Little Brother – Kapitel 19

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist dem MIT Press Bookshop gewidmet, einem Laden, den ich bei jedem meiner Trips nach Boston in den letzten zehn Jahren besucht habe. Das MIT ist natürlich eine der legendären Keimzellen globaler Nerd-Kultur, und die Buchhandlung auf dem Campus wird allen Erwartungen gerecht, die ich mitbrachte, als ich sie zum ersten Mal betrat. Neben den wunderbaren Werken, die bei MIT Press erscheinen, bietet der Laden auch eine Rundreise durch die aufregendsten High-Tech-Publikationen der Welt, von Hacker-Blättchen wie 2600 bis zu dicken akademischen Anthologien über Videospiel-Design. Dies ist einer der Läden, in denen ich um Lieferung meiner Einkäufe bitten muss, weil sie nicht in den Koffer passen.

MIT Press Bookstore:
http://web.mit.edu/bookstore/www/
Building E38, 77 Massachusetts Ave., Cambridge, MA USA 02139-4307 +1 617 253 5249

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Dies ist die E-Mail, die um sieben Uhr am nächsten Morgen rausging, während Ange und ich VAMPMOB CIVIC CENTER ->-> an strategischen Punkten der Stadt auf den Asphalt sprühten.

>  REGELN FÜR VAMPMOB

>  Du bist Mitglied eines Clans von Tageslicht-Vampiren. Du hast das Geheimnis entdeckt, wie man das grässliche Sonnenlicht überlebt. Das Geheimnis ist Kannibalismus: Das Blut eines anderen Vampirs kann dir die Kraft geben, unter den Lebenden zu wandeln.

>  Um im Spiel zu bleiben, musst du so viele andere Vampire beißen wie möglich. Wenn eine Minute ohne einen Biss verstreicht, bist du raus. Wenn du raus bist, dreh dein Shirt um und werde Schiedsrichter – beobachte zwei oder drei Vamps, um zu sehen, ob sie ihre Bisse landen können.

>  Um einen anderen Vamp zu beißen, musst du fünf Mal „Beißen!“ sagen, bevor er es tut. Also rennst du auf einen Vampir zu, suchst Blickkontakt und schreist „Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!“, und wenn du es schaffst, bevor der andere es schafft, dann lebst du, und der andere zerfällt zu Staub.

>  Du und die anderen Vampire, die du an deinem Treffpunkt vorfindest, seid ein Team. Sie sind dein Clan. Ihr Blut hat für dich keinen Nährwert.

>  Du kannst „unsichtbar“ werden, indem du stehen bleibst und die Arme über der Brust verschränkst. Du kannst keine unsichtbaren Vampire beißen, und sie können dich nicht beißen.

>  Dieses Spiel wird nach dem Ehrenprinzip gespielt. Sinn ist es nicht, zu gewinnen, sondern Spaß zu haben und mal wieder deinen Vamp unter die Leute zu bringen.

>  Es gibt ein Endspiel, das durch Mundpropaganda eingeläutet wird, wenn sich Gewinner abzeichnen. Die Spielleiter werden eine Flüsterkampagne unter den Spielern starten, wenn die Zeit dafür reif ist. Verbreite die Parole, so schnell du kannst, und achte auf das Zeichen.

>  M1k3y

>  Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!

Wir hatten gehofft, dass vielleicht hundert Leute bereit sein würden, VampMob zu spielen. Jeder von uns hatte etwa zweihundert Einladungen rausgeschickt. Aber als ich um vier Uhr aufsprang und zur Xbox griff, waren 400 Antworten eingetroffen. VIERHUNDERT.

Ich fütterte den Bot mit den Adressen und stahl mich aus dem Haus. Ich stieg die Stufen hinab, lauschte noch kurz, wie mein Vater schnarchte und meine Mom sich im Bett hin- und herwälzte. Dann verschloss ich die Tür hinter mir.

Morgens um Viertel nach vier war es in Potrero Hill so still wie auf dem Land. Ich hörte einige entfernte Verkehrsgeräusche, und einmal fuhr ein Auto an mir vorbei. An einem Geldautomaten hielt ich an und hob 320 Dollar in Zwanzigern ab, rollte sie zusammen, wickelte ein Gummiband drum und stopfte die Rolle in eine Reißverschlusstasche an der Hüfte meiner Vampirhose.

Ich trug wieder meinen Umhang, ein Rüschenhemd und eine Smokinghose, die so umgearbeitet war, dass sie genug Taschen für all meinen Kleinkram hatte. Dazu noch spitze Stiefel mit silbernen Totenköpfen auf den Schnallen, und mein Haar hatte ich zu einer schwarzen Pusteblume aufgestylt. Ange wollte das weiße Make-up mitbringen und hatte versprochen, mir Eyeliner und schwarzen Nagellack zu machen. Warum auch nicht? Wann würde ich denn das nächste Mal Gelegenheit haben, mich auf diese Weise zu verkleiden?

Ich traf Ange vor ihrem Haus. Sie hatte ebenfalls ihre Tasche umgehängt, trug Netzstrümpfe, ein gekräuseltes Gothic-Lolitakleidchen, weiße Schminke im Gesicht, ausgefeiltes Kabuki-Augen-Make-up, und an ihren Fingern und am Hals prangte Silberschmuck.

„Du siehst TOLL aus!“, sagten wir wie aus einem Mund, dann lachten wir still und machten uns durch die Straßen davon, Sprühdosen in unseren Taschen.

Während ich das Civic Center betrachtete, überlegte ich, wie es wohl dort aussehen würde, wenn es von 400 VampMobbern heimgesucht wurde. Ich erwartete sie ihn zehn Minuten außen vor der City Hall. Schon jetzt wimmelte es auf der großen Plaza von Pendlern, die fein säuberliche Bögen um die dort bettelnden Obdachlosen machten.

