Little Brother – Kapitel 12

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Forbidden Planet gewidmet, der britischen Buchhandelskette für Science-Fiction und Fantasy, Comics, Spiele und Videos. Forbidden Planet hat Filialen überall in Großbritannien sowie Außenstellen in Manhattan und Dublin, Irland. Es ist gefährlich, einen Forbidden Planet zu betreten – ich komme da fast nie mit intakter Geldbörse wieder raus. Forbidden Planet ist wirklich ganz vorn dabei, wenn’s darum geht, die riesige Klientel für Science-Fiction-Filme und -Serien in Kontakt mit Science-Fiction-Literatur zu bringen – und darauf kommt es in Zukunft auf diesem Sektor an.

Forbidden Planet, UK, Dublin and New York City:
http://www.forbiddenplanet.co.uk

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Ms. Galvez lächelte übers ganze Gesicht. „Weiß irgendwer, woher das kommt?“ Ein vielstimmiger Chor antwortete: „Aus der Unabhängigkeitserklärung“.

Ich nickte.

„Warum hast du uns das vorgelesen, Marcus?“

„Weil ich denke, die Gründer dieses Landes haben damit gesagt, dass Regierungen nur so lange an der Macht bleiben sollten, wie wir daran glauben, dass sie in unserem Interesse arbeiten, und wenn wir nicht mehr daran glauben, dann sollen wir sie aus dem Amt jagen. Das steht da doch, oder nicht?“

Charles schüttelte den Kopf. „Das ist Hunderte von Jahren her“, sagte er. „Heute sind die Dinge anders!“

„Was ist anders?“

„Na ja, zum Beispiel haben wir keinen König mehr. Die Regierung, die die damals meinten, existierte doch bloß, weil der Urururgroßvater von irgendeinem Idioten glaubte, von Gott eingesetzt zu sein, und jeden tötete, der anderer Meinung war. Wir haben eine demokratisch gewählte Regierung…“

„Ich hab sie nicht gewählt“, sagte ich.

„Und das gibt dir das Recht, Gebäude in die Luft zu jagen?“

„Wer redet denn vom Gebäudehochjagen? Die Yippies und Hippies und all diese Leute glaubten fest, dass die Regierung ihnen nicht mehr zuhörte – denk nur mal daran, wie die Leute behandelt wurden, die bei der Wählerregistrierung im Süden geholfen haben. Die wurden verprügelt, eingesperrt…“

„Ein paar von ihnen wurden sogar getötet“, ergänzte Ms. Galvez. Dann hob sie ihre Hände und wartete, bis Charles und ich uns gesetzt hatten.

„Unsere Zeit heute ist fast vorbei, aber ich möchte euch allen für eine der interessantesten Stunden danken, die ich je gehalten habe. Es war eine fantastische Diskussion, und ich habe von euch allen viel gelernt. Ich hoffe, ihr habt auch etwas voneinander gelernt. Danke euch allen für eure Beiträge.

Ich habe eine Zusatzaufgabe für diejenigen von euch, die gern eine kleine Herausforderung mögen. Ich möchte, dass ihr einen Aufsatz schreibt, in dem ihr die politischen Reaktionen auf die Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegungen in der Bay Area mit den heutigen Bürgerrechts-Auswirkungen des Kriegs gegen den Terror vergleicht. Mindestens drei Seiten, aber schreibt so viel ihr mögt. Ich bin gespannt, zu welchen Ergebnissen ihr kommt.“

Im nächsten Moment klingelte es, und alles strömte aus der Klasse raus. Ich blieb zurück und wartete, bis Ms. Galvez mich bemerkte.

„Ja, Marcus?“

„Das war faszinierend“, sagte ich. „Ich wusste das alles über die Sechziger noch gar nicht.“

„Auch die Siebziger. In politisch brisanten Zeiten war dies hier schon immer ein aufregender Ort zum Leben. Deine Anspielung auf die Erklärung hat mir gefallen; das war sehr clever.“

„Danke, aber das ist mir irgendwie zugeflogen. Vor heute hatte ich noch gar nicht richtig begriffen, was dieser Abschnitt bedeutete.“

„Oh, so etwas hören Lehrer immer gern, Marcus“, sagte sie und schüttelte mir die Hand. „Ich bin sehr gespannt drauf, deinen Aufsatz zu lesen.“

Auf dem Heimweg kaufte ich das Emma-Goldman-Poster und hängte es über meinem Schreibtisch auf, direkt über einem echten Schwarzlicht-Poster. Ich kaufte auch ein TRAU-NIEMANDEM-T-Shirt mit einer Photoshop-Montage aus Grover und Elmo, wie sie die Erwachsenen Gordon und Susan aus der Sesamstraße kicken, weil ich es lustig fand. Später fand ich raus, dass es schon ungefähr ein halbes Dutzend Photoshop-Wettbewerbe mit dem Slogan auf Websites wie Fark, Worth1000 und B3ta gab und dass bereits Hunderte fertige Bilder auf so ziemlich allem zirkulierten, was sich bedrucken und verkaufen ließ.

