Little Brother – Kapitel 3

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Borderlands Books gewidmet, San Franciscos großartiger unabhängiger Science-Fiction-Buchhandlung. Borderlands liegt ziemlich genau gegenüber der fiktiven Cesar Chavez Highschool, die in „Kleiner Bruder“ beschrieben ist, und ihren Ruf hat sie nicht nur wegen fantastischer Events, Signierstunden, Buchclubs und derlei, sondern auch wegen der erstaunlichen haarlosen ägyptischen Katze namens Ripley, die sich wie ein schnurrender Drache auf dem Computer vorn im Laden zu räkeln pflegt.

Borderlands ist die wohl freundlichste Buchhandlung, die man sich nur wünschen kann, voll mit lauter kuschligen Ecken zum Sitzen und Lesen und mit unglaublich kompetenten Angestellten, die alles wissen, was es über Science Fiction zu wissen gibt. Besser noch: Sie nehmen gern telefonisch oder per Internet Bestellungen für mein Buch entgegen, halten es vor, bis ich mal vorbeikomme, um es zu signieren, und versenden es dann innerhalb der USA kostenfrei!

Borderlands Books:
http://www.borderlands-books.com/
866 Valencia Ave, San Francisco CA USA 941 10 +1 888 893 4008

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Auf dem Weg zur Powell Street BART kamen wir auf der Straße an enorm vielen Leuten vorbei. Sie rannten oder gingen, bleich und stumm oder panisch und schreiend. Obdachlose kauerten sich in Hauseingänge und beobachteten alles, während eine große farbige Transen-Hure zwei schnurrbärtigen jungen Männern etwas zurief.

Je näher wir der BART kamen, desto heftiger wurde das Gedränge. Bis wir an der Treppe zur Station runter angekommen waren, hatte es sich zum Mob entwickelt – ein unabsehbares Gewimmel von Menschen, die alle zur schmalen Treppe runterdrängten. Mein Gesicht wurde in den Rücken meines Vordermanns gepresst, jemand anderer rammte in meinen Rücken.

Darryl war immer noch neben mir – er war groß genug, um nicht so leicht umgeschubst zu werden -, und Jolu folgte ihm oder hing vielmehr an seiner Hüfte. Vanessa sah ich ein paar Meter entfernt, von anderen Leuten eingezwängt.

„Fick dich selbst!“, hörte ich sie schreien. „Perverser! Nimm die Pfoten weg!“ Gegen den Druck der Massen drehte ich mich zu Van um und sah, wie sie einen älteren Kerl im feinen Anzug mit Abscheu musterte, der sie anzugrinsen schien. Sie kramte in ihrer Tasche, und ich wusste, was sie suchte.

„Nicht das Tränengas!“, brüllte ich über den Lärm hinweg. „Du erwischst uns alle mit.“

Als er „Tränengas“ hörte, sah der Typ plötzlich ängstlich aus und versuchte nach hinten zu entwischen, während ihn die Menge weiter nach vorn drängte.

Vor mir sah ich, wie eine Frau mittleren Alters im Hippie-Dress zusammensackte und stürzte. Sie schrie auf, als sie fiel, und ich sah, wie sie sich bemühte, wieder auf die Beine zu kommen, aber vergeblich: Das Drängen der Masse war zu heftig. Als ich mich ihr näherte, bückte ich mich, um ihr aufzuhelfen, und wurde fast selbst umgeworfen. Am Ende trat ich ihr in den Unterleib, als die Menschenmenge mich an ihr vorbeischob; aber ich glaube, da war sie schon nicht mehr in einem Zustand, in dem sie noch irgendwas spürte.

Ich hatte Angst wie noch niemals zuvor. Überall war Gebrüll, mehr Körper lagen am Boden, und der Druck von hinten war so unnachgiebig wie von einem Bulldozer. Nur auf meinen Füßen bleiben – das war alles, worum es jetzt noch ging.

Wir erreichten die offene Bahnhofshalle mit den Drehkreuzen. Dort war’s kaum besser – in dem umschlossenen Raum hallten die Stimmen um ums herum wie Echos und machten einen Lärm, dass mein Schädel brummte; und der Geruch und das Gefühl all dieser Körper erzeugten in mir eine Klaustrophobie, von der ich nie wusste, dass ich anfällig dafür war.

Immer noch drängten Leute die Treppen runter, immer mehr quetschten sich an den Drehkreuzen vorbei und über die Rolltreppen runter zu den Gleisen, aber mir war klar, dass dort kein Happy-End zu erwarten war.

„Riskieren wirs oben?“, fragte ich Darryl.

