Little Brother – Kapitel 5

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Secret Headquarters in Los Angeles gewidmet, meinem endgültigen Lieblingscomicladen der ganzen Welt. Er ist klein und wählerisch bei seinem Angebot, und jedes Mal, wenn ich dort reingehe, komme ich mit drei, vier Sammlungen unterm Arm wieder raus, von denen ich vorher noch nie gehört hatte. Man könnte meinen, die Eigentümer, Dave und David, haben ein untrügliches Gespür dafür, was ich grade brauche, und drapieren immer genau das extra für mich, bevor ich in den Laden komme.

Ungefähr drei Viertel all meiner Lieblingscomics habe ich kennen gelernt, indem ich bei SHQ reinging, irgendwas Interessantes schnappte, mich in einen der bequemen Stühle fallen ließ und merkte, wie ich in eine fremde Welt davongetragen wurde. Als meine zweite Kurzgeschichtensammlung, OVERCLOCKED, erschien, gaben sie in Zusammenarbeit mit einem ortsansässigen Illustrator, Martin Cenreda, einen Gratis-Mini-Comic heraus, der auf „Printcrime“, der ersten Geschichte des Buchs, basierte. Ich habe L.A. vor rund einem Jahr verlassen, und auf der Liste der Dinge, die ich vermisse, steht Secret Headquarters ganz oben.

Secret Headquarters:
http://www.thesecretheadquarters.com/
3817 W. Sunset Boulevard, Los Angeles, CA 90026 +1 323 666 2228

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Aber es war Van, und sie weinte wirklich, als sie mich so kräftig umarmte, dass ich keine Luft bekam. Egal. Ich drückte sie wieder, mein Gesicht in ihrem Haar.

„Du bist okay!“, sagte sie.

„Ich bin okay“, brachte ich hervor.

Schließlich ließ sie von mir ab, und ein zweites Paar Arme schlang sich um mich. Jolu! Sie waren beide hier. Er flüsterte mir „du bist in Sicherheit, Kumpel“ ins Ohr und umarmte mich noch heftiger als zuvor Van.

Als er mich losließ, schaute ich mich um. „Wo ist Darryl?“, fragte ich.

Sie sahen einander an. „Vielleicht noch im Truck“, sagte Jolu.

Wir drehten uns um und betrachteten den Laster am Ende der Gasse. Es war ein unscheinbarer weißer Neunachser. Die kleine Falt-Treppe hatte schon jemand eingezogen. Die Rücklichter leuchteten rot, und der Truck rollte unter ständigem „piep, piep, piep“ im Rückwärtsgang auf uns zu.

„Warten Sie!“, schrie ich, als er in unsere Richtung beschleunigte. „Warten Sie! Was ist mit Darryl?“ Der Truck kam näher. Ich schrie weiter, „was ist mit Darryl?“

Jolu und Vanessa nahmen mich bei den Armen und zerrten mich weg. Ich wehrte mich dagegen und schrie. Der Laster erreichte den Anfang der Gasse, schwenkte auf die Straße und fuhr bergab davon. Ich wollte hinterherrennen, aber Van und Jolu ließen mich nicht los.

Ich setzte mich auf den Bürgersteig, zog die Knie an und weinte. Ich weinte, weinte, weinte, lautes Schluchzen, wie ich es zuletzt als kleines Kind getan hatte. Es hörte nicht auf, und ich hörte nicht auf zu zittern.

Vanessa und Jolu halfen mir hoch und zogen mich ein Stückchen die Straße hoch. Da gabs ne Stadtbushaltestelle mit einer Bank, auf die setzten sie mich drauf. Sie weinten beide auch; so hielten wir uns ne Weile gegenseitig fest, und ich wusste, wir weinten um Darryl, den wir alle wohl nie wiedersehen würden.

[x]

Wir waren nördlich von Chinatown, in der Ecke, wo es in North Beach übergeht; ein Viertel mit einigen Neon-Stripclubs und dem legendären Subkultur-Buchladen City Lights, wo damals in den 1950ern die Beat-Dichterbewegung begründet worden war.

Diesen Teil der Stadt kannte ich gut. Hier gab es den Lieblings-Italiener meiner Eltern, und sie nahmen mich gern dorthin mit auf Monsterportionen Linguine, üppige Berge italienischer Eiscreme mit kandierten Feigen und hinterher tödliche kleine Espressos.