Mom zog angesichts des Shirts eine Augenbraue hoch, und Dad schüttelte den Kopf und meinte mir einen Vortrag übers Ärgersuchen halten zu müssen; aber seine Reaktion bestätigte mich bloß.

Ange fand mich wieder online, und wir flirteten über Messenger bis spät in der Nacht. Der weiße Lieferwagen mit den Antennen kam wieder vorbei, und ich schaltete meine Xbox ab, bis er weg war. Daran hatten wir uns alle inzwischen gewöhnt.

Ange war ziemlich aufgedreht wegen der Party. Schien, als würde das ein Monsterevent werden. Es waren so viele Bands mit an Bord, dass man davon sprach, noch eine zweite Bühne für die B-Acts aufzubauen.

> Wie sind die an die Genehmigungen gekommen, die ganze Nacht Lärm zu machen? Da sind doch überall Häuser

>  Ge-neh-mi-gun-gen? Was ist das denn? Erzähl mir mehr von deinen Ge-neh-mi-gun-gen

>  Boah, es ist illegal?

> Äh, hallo? Du machst dir Sorgen übers Gesetzebrechen?

>  Guter Punkt

>  LOL

So nen Hauch einer Ahnung von Nervosität spürte ich aber doch. Hey, ich hatte am Wochenende ein Date mit diesem völlig umwerfenden Mädchen (streng genommen hatte sie ein Date mit mir), und zwar bei einem illegalen Rave mitten in einer belebten Gegend.

Es versprach ziemlich interessant zu werden.

[x]

Interessant, in der Tat.

Über den ganzen langen Samstagnachmittag verteilt tröpfelten die Leute in Dolores Park ein und verteilten sich unter die Frisbeespieler und Hundehalter. Einige spielten auch Frisbee oder führten Hunde aus. Es war noch nicht recht klar, wie das Konzert vonstatten gehen sollte, aber es hingen schon eine Menge Bullen und Verdeckte rum. Die Verdeckten erkannte man an ihren Castrofrisuren und dem Nebraska-Körperbau, genau wie damals Pickel und Popel: stämmige Typen mit kurzem Haar und unordentlichen Schnurrbärten. Sie stromerten herum und wirkten seltsam unbeholfen in ihren riesigen Shorts und weit geschnittenen Hemden, die wohl das Ausrüstungsgeraffel überdecken sollten, mit dem sie vermutlich behängt waren.

Dolores Park ist hübsch und sonnig; Palmen, Tennisplätze und jede Menge Hügel und urwüchsige Bäume zum Rumlaufen und Abhängen. Nachts schlafen Obdachlose dort, aber das tun sie ja überall in San Francisco.

Ich traf Ange die Straße runter in der Anarchistenbuchhandlung. Mein Vorschlag. Im Nachhinein wars eine völlig durchsichtige Nummer, um vor ihr als cool und trendig dazustehen, aber in diesem Moment hätte ich schwören können, dass es einfach bloß ein günstiger Treffpunkt war. Als ich kam, las sie gerade ein Buch mit dem Titel „An die Wand, Motherf….r“.

„Wie hübsch“, sagte ich. „Was sagt denn deine Mutter zu so was?“

„Deine Mutter soll sich mal nicht beschweren. Ernsthaft, das hier ist die Geschichte einer Gruppe von Leuten wie die Yippies, aber in New York. Und sie hatten das Wort alle als Nachname, zum Beispiel ,Ben M-F‘. Es ging darum, eine Gruppe zu haben und in die Nachrichten zu kommen, aber mit einem absolut undruckbaren Namen, einfach nur, um die Medien zu ärgern. Ziemlich lustig, echt.“

Sie stellte das Buch zurück ins Regal, und ich fragte mich, ob ich sie wohl umarmen sollte. Die Leute in Kalifornien umarmen sich eigentlich ständig, zur Begrüßung und zum Abschied, außer sie tun es mal nicht. Und manchmal küssen sie sich auf die Wange. Ziemlich verwirrend das alles.

Sie nahm mir die Entscheidung ab, indem sie mich zu einer Umarmung schnappte, meinen Kopf an sich heranzog, mich hart auf die Wange küsste und mir dann einen Furz in den Nacken blies. Ich lachte und schubste sie weg.

„Willst du einen Burrito?“, fragte ich.

„Ist das ne Frage oder eine Feststellung offensichtlicher Tatsachen?“

„Weder noch. Es ist ein Befehl.“

Ich kaufte ein paar lustige Aufkleber DIESES TELEFON IST VERWANZT, die genau die richtige Größe für die Münztelefone hatten, die es immer noch in den Straßen der Mission gab, in diesem Viertel, in dem sich nicht unbedingt jeder ein Handy leisten konnte.

Wir traten raus in die Abendluft. Ich erzählte Ange davon, wie es vorhin im Park ausgesehen hatte.