Ich habe das Civic Center schon immer gehasst. Es ist eine Ansammlung von Hochzeitstorten-Bauwerken: Gerichtsgebäude, Museen und öffentliche Gebäude wie die City Hall. Die Bürgersteige sind breit, die Gebäude sind weiß. Irgendwie schaffen sie es, dass der Komplex auf Fotos für die Reiseführer von San Francisco wie das Epcot Center aussieht, futuristisch und streng.

Aber aus der Nähe ist es schmuddelig und eklig. Auf allen Bänken schlafen Obdachlose. Das Viertel ist spätestens abends um sechs leer, Betrunkene und Junkies ausgenommen; denn da es dort nur eine einzige Sorte Gebäude gibt, gibt es überhaupt keinen Grund, nach Sonnenuntergang noch rumzuhängen. Es ist eher ein Einkaufszentrum als ein Wohnviertel, aber die einzigen Geschäfte dort sind Kautionsvermittler und Spirituosenläden, also Angebote für die Familien der Ganoven, die hier vor Gericht stehen, und die Penner, die hier ihre nächtliche Wohnstätte haben.

So richtig verstand ich das alles, als ich ein Interview mit einer erstaunlichen alten Stadtplanerin las, einer Frau namens Jane Jacobs, die mir als erste wirklich begreiflich machen konnte, warum es falsch war, die Städte mit Autobahnen zu zerteilen, alle Armen in Wohnungsprojekte zu stecken und streng gesetzlich zu regeln, wer was wann wo tun durfte.

Jacobs erklärte, dass wirkliche Städte organisch sind und eine Menge Vielfalt aufweisen – Reich und Arm, Weiß und Braun, Anglo und Mex, Einzelhandel und Wohnen und sogar Industrie. Solch ein Viertel wird von allen Arten von Menschen zu sämtlichen Tages- und Nachtstunden besucht, deshalb siedeln sich dort Geschäfte an, die jeden denkbaren Bedarf decken, und du hast dort rund um die Uhr Leute, die ganz von selbst über die Straßen wachen.

Ihr kennt das sicherlich. Spaziert mal durch einen älteren Teil eurer Stadt, und ihr werdet merken, dass er voll mit den coolsten Geschäften ist, mit Typen in Anzügen oder edelschlampig, gehobenen Restaurants und schicken Cafés, vielleicht einem kleinen Kino, mit liebevoll gestrichenen Häusern. Sicher wirds da auch einen Starbucks geben, aber eben auch einen hübschen kleinen Obst- und Gemüse-Markt und eine Floristin, die dreihundert Jahre alt zu sein scheint und sorgfältig an den Blumen in ihren Fenstern schnipselt. Das ist das Gegenteil von geplantem Raum wie etwa einem Einkaufszentrum. Es fühlt sich eher an wie ein verwilderter Garten oder ein Wald: als wäre es gewachsen.

Man könnte nicht weiter davon entfernt sein als im Civic Center. Ich las dieses Interview mit Jacobs, in dem sie über das wundervolle alte Viertel sprach, das sie dafür abgerissen hatten. Es war genau diese Sorte Viertel gewesen, diese Art Ort, die einfach geschah – ohne explizite Erlaubnis, ohne Sinn und Verstand.

Jacobs erzählte, sie habe vorhergesagt, dass das Civic Center binnen weniger Jahre eines der schlimmsten Viertel der Stadt werden würde, eine Geisterstadt bei Nacht, ein Ort, an dem nur ein paar klapprige Läden für Säuferbedarf und schäbige Motels eine Existenzgrundlage finden würden. Sie erweckte im Interview nicht den Eindruck, als freue sie sich darüber, von der Realität bestätigt worden zu sein; viel eher klang es, als spreche sie über einen toten Freund, als sie beschrieb, was aus dem Civic Center geworden war.

Aber jetzt war Rushhour, und das Civic Center war denkbar belebt. Die dortige BART ist zugleich ein Knotenpunkt mehrerer Straßenbahnlinien, und wenn du von einer zur anderen wechseln musst, tust du es hier. Morgens um acht kamen Tausende Leute die Treppen hoch, liefen die Treppen runter, stiegen in Taxis und Busse ein und aus. Bei den DHS-Checkpoints an den diversen öffentlichen Gebäuden knubbelten sie sich, um aggressive Bettler machten sie große Bögen. Alle rochen sie nach ihren Shampoos und Deos, frisch geduscht und in der Rüstung ihrer Bürokluft, mit Laptoptaschen und Aktentaschen. Morgens um acht war das Civic Center der Nabel der Geschäftswelt.

Und jetzt kamen die Vampire. Ein paar Dutzend aus Richtung Van Ness, ein paar Dutzend von Market Street. Noch mehr von der anderen Seite von Market. Sie glitten an den Gebäuden entlang mit weißer Gesichtsfarbe und schwarzem Eyeliner, schwarzen Klamotten, Lederjacken, enorm schweren Stiefeln und fingerlosen Netzhandschuhen.

Sie begannen die Plaza zu füllen. Einige der Geschäftsleute warfen ihnen kurze Blicke zu und wandten sich dann wieder ab; wollten wohl diese Irren nicht in ihre persönliche Realität eindringen lassen, in der es nur darum ging, durch welchen Mist sie sich in den kommenden acht Stunden wieder zu wühlen hatten. Die Vamps stromerten rum, unsicher, wann das Spiel losgehen würde. Sie sammelten sich in großen Gruppen, wie ein umgekehrter Ölteppich, alles Schwarz sammelte sich an einem Fleck. Viele von ihnen trugen altmodische Hüte, Melonen, Museumsstücke. Und viele der Mädchen hatten sich mit grausig-eleganten Lolitakostümen und enormen Plateausohlen aufgebrezelt.