Jetzt war es ein anderer Ort. Ein Ort, an dem ich zum ersten Mal nach einer gefühlten Ewigkeit die Freiheit schmeckte.

Wir kramten unsere Taschen durch und fanden genug Geld, um uns einen Tisch bei einem der italienischen Restaurants erlauben zu können, auf dem Bürgersteig, unter einer Markise. Die hübsche Bedienung entzündete einen Gas-Heizpilz mit einem Grillfeuerzeug, nahm unsere Bestellungen auf und ging nach drinnen. Das Gefühl, Aufträge erteilen zu können, mein Schicksal unter meiner Kontrolle zu wissen, war das faszinierendste Gefühl, das ich kannte.

„Wie lang waren wir da drin?“, fragte ich.

„Sechs Tage“, entgegnete Vanessa.

„Ich komm auf fünf“, sagte Jolu.

„Ich hab nicht gezählt.“

„Was haben sie mit dir gemacht?“, wollte Vanessa wissen.

Ich mochte eigentlich nicht drüber sprechen, aber sie schauten mich beide erwartungsvoll an. Und als ich dann erst mal angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich erzählte ihnen alles, auch den Part, als ich gezwungen war, in die Hose zu pinkeln, und sie schwiegen die ganze Zeit. Als die Bedienung unsere Limos brachte, machte ich einen Moment Pause, bis sie wieder außer Hörweite war, dann erzählte ich zu Ende. Beim Erzählen verschwand alles irgendwie in der Ferne. Am Ende hätte ich nicht mehr sagen können, ob ich die Fakten noch überhöhte oder ob ich alles weniger schlimm darstellte, als es tatsächlich war. Meine Erinnerungen schwammen herum wie kleine Fische, die ich zu fangen versuchte, und manchmal entwischten sie meinem Griff.

Jolu schüttelte den Kopf. „Mann, die waren hart zu dir“, sagte er. Dann erzählte er uns von seiner Zeit dort. Sie hatten ihn befragt, meist über mich, und er hatte ihnen immer nur die Wahrheit erzählt, die reinen Tatsachen über diesen Tag und über unsere Freundschaft. Sie hatten es ihn wieder und wieder von vorn erzählen lassen, aber immerhin hatten sie mit ihm keine Psychospielchen gespielt wie mit mir. Er hatte in einem Kasino zu essen bekommen und sogar in einem Fernsehraum die Blockbuster des letzten Jahres auf Video sehen dürfen.

Vanessas Story war nur ein wenig anders: Nachdem sie in Ungnade gefallen war, als sie mit mir gesprochen hatte, hatten sie ihr die Klamotten weggenommen und ihr einen orangefarbenen Gefängnis-Overall gegeben. Dann ließ man sie zwei Tage ohne Kontakt in der Zelle allein, allerdings bekam sie regelmäßig Essen. Aber hauptsächlich wars so wie bei Jolu: dieselben Fragen, noch und noch wiederholt.

„Die haben dich echt gehasst“, sagte Jolu. „Die hatten dich auf dem Kieker. Aber warum?“

Ich konnte es mir nicht sofort erklären. Aber dann erinnerte ich mich.

„Du kannst kooperieren, oder es wird dir sehr, sehr Leid tun.“

„Weil ich ihnen mein Telefon nicht entsperren wollte in der ersten Nacht. Deshalb haben sie mich rausgepickt.“ Wirklich glauben konnte ichs nicht, aber es war die einzige Erklärung. Reiner Rachedurst. Meine Gedanken verhaspelten sich geradezu in dieser Idee. Die hatten das alles bloß gemacht, um mir ne Lehre zu erteilen, weil ich ihre Autorität nicht anerkannte.

Bisher hatte ich Angst gehabt. Jetzt war ich sauer. „Diese Arschgeigen“, sagte ich ruhig. „Die wollten mir bloß einen reinwürgen, weil ich meinen Mund gehalten habe.“

Jolu fluchte, und Vanessa brauste auf Koreanisch auf, was sie nur tat, wenn sie sehr, sehr wütend war.