„Ich wette, sie haben hundert von diesen Trucks um den Block geparkt“, sagte sie, „damit sie uns besser hochnehmen können.“

„Öh.“ Ich blickte mich um. „Eigentlich hatte ich gehofft, du würdest sowas sagen wie ,ach, dagegen können sie überhaupt nichts machen‘.“

„Aber darum gehts nicht, glaub ich. Es geht darum, ne Menge Zivilisten in eine Situation zu bringen, in der die Bullen sich zu entscheiden haben, ob sie all diese normalen Leute wirklich wie Terroristen behandeln sollen. Es ist son bisschen wie diese Jammerei, aber mit Musik statt mit Elektronikkrams. Du jammst doch auch, oder?“

Manchmal vergaß ich, dass meine Freunde nicht wussten, dass Marcus und M1k3y derselbe waren. „Ja, ein bisschen“, sagte ich.

„Das hier ist wie Jammen mit einem Haufen toller Bands.“

„Verstehe.“

Mission Burritos sind eine Institution. Sie sind billig, riesig und lecker. Stellt euch eine Röhre in der Größe einer Bazooka-Granate vor, die mit würzigem Grillfleisch, Guacamole, Salsa, Tomaten, zweifach gebratenen Bohnen, Reis, Zwiebeln und Cilantro gefüllt ist. Es verhält sich ungefähr so zu Taco Bell wie ein Lamborghini zu einem Hot-Wheels-Modell.

Es gibt ungefähr zweihundert Mission-Burrito-Filialen. Allen gemeinsam ist ihr Mut zur Hässlichkeit, mit unbequemen Sitzgelegenheiten, nur einem Minimum an Deko (ausgeblichene Mexiko-Tourismus-Plakate und gerahmte, elektrische Jesus-und-Maria-Hologramme) und lauter Mariachi-Musik. Was sie voneinander unterscheidet, ist hauptsächlich, mit welchen exotischen Fleischsorten sie jeweils ihre Burritos füllen. Die wirklich authentischen Läden haben auch Hirn und Zunge – das bestelle ich nie, aber es ist gut zu wissen, dass es das gibt.

Der Laden, zu dem wir gingen, hatte sowohl Hirn als Zunge, aber wir bestelltens nicht. Ich nahm Carne Asada und sie Hühnerhack, und beide nahmen wir einen großen Becher Horchata.

Kaum hatten wir uns gesetzt, rollte sie ihren Burrito aus und holte ein kleines Fläschchen aus ihrer Tasche. Es war ein kleiner Edelstahl-Zerstäuber, den wohl jeder für eine Pfefferspray-Selbstverteidigungswaffe gehalten hätte. Sie zielte auf die freiliegenden Innereien ihres Burrito und nebelte sie mit einem feinen, öligen roten Spray ein. Ich bekam einen Hauch in die Nase, meine Kehle zog sich zusammen und meine Augen tränten.

„Was zum Teufel tust du deinem armen, wehrlosen Burrito da an?“

Sie warf mir ein fieses Grinsen zu. „Ich bin süchtig nach scharfem Essen. Das hier ist Capsaicinöl in einem Zerstäuber.“

„Capsaicin…“

„Genau, das Zeug in Pfefferspray. Das hier ist im Prinzip Pfefferspray, aber in Öl angelöst. Und viel leckerer. Stell es dir einfach wie Spicy Cajun Visine vor.“

Meine Augen tränten schon beim bloßen Gedanken daran.

„Du machst Witze. Das da wirst du niemals essen.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Hey, Bürschchen, das klingt wie ne Herausforderung. Schau genau hin.“

Sie rollte den Burrito so sorgfältig zusammen wie ein Kiffer seinen Joint, schlug die Enden ein und wickelte ihn dann wieder in die Alufolie. Sie pulte ein Ende ab, hielt es sich vor den Mund und balancierte es ein wenig vor ihren Lippen.

Bis zu dem Moment, in dem sie reinbiss, konnte ich nicht glauben, dass sie es wirklich tun würde. Ich mein, was sie da grade auf ihr Essen gesprüht hatte, das war nicht bloß scharf, das war eine scharfe Waffe!

Sie biss rein. Kaute, schluckte. Und sah dabei in jeder Hinsicht so aus wie jemand, der seine Mahlzeit genießt.

„Magst mal beißen?“, fragte sie mit Unschuldsmiene.

Jo“, sagte ich. Ich mag scharfes Essen. Bei den Pakistanis bestell ich immer die Currys, die auf der Speisekarte mit vier Chilis markiert sind.

Ich pulte etwas mehr Folie ab und biss herzhaft rein.

Böser Fehler.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr einen großen Haps Rettich oder Wasabi oder so was nehmt und wenn sich dann die Nebenhöhlen und die Luftröhre gleichzeitig zusammenziehen und sich der ganze Kopf mit brennend heißer Luft füllt, die durch eure tränenden Augen und Nasenlöcher einen Weg ins Freie sucht? Dieses Gefühl, als obs gleich aus euren Ohren dampft wie bei einer Zeichentrickfigur?

Das hier war viel schlimmer.