Ich versuchte ihre Zahl zu schätzen. 200. Fünf Minuten später waren wir bei 300, 400. Und es kamen immer noch welche. Die Vampire hatten Freunde mitgebracht.

Jemand packte mich am Po. Ich wirbelte herum und sah Ange, die sich vor Lachen schüttelte.

„Sieh dir das an, Mann, sieh dir die alle an!“, staunte sie. Der Platz war jetzt doppelt so bevölkert wie noch vor wenigen Minuten. Ich wusste nicht, wie viele Xnetter es insgesamt gab, aber mindestens 1000 von ihnen waren gerade bei meiner kleinen Party erschienen. Allmächtiger.

Die DHS- und SFPD-Bullen setzten sich in Bewegung, sprachen in ihre Funkgeräte und gruppierten sich. Ich hörte von fern eine Sirene.

„Na gut“, sagte ich und schüttelte Ange am Arm. „Okay, los gehts.“ Wir verschwanden beide in der Menge, und sobald wir unseren ersten Vamp trafen, sagten wir beide laut „Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!“ Mein Opfer war ein fassungsloses, süßes Mädchen, das sich Spinnweben auf die Arme gemalt hatte und dem das Mascara bereits die Wangen herablief. Sie sagte „Mist“ und zog sich zurück, als sie erkannte, dass ich sie erwischt hatte.

Der Ruf „Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!“ hatte die Vampire in der Nähe in Bewegung versetzt. Einige stürzten sich gleich auf die anderen, andere suchten nach Deckung. Für diese Minute hatte ich mein Opfer, deshalb schlich ich mich davon, Irdische als Deckung benutzend. Überall um mich herum nun „Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!“, Rufe, Gelächter, Flüche.

Das Geräusch verbreitete sich wie ein Virus in der Menge. Alle Vampire wussten jetzt, dass das Spiel im Gange war, und die, die sich zu Grüppchen versammelt hatten, fielen jetzt wie die Fliegen. Sie lachten, schimpften und wechselten ihren Standort, um Neuankömmlingen mitzuteilen, dass das Spiel lief. Und neue Vamps kamen immer noch sekündlich dazu.

8:16. Es war Zeit für mich, wieder einen zu erwischen. Ich duckte mich und wuselte zwischen den Beinen der Normalos durch, die unterwegs zu den Treppen zur BART waren. Sie schreckten erstaunt zurück und versuchten mir auszuweichen. Meine Blicke waren völlig fixiert auf ein Paar schwarzer Plateaustiefel mit stählernen Drachen auf den Zehenkappen, deshalb war ich nicht drauf vorbereitet, einem anderen Vampir plötzlich Auge in Auge gegenüberzustehen – einem Typen von vielleicht 15 oder 16 Jahren, der das Haar glatt zurückgegelt hatte und eine Marilyn-Manson-PVC-Jacke trug, dazu Halsketten mit falschen Stoßzähnen, in die komplizierte Symbole eingraviert waren.

„Beißen Beißen Beißen…“, begann er, als einer der Irdischen über ihn stolperte und sie sich beide langmachten. Ich sprang rüber zu ihm und rief „Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!“, bevor er sich wieder losmachen konnte.

Immer mehr Vampire kamen dazu. Die Anzüge wurden allmählich echt nervös. Das Spiel schwappte nun über den Bürgersteig in Van Ness rein und breitete sich Richtung Market Street aus. Autofahrer hupten, und die Straßenbahnen ließen wütendes Klingeln vernehmen. Ich hörte weitere Sirenen, aber mittlerweile war der Verkehr in alle Richtungen zum Erliegen gekommen.

Es war verdammt glorreich.

Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!

Der Ruf kam jetzt von überall her. Es waren so viele Vampire, und sie spielten so leidenschaftlich, dass es ein monströses Getöse war. Ich riskierte es, aufzustehen und mich umzuschauen, und erkannte, dass ich mich mitten in einer gewaltigen Menge von Vamps befand, die sich in alle Richtungen erstreckte, so weit mein Blick reichte.

Beißen Beißen Beißen Beißen Beißen!

Das hier war sogar noch besser als das Konzert in Dolores Park. Dort war es wütendes Rocken gewesen, aber hier – nun, hier war es einfach nur Spaß. Es war wie wieder auf den Spielplatz gehen, wie diese ausufernden Abklatschen-Spiele in sonnigen Mittagspausen, wenn Hunderte Kinder hintereinander her rannten. Die Erwachsenen und die Autos verliehen dem Ganzen nur noch etwas Extra-Spaß.

Ja, genau das war es: Spaß. Wir waren mittlerweile alle nur noch am Lachen.

Aber die Bullen machten jetzt mächtig mobil. Ich hörte Hubschrauber. Nun konnte es jeden Moment vorbei sein. Zeit für das Endspiel.

Ich schnappte mir einen Vamp.

„Endspiel: Wenn die Bullen uns auffordern, uns zu zerstreuen, dann tu so, als hätten sie dich mit Gas erwischt. Weitersagen. Was hab ich gerade gesagt?“

Der Vamp war ein Mädchen, so klein, dass ich erst dachte, sie müsse sehr jung sein, aber nach ihrem Gesicht und dem Grinsen zu urteilen, doch schon 17 oder 18. „Boah, das ist derbe“, sagte sie.

„Was hab ich gesagt?“

„Endspiel: Wenn die Bullen uns auffordern, uns zu zerstreuen, tu so, als hätten sie dich mit Gas erwischt. Weitersagen. Was hab ich gerade gesagt?“

„Stimmt“, sagte ich. „Weitersagen.“

Sie verschwand in der Menge. Ich schnappte mir einen anderen Vampir und gab die Parole aus. Er verschwand, um sie weiterzusagen.

Irgendwo in der Menge, das wusste ich, war Ange dabei, dasselbe zu tun. Irgendwo in der Menge könnten auch Maulwürfe sein, falsche Xnetter, aber was sollten sie mit diesem Wissen schon anfangen? War ja nicht so, dass die Polizei die Wahl hatte. Die mussten uns dazu auffordern, uns zu zerstreuen. Soviel war garantiert.