„Ich krieg die“, flüsterte ich in meine Brause, „ich krieg die.“

Jolu schüttelte den Kopf. „Vergiss es. Gegen so was kommst du nicht an.“

[x]

Aber in dem Moment wollte keiner von uns groß über Rache reden. Stattdessen sprachen wir drüber, was wir als nächstes tun wollten. Wir mussten heim. Unsere Handy-Akkus waren leer, und in dieser Gegend gabs schon seit Jahren keine Münztelefone mehr. Wir mussten einfach nach Hause kommen. Ich dachte sogar an ein Taxi, aber wir hatten nicht mehr genug Geld, um uns das zu erlauben.

Also gingen wir zu Fuß. An der Ecke warfen wir ein paar Münzen in den Automaten des San Francisco Chronicle und hielten an, um die ersten paar Seiten zu lesen. Die Bombenexplosionen waren zwar fünf Tage her, aber die Titelseite war immer noch voll davon.

Frau Strenger Haarschnitt hatte davon gesprochen, dass sie „die Brücke“ hochgejagt hatten, und ich war davon ausgegangen, dass sie die Golden Gate Bridge meinte; aber damit lag ich daneben. Die Terroristen hatten die Bay Bridge gesprengt.

„Warum zum Teufel würde jemand die Bay Bridge hochjagen?“, fragte ich. „Golden Gate ist doch die auf allen Postkarten.“ Selbst wenn du noch nie in San Francisco warst, weißt du höchstwahrscheinlich, wie Golden Gate aussieht: Das ist diese große orangefarbene Hängebrücke, die in einem dramatischen Schwung von der alten Militärbasis „The Presidio“ hinüber nach Sausalito führt, wo sich all die niedlichen Weinland-Städtchen finden mit ihren Räucherkerzen-Läden und Kunstgalerien. Sie ist einfach höllisch malerisch und das Symbol schlechthin für den Bundesstaat Kalifornien. Im Disneyland-Abenteuerpark Kalifornien gibts gleich am Eingang einen Nachbau von Golden Gate, über den eine Einschienenbahn führt.

Deshalb war ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass man sich, wenn man eine Brücke in San Francisco sprengen würde, die Golden Gate aussuchen würde.

„Wahrscheinlich sind sie von all den Kameras und dem Überwachungszeug abgeschreckt worden“, sagte Jolu.

„Die Nationalgarde checkt Autos auf beiden Seiten, und dann noch die Selbstmörderzäune und dieser Kram.“ Seit Golden Gate 1937 freigegeben worden war, sprangen die Leute da runter – nach dem tausendsten Selbstmord anno 1995 haben sie aufgehört mitzuzählen.

„Ja“, sagte Vanessa. „Und außerdem führt die Bay Bridge wirklich irgendwo hin.“ Die Bay Bridge verbindet Downtown San Francisco mit Oakland und Berkeley, Wohnsiedlungen an der East Bay für viele der Menschen, die in der Stadt arbeiten. Die Gegend ist eine der wenigen in der Bay Area, in der ein Normalsterblicher sich ein Haus leisten kann, in dem er die Beine ausstrecken kann, außerdem gibts dort eine Universität und ein bisschen Industrie. Die BART führt zwar auch unter der Bay durch und verbindet die beiden Städte, aber der meiste Verkehr findet auf der Bay Bridge statt. Golden Gate war ne hübsche Brücke für Touristen und reiche Pensionäre drüben im Weinland, aber hauptsächlich war sie zu Dekozwecken da. Die Bay Bridge ist – war – das Arbeitstier der Stadt.

Ich dachte einen Moment drüber nach. „Ihr habt Recht“, sagte ich. „Aber ich glaube, das ist noch nicht alles. Wir gehen immer davon aus, dass Terroristen Sehenswürdigkeiten angreifen, weil sie sie hassen. Aber Terroristen hassen keine Sehenswürdigkeiten oder Brücken oder Flugzeuge. Die wollen bloß Chaos verbreiten und Leuten Angst machen. Terror erzeugen eben. Also haben sie sich natürlich die Bay Bridge ausgesucht, weil auf der Golden Gate die ganzen Kameras installiert sind und weil sie beim Fliegen die ganzen Metalldetektoren und Röntgengeräte eingeführt haben und so.“

Ich dachte noch eine Weile drüber nach und schaute dabei den Autos auf der Straße zu, den Leuten auf den Bürgersteigen, der ganzen Stadt um mich rum. „Terroristen hassen weder Flugzeuge noch Brücken. Sie lieben Terror.“ Das war jetzt so offensichtlich, dass ich nicht verstand, wieso ich da nicht schon früher drauf gekommen war. Schätze mal, ein paar Tage lang wie ein Terrorist behandelt zu werden hatte mein Denken entrümpelt.