„Verdammt noch mal ja“, sagte er. „Das hier ist böse.“ Ich blickte in Richtung Vanessa – keine Chance, dass sie mich hören würde. Irgendwie kramte ich mein Handy raus und simste sie an.

> Wir verschwinden hier raus

Ich sah, wie sie den Vibrationsalarm ihres Handys spürte, draufblickte, dann zu mir schaute und nachdrücklich nickte. Darryl hatte inzwischen Jolu gebrieft.

„Wie wollen wirs machen?“, brüllte Darryl mir ins Ohr.

„Rückwärtsgang, irgendwie“, schrie ich zurück und zeigte auf die erbarmungslose Menschenflut.

„Unmöglich!“, sagte er.

„Je länger wir warten, desto unmöglicher wird’s!“

Er zuckte die Schultern. Van drängte sich zu mir durch und schnappte mein Handgelenk. Ich griff Darryl, und der nahm Jolu bei der anderen Hand, und dann drängten wir nach draußen.

Leicht wars nicht. Am Anfang schafften wir vielleicht zehn Zentimeter pro Minute, dann auf der Treppe wurden wir noch langsamer. Zudem waren die Leute, denen wir begegneten, nicht eben glücklich darüber, dass wir sie aus dem Weg zu drängen versuchten. Einige fluchten, und ein Typ hätte mich vermutlich verprügelt, wenn er bloß seine Arme hätte freimachen können. Wir mussten über drei weitere niedergetrampelte Leute klettern, aber ich hatte keine Chance, ihnen zu helfen. Zu dem Zeitpunkt dachte ich wohl schon gar nicht mehr dran, irgendjemandem zu helfen. Das Einzige, woran ich dachte, war das nächste bisschen nutzbarer Freiraum vor mir, Darryls schmerzhafter Griff um mein Handgelenk und mein verzweifeltes Klammern an Van hinter mir.

Nach einer halben Ewigkeit ploppten wir plötzlich ins Freie wie Champagnerkorken und blinzelten ins rauchiggraue Licht. Die Luftalarm-Sirenen plärrten immer noch, und das Jaulen der Krankenwagen-Sirenen, die Market Street hinunterrasten, war sogar noch lauter. Fast niemand war mehr auf der Straße, nur noch die Menschen, die vergeblich versuchten, nach unten zu gelangen. Viele von ihnen weinten. Ich erblickte ein paar leere Parkbänke, auf denen sich sonst schmuddelige Penner breit machten, und deutete darauf.

Wir liefen drauf zu, gebückt und mit eingezogenen Schultern durch Sirenenlärm und Qualm. Grade als wir bei den Bänken ankamen, stürzte Darryl nach vorn.

Alle schrien wir auf, und Vanessa griff nach ihm und drehte ihn um. Sein Hemd war an der Seite rot gefleckt, und der Fleck breitete sich aus. Sie zog das Hemd hoch, wodurch ein langer, tiefer Schnitt in seinem stämmigen Leib sichtbar wurde.

„Scheiße, irgendjemand in der Menge hat ihn abgestochen“, sagte Jolu, die Hände zu Fäusten geballt. „Himmel, ist das fies.“

Darryl stöhnte und blickte erst zu uns, dann an seinem Körper runter, dann stöhnte er noch mal, und sein Kopf kippte wieder nach hinten.

Vanessa zog ihre Jeansjacke aus und dann auch noch den Kapuzensweater, den sie drunter trug. Sie rollte ihn zusammen und presste ihn Darryl in die Seite.

„Nimm seinen Kopf“, sagte sie zu mir, „halt ihn hoch.“ Und zu Jolu: „Nimm seine Füße hoch; mach ne Rolle aus deinem Mantel oder so.“

Jolu reagierte sofort. Vanessas Mutter ist Krankenschwester, und jeden Sommer im Camp hatte sie nen Erste-Hilfe-Kurs gehabt. Sie machte sich einen Spaß draus, drauf zu achten, wie Leute in Filmen die Erste Hilfe falsch machen. Mann, war ich froh, sie dabei zu haben.

Wir saßen eine ganze Weile so da und pressten die Kapuzenjacke gegen Darryls Seite. Er sagte dauernd, es gehe ihm gut und wir sollten ihn aufstehen lassen, und Van sagte dauernd, er solle den Mund halten und liegen bleiben, oder es setze was.

„Sollen wir nicht mal 911 anrufen?“, fragte Jolu.