Das hier war so, wie wenn man die Hand auf die heiße Herdplatte legt, außer dass es nicht bloß die Hand war, sondern die gesamte Innenseite des Kopfes und die Speiseröhre und alles bis runter zum Magen. Mein ganzer Körper brach in Schweiß aus und ich schnappte verzweifelt nach Luft.

Sie reichte mir kommentarlos meine Horchata, und irgendwie gelang es mir, den Strohhalm in meinen Mund zu führen und gewaltig zu schlucken, den halben Becher auf einmal.

„Es gibt da diese Skala, die Scoville-Skala, mit der wir Chili-Liebhaber die Schärfe von Paprikafrüchten beschreiben. Reines Capsaicin hat zirka 15 Millionen Scoville. Tabasco liegt bei rund 50.000. Pfefferspray hat freundliche drei Millionen. Das Zeug hier hat kümmerliche 200.000, es ist also in etwa so scharf wie milder Scotch Bonnet Pepper. Ich habe ungefähr ein Jahr gebraucht bis hierher. Ein paar von den richtig Harten können bis zu einer Million ab, zwanzig Mal schärfer als Tabasco. Das ist verdammt höllenscharf. Bei solchen Scoville-Graden wird dein Gehirn total mit Endorphinen geflutet; wirkt auf den Körper berauschender als Hasch. Und gesund ist es auch.“

Allmählich meldeten sich meine Nebenhöhlen zurück, und ich konnte wieder atmen, ohne zu hecheln.

„Ach, und wenn du nächstes Mal pinkeln gehst, wird das noch mal übel brennen“, sagte sie zwinkernd.

Autsch.

„Du bist wahnsinnig“, sagte ich.

„Große Worte von jemandem, der zum Spaß Laptops baut und wieder verschrottet.“

„Touché“, sagte ich und fasste mir an die Stirn.

„Magst du noch was?“ Sie hielt mir den Zerstäuber hin.

„Gib rüber“, sagte ich schnell genug, dass wir beide lachen mussten.

Als wir das Restaurant Richtung Dolores Park verließen, legte sie mir den Arm um die Hüfte, und ich stellte fest, dass sie genau die richtige Größe hatte, dass ich ihr bequem meinen Arm um die Schulter legen konnte. Das war neu. Ich war nie einer von den Großen gewesen, und die Mädchen, mit denen ich ging, waren alle genau so groß gewesen wie ich. Mädchen wachsen als Teens schneller als Jungs – ein fieser Trick der Natur. Das hier war nett. Es fühlte sich gut an.

An der Ecke 20. Straße bogen wir ab Richtung Dolores. Und noch ehe wir einen Schritt getan hatten, spürten wir schon die Schwingungen, wie das Summen einer Million Bienen zugleich. Unmengen von Leuten strömten dem Park entgegen, und von hier betrachtet sah er hundert Mal voller aus als vorhin, bevor ich Ange traf.

Der bloße Anblick brachte mein Blut zum Kochen. Es war eine wundervolle, kühle Nacht, und wir würden feiern, richtig feiern, feiern, als gäbe es kein Morgen. „Lass uns essen, trinken und fröhlich sein, denn morgen sterben wir.“

Ohne ein Wort zu sagen, fielen wir in Laufschritt. Wir begegneten massenhaft Polizisten mit ernsten Gesichtern, aber was würden die schon unternehmen wollen? Es waren unglaublich viele Leute im Park. Ich bin nicht so gut darin, Massen zu zählen. In den Zeitungen sollten die Veranstalter später von 20.000 Leuten sprechen, während die Polizei 5000 zählte. Vielleicht waren es also 12.500.

Wie auch immer: Noch nie war ich unter so vielen Menschen gewesen, und hier war ich Teil eines unangekündigten, unzulässigen, illegalen Events.

Nur einen Augenblick später waren wir mittendrin. Ich würds nicht beschwören wollen, aber ich glaube, es war wirklich niemand über 25 in dieser Traube von Menschen. Alle lächelten. Ein paar jüngere Kinder waren dabei, Zehn-, Zwölfjährige, und das empfand ich als beruhigend. Niemand würde etwas allzu Dummes unternehmen, wenn so junge Kinder in der Menge dabeiwaren. Niemand würde riskieren wollen, dass Kinder verletzt würden. Diese Nacht würde einfach bloß eine denkwürdige, festliche Frühlingsnacht werden.

Ich fand, wir sollten uns am besten Richtung Tennisplätze orientieren. Also wühlten wir uns durch die Menge, und um uns nicht zu verlieren, nahmen wir uns bei den Händen. Um uns nicht zu verlieren, wäre es natürlich nicht nötig gewesen, unsere Finger ineinander zu verschränken; das war nur zum Vergnügen. Und es war ein ganz erhebliches Vergnügen.