Die anderen beiden starrten mich an. „Hab ich Recht oder nicht? Der ganze Dreck, dieses Röntgen und die Identitätsprüfungen, das ist alles komplett sinnlos, oder?“

Sie nickten zaghaft.

„Schlimmer als sinnlos“, fuhr ich mit überschlagender Stimme fort. „Weil es uns in den Knast gebracht hat und Darryl …“ Ich hatte nicht mehr an Darryl gedacht, seit wir hier saßen, und jetzt kams alles zu mir zurück: Mein Freund war fort, verschwunden. Ich brach ab und presste die Kiefer aufeinander.

„Wir müssen es unseren Eltern erzählen“, sagte Jolu.

„Wir brauchen einen Anwalt“, sagte Vanessa.

Ich dachte daran, wie ich meine Geschichte erzählen würde. Daran, der Welt zu erzählen, was aus mir geworden war. An die Videos, die zweifellos auftauchen würden, auf denen ich weinte, nicht mehr war als ein kriechendes Tier.

„Wir können ihnen gar nichts erzählen“, sagte ich ohne nachzudenken.

„Wie bitte?“, entgegnete Van.

„Wir können ihnen gar nichts erzählen“, wiederholte ich. „Ihr habt sie gehört. Wenn wir reden, kommen sie und holen uns wieder. Dann machen sie mit uns, was sie mit Darryl gemacht haben.“

„Mach keine Witze“, sagte Jolu. „Du erwartest ernsthaft, dass wir …“

„Dass wir zurückschlagen“, ergänzte ich. „Ich will frei bleiben, damit ich genau das tun kann. Wenn wir jetzt losgehen und alles erzählen, dann sagen sie, das sind bloß Kinder, die haben sich das ausgedacht. Mann, wir wissen ja noch nicht mal, wo sie uns hingebracht haben. Kein Mensch wird uns glauben. Und irgendwann kommen sie dann und holen uns.

Ich werde meinen Eltern erzählen, dass ich in einem dieser Notlager auf der anderen Seite der Bay war. Dass ich da drüben war, um euch zu treffen, und dass wir dann festsaßen. In der Zeitung steht, es gibt immer noch Leute, die jetzt erst von da zurückkommen.“

„Das kann ich nicht machen“, sagte Vanessa. „Und wie kannst du nur daran denken nach all dem, was sie mit dir gemacht haben?“

„Weil es mir passiert ist, eben drum. Das ist jetzt ne Sache zwischen denen und mir. Ich erwisch die, und ich hol Darryl raus. Ich denk nicht dran, das einfach so hinzunehmen. Aber sobald unsere Eltern was wissen, wars das für uns. Niemand wird uns glauben, und niemanden interessierts. Wenn wirs so machen, wie ich es mir denke, wird es die Leute interessieren.“

„Wie denkst dus dir denn?“, fragte Jolu. „Was ist dein Plan?“

„Weiß ich noch nicht“, musste ich zugeben. „Lasst mir Zeit bis morgen früh, wenigstens bis dann.“ Ich wusste: Wenn sie einen Tag lang dicht halten würden, dann würden sie für immer dicht halten. Unsere Eltern wären ja nur noch skeptischer, wenn wir uns plötzlich dran „erinnerten“, in einem Geheimgefängnis festgehalten worden zu sein statt in einem Flüchtlingslager.

Van und Jolu schauten einander an.

„Ich will doch nur eine Chance“, sagte ich. „Wir machen die Geschichte unterwegs noch rund. Gebt mir bloß diesen einen Tag bitte.“

Die anderen beiden nickten düster, und wir machten uns auf den Weg bergab, auf den Weg nach Hause. Ich lebte auf Potrero Hill, Vanessa in der nördlichen Mission, und Jolu lebte in Noe Valley – drei total unterschiedliche Viertel, nur ein paar Gehminuten voneinander entfernt.

Wir bogen in die Market Street ein und blieben stehen wie angewurzelt. Die Straße war an allen Ecken verbarrikadiert, die Querstraßen auf eine Spur verengt, und über die gesamte Länge von Market Street parkten große, unscheinbare Neunachser wie der, mit dem sie uns, mit Kapuzen über den Augen, von den Schiffsdocks nach Chinatown transportiert hatten.