Ich kam mir wie der letzte Depp vor. Schnell holte ich mein Handy raus und tippte 911. Was ich zu hören bekam, war noch nicht mal ein Besetztzeichen – es klang eher wie das schmerzvolle Wimmern des Telefonnetzes. Solche Sachen hört man nur, wenn drei Millionen Leute alle auf einmal dieselbe Nummer wählen. Wer braucht schon Botnetze, wenn es Terroristen gibt?

„Wikipedia vielleicht?“, schlug Jolu vor.

„Kein Netz, keine Daten“, entgegnete ich.

„Und die da?“, fragte Darryl und zeigte die Straße entlang. Ich folgte seiner Geste und erwartete einen Polizisten oder Sanitäter zu sehen, aber da war niemand.

„Ist alles gut, Kumpel, bleib mal liegen“, sagte ich.

„Nein, du Idiot, die da, die Bullen in den Wagen. Da!“ Er hatte Recht. Alle paar Sekunden sauste ein Streifenwagen, eine Ambulanz oder ein Feuerwehrwagen vorbei. Die würden uns helfen können. Ich war echt ein Idiot.

„Also gut“, sagte ich, „wir bringen dich irgendwo hin, wo sie dich sehen, und halten einen an.“ Vanessa war skeptisch, aber ich nahm an, an einem Tag wie diesem würde kein Bulle stehenbleiben, bloß weil ein junger Kerl auf der Straße den Hut schwenkte. Aber vielleicht würden sie anhalten, wenn sie sahen, wie Darryl blutete. Wir zankten uns kurz, was Darryl unterbrach, indem er mühsam aufstand und sich Richtung Market Street schleppte.

Das erste Fahrzeug, das vorbeiraste, ein Notarztwagen, wurde nicht mal langsamer. Der Streifenwagen danach auch nicht, auch nicht das Feuerwehrauto und auch nicht die nächsten drei Polizeiwagen. Darryl gings nicht gut – er war kreidebleich und keuchte. Vans Sweater war blutüberströmt.

Ich hatte die Faxen dick von Autos, die an mir vorbeirasten. Als das nächste Mal ein Fahrzeug in Market Street auftauchte, stellte ich mich mitten auf die Straße, schwenkte die Arme überm Kopf und schrie „STOP!“ Der Wagen bremste ab, und da erst erkannte ich, dass es weder ein Polizeiwagen noch eine Ambulanz oder die Feuerwehr war.

Es war ein militärisch aussehender Jeep, wie ein gepanzerter Hummer, bloß ohne jegliche Militärabzeichen drauf. Die Kiste kam unmittelbar vor mir zum Stehen, ich machte einen Satz rückwärts, verlor das Gleichgewicht und fand mich auf der Straße liegend wieder. Ich spürte, wie neben mir Türen aufschwangen, dann sah ich ein Durcheinander von Stiefeln in nächster Nähe. Ich blickte hoch und starrte auf eine Horde von Typen, die wie Soldaten aussahen, in Overalls steckten, riesige, fette Gewehre trugen und deren Gesichter hinter Gasmasken mit getönten Gläsern verschwanden.

Ich hatte kaum Zeit, sie überhaupt wahrzunehmen, als die Knarren schon auf mich gerichtet waren. Nie zuvor hatte ich in die Mündung eines Gewehrs geblickt, aber alles, was man darüber hört, ist wahr. Du gefrierst an Ort und Stelle, die Zeit bleibt stehen und dein Herz donnert in deinen Ohren. Ich öffnete meinen Mund, schloss ihn wieder, und dann nahm ich, sehr langsam, meine Hände nach oben.

Der gesichts- und augenlose Mann über mir zielte mit seinem Gewehr genau auf mich. Ich wagte nicht zu atmen. Van schrie etwas, und Jolu brüllte; ich schaute einen Augenblick lang zu ihnen rüber, und im selben Moment stülpte jemand einen rauen Sack über meinen Kopf und zog ihn um die Kehle herum dicht – so schnell und rabiat, dass ich kaum eben Luft holen konnte, als er schon um mich rum geschlossen war. Dann schubste man mich grob, aber teilnahmslos auf den Bauch, und irgendwas wurde zweimal um meine Handgelenke gewickelt und festgezogen – es fühlte sich an wie Draht und schnitt höllisch ein. Ich schrie auf, aber meine Stimme wurde von der Kapuze gedämpft.

Nun war ich von absoluter Dunkelheit umgeben, und ich bemühte mich, zumindest zu hören, was mit meinen Freunden geschah. Durch den geräuschdämpfenden Stoff des Sacks konnte ich sie rufen hören, dann wurde ich ohne viele Umstände an den Handgelenken emporgerissen – ein stechender Schmerz durchzuckte meine Schultern, als die Arme hinterm Rücken hochgebogen wurden.