Die Bands waren alle auf den Tennisplätzen mit ihren Gitarren, Mischpulten, Keyboards und sogar einem Schlagzeug. Später fand ich im Xnet einen Flickr-Stream davon, wie sie das ganze Zeug reinschmuggelten, Stück für Stück, in Sporttaschen und unter den Mänteln. Außerdem gab es monströse Lautsprecher, die Sorte, wie man sie bei Autoteilehändlern findet, und darunter ein Stapel von… Autobatterien! Ich musste lachen. Genial! So also versorgten sie ihre Aufbauten mit Strom.

Ich konnte erkennen, dass es Batterien von einem Hybridwagen waren, von einem Prius. Jemand hatte ein Ökomobil ausgeweidet, um die nächtliche Unterhaltung mit Energie zu versorgen. Die Stapel von Batterien gingen außerhalb der Tennisplätze noch weiter; draußen häuften sie sich auch noch am Zaun entlang, mit dem Hauptstapel mit durchgefädelten Kabeln verbunden. Ich zählte insgesamt 200 Batterien! Gott, das Zeug wog bestimmt auch eine Tonne.

Keine Chance, dass sie das alles ohne E-Mail, Wikis und Mailinglisten hätten organisieren können. Und unvorstellbar, dass so kluge Leute das alles im öffentlichen Internet gemacht hätten. Das alles war im Xnet passiert, darauf verwettete ich meine Stiefel.

Erst mal ließen wir uns eine Weile von der Menge hierhin und dorthin treiben, während die Bands ihre Instrumente stimmten und sich untereinander besprachen. Von weitem sah ich Trudy Doo auf den Tennisplätzen. Sie sah aus wie in einem Käfig, wie ein Profi-Wrestler. Sie trug ein abgerissenes Tanktop, und ihr Haar hing in langen, leuchtend pinkfarbenen Dreadlocks bis zur Hüfte. Dazu trug sie Army-Tarnhosen und riesige Grufti-Stiefel mit Stahlkappen. In diesem Moment nahm sie eine schwere Motorradjacke, abgegriffen wie ein Catcher-Handschuh, und zog sie über, als seis eine Rüstung. Obwohl: Wahrscheinlich war es ja auch als Rüstung gedacht.

Ich versuchte ihr zuzuwinken (wohl um Ange zu beeindrucken), aber sie sah mich nicht, und um nicht weiter bescheuert zu wirken, ließ ichs sein. Die Energie hier in der Menge war schwer beeindruckend. Man redet ja immer von „Vibes“ und „Energie“, wenn es um große Menschenansammlungen geht, aber wenn mans noch nicht selbst erlebt hat, hält man es vermutlich nur für eine rhetorische Figur.

Ist es aber nicht. Es ist das Lächeln, ansteckend und groß wie Wassermelonen, auf jedem Gesicht. Wie jeder Einzelne zu einem unhörbaren Rhythmus hopst und die Schultern wippen. Der wogende Gang. Witze, Lachen. Der Klang jeder Stimme, angespannt, aufgeregt, wie ein Feuerwerk, das jeden Moment gezündet wird. Und du kannst gar nicht anders, als ein Teil davon zu sein. Ist einfach so.

Als die Bands loslegten, war ich von den Massen-Vibes schon komplett zugedröhnt. Der Opener war eine Art serbischer Turbo-Folk, und ich konnte nicht rauskriegen, wie man dazu tanzen sollte. Ich kann überhaupt nur zu zweierlei Sorten Musik tanzen: zu Trance (schlurf rum und lass dich von der Musik bewegen) und zu Punk (spring rum und schüttel die Mähne, bis du verletzt oder ausgepowert bist oder beides). Der nächste Act waren Oakland-HipHopper mit einer Thrash-Metal-Kombo als Backup, was besser klingt, als die Beschreibung vermuten lässt. Danach kam etwas Kaugummi-Pop. Und dann übernahmen die Speedwhores die Bühne, und Trudy Doo trat ans Mikro.

„Mein Name ist Trudy Doo, und ihr seid Idioten, wenn ihr mir traut. Ich bin zweiunddreißig, und für mich ist der Zug abgefahren. Ich bin fertig. Ich bin noch voll in den alten Ideen drin. Ich betrachte meine Freiheit immer noch als was Selbstverständliches und erlaube es anderen Leuten, sie mir wegzunehmen. Ihr seid die erste Generation, die im Gulag Amerika aufwächst, und ihr wisst auf den letzten gottverdammten Cent genau, was eure Freiheit wert ist!“

Die Menge tobte. Sie huschte ein paar schnelle, nervöse Akkorde auf ihrer Gitarre dahin, und ihre Bassistin, ein mächtig dickes Mädchen mit ner Dyke-Frisur, noch größeren Stiefeln und einem Lächeln, das Bierflaschen öffnen konnte, verlegte schon ein reichlich hartes Brett. Mich hielt es nicht mehr auf den Füßen. Ich hüpfte, und Ange hüpfte mit. Wir schwitzten in der Abendluft, die schon geschwängert war von Schweiß und Pot-Rauch. Von allen Seiten wurden wir von warmen Leibern bedrängt, alles hüpfte mit.

„Traut keinem über 25!“, rief sie.

Wir brüllten, ein einziges riesiges Tier, aus voller Kehle.