Ich musste zu Ange kommen. Wir hatten geplant, uns an der Gründerstatue auf der Plaza zu treffen, aber dorthin zu gelangen würde schwierig werden. Die Menge bewegte sich nicht mehr bloß, sondern sie wogte, so wie damals der Mob auf dem Weg runter zur BART am Tag, als die Bomben hochgingen. Ich mühte mich ab, mir einen Weg zu bahnen, als die Lautsprecher unter dem Hubschrauber eingeschaltet wurden.

„HIER SPRICHT DIE HEIMATSCHUTZBEHÖRDE. SIE WERDEN DAZU AUFGEFORDERT, SICH SOFORT VON HIER ZU ENTFERNEN.“

Um mich herum fielen Hunderte Vampire zu Boden, griffen sich an die Kehle, rieben ihre Augen, schnappten nach Luft. So zu tun, als ob man begast würde, war einfach – wir hatten reichlich Gelegenheit gehabt, die Videos aus Mission Dolores Park zu studieren, als das Partyvolk unter Pfefferspray-Wolken zu Boden ging.

„ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER.“ Ich fiel zu Boden, aber mit Rücksicht auf meine Tasche, und griff nach hinten zu der roten Baseball-Mütze, die zusammengefaltet im Hosenbund steckte. Ich presste sie auf den Kopf, dann griff ich mir an die Kehle und gab ekelhaft würgende Geräusche von mir.

Die Einzigen, die jetzt noch standen, waren die Irdischen, all die Angestellten, die bloß versucht hatten, zu ihren Jobs zu kommen. Ich blickte mich nach ihnen um, so gut es beim Würgen und Hecheln ging.

„HIER SPRICHT DIE HEIMATSCHUTZBEHÖRDE. SIE WERDEN DAZU AUFGEFORDERT, SICH SOFORT VON HIER ZU ENTFERNEN. ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER.“

Die Stimme Gottes schmerzte in meinen Eingeweiden. Ich spürte sie in meinen Backenzähnen, in den Oberschenkeln und in meinem Rückgrat.

Die Angestellten bekamen Angst. Sie bewegten sich, so schnell sie konnten, aber nicht in eine bestimmte Richtung. Egal wo du standest, die Helikopter schienen unmittelbar über dir zu sein. Die Bullen drangen jetzt in die Menge vor, und sie hatten ihre Helme aufgesetzt. Einige trugen Schilde. Einige trugen Gasmasken. Ich keuchte noch mehr.

Dann fingen die Angestellten an zu rennen. Wahrscheinlich wäre ich auch gerannt. Ich sah, wie ein Typ sich sein 500-Dollar-Jackett vom Körper riss und es sich ums Gesicht wickelte, bevor er südwärts Richtung Mission losrannte, nur um zu stolpern und längs hinzuschlagen. Seine Flüche mengten sich unter die Erstickungsgeräusche.

Das war nicht vorgesehen – das Keuchen hätte die Leute doch nur nervös machen und verwirren sollen, aber nicht zu einer panischen Stampede veranlassen.

Jetzt waren auch Schreie zu hören, Schreie, die ich nur zu gut von jener Nacht im Park kannte. Das waren die Schreie von Leuten, die außer sich waren vor Angst und die sich gegenseitig anrempelten in ihren verzweifelten Versuchen, wegzukommen von hier.

Und dann gingen die Luftschutzsirenen los.

Ich hatte diese Geräusche seit den Bomben nicht mehr gehört, aber ich würde sie nie wieder vergessen. Sie schnitten glatt durch mich hindurch, gingen mir direkt in die Eier und verwandelten meine Beine in Wackelpudding. In meiner Panik wollte ich nur noch wegrennen. Ich mühte mich auf die Füße, rote Mütze auf dem Kopf, und dachte nur an das Eine: Ange. Ange und die Gründerstatue.

Jetzt waren alle auf den Beinen, rannten überallhin, schrien. Ich schubste Leute aus dem Weg, hielt meine Tasche und meine Mütze fest und drängte in Richtung Gründerstatue. Masha suchte nach mir, ich suchte nach Ange. Ange war da draußen.

Ich schubste und fluchte. Rempelte jemanden mit dem Ellbogen an. Irgendjemand trat mir so hart auf den Fuß, dass ich etwas knacksen spürte, und ich rammte ihn, dass er stürzte. Er versuchte aufzustehen, und ein anderer trat auf ihn. Ich rempelte und rammte weiter.

Dann streckte ich den Arm aus, um den Nächsten zu schubsen, da griffen kräftige Arme mein Handgelenk und meinen Ellbogen in einer flüssigen Bewegung und zogen mir den Arm hinter meinen Rücken. Es fühlte sich an, als ob meine Schulter aus ihrem Gelenk gedreht würde, und sofort beugte ich mich nach vorn – brüllend vor Schmerz, was aber im Lärm der Masse, dem Wummern der Helikopter und dem Sirenengeheul kaum hörbar war.

Die starken Hände hinter mir brachten mich wieder zum Stehen und steuerten mich wie eine Marionette. Der Griff war so perfekt, dass ich nicht mal dran denken konnte, mich herauszuwinden. Ich konnte nicht an den Lärm, nicht an den Hubschrauber und auch nicht an Ange denken. Alles, woran ich denken konnte, war, mich dorthin zu bewegen, wo diese Person hinter mir mich haben wollte. Dann wurde ich umgedreht und sah der Person ins Gesicht.

Es war ein Mädchen mit kantigem Nagetiergesicht, halb verborgen hinter einer riesigen Sonnenbrille. Über den Gläsern stand ein Schopf strahlend pinkfarbener Haare in alle Richtungen ab.