Ich stolperte, dann drückte eine Hand meinen Kopf nach unten, und ich war im Hummer drin. Andere Körper wurden grob neben mich geschubst.

„Leute“, rief ich und kassierte dafür einen heftigen Hieb auf den Kopf. Ich hörte Jolu antworten, dann spürte ich, wie er ebenfalls einen Schlag abbekam. In meinem Kopf pulsierte es wie ein Gong.

„He“, sagte ich zu den Soldaten, „hören Sie zu! Wir sind doch bloß Schüler. Ich hab Sie anhalten wollen, weil mein Freund blutet. Jemand hat ihn mit nem Messer verletzt.“ Ich hatte keine Ahnung, wie viel davon durch den dicken Sack durchdrang. Trotzdem redete ich weiter. „Hören Sie doch – das muss ein Missverständnis sein. Wir müssen meinen Freund ins Krankenhaus bringen…“

Wieder hieb mir jemand was auf den Schädel. Fühlte sich an wie ein Gummiknüppel – so hart war ich noch nie am Kopf getroffen worden. Mir schossen Tränen in die Augen, und vor Schmerz blieb mir die Luft weg. Einen Moment später bekam ich wieder Luft, aber ich sagte nichts mehr. Ich hatte meine Lektion gelernt.

Wer waren diese Clowns? Abzeichen hatten sie keine. Vielleicht waren es Terroristen! Bisher hatte ich nicht so recht an Terroristen geglaubt – okay, es gab sie wohl irgendwo auf der Welt, aber für mich waren die keine echte Bedrohung gewesen. Die Welt kannte Abermillionen Möglichkeiten, mich umzubringen – angefangen bei einem besoffenen Raser, der mich auf der Valencia überfahren könnte -, die alle sehr viel direkter und wahrscheinlicher waren als Terroristen. Terroristen brachten weniger Leute um als Ausrutscher im Badezimmer oder versehentliche Stromschläge. Mir über Terroristen Sorgen zu machen war mir immer ähnlich sinnvoll vorgekommen, wie Angst vor einem Blitzschlag zu haben.

Doch auf der Rückbank des Hummer, Kapuze überm Kopf, Hände hinterm Rücken gefesselt, vor- und zurücktaumelnd, während die Beulen am Kopf anschwollen, fühlte sich Terrorismus plötzlich sehr viel gefährlicher an.

Der Wagen wippelte und neigte sich bergauf. Nach meiner Schätzung waren wir in Richtung Nob Hill unterwegs, und der Neigungswinkel ließ vermuten, dass wir eine der steileren Routen nahmen – eventuell Powell Street.

Jetzt ging es ebenso steil bergab. Wenn meine innere Landkarte mich nicht trog, steuerten wir Fisherman’s Wharf an. Von dort könnte man auf einem Boot entkommen. Das passte zu der Terror-Hypothese. Aber warum zum Teufel sollten Terroristen ein paar Schüler kidnappen?

Mit einem Ruck kamen wir an einem Hang zum Halten. Der Motor erstarb, und die Türen öffneten sich. Jemand zerrte mich an den Armen raus auf die Straße, dann wurde ich stolpernd eine gepflasterte Straße entlanggeschubst. Nach wenigen Sekunden purzelte ich über eine eiserne Treppe und schlug mir die Schienbeine auf. Die Hände hinter mir schubsten mich erneut. Vorsichtig stieg ich die Stufen hoch, unfähig, meine Hände benutzen zu können. Auf der dritten Stufe angekommen, tastete ich nach der vierten, fand aber keine und fiel fast wieder hin. Doch andere Hände griffen von vorn nach mir, zogen mich auf einen stählernen Fußboden, zwangen mich in die Knie und schlossen meine Hände an irgendetwas hinter meinem Rücken an.

Mehr Bewegung, dann das Gefühl, wie Körper einer nach dem anderen neben mir angebunden wurden. Stöhnen, unterdrückte Geräusche. Gelächter. Dann eine lange, zeitlose Ewigkeit in gedämpftem, trübem Halbdunkel, meinen eigenen Atem atmen, die Geräusche meines eigenen Atems im Ohr.

Irgendwie schaffte ichs sogar, hier zu schlafen, auf Knien, Beine nicht anständig durchblutet, den Kopf im Zwielicht des Sackstoffs. Mein Körper hatte eine Jahresration Adrenalin binnen 30 Minuten ausgeschüttet; und der Stoff gibt dir zwar kurzfristig die Kraft, Autos über geliebten Menschen hochzustemmen oder über hohe Gebäude zu springen, aber die Nachwirkungen sind immer biestig.