Alle hatten sie hinten dreistufige Metallleitern befestigt, und es wimmelte nur so von Soldaten, Anzugträgern und Polizisten, die in die Trucks rein- und wieder rausgingen. Die Anzüge hatten kleine Etiketten an den Revers, die die Soldaten beim Rein- und Rauskommen scannten – drahtlose Zugangsberechtigungs-Buttons. Als wir an einem vorbeikamen, erhaschte ich einen näheren Blick und sah das vertraute Logo: Ministerium für Heimatschutz. Der Soldat sah, wie ich hinstarrte, und starrte mit wütendem Blick zurück.

Ich verstand den Wink und ging weiter. Höhe Van Ness trennte ich mich von der Gang. Wir umarmten einander, weinten und versprachen, uns anzurufen.

Für den Weg zurück nach Potrero Hill gibt es eine leichte und eine schwere Route; die zweite führt über einige der steilsten Hügel der Stadt, die Sorte, die man bei Autoverfolgungsjagden in Actionfilmen sieht, wo die Autos abheben, wenn sie über den höchsten Punkt rasen. Ich nehm immer die schwere Route nach Hause. Die führt durch herrschaftliche Straßen mit alten viktorianischen Häusern, die wegen ihrer fröhlichen, sorgfältigen Bemalung „lackierte Ladies“ genannt werden, und Vorgärten mit duftenden Blumen und hohen Gräsern. Von Hecken runter glotzen dich Hauskatzen an, und es gibt kaum Obdachlose dort.

Es war so still auf diesen Straßen, dass ich bald wünschte, ich hätte diesmal die andere Route genommen, durch die Mission; die ist…, hm, lärmend ist wahrscheinlich das beste Wort dafür. Laut und pulsierend. Jede Menge krawallige Betrunkene, zornige Kokser und bewusstlose Junkies, dazu jede Menge Familien mit Kinderwagen, alte Damen, die auf Verandas schnatterten, tiefergelegte Kreuzer mit fettem Soundsystem, die mit wumm-wumm-wumm die Straßen entlangfuhren.

Es gab hippes Jungvolk, zottelige Emo-Kunststudenten und sogar einige Old-School-Punkrocker, alte Säcke mit Bierbäuchen unter ihren Dead-Kennedys-T-Shirts. Dazu Drag Queens, auf Krawall gebürstete Gang-Kids, Graffitikünstler und verwirrte Neureiche, die versuchten, hier nicht ermordet zu werden, während ihre Grundstücksinvestitionen reiften.

Ich ging Goat Hill rauf und kam an Goat Hill Pizza vorbei; das erinnerte mich an den Knast, aus dem ich kam, und ich musste mich auf die Bank vor dem Restaurant setzen, bis mein Zittern sich gelegt hatte. Dann bemerkte ich den Truck oben auf dem Hügel, einen unauffälligen Neunachser mit drei Metallstufen am hinteren Ende. Ich stand auf und setzte mich in Bewegung. Ich fühlte, wie die Augen mich aus allen Richtungen beobachteten.

Den Rest des Weges hatte ichs eilig. Ich hatte keine Augen mehr für die lackierten Ladies, die Gärten oder die Hauskatzen. Ich blickte nur zu Boden.

Beide Autos meiner Eltern standen in der Auffahrt, obwohl es noch mitten am Tag war. Ja logisch. Dad arbeitet in der East Bay, deshalb saß er daheim fest, solange sie an der Brücke arbeiteten. Mom – keine Ahnung, warum Mom daheim war.

Sie waren wegen mir daheim.

Noch bevor ich den Schlüssel fertig umgedreht hatte, wurde mir die Tür aus der Hand gerissen und weit aufgeschwungen. Da standen meine Eltern, grau und übernächtigt, und starrten mich aus großen Augen an. So standen wir für einen Moment, wie in einem Stillleben eingefroren, dann stürzten sie auf mich zu, zogen mich ins Haus und warfen mich beinahe dabei um. Sie redeten beide so laut und schnell durcheinander, dass ich bloß ein wortlos rauschendes Brabbeln hörte, und sie umarmten mich beide, und sie weinten, und ich weinte auch, und so standen wir da in dem schmalen Flur und weinten und brabbelten Zeug, bis uns die Luft ausging und wir in die Küche gingen.