„Traut keinem über 25!“

„Traut keinem über 25!“

„Traut keinem über 25!“
„Traut keinem über 25!“
„Traut keinem über 25!“
„Traut keinem über 25!“

Sie schlug auf der Gitarre ein paar harte Akkorde an, und die zweite Gitarristin, eine Elfe mit heftig gepierctem Gesicht, fiel ein, in schwindelerregenden Höhen, über den zwölften Bund raus.

„Das hier ist unsere verdammte Stadt! Es ist unser verdammtes Land. Und kein Terrorist kann es uns wegnehmen, so lange wir nur frei sind. Sobald wir nicht mehr frei sind, gewinnen die Terroristen! Holt es euch zurück! Holt es euch zurück! Ihr seid jung genug und dumm genug, um noch nicht zu wissen, dass ihr eigentlich keine Chance habt, also seid ihr die einzigen, die uns noch zum Sieg führen können! Holt es euch zurück!“

„HOLT ES EUCH ZURÜCK!“, brüllten wir. Sie drosch hart auf ihre Saiten ein. Wir nahmen die Note grölend auf, und dann wurde es richtig, richtig LAUT.

Ich tanzte, bis ich vor Müdigkeit keinen Schritt mehr machen konnte, und Ange tanzte neben mir. Rein technisch gesehen rieben wir stundenlang unsere schwitzenden Leiber aneinander, aber glaubt es oder lasst es bleiben, es törnte mich nicht an. Wir tanzten bloß, wir verloren uns in den Beats und dem Soundgeprügel und dem Schreien – HOLT ES EUCH ZURÜCK! HOLT ES EUCH ZURÜCK!

Als ich nicht mehr tanzen konnte, griff ich nach ihrer Hand, und sie drückte meine, als ob ich sie davon abhalten müsse, von einem Hausdach zu fallen. Sie zog mich aus der Masse raus, wo es luftiger und kühler wurde. Da draußen, im Randbereich von Dolores Park, waren wir der kühlen Luft ausgesetzt, und der Schweiß auf unseren Körpern wurde sofort eiskalt. Wir zitterten, und sie schlang ihre Arme um meine Hüfte. „Wärm mich“, forderte sie.

Ich brauchte keine weiteren Hinweise und umarmte sie auch. Ihr Herzschlag war ein Echo der rasenden Beats auf der Bühne – Breakbeats jetzt ohne Gesang, schnell und aggressiv.

Sie roch nach Schweiß, ein scharfer, überwältigender Geruch. Ich wusste, ich roch auch nach Schweiß. Meine Nase war in ihrem Haar vergraben, ihr Gesicht an meinem Schlüsselbein. Ihre Hände wanderten in meinen Nacken und zogen an mir.

„Komm hier runter, ich hab keine Trittleiter dabei“, sagte sie, und ich versuchte zu lächeln, aber Lächeln ist schwierig, wenn man gleichzeitig küsst.

Ich erwähnte bereits, dass ich in meinem Leben bislang drei Mädchen geküsst hatte. Zwei von ihnen hatten vorher noch niemanden geküsst. Eine hatte feste Freunde, seit sie zwölf war, und die hatte so ihre Eigenarten.

Keine von ihnen küsste wie Ange. Sie machte ihren gesamten Mund weich wie das Innere einer reifen Frucht, und sie rammte mir ihre Zunge nicht einfach in den Mund, sondern ließ sie reingleiten, und gleichzeitig saugte sie meine Lippen in ihren Mund, und es war, als ob mein Mund und ihrer ineinander verschmolzen. Ich hörte mich selbst stöhnen und packte sie und umarmte sie fester.

Langsam, ganz langsam ließen wir uns ins Gras sinken. Und dann lagen wir auf der Seite und umarmten einander, küssten und küssten und küssten. Die ganze Welt verschwand hinter diesem einen Kuss.

Meine Hände fanden ihren Po, ihre Hüften. Den Saum ihres T-Shirts. Ihren warmen Bauch, den weichen Nabel. Sie bewegten sich langsam höher. Sie stöhnte ebenfalls.

„Nicht hier“, sagte sie. „Lass uns da rüber gehen.“ Sie zeigte über die Straße hinweg auf die große weiße Kirche, die Mission Dolores Park und der Mission den Namen gab. Händchenhaltend eilten wir rüber zur Kirche. Vor dem Eingang standen einige Pfeiler. Sie presste mich mit dem Rücken gegen einen davon und zog mein Gesicht wieder zu sich herunter. Meine Hände wanderten schnell und mutig zurück zu ihrem T-Shirt und dort immer höher.

„Er geht hinten auf“, flüsterte sie in meinen Mund. Mit meiner Latte hätte ich mittlerweile Glas schneiden können. Meine Hände wanderten weiter zu ihrem breiten, kräftigen Rücken, und mit zitternden Fingern fand ich das Häkchen. Ich fummelte eine Weile und dachte dabei an all die Witze darüber, wie schlecht Jungs darin sind, BHs zu öffnen. Ich war schlecht darin. Dann plötzlich ging das Häkchen auf. Sie keuchte in meinen Mund. Ich zog meine Hände wieder nach vorn, spürte die Feuchtigkeit unter ihren Achseln (was ich sexy fand und merkwürdigerweise kein Stück abstoßend) und streichelte die Seiten ihrer Brüste.