Ich erwachte, als jemand die Kapuze von meinem Kopf wegzog. Sie machten es weder grob noch vorsichtig, einfach nur… unpersönlich. Wie jemand bei McDonald’s, der einen Hamburger zubereitet.

Das Licht im Raum war so grell, dass ich die Augen zukneifen musste; aber nach und nach öffnete ich sie zu Schlitzen, zu Spalten, dann komplett und schaute mich um.

Wir alle befanden uns im Auflieger eines LKWs, einem großen Achtachser. Ich konnte die Radkästen in regelmäßigen Abständen über die gesamte Länge erkennen. Der Auflieger war zu einer Art mobiler Kommandozentrale mit Gefängnis umfunktioniert. Entlang der Wände standen Stahltische, darüber schicke Flachbildschirme an Schwenkarmen, mit denen die Benutzer die Schirme im Halbkreis um sich herum anordnen konnten. Vor jedem Tisch stand ein Wahnsinns-Bürostuhl mit genug Reglern, um jeden Millimeter der Sitzfläche einzeln zu verstellen, Höhe und Neigung in jeder Achse sowieso.

Dann war da noch der Gefängnisbereich – vorn im Truck, möglichst weit weg von den Türen, waren Stahlschienen an den Wänden befestigt, und an diese Schienen hatte man die Gefangenen angekettet.

Van und Jolu entdeckte ich sofort. Mag sein, dass Darryl sich unter dem übrigen Dutzend dort hinten befand, aber das war nicht zu erkennen – einige von ihnen lagen übereinander und versperrten mir die Sicht. Es stank nach Schweiß und nach Angst hier hinten.

Vanessa blickte mich an und biss sich auf die Lippe. Sie hatte Angst. Ich auch. Und auch Jolu, der seine Augen wie wild verdrehte, dass man ständig das Weiße sah. Ich hatte Angst. Und außerdem musste ich pissen wie ein Rennpferd.

Ich schaute mich nach unseren Kidnappern um. Bislang hatte ich es vermieden, sie anzuschauen, ganz so, wie man es vermeidet, in einen dunklen Schrank zu schauen, wenn man sich grade ausgedacht hat, dass da drin ein Monster lauert. Dann will man einfach nicht wissen, ob man Recht hat.

Aber ich musste mir diese Kerle, die uns gekidnappt hatten, jetzt mal genauer anschauen. Wenn es Terroristen waren, wollte ich das wissen. Ich wusste allerdings nicht, wie Terroristen aussahen, obwohl Fernseh-Shows sich alle Mühe gegeben hatten, mir beizupulen, dass es braune Araber mit dichten Bärten, Strickmützen und schlabbrigen Baumwollkutten bis runter zu den Knöcheln waren.

Unsere Kidnapper sahen nicht so aus. Die hätten ebenso gut Cheerleader in der Halbzeitpausen-Show beim Super Bowl sein können. Sie sahen auf eine Art amerikanisch aus, die ich nicht recht beschreiben konnte. Ausgeprägte Kiefer, kurze, ordentliche Haarschnitte, aber nicht wirklich militärisch. Es waren Weiße und Farbige dabei, Männer und Frauen, und sie lächelten sich unbeschwert an, wie sie da am anderen Ende des Lasters zusammensaßen, witzelten und Kaffee aus Pappbechern tranken. Ne, das waren keine Fundis aus Afghanistan: Sie sahen aus wie Touris aus Nebraska.

Ich fixierte die eine, eine junge Brünette, kaum älter als ich und auf so eine abweisende Business-Art irgendwie süß. Wenn du jemanden lange genug anstarrst, guckt er dich irgendwann auch an. Sie auch; und sofort nahm ihr Gesicht einen völlig anderen Ausdruck an: leidenschaftslos, wie eine Maschine. Das Lächeln war wie ausgeknipst.

„Hey“, sagte ich, „wissen Sie, ich kapier nicht, was hier abgeht, aber ich muss mal pinkeln, ja?“

Sie guckte durch mich durch, als hätte sie kein Wort gehört.

„Echt jetzt, wenn ich nicht bald ein Klo finde, gibts hier einen bösen Unfall. Dann wird’s hier hinten ziemlich übel riechen, okay?“

Sie drehte sich zu ihren Kollegen um, sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten miteinander, so leise, dass es über die Lüfter der Computer nicht zu verstehen war.