„Du!“, sagte ich. Ich kannte sie. Sie hatte ein Foto von mir gemacht und gedroht, mich damit beim Schwänzerblog zu verpfeifen. Das war fünf Minuten vor den Sirenen gewesen. Das war sie gewesen, rücksichtslos und gerissen. Wir waren beide von diesem Platz im Tenderloin weggerannt, als hinter uns die Huperei begonnen hatte, und wir waren beide von den Bullen aufgegriffen worden. Ich hatte mich feindselig benommen, und sie hatten entschieden, dass ich ein Feind sei.

Sie – Masha – wurde ihre Verbündete.

„Hallo, M1k3y“, zischte sie mir ins Ohr, so nah wie eine Liebhaberin. Ein Zittern kroch mir den Nacken hoch. Sie ließ meinen Arm los, und ich schüttelte ihn.

„O Gott“, sagte ich. „Du!“

„Ja, ich. Das Gas kommt in zirka zwei Minuten runter. Zeit, unsern Arsch zu retten.“

„Ange – meine Freundin – ist bei der Gründerstatue.“

Masha blickte über die Menge. „Keine Chance“, sagte sie. „Wenn wir versuchen, dahin zu kommen, sind wir geliefert. Das Gas kommt in zwei Minuten runter, falls dus beim ersten Mal nicht gehört hast.“

Ich blieb stehen. „Ohne Ange gehe ich nicht“, sagte ich.

Sie zuckte die Achseln. „Wie du willst“, rief sie mir ins Ohr. „Es ist deine Beerdigung.“

Sie fing an, sich durch die Menge zu drängen, weg, nach Norden, Richtung Downtown. Ich drängte weiter zur Gründerstatue. Einen Augenblick später war mein Arm wieder in dem grässlichen Haltegriff, und ich wurde herumgestoßen und vorwärtsgetrieben.

„Du weißt zuviel, Schwachkopf. Du hast mein Gesicht gesehen. Du kommst mit mir.“

Ich brüllte sie an, zappelte, bis ich dachte, gleich müsse mein Arm brechen, aber sie trieb mich weiter. Mein verletzter Fuß peinigte mich bei jedem Schritt, und meine Schulter fühlte sich an wie kurz vorm Abbrechen.

Indem sie mich als ihren Rammbock benutzte, kamen wir in der Menge ganz gut voran. Das Jaulen der Helikopter veränderte sich, und sie schubste mich noch fester. „RENN!“, schrie sie. „Jetzt kommt das Gas!“

Der Lärm der Menge änderte sich ebenfalls. Die erstickten Geräusche und das Brüllen wurden sehr viel lauter. Ich hatte dieses Anschwellen des Lärms schon mal gehört. Wir waren wieder im Park. Das Gas regnete herab. Ich hielt die Luft an und RANNTE.

Wir schoben uns aus der Masse heraus, und sie ließ meinen Arm los. Ich humpelte, so schnell ich konnte, auf den Bürgersteig, während die Menge sich mehr und mehr zerstreute. Wir liefen auf eine Gruppe von DHS-Bullen mit Schutzschilden, Helmen und Masken zu. Als wir näher kamen, versuchten sie uns den Weg zu versperren, aber Masha hielt eine Marke hoch, und sie wichen zurück, als sei sie Obi Wan Kenobi, wenn er sagt, „Das sind nicht die Droiden, die ihr sucht“.

„Du gottverdammtes Miststück“, sagte ich, als wir Market Street raufhetzten. „Wir müssen zurückgehen, um Ange zu holen.“

Sie spitzte die Lippen und schüttelte den Kopf. „Tut mir echt Leid für dich, Kumpel. Ich hab meinen Freund jetzt schon Monate nicht gesehen. Der denkt wahrscheinlich, ich bin tot. Kriegsschicksale. Wenn wir für deine Ange zurückgehen, sind wir tot. Wenn wir weiterlaufen, haben wir eine Chance. Und wenn wir eine Chance haben, hat sie auch eine. Diese Kids kommen nicht alle nach Gitmo. Die werden wohl ein paar hundert zum Befragen dabehalten und den Rest heimschicken.“

Wir liefen weiter Market Street hoch und kamen jetzt an den Strip-Lokalen vorbei, wo auch die Penner und Junkies ihre kleinen Lager aufgeschlagen hatten, die wie offene Klohäuschen stanken. Masha führte mich zu einer Nische im verschlossenen Eingang einer dieser Striptease-Höhlen. Sie zog ihre Jacke aus und wendete sie – das Futter war ein gedämpftes Streifenmuster, und durch die umgedrehten Nähte fiel die Jacke jetzt auch anders. Aus der Tasche zog sie eine Wollmütze hervor, die sie so über ihr Haar zog, dass es eine kecke seitliche Ausbuchtung ergab. Dann holte sie ein paar Abschmink-Tücher heraus und bearbeitete ihr Gesicht und die Fingernägel. Einen Moment später war sie eine andere Frau.

„Kleidung wechseln“, sagte sie. „Jetzt du. Schuhe aus, Jacke aus, Mütze aus.“ Ich verstand, was sie meinte. Die Bullen würden ziemlich sorgfältig nach jedem Ausschau halten, der aussah, als könnte er beim VampMob dabeigewesen sein. Die Mütze warf ich gleich weg – diese Sorte Caps hatte ich eh nie leiden können. Dann stopfte ich die Jacke in meine Tasche und holte ein Langarmshirt mit Rosa-Luxemburg-Aufdruck heraus, das ich über mein schwarzes T-Shirt zog. Ich ließ Masha mein Make-up und den Nagellack abwischen, und ruckzuck war ich sauber.