In diesem Moment begannen die Sirenen zu heulen.

Sie waren lauter als alles, was ich jemals gehört hatte. Ein Lärm, der im ganzen Körper zu spüren war, als ob dich plötzlich jemand von den Füßen reißt. Ein Lärm so laut, wie ihn deine Ohren nur verarbeiten können, und noch lauter.

„ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER!“ donnerte die Stimme Gottes in meinem Schädel.

„DIES IST EINE ILLEGALE VERSAMMLUNG. ENTFERNEN SIE SICH SOFORT!“ Die Band hatte aufgehört zu spielen, und die Geräusche der Menge auf der anderen Straßenseite änderten sich. Sie wurde ängstlich. Und wütend.

Ich hörte ein Klicken, als die PA-Anlage aus Autoboxen und Autobatterien auf den Tennisplätzen eingeschaltet wurde.

„HOLT ES EUCH ZURÜCK!“

Es war ein lauter, trotziger Schrei, ein Schrei wie in die Brandung oder von einer Klippe herab.

„HOLT ES EUCH ZURÜCK!“

Die Masse grummelte, ein Klang, der mir die Nackenhaare sträubte.

„HOLT ES EUCH ZURÜCK!“, skandierten sie. „HOLT ES EUCH ZURÜCK HOLT ES EUCH ZURÜCK HOLT ES EUCH ZURÜCK!“

Die Polizei rückte in Reihen an, hinter Plastikschilden, unter Darth-Vader-Helmen, die die Gesichter bedeckten. Jeder hatte einen schwarzen Gummiknüppel und eine Infrarot-Nachtsichtbrille. Sie sahen aus wie Soldaten in einem futuristischen Kriegsfilm. Alle zusammen machten einen Schritt vorwärts, und jeder hieb seinen Knüppel gegen seinen Schild – ein Krachen, als ob die Erde splitterte. Noch ein Schritt, noch ein Krachen. Sie hatten den gesamten Park umstellt und zogen den Belagerungsring jetzt zu.

„ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER“, sagte die Stimme Gottes noch einmal. Plötzlich waren Helikopter über uns. Aber ohne Suchscheinwerfer. Infrarotbrillen, klar. Die würden da oben auch Nachtsichtgeräte haben. Ich zog Ange zurück zur Kirchentür, aus dem Sichtfeld der Bullen und der Helis.

„HOLT ES EUCH ZURÜCK!“, donnerte die PA. Das war Trudy Doos Rebellenschrei, und ich konnte hören, wie sie auf der Gitarre ein paar Akkorde rausprügelte, dann der Schlagzeuger dazu, dann der riesige, tiefe Bass.

„HOLT ES EUCH ZURÜCK!“, antwortete die Menge, und dann schwappte die Woge aus dem Park heraus und den Gefechtsreihen der Polizei entgegen.

Ich war noch nie im Krieg, aber jetzt glaube ich zu wissen, wie das ist. Wie es sich anfühlen muss, wenn verängstigte Kids über eine Wiese rennen, um sich einer gegnerischen Macht entgegenzuwerfen, wohl wissend, was kommen muss, und trotzdem rennen sie, brüllen und heulen.

[x]

„ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER“, sagte die Stimme Gottes. Sie kam von Trucks, die rund um den Park abgestellt waren, Trucks, die dort in den letzten paar Sekunden postiert worden waren.

Und dann fiel der Nebel vom Himmel. Er kam aus den Helikoptern, und er erwischte uns nur grade eben noch. Ich dachte, mir sprengts die Schädeldecke weg und meine Nasenhöhlen werden mit Eispickeln perforiert. Meine Augen schwollen und tränten, meine Kehle zog sich zusammen.

Pfefferspray. Nicht bloß 200.000 Scoville. Eineinhalb Millionen. Die hatten die Masse begast.

Ich konnte nicht sehen, was da passierte, aber ich konnte es hören, über Anges und mein Husten hinweg, während wir einander festhielten. Erst die erstickten, würgenden Geräusche. Gitarre, Drums und Bass kamen abrupt zum Schweigen. Dann Husten.

Dann Schreien.

Das Schreien dauerte entsetzlich lange. Als ich wieder sehen konnte, hatten die Bullen ihre Brillen hochgeschoben, und die Helis fluteten Dolores Park mit so viel Scheinwerferlicht, dass es aussah wie am hellichten Tag. Jeder schaute in Richtung Park, und das war gut für uns, denn als die Lichter angingen, da waren auch wir perfekt sichtbar.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Ange mit belegter, furchtsamer Stimme. Für einen Augenblick war ich nicht sicher, ob ich meiner eigenen Stimme schon wieder trauen könnte, und schluckte ein paar Mal.