Dann wandte sie sich wieder zu mir um. „Halt mal noch zehn Minuten an, dann dürft ihr alle mal austreten.“

„Ich glaub nicht, dass ichs noch zehn Minuten halten kann“, sagte ich und legte etwas mehr Dringlichkeit in meine Stimme, als ich tatsächlich empfand. „Ehrlich, gute Frau, jetzt oder nie.“

Sie schüttelte den Kopf und guckte mich an, als wär ich der totale Versager. Sie und ihre Freunde berieten sich noch mal, dann kam ein anderer auf mich zu. Er war älter, vielleicht Anfang Dreißig, und mächtig breit in den Schultern wie ein Bodybuilder. Er sah wie ein Chinese oder Koreaner aus – nicht mal Van kann das immer unterscheiden -, aber mit einer Haltung, die „Amerikaner“ ausdrückte, ohne dass ich das genauer hätte beschreiben können.

Er schob seine Sportjacke nach hinten und ließ mich nen Blick auf seine Hardware am Gürtel werfen. Ich erkannte eine Pistole, einen Elektroschocker und eine Dose mit Tränengas oder Pfefferspray, bevor er die Jacke wieder drüberfallen ließ.

„Keinen Ärger“, sagte er.

„Kein Stück“, stimmte ich ihm zu.

Er berührte irgendwas an seinem Gürtel, die Fesseln hinter mir gaben nach, und meine Arme fielen plötzlich zur Seite. Mann, der Typ schien Batmans Gimmickgürtel zu tragen: Funkfernsteuerung für Fesseln! War aber auch logisch irgendwie: Mit all dem tödlichen Geraffel am Gürtel würde man sich ja nicht über seine Gefangenen beugen wollen – die waren im Stande, sich die Wumme mit den Zähnen zu schnappen und mit der Zunge den Abzug zu ziehen oder so.

Meine Hände waren immer noch mit so Plastikhandschellen hinter meinem Rücken zusammengebunden, und als ich jetzt nicht mehr von den Fesseln gehalten wurde, stellte ich fest, dass sich meine Beine durch das lange Kauern in einer Position in Korkklumpen verwandelt hatten. Kurzer Sinn: Ich knallte nach vorn aufs Gesicht und zappelte mit den Beinen, die kribbelten wie bescheuert, um sie unter meinen Körper zu bekommen und mich auf die Füße stemmen zu können.

Der Typ riss mich auf die Füße, und ich wackelte ganz ans Ende des Trucks zu einer kleinen Klokabine. Auf dem Weg versuchte ich Darryl zu entdecken, aber es hätte jeder von den fünf, sechs hingesackten Leuten sein können. Oder keiner.

„Rein da“, sagte der Typ.

Ich zog an meinen Handgelenken. „Könnten Sie die abnehmen, bitte?“ Meine Finger fühlten sich nach Stunden der Fesselung an wie lila Würste.

Der Typ rührte sich nicht.

„Schaun Sie mal“, sagte ich und bemühte mich, weder sarkastisch noch wütend zu klingen (was nicht leicht war). „Schaun Sie, Sie müssen entweder meine Hände losschneiden, oder Sie zielen für mich. Ein Toilettenbesuch ist nichts, was sich freihändig bewältigen ließe.“ Irgendjemand im Truck kicherte. Der Typ mochte mich nicht, das konnte ich daran sehen, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten. Mann, diese Leute waren verdammt hart.

Er griff zum Gürtel und brachte ein sehr cooles Multiwerkzeug zum Vorschein. Dann klappte er ein fies aussehendes Messer aus, schnitt die Plastik-Handschellen durch, und meine Hände gehörten wieder mir.

„Danke“, sagte ich.

Er schubste mich in die Kabine. Meine Hände konnte ich nicht gebrauchen, die fühlten sich an wie Lehmklumpen an den Handgelenken. Als ich die schlaffen Finger ein bisschen bewegte, kribbelten sie; dann wurde das Kribbeln zu einem Brennen, dass ich fast anfing zu weinen. Ich klappte den Sitz runter, zog die Hose runter und setzte mich hin. Ich hätte nicht drauf gewettet, stehen bleiben zu können.

Als sich meine Blase erleichterte, tatens meine Augen ihr gleich. Ich weinte. Still heulte ich vor mich hin und kippelte auf dem Klositz, während mir Tränen und Rotz die Wangen runterliefen. Das einzige, was mir blieb, war, lautes Schluchzen zu unterdrücken – ich hielt mir die Hand vor den Mund und ließ keinen Ton raus. Diese Genugtuung wollte ich ihnen nicht gönnen.