„Schalt dein Handy aus“, sagte sie. „Irgendwelche RFIDs dabei?“ Ich hatte meinen Studentenausweis, meine Geldautomatenkarte und den Fast Pass. Alles wanderte in einen silbernen Beutel, den sie mir hinhielt und den ich als strahlendichten Faraday-Beutel erkannte. Aber als sies in ihre Tasche steckte, dämmerte mir, dass ich ihr gerade meine gesamte Identifikation anvertraut hatte. Wenn sie nun auf der gegnerischen Seite war?

Allmählich wurde mir auch die Tragweite dessen bewusst, was gerade passiert war. Ich hatte mir ausgemalt, dass Ange in diesem Moment bei mir sein würde. Mit Ange wären wir zwei gegen eine. Ange würde mir helfen, zu merken, ob irgendwas faul war. Ob Masha nicht die war, als die sie sich ausgab.

„Steck diese Kiesel in deine Schuhe, bevor du sie wieder anziehst.“

„Nicht nötig. Ich hab mir den Fuß verstaucht. Kein Schritterkennungsprogramm wird mich jetzt erkennen.“

Sie nickte einmal, zwei Profis unter sich, und schleuderte ihre Tasche über. Ich schnappte mir meine, und weiter gings. Gesamtzeit für den Wechsel war weniger als eine Minute gewesen, und wir sahen aus und liefen wie zwei andere Menschen.

Sie schaute auf die Uhr und schüttelte den Kopf. „Komm schon“, sagte sie, „wir müssen zu unserem Treffpunkt. Komm aber ja nicht auf die Idee wegzurennen. Du hast jetzt die Wahl zwischen mir und dem Knast. Die werden ein paar Tage brauchen, um die Aufzeichnungen vom Mob zu analysieren, aber wenn sie damit durch sind, wandert jedes Gesicht in eine Datenbank. Unser Verschwinden wird bemerkt werden. Wir sind jetzt beide gesuchte Kriminelle.“

[x]

Am nächsten Block bogen wir von Market Street ab und liefen Richtung Tenderloin zurück. Diese Ecke kannte ich. Hier war es, wo wir das offene WLAN gesucht hatten, an diesem Tag, als wir Harajuku Fun Madness spielten.

„Wohin gehen wir?“, fragte ich.

„Wir trampen. Halt die Klappe, ich muss mich konzentrieren.“ Wir hatten Tempo drauf, und Schweiß floss mir übers Gesicht, den Rücken runter, durch die Po-Ritze und über die Schenkel. Mein Fuß tat heftig weh, und die Straßen von San Francisco rauschten an mir vorbei, vielleicht zum letzten Mal für immer.

Es machte die Sache auch nicht besser, dass wir ständig bergauf stampften, dorthin, wo das schäbige Tenderloin den Luxusimmobilien von Nob Hill weicht. Ich atmete in abgerissenen Japsern. Sie lotste uns zumeist durch schmale Gässchen und benutzte die großen Straßen nur, um von einem Schleichpfad zum nächsten zu gelangen.

Als wir gerade in so ein Gässchen, Sabin Place, einbogen, trat jemand hinter uns und sagte: „Bleibt stehen, wo ihr seid.“ Die Stimme quoll über von bösartiger Fröhlichkeit. Wir blieben stehen und drehten uns um.

Am Anfang des Weges stand Charles, gekleidet in ein halbherziges VampMob-Outfit aus schwarzem T-Shirt und Jeans plus weißer Gesichtsbemalung. „Hallo, Marcus“, sagte er. „Wohin des Wegs?“ Er grinste ein breites, nasses Grinsen. „Wer ist deine Freundin?“

„Was willst du, Charles?“

„Ach, weißt du, ich hab in diesem Verräter-Xnet rumgehangen seit dem Tag, an dem ich gesehen habe, wie du in der Schule DVDs verteilt hast. Als ich von diesem VampMob hörte, dachte ich, ich geh mal hin und schau mich um, ob ich dich sehe und was du da treibst. Und weißt du, was ich gesehen habe?“

Ich sagte nichts. Er hatte sein Handy auf uns gerichtet und zeichnete auf. Wahrscheinlich würde er gleich 911 wählen. Neben mir war Masha steif geworden wie ein Brett.

„Ich habe gesehen, wie du das verdammte Ding ANGEFÜHRT hast. Und ich hab es aufgezeichnet, Marcus. Jetzt rufe ich die Polizei an, und wir werden hier auf sie warten. Und dann wirst du für ne verdammt lange Zeit im allerfinstersten Knast verschwinden.“

Masha trat nach vorn.

„Bleib stehen, Schlampe“, sagte er. „Ich hab gesehen, wie du ihm bei der Flucht geholfen hast. Ich habe alles gesehen…“

Sie machte noch einen Schritt vorwärts und entriss ihm das Handy, während sie gleichzeitig mit ihrer anderen Hand nach hinten griff, eine Brieftasche holte und sie aufklappte.

„DHS, Schwachkopf“, sagte sie. „Ich bin beim DHS. Und ich hab diesen Blödmann zu seinen Auftraggebern laufen lassen, um zu sehen, wohin er geht. Wollte ich zumindest. Jetzt hast dus vergeigt. Wir haben einen Namen für so was. Wir nennen das ,Behinderung der Nationalen Sicherheit‘. Du wirst den Begriff in Zukunft noch ziemlich oft hören.“

Charles wich einen Schritt zurück, die Hände nach vorn gestreckt. Er war unter seinem Make-up noch blasser geworden. „Was? Nein! Ich meine… ich wusste das nicht! Ich wollte doch nur HELFEN!“

„Das Allerletzte, was wir brauchen, ist ein Trupp Schüler-G-Men, die uns ,helfen‘, Kumpel. Das kannst du dem Richter erzählen.“

Er wich weiter zurück, aber Masha war schnell. Sie packte sein Handgelenk und zwang ihn in denselben Judo-Griff, in dem sie mich am Civic Center gehalten hatte. Ihre Hand verschwand wieder hinten in den Taschen und kam diesmal mit einem Streifen Plastik wieder hervor, Plastikhandschellen, die sie ratzfatz um seine Handgelenke wickelte.