Dort tat ich, was ich immer tat, wenn ich heimkam: Ich füllte ein Glas mit Wasser aus dem Filter im Kühlschrank und holte ein paar Kekse aus der „Biskuitbüchse“, die Moms Schwester uns aus England geschickt hatte. Die Normalität von all dem bremste das Hämmern meines Herzens, es synchronisierte mein Herz mit meinem Gehirn; und kurz darauf saßen wir alle am Küchentisch.

„Wo warst du?“, fragten sie beinahe gleichzeitig.

Darüber hatte ich auf dem Weg nach Hause nachgedacht. „Hab festgesessen“, erwiderte ich. „In Oakland. Ich war da mit ein paar Freunden für ein Projekt, und wir wurden alle in Quarantäne gesteckt.“

„Fünf Tage lang?“

„Ja“, sagte ich. „Ja. Das war richtig ätzend.“ Ich hatte über die Quarantäne im Chronicle gelesen und bediente mich jetzt hemmungslos aus den Zitaten, die sie da abgedruckt hatten. „Ja. Alle, die von der Wolke erwischt wurden. Die dachten wohl, wir hätten uns da irgendwas Übles aufgesammelt, und haben uns dann in den Docklands in Schiffscontainer gesteckt wie Ölsardinen. Mann, war das heiß und stickig. Und viel was zu essen gabs auch nicht.“

„O Gott“, sagte Dad und ballte die Fäuste auf dem Tisch. Dad unterrichtet drei Tage die Woche in einem Graduiertenprogramm in der Bibliothek in Berkeley. Die übrige Zeit arbeitet er als Berater für Kunden in der Stadt und auf der Peninsula, für Dot-Coms der dritten Welle, die irgendwelche Sachen mit Archiven machen. Beruflich ist er ein liebenswürdiger Bibliothekar, aber in den Sechzigern war er ein echter Radikaler gewesen, und er hatte an der High School ein bisschen Wrestling betrieben.
Ich hatte ihn schon ein paar Mal fuchsteufelswild gesehen – manchmal hatte ich ihm Anlass dazu gegeben -, und wenn er zum Hulk wurde, dann konnte er echt explodieren. Einmal warf er eine Ikea-Schaukel quer über den ganzen Rasen meines Großvaters, als das Ding auch beim fünfzigsten Zusammenbauen wieder einstürzte.

„Barbaren“, sagte Mom. Seit sie ein Teenager war, lebte sie schon in Amerika, aber wenn sie es mit amerikanischen Bullen, dem Gesundheitssystem, Flughafensicherheit oder Obdachlosigkeit zu tun hat, dann kommt sie immer noch total britisch rüber. Dann heißt es „Barbaren“, und ihr Akzent wird wieder stärker. Wir waren zwei Mal in London gewesen, um ihre Familie zu besuchen, und ich fand nicht, dass es sich nennenswert zivilisierter anfühlte als San Francisco, bloß viel verstopfter.

„Aber heute haben sie uns rausgelassen und mit der Fähre rübergebracht“, improvisierte ich jetzt.

„Bist du verletzt?“, fragte Mom? „Hungrig?“

„Schläfrig?“

„Ja, bisschen von allem. Und Dopey, Doc, Sneezy und Bashful.“ Wir hatten diese Familientradition, Sieben-Zwerge-Witze zu machen. Beide lächelten ein wenig, aber ihre Augen waren immer noch feucht. Sie mussten außer sich vor Sorge gewesen sein. Ich war dankbar dafür, das Thema wechseln zu können. „Ich brauch dringend was zu essen.“

„Ich bestelle eine Pizza bei Goat Hill“, sagte Dad.

„Ach ne, bitte nicht“, sagte ich. Beide schauten sie mich an, als ob mir Antennen gewachsen wären. Normalerweise steh ich auf Goat Hill Pizza – also so, wie ein Goldfisch auf sein Futter steht: ich spachtel das Zeug, bis nichts mehr da ist oder bis ich platze. Ich versuchte zu lächeln. „Hab grade keine Lust auf Pizza“, sagte ich bloß. „Wollen wir nicht lieber Curry bestellen?“ Dem Himmel sei Dank, dass San Francisco die Hauptstadt der Lieferdienste ist.