Irgendwann war ich mit Pinkeln und Heulen fertig, und der Typ hämmerte gegen die Tür. Mit Bündeln von Klopapier säuberte ich mein Gesicht, so gut es eben ging, stopfte alles ins Klo und spülte; dann suchte ich ein Waschbecken, fand aber bloß eine Pumpflasche mit starker Desinfektionslösung, auf der in kleiner Schrift eine Liste biologischer Wirkstoffe zu lesen war. Ich rieb ein bisschen was in die Hände ein und verließ die Klokabine.

„Was hast du da drin gemacht?“, wollte der Typ wissen.

„Die sanitären Anlagen benutzt“, entgegnete ich. Er drehte mich um, griff meine Hände, und ich fühlte, wie ein neues Paar Plastikschellen sich darum schlossen. Seit er die anderen abgeschnitten hatte, waren meine Handgelenke angeschwollen, und die neuen schnitten brutal in die empfindliche Haut; aber ich weigerte mich, ihnen die Befriedigung zu verschaffen, mich schreien zu hören.

Er fesselte mich wieder an meinen Platz und schnappte sich meinen Nebenmann – Jolu, wie ich jetzt erst sah, das Gesicht verschwollen und eine hässliche Schramme auf der Wange.

„Bist du okay?“, fragte ich ihn, woraufhin mein Freund mit dem Gimmickgürtel mir die Hand auf die Stirn legte und einmal kurz, aber heftig drückte. Mein Hinterkopf donnerte gegen die Metallwand des Trucks, als ob die Uhr eins schlug. „Reden verboten“, sagte er, während ich mühsam meinen verschwommenen Blick wieder fokussierte.

Ich mochte diese Leute nicht. Genau in diesem Moment wusste ich, dass sie all das würden bezahlen müssen.

Einer nach dem anderen durften die Gefangenen aufs Klo, kamen zurück, und als alle fertig waren, ging mein Bewacher zu seinen Freunden zurück, trank noch einen Kaffee – ich konnte sehen, dass sie aus einer großen Papp-Kanne von Starbucks tranken -, und sie unterhielten sich undeutlich, aber mit viel Gelächter.

Dann öffnete sich die Tür hinten im Truck, und frische Luft strömte herein, nicht rauchverhangen wie zuvor, sondern von Ozon durchzogen. Wie ich durch den Türspalt erkennen konnte, bevor die Tür sich wieder schloss, war es dunkel und regnerisch draußen, die San-Francisco-Sorte Regen, die zugleich Nebel ist.

Der Mann, der hereinkam, trug eine Militäruniform. Eine US-Militäruniform. Er grüßte die Leute im Truck, und sie grüßten zurück; und da wusste ich: Ich war kein Gefangener irgendwelcher Terroristen – ich war ein Gefangener der Vereinigten Staaten von Amerika.

Sie stellten eine kleine Sichtblende hinten im Truck auf und machten uns dann einzeln los und führten uns dorthin. Nach meinen Schätzungen – im Kopf Sekunden zählen, einundzwanzig, zweiundzwanzig – dauerte jede Befragung rund sieben Minuten. Mein Schädel brummte vor Flüssigkeitsmangel und Koffeinentzug.

Ich kam als Dritter dran, die Frau mit dem strengen Haarschnitt brachte mich hin. Aus der Nähe sah sie müde aus, mit Ringen unter den Augen und tiefen Linien um die Mundwinkel.

„Danke“, sagte ich automatisch, als sie mich mit einer Fernbedienung losmachte und auf die Füße zog. Ich hasste mich selbst für die unwillkürliche Höflichkeit, aber so war ich nun mal gedrillt worden.

Sie verzog keine Miene. Ich ging vor ihr her zum anderen Ende des Trucks und hinter die Sichtblende. Ein einzelner Klappstuhl war für mich; zwei von ihnen, Frau Strenger Haarschnitt und Herr Gimmickgürtel, blickten mich von ihren ergonomischen Superstühlen herab an.

Zwischen ihnen stand ein Tischchen, auf dem sie den Inhalt meiner Brieftasche und meines Rucksacks ausgebreitet hatten.

„Hallo, Marcus“, sagte Frau Strenger Haarschnitt. „Wir müssen dir einige Fragen stellen.“

„Bin ich verhaftet?“, wollte ich wissen. Das war keine sinnlose Frage. Wenn du nicht verhaftet bist, dann gibt es Beschränkungen, was die Bullen mit dir machen können und was nicht. Zunächst mal können sie dich nicht unendlich lange festhalten, ohne dich festzunehmen, dir ein Telefonat zu erlauben oder dich mit nem Anwalt sprechen zu lassen. Und ein Anwalt, Mann, mit dem würde ich als allererstes sprechen.