Das war das Letzte, was ich sah, bevor ich losrannte.

Ich schaffte es bis zum anderen Ende der Gasse; dann holte sie mich ein, tackelte mich von hinten und warf mich zu Boden. Ich hatte nicht sehr schnell rennen können mit meinem lädierten Fuß und der schweren Tasche. Ich landete hart auf dem Gesicht und schrammte meine Wange am rauen Asphalt auf.

„Oh Gott“, sagte sie, „du bist so ein gottverdammter Idiot. Du hast das doch nicht wirklich geglaubt, oder?“

Mein Herz wummerte in der Brust. Sie lag auf mir drauf und ließ mich jetzt langsam wieder aufstehen.

„Muss ich dich fesseln, Marcus?“

Ich kam wieder auf die Beine. Alles tat mir weh. Ich wollte nur noch sterben.

„Komm jetzt“, sagte sie. „Es ist nicht mehr weit.“

[x]

„Es“ entpuppte sich als Umzugslaster auf einer Nebenstraße in Nob Hill, ein Achtachser in der Größe der allgegenwärtigen DHS-Trucks, die immer noch, antennenüberladen, an San Franciscos Straßenecken auftauchten.

Dieser hier trug jedoch die Aufschrift „Drei Jungs und ein Laster – Umzüge“, und die drei Jungs waren deutlich zu sehen, wie sie bei einem großen Appartementhaus mit grünem Vordach ein- und ausgingen. Vorsichtig trugen sie verpackte Möbel und säuberlich beschriftete Kartons zum Laster, brachten sie einzeln hinein und verstauten sie sorgfältig.

Masha ließ uns noch einmal um den Block laufen, weil sie offensichtlich mit etwas unzufrieden war; bei der nächsten Runde stellte sie Blickkontakt zu dem Mann her, der den Laster beaufsichtigte, einem älteren Farbigen mit Nierengurt und robusten Handschuhen. Er hatte ein freundliches Gesicht und lächelte uns zu, als sie uns schnell, aber beiläufig die drei Stufen zum Truck hoch und in seine Tiefen hineinführte. „Unter dem großen Tisch“, sagte er. „Wir haben euch da ein bisschen Platz gelassen.“

Der Truck war schon mehr als zur Hälfte voll, aber es gab einen schmalen Gang rund um einen riesigen Tisch, über den eine Quiltdecke geworfen war und dessen Beine mit Blisterfolie eingewickelt waren.

Masha zog mich unter den Tisch. Es war schwül, still und staubig da unten, und ich unterdrückte ein Niesen, als wir uns zwischen den Kartons zusammenkauerten. Der Platz war so knapp, dass wir aufeinander hingen. Ich glaube nicht, dass Ange da auch noch drunter gepasst hätte.

„Du Miststück“, sagte ich zu Masha.

„Halts Maul. Du solltest mir lieber die Stiefel lecken aus Dankbarkeit. In einer Woche, höchstens zwei, wärst du im Knast gewesen. Nicht Gitmo-an-der-Bay. Eher Syrien. Ich glaube, da haben sie die hingeschickt, die sie wirklich verschwinden lassen wollten.“

Ich legte den Kopf auf die Knie und versuchte tief zu atmen.

„Was hat dich überhaupt auf die Schwachsinnsidee gebracht, dem DHS den Krieg zu erklären?“

Ich erzählte es ihr. Ich erzählte ihr von meiner Festnahme, und ich erzählte ihr von Darryl.

Sie befingerte ihre Taschen und zog ein Handy raus. Es war das von Charles. „Falsches Telefon.“ Sie holte ein anderes raus. Sie schaltete es ein, und der Schein seines Monitors erfüllte unser kleines Fort. Nach ein wenig Rumgetippe zeigte sie es mir.

Es war das Bild, das sie von uns gemacht hatte, unmittelbar bevor die Bomben hochgingen. Es war das Bild von Jolu und Van und mir und…

Darryl.

In meiner Hand hielt ich den Beweis, dass Darryl Minuten vor unserer Festnahme bei uns gewesen war. Den Beweis, dass er lebte, wohlauf und in unserer Begleitung war.

„Du musst mir eine Kopie davon geben“, sagte ich. „Ich brauch das.“

„Wenn wir in L.A. sind“, sagte sie und nahm das Handy wieder an sich. „Wenn du erst mal eine Einführung in die Kunst hattest, ein Flüchtling zu sein, ohne unsere beiden Ärsche in Syrien verschwinden zu lassen. Ich will nicht, dass du Rettungsfantasien für diesen Typ entwickelst. Da, wo er ist, ist er sicher – momentan.“

Ich spielte mit dem Gedanken, ihr das Handy mit Gewalt abzunehmen, aber sie hatte mir ja schon ihre physischen Fähigkeiten bewiesen. Sie musste ein Schwarzgurt sein oder so was.

Wir saßen da im Dunkeln, hörten den drei Jungs zu, wie sie den Laster mit Kartons beluden, alles verrödelten und dabei ächzten vor Anstrengung. Ich versuchte zu schlafen, aber es ging nicht. Masha hatte das Problem nicht. Sie schnarchte.

Immer noch schien Licht durch den engen, zugestellten Korridor, der uns mit der frischen Luft draußen verband. Ich starrte es an durch die Finsternis und dachte an Ange.

Meine Ange. Ihr Haar, das über ihre Schultern strich, wenn sie den Kopf schüttelte vor Lachen über etwas, das ich getan hatte. Ihr Gesicht, wie ich es zum letzten Mal sah, als sie beim VampMob in der Menge untertauchte. All diese Menschen beim VampMob, wie die Menschen im Park, wie sie sich auf dem Boden krümmten, während das DHS mit Knüppeln einmarschierte. Die Verschwundenen.

