts nützen dürfen.

Aber jetzt kommt der Punkt, an dem Geheimniskrämerei der Krypto schadet: Die Enigma-Chiffre war fehlerhaft. Als Turing sie sich näher anschaute, entdeckte er, dass die Nazi-Kryptografen einen mathematischen Fehler gemacht hatten. So konnte Turing nur dadurch, eine Enigma-Maschine in die Hände zu bekommen, austüfteln, wie man jede Nazi-Botschaft knacken konnte, egal welchen Schlüssel sie verwendeten.

Deshalb verloren die Nazis den Krieg. Nicht dass ihr das falsch versteht: Das ist eine gute Nachricht. Glaubt es einem Schloss-Wolfenstein-Veteranen: Ihr würdet es nicht mögen, wenn Nazis das Land regierten.

Nach dem Krieg dachten Kryptografen lange über diese Sache nach. Das Problem war gewesen, dass Turing klüger war als der Typ, der sich Enigma ausgedacht hatte. Jedes Mal, wenn du eine Chiffre hattest, warst du anfällig dafür, dass jemand, der klüger war als du, einen Weg fand, sie zu knacken.

Und je länger sie drüber nachdachten, desto mehr wurde ihnen klar, dass sich zwar jeder ein Sicherheitssystem ausdenken kann, das er selbst nicht knacken könnte. Aber niemand kann vorher wissen, was ein klügerer Mensch damit machen könnte.

Also musst du eine Chiffre veröffentlichen, um zu wissen, ob sie funktioniert. Du musst so vielen Leuten wie möglich sagen, wie sie funktioniert, damit sie mit all ihren Mitteln darauf los gehen und ihre Sicherheit auf die Probe stellen können. Je länger sie hält, ohne dass jemand einen Schwachpunkt findet, desto sicherer bist du.

Und so siehts heute aus. Wenn du auf Nummer Sicher gehen willst, dann verwendest du keine Krypto, die sich irgendein Genie letzte Woche ausgedacht hat. Du verwendest lieber das Zeug, das schon so lange wie möglich im Umlauf ist, ohne dass schon jemand einen Weg gefunden hätte, es zu knacken. Ob du ne Bank bist, ein Terrorist, eine Regierung oder ein Teenager, ihr benutzt alle dieselben Chiffren.

Wenn du also versuchen würdest, deine eigene Chiffre zu verwenden, dann wäre es ziemlich wahrscheinlich, dass irgendwer da draußen schon den Schwachpunkt gefunden hat, den du übersehen hast, und dass er dich drankriegt wie damals Turing; der könnte dann all deine „geheimen“ Botschaften lesen und sich über dein dummes Geschwätz, deine Geldgeschäfte und deine militärischen Geheimnisse amüsieren.

Deshalb wusste ich, dass Krypto mich vor Mithörern schützte; aber auf Histogramme war ich nicht vorbereitet.

[x]

Ich stieg aus der BART und schwenkte meine Karte über dem Drehkreuz, rauf zur Station 24. Straße. Wie üblich hingen etliche Bekloppte in der Haltestelle ab, Betrunkene, Jesus-Freaks, finstere Mexikaner, die auf den Boden starrten, und ein paar Gang-Kids. Ich guckte stur an ihnen vorbei, als ich zur Treppe ging und dann nach oben joggte. Meine Tasche war jetzt leer, nicht mehr übervoll mit den ParanoidXbox-Scheiben, die ich verteilt hatte, und das nahm den Druck von den Schultern und beflügelte meinen Gang, als ich raus auf die Straße kam. Die Prediger waren immer noch bei ihrer Arbeit, uns auf Spanisch und Englisch über Jesus etcetera zu belehren.

Die Verkäufer mit ihren gefälschten Sonnenbrillen waren weg, aber ihren Platz hatten Typen mit Roboterhunden im Angebot eingenommen, die die Nationalhymne bellten und ihr Beinchen hoben, wenn man ihnen ein Foto von Osama bin Laden zeigte. Wahrscheinlich ging in deren kleinen Gehirnen ein bisschen was Interessantes vor, und ich nahm mir vor, später ein paar davon zu kaufen und sie zu zerlegen. Gesichtserkennung war in Spielzeugen noch ziemlich neu; sie war erst kürzlich vom Militärsektor zuerst zu Casinos auf der Suche nach Betrügern und zur Strafverfolgung gelangt.

Ich machte mich auf den Weg die 24. Straße runter Richtung Potrero Hill und heim, rollte meine Schultern, sog die Burrito-Gerüche ein, die aus den Restaurants drangen, und dachte ans Abendessen.

Keine Ahnung, warum ich zufällig mal über die Schulter schaute, jedenfalls tat ichs. Vielleicht wars ein bisschen unterbewusstes Sechster-Sinn-Zeug. Ich wusste einfach, dass mir jemand folgte.

Es waren zwei stämmige weiße Typen mit kleinen Schnurrbärten, die mich an Bullen und an die schwulen Biker erinnerten, die durch Castro rauf- und runterrollten, aber Schwule hatten normalerweise stylischere Frisuren. Sie trugen Blousons in der Farbe von kaltem Zement und Jeans, und man konnte ihre Hüften nicht sehen. Ich dachte an all die Dinge, die ein Bulle an seiner Hüfte tragen könnte, an den Werkzeuggürtel, den der DHS-Typ im Truck umhatte. Beide Kerle trugen Bluetooth-Sprechgarnituren.