„Was soll das hier?“, fragte sie und hielt mein Handy hoch. Auf dem Monitor war die Fehlermeldung zu sehen, die erschien, wenn man versuchte, an die Daten zu kommen, ohne das richtige Passwort einzugeben. Es war eine etwas derbe Botschaft – eine animierte Hand, die eine allgemein bekannte Geste formte -, denn ich liebte es, meine Geräte zu individualisieren.

„Bin ich verhaftet?“, wiederholte ich. Wenn du nicht verhaftet bist, können sie dich auch nicht dazu zwingen, Fragen zu beantworten, und wenn du fragst, ob du verhaftet bist, müssen sie dir antworten. So ist die Regel.

„Du bist im Gewahrsam des Ministeriums für Heimatschutz“, blaffte die Frau.

„Bin ich verhaftet?“

„Vor allem bist du kooperativer als bisher, Marcus, und zwar ab sofort.“ Sie sagte nicht „sonst“, aber das klang mit.

„Ich möchte einen Anwalt sprechen“, sagte ich. „Ich möchte wissen, was man mir vorwirft. Und ich möchte, dass Sie beide sich irgendwie ausweisen.“

Die beiden Agenten wechselten Blicke.

„Ich glaube, du solltest deine Haltung in dieser Lage noch mal überdenken“, sagte Frau Strenger Haarschnitt. „Und ich glaube, das solltest du auf der Stelle tun. Wir haben eine Reihe verdächtiger Gegenstände bei dir gefunden. Wir haben dich und deine Komplizen in der Nähe des Tatorts des schwersten Terroranschlags vorgefunden, den dieses Land jemals erlebt hat. Bring die beiden Fakten in Verbindung, und für dich siehts nicht gut aus, Marcus. Du kannst kooperieren, oder es wird dir sehr, sehr Leid tun. Und jetzt?“

„Sie denken, ich bin ein Terrorist? Ich bin siebzehn!“

„Genau das richtige Alter – Al Kaida rekrutiert am liebsten idealistische Kids, die sich noch beeindrucken lassen. Wir haben dich mal gegoogelt, weißt du? Du hast eine Menge hässliches Zeug im öffentlichen Internet gepostet.“

„Ich möchte einen Anwalt sprechen“, sagte ich.

Frau Strenger Haarschnitt sah mich an, als sei ich ein Käfer. „Du liegst völlig falsch mit der Annahme, dass die Polizei dich wegen eines Verbrechens geschnappt hat. Schlag dir das aus dem Kopf. Du befindest dich als möglicher feindlicher Kämpfer im Gewahrsam der Regierung der Vereinigten Staaten. An deiner Stelle würde ich sehr genau drüber nachdenken, wie du uns davon überzeugen kannst, kein feindlicher Kämpfer zu sein. Sehr genau. Denn weißt du, es gibt da dunkle Löcher, in denen feindliche Kämpfer verschwinden können, sehr tiefe dunkle Löcher, in denen man einfach verschwinden kann. Für immer. Hörst du mir gut zu, junger Mann? Ich möchte, dass du dein Telefon entsperrst und die Daten im Speicher dechiffrierst. Ich möchte, dass du Rechenschaft darüber ablegst, warum du auf der Straße warst. Was weißt du über den Anschlag auf diese Stadt?“

„Ich werde mein Telefon nicht für Sie entsperren“, sagte ich zornig. Im Speicher meines Handys hatte ich alles Mögliche an privatem Krams: Fotos, Mails, kleine Hacks und Cracks, die ich installiert hatte. „Das sind meine Privatsachen.“

„Was hast du zu verbergen?“

„Ich habe ein Recht auf Privatsphäre“, sagte ich. „Und ich möchte einen Anwalt sprechen.“

„Das ist deine letzte Chance, Kleiner. Ehrliche Leute haben nichts zu verbergen.“

„Ich möchte einen Anwalt sprechen.“ Meine Eltern würden dafür aufkommen. Sämtliche FAQs übers Verhaftetwerden waren in dem Punkt eindeutig: Einfach nur einen Anwalt fordern, egal was sie sagen. Wenn du mit den Bullen sprichst, ohne dass dein Anwalt dabei ist, kommt nichts Gutes bei raus. Diese beiden hier sagten, sie seien keine Bullen. Aber wenn dies keine Verhaftung war, was war es dann?

Im Nachhinein betrachtet wäre es vielleicht doch gut gewesen, mein Telefon für sie zu entsperren.

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