„Wir gehen jetzt weg“, sagte ich dann. „Was anderes bleibt uns nicht übrig. Weggehen, als ob wir hier bloß vorbeigekommen sind. Dolores runter und dann hoch zur Sechzehnten. Als ob wir bloß vorbeigekommen sind und uns das alles hier nichts angeht.“

„Das klappt nie“, sagte sie.

„Mehr fällt mir nicht ein.“

„Denkst du nicht, wir sollten lieber rennen?“

„Nein. Wenn wir rennen, dann jagen sie uns. Aber wenn wir gehen, denken sie vielleicht, dass wir nichts getan haben, und lassen uns in Ruhe. Die haben mit ihren Verhaftungen hier genug zu tun, um sich ne Weile zu beschäftigen.“

Im Park wälzten die Leute sich auf dem Boden, hielten sich die Hände vors Gesicht und schnappten nach Luft. Die Bullen packten sie unter den Achseln und zogen sie raus, dann fesselten sie die Handgelenke mit Plastikhandschellen und schubsten sie in die Trucks, als seien es Stoffpuppen.

„Okay?“, fragte ich.

„Okay.“

Und genau so machten wirs. Wir gingen händchenhaltend, flott und zielstrebig davon, wie zwei Leute, die bemüht waren, sich aus dem Ärger anderer Leute rauszuhalten. Die Sorte Gang, in die man verfällt, wenn man so tut, als ob man den Schnorrer nicht sieht, oder einem Straßenkampf aus dem Weg gehen will.

Es klappte.

Wir erreichten die Ecke, bogen ab und gingen weiter. Zwei Blocks weit traute sich keiner von uns zu sprechen. Dann ließ ich einen Atemzug raus, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn schon so lange angehalten hatte.

Dann kamen wir zur 16ten Straße und bogen ab Richtung Mission Street. Normalerweise ist das samstagnachts um zwei eine ziemlich beängstigende Gegend. In dieser Nacht war es eine Offenbarung – dieselben alten Junkies, Nutten, Dealer und Besoffskis wie immer. Keine Bullen mit Knüppeln, kein Gas.

„Hm“, sagte ich, Nachtluft einsaugend. „Kaffee?“

„Nach Hause“, erwiderte sie. „Ja, ich glaube, nach Hause jetzt. Kaffee später.“

„Gut.“ Sie wohnte oben in Hayes Valley. Ich sah ein Taxi vorbeifahren und winkte es ran. Das war ein kleines Wunder – wenn man in San Francisco ein Taxi braucht, ist normalerweise kaum eins zu kriegen.

„Hast du genug Taxigeld für nach Hause?“

„Ja“, sagte sie. Der Taxifahrer beäugte uns durch die Seitenscheibe. Ich öffnete schon mal die Fondtür, um ihn davon abzuhalten, gleich wieder loszufahren.

„Gute Nacht“, sagte ich.

Sie griff um meinen Kopf herum und zog mein Gesicht zu sich heran. Dann küsste sie mich hart auf den Mund, nichts Sexuelles darin, aber vielleicht grade deswegen um so intimer.

„Gute Nacht“, flüsterte sie mir ins Ohr und verschwand im Taxi.

Mit dumpfem Schädel, tränenden Augen und einem brennenden Schamgefühl, weil ich all diese Xnetter zurückgelassen hatte, der Gnade oder Ungnade von DHS und SFPD ausgeliefert, machte ich mich auf den Weg nach Hause.

Am Montagmorgen stand Fred Benson hinter Ms. Galvez‘ Schreibtisch. „Ms. Galvez wird diese Klasse nicht länger unterrichten“, sagte er, kaum dass wir uns gesetzt hatten. Er hatte diese selbstgefällige Miene aufgesetzt, die ich sofort erkannte. Einer Ahnung folgend schaute ich zu Charles rüber. Er grinste, als sei heute sein Geburtstag und er hätte das schönste Geschenk der Welt bekommen.

Ich hob die Hand.

„Warum nicht?“

„Es gehört zu den Prinzipien der Schulbehörde, die Belange der Angestellten mit niemandem außer dem Angestellten selbst und dem Disziplinarkomitee zu besprechen“, sagte er und gab sich dabei nicht mal Mühe zu verbergen, welche Genugtuung es ihm bereitete, das zu sagen.

„Wir beginnen heute mit einer neuen Unterrichtseinheit zur nationalen Sicherheit. Ihre SchulBooks haben die neuen Texte. Bitte öffnen Sie sie und rufen sie den ersten Bildschirm auf.“

Auf dem Startbildschirm prangte ein DHS-Logo nebst Titel „WAS JEDER AMERIKANER ÜBER HEIMATSCHUTZ WISSEN SOLLTE“.

Am liebsten hätte ich mein SchulBook auf den Boden gepfeffert.

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Kapitelübersicht
Kapitel 11 | Start | Kapitel 13
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Cory DoctorowLittle Brother
{ Download: HTMLTXTPDFEPUBMOBIPDBPRCAZW }
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