Ich ging weiter, aber mein Herz klopfte wie wild. Ich hatte damit gerechnet, seit ich angefangen hatte. Ich hatte damit gerechnet, dass das DHS rauskriegen würde, was ich tat. Ich war so vorsichtig wie nur möglich, aber hatte Frau Strenger Haarschnitt nicht gesagt, sie würde mich unter Beobachtung halten? Sie hatte mir gesagt, ich sei nun ein gezeichneter Mann. Mir wurde klar, dass ich tatsächlich drauf gewartet hatte, hopsgenommen und ins Gefängnis gesteckt zu werden. Warum auch nicht? Warum sollte Darryl im Knast sein und ich nicht? Was sprach schon für mich? Ich hatte noch nicht mal den Mumm gehabt, meinen Eltern – oder seinen – zu erzählen, was mit uns tatsächlich passiert war.

Ich legte einen Zahn zu und machte in Gedanken Inventur. Nein, ich hatte nichts Verdächtiges in meiner Tasche. Na ja, nichts allzu Verdächtiges. Auf meinem SchulBook lief der Crack, der mir Messaging und das Zeug ermöglichte, aber die Hälfte der Leute in der Schule hatte das. Und ich hatte die Verschlüsselung auf meinem Telefon geändert – jetzt hatte ich wirklich eine Pseudo-Partition, die ich mit einem einzelnen Passwort in Klartext umwandeln konnte, aber das gute Zeug war nicht da drauf, sondern erforderte ein weiteres Passwort, um es zugänglich zu machen. Dieser versteckte Teil sah wie Datenmüll aus – wenn du Daten verschlüsselst, kann man sie nicht mehr von zufälligem Rauschen unterscheiden -, und sie wüssten noch nicht mal, dass es ihn gab.

Es waren keine Scheiben mehr in meiner Tasche. Mein Laptop war frei von jeglichem belastenden Material. Wenn sie sich natürlich meine Xbox genauer ansahen, dann war das Spiel aus, sozusagen.

Ich blieb stehen, wo ich war. Ich hatte mich bedeckt gehalten, so gut ich eben konnte. Jetzt wars Zeit, dem Schicksal ins Auge zu blicken. Ich ging in den nächsten Burrito-Laden und bestellte einen mit Carnitas – gehacktem Schweinefleisch – und extra Salsa. Wenn schon untergehen, dann zumindest mit vollem Magen. Außerdem nahm ich einen Kübel Horchata, ein eiskaltes Reisgetränk, so ähnlich wie wässrig-süßlicher Reispudding (besser, als es klingt).

Ich setzte mich hin zum Essen, und ich wurde ganz ruhig. Entweder kam ich nun ins Gefängnis für meine „Verbrechen“ oder auch nicht. Meine Freiheit war, seit sie mich festgehalten hatten, ein vorübergehender Urlaub gewesen. Mein Land war nun nicht mehr mein Freund: Wir standen auf verschiedenen Seiten, und ich hatte gewusst, dass ich niemals gewinnen konnte.

Die zwei Typen kamen ins Restaurant, als ich grade mit dem Burrito fertig war und Churros zum Nachtisch bestellen wollte – frittierten Teig mit Zimtzucker. Schätze mal, die hatten draußen gewartet und waren von meiner Bummelei angenervt.

Sie stellten sich hinter mir an den Tresen und nahmen mich in die Zange. Ich bekam meinen Churro von der hübschen Bedienung und bezahlte, dann biss ich erst noch ein paar Mal ab, bevor ich mich umdrehte. Ich wollte zumindest ein bisschen was von meinem Dessert essen, schließlich könnte es das letzte für lange, lange Zeit sein.

Dann drehte ich mich um. Sie waren beide so dicht, dass ich den Pickel auf der Wange des Typen links sehen konnte und den kleinen Popel in der Nase des anderen.

„Schuldigung“, sagte ich und versuchte an ihnen vorbeizudrängen. Der mit dem Popel stellte sich mir in den Weg.

„Würden Sie bitte mit uns dorthin kommen?“, sagte er und wies in Richtung der Restauranttür.

„Tut mir Leid, ich ess noch“, sagte ich und bewegte mich wieder. Diesmal legte er seine Hand auf meine Brust. Er atmete schnell durch seine Nase, was den Popel wackeln ließ. Ich glaube, ich atmete auch schnell, aber das ging unter im Hämmern meines Herzens.

Der andere schlug eine Flappe an seiner Windjacke runter, was ein SFPD-Wappen zum Vorschein brachte. „Polizei“, sagte er. „Bitte kommen Sie mit uns.“

„Kann ich eben noch meine Sachen holen?“, entgegnete ich.

„Darum kümmern wir uns“, sagte er. Popel trat noch einen Schritt näher und brachte seinen Fuß an die Innenseite von meinem. In manchen Kampfsportarten macht man das auch so. Dann kann man spüren, ob der andere sein Gewicht verlagert und eine Bewegung vorbereitet.

Doch ich würde nicht weglaufen. Ich wusste, meinem Schicksal konnte ich nicht davonlaufen.

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