Darryl. Festgesetzt auf Treasure Island, seine Seite genäht, aus der Zelle geholt für endlose Befragungen über die Terroristen.

Darryls Vater, ruiniert, betrunken, unrasiert. Gewaschen und in seiner Uniform, „für die Fotos“. Weinend wie ein kleiner Junge.

Mein eigener Vater und die Veränderungen, die durch mein Verschwinden auf Treasure Island in ihm vorgegangen waren. Er war ebenso gebrochen gewesen wie Darryls Vater, nur eben auf seine Art. Und sein Gesicht, als ich ihm erzählte, wo ich gewesen war.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich nicht weglaufen konnte.

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich bleiben musste – und kämpfen.

Mashas Atem war tief und gleichmäßig, aber als ich unendlich langsam in ihrer Tasche nach dem Telefon griff, da schnüffelte sie ein bisschen und verlagerte ihre Position. Ich erstarrte und wagte ganze zwei Minuten lang nicht einmal zu atmen – ein-und-zwan-zig-, zwei-und-zwan-zig,…

Ganz langsam beruhigte sich ihr Atem wieder. Millimeter für Millimeter schob ich das Handy etwas weiter aus ihrer Jackentasche heraus, meine Finger und der ganze Arm zitternd von der Anstrengung, sich so langsam bewegen zu müssen.

Dann hatte ich es, ein kleines schokoriegelförmiges Dingens.

Ich drehte mich zum Licht hin, als mich blitzartig eine Erinnerung überfiel: Charles, wie er sein Handy hielt, es auf uns richtete, uns verhöhnte. Das war eins in Riegelform gewesen, silbern, übersät mit den Logos von einem Dutzend Firmen, die den Gerätepreis über die Telefongesellschaft subventioniert hatten. Es war die Sorte Handy, bei der man vor jedem Telefonat erst mal einen Werbespot anhören musste.

Es war zu duster im Truck, um das Handy deutlich zu sehen, aber ich konnte es fühlen. Waren das Firmenlogos an den Seiten? Ja? Ja. Ich hatte Masha gerade das Handy von Charles gestohlen.

Langsam, langsam drehte ich mich wieder zurück, und langsam, langsam, LANGSAM griff ich wieder in ihre Tasche. Ihr Handy war größer und klobiger, mit einer besseren Kamera und werweißwas sonst noch.

Ich hatte das nun schon mal bewältigt – das machte es etwas leichter. Erneut legte ich es millimeterweise frei, wobei ich zwei Mal pausierte, als sie schnaufte und zuckte.

Ich hatte das Handy gerade aus ihrer Tasche befreit und war dabei, mich wegzubewegen, als ihre Hand hervorschoss, schnell wie eine Schlange, und mein Handgelenk umklammerte, hart, mit knirschenden Fingerspitzen auf den kleinen, dünnen Knochen unter meiner Hand.

Ich schnappte nach Luft und starrte in Mashas weit offene Augen.

„Du bist so ein Idiot“, sagte sie beiläufig, nahm mir das Handy weg und tippte mit der anderen Hand darauf herum.

„Wie hättest du das überhaupt wieder entsperren wollen?“

Ich schluckte. Ich fühlte Knochen in meinem Handgelenk aufeinander reiben. Ich biss mir auf die Lippe, um nicht laut loszuschreien.

Mit ihrer anderen Hand tippte sie weiter. „Ist es das, mit dem du dich davonmachen wolltest?“ Sie zeigte mir das Foto von uns allen, Darryl und Jolu, Van und mir. „Dieses Bild?“

Ich sagte gar nichts. Mein Handgelenk fühlte sich an, als würde es gleich zerbersten.

„Vielleicht sollte ichs einfach löschen, um dich nicht weiter in Versuchung zu führen.“ Ihre freie Hand bewegte sich weiter. Ihr Telefon fragte sie, ob sie sicher sei, und sie musste draufschauen, um die richtige Taste zu finden.

Das war meine Chance. Ich hatte Charles‘ Handy immer noch in der anderen Hand, und ich hieb damit so hart ich konnte auf die Hand ein, mit der sie mich umklammerte. Beim Ausholen schlug ich mir die Fingerknöchel an der Tischplatte über mir wund, aber ich traf ihre Hand so fest, dass das Telefon zersplitterte; sie schrie auf, und ihre Hand wurde schlaff. Ich ließ nicht locker, griff nach ihrer anderen Hand, nach ihrem jetzt entsperrten Telefon, über dessen OK-Taste immer noch ihr Daumen drohte. Ihre Finger verkrampften sich im Leeren, als ich ihr das Handy entriss.

Auf Händen und Knien arbeitete ich mich den Korridor entlang, dem Licht entgegen. Zwei Mal spürte ich, wie ihre Hände nach meinen Füßen und Knöcheln griffen, und ich musste ein paar der Kartons, die uns wie einen Pharao in seinem Grab eingemauert hatten, beiseite schubsen. Einige davon fielen hinter mir zu Boden, und ich hörte Masha wieder ächzen.

Die Rolltür des Trucks war einen Spalt breit offen, und ich tauchte darunter durch. Die Trittleiter war entfernt worden, und ich fand mich über der Straße hängend wieder, rutschte mit dem Kopf zuvorderst hinab und schlug mit der Stirn dermaßen hart auf dem Asphalt auf, dass es in meinen Ohren schepperte wie ein Gong. Indem ich mich am Stoßfänger festklammerte, mühte ich mich wieder auf die Füße und zog verzweifelt den Griff nach unten, bis die Tür zuknallte. Innen schrie Masha auf – ich musste ihre Fingerkuppen erwischt haben. Ich dachte, ich müsse mich übergeben, aber ich tat es nicht.

Stattdessen verriegelte ich den Truck.

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Cory DoctorowLittle Brother
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