Mom ging zur Schublade mit den Liefer-Speisekarten (noch mehr Normalität, ein Gefühl wie ein Schluck Wasser in der trockenen, wunden Kehle) und blätterte sie durch. Ein paar Minuten lenkten wir uns damit ab, die Karte des Pakistani auf der Valencia zu studieren. Ich entschied mich für gemischten Tandoori-Grillteller mit sahnigem Spinat und Frischkäse, gesalzener Mango-Lassi (viel besser, als es klingt) und kleines Gebäck in Zuckersirup.

Als das Essen bestellt war, ging die Fragerei weiter. Sie hatten von Vans, Jolus und Darryls Familien gehört, klar, und hatten versucht, uns als vermisst zu melden. Die Polizei schrieb zwar Namen auf, aber es gab so viele „verschollene Personen“, dass sie erst nach sieben Tagen eine offizielle Vermisstenmeldung akzeptierten.

Derweil waren Millionen von „Wer-hat-wen-gesehen“-Seiten im Internet entstanden. Einige davon waren alte MySpace-Klone, denen das Geld ausgegangen war und die sich von all der Aufmerksamkeit Wiederbelebung erhofften. Immerhin vermissten auch einige Risikokapitalgeber Familienangehörige in der Bay Area. Und wenn die aufgefunden werden würden, vielleicht brächte das der Site dann neue Finanzspritzen? Ich schnappte mir Dads Laptop und schaute die Seiten durch. Vollgekleistert mit Anzeigen, logisch, und Bilder von Vermissten, meist Schulabschluss-Fotos, Hochzeitsfots und derlei Sachen. Insgesamt ziemlich gruselig.

Ich fand mein Bild und sah, dass es mit Vans, Jolus und Darryls verknüpft war. Es gab ein kleines Formular, mit dem man Leute als gefunden kennzeichnen konnte, und ein anderes, das für Notizen über andere Vermisste gedacht war. Ich füllte die Felder für mich, Jolu und Van aus und ließ Darryls leer.

„Du hast Darryl vergessen“, sagte Dad. Er mochte Darryl nicht besonders, seit er mal bemerkt hatte, dass in einer der Flaschen in seinem Spirituosenschrank ein paar Zoll fehlten und ich es – das ist mir heute noch peinlich – auf Darryl geschoben hatte. In Wirklichkeit waren wirs beide gewesen, nur so zum Spaß, ein paar Wodka-Cola beim nächtelangen Computerspielen.

„Er war nicht bei uns“, sagte ich. Die Lüge ging mir schwer über die Lippen.

„O mein Gott“, sagte Mom. Sie krallte ihre Hände ineinander. „Als du kamst, hatten wir angenommen, dass ihr alle zusammen wart.“

„Nein“, log ich weiter. „Nein, er wollte uns treffen, aber er kam nicht. Wahrscheinlich sitzt er noch in Berkeley fest. Er wollte die BART rüber nehmen.“

Mom gab ein leises Wimmern von sich, und Dad schüttelte den Kopf und schloss die Augen. „Hast du noch nicht von der BART gehört?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. Ich ahnte, was nun kommen würde, und es fühlte sich an, als ob mir jemand den Boden unter den Füßen wegzog.

„Sie haben sie gesprengt“, sagte Dad. „Die Bastarde haben sie hochgejagt, zur selben Zeit wie die Brücke.“

Das hatte nun nicht auf der ersten Seite des Chronicle gestanden, aber schließlich war auch eine BART-Explosion im Unterwasser-Tunnel vermutlich nicht halb so bildgewaltig wie die Brücke, wie sie da in Fetzen über der Bay hing. Der BART-Tunnel vom Embarcadero in San Francisco bis rüber zur Station West Oakland war überflutet.

Ich ging wieder an Dads Computer und surfte auf den Nachrichtenseiten. Niemand wusste Genaues, aber die Opferzahl ging in die Tausende. Von den Autos, die 60 Meter tief ins Meer gestürzt waren, zu den Menschen, die in Zügen ertranken: die Opferzahlen stiegen noch. Ein Reporter behauptete, er habe einen „Identitätsfälscher“ interviewt, der „Dutzenden“ von Menschen dabei geholfen habe, nach den Anschlägen einfach aus ihrem alten Leben zu verschwinden – die ließen sich neue IDs machen und ließen unglückliche Ehen, drückende Schulden und missratene Lebensläufe einfach hinter sich.

Dad hatte tatsächlich Tränen in den Augen, und Mom weinte hemmungslos. Beide umarmten sie mich noch mal und betätschelten mich, als wollten sie sich vergewissern, dass ichs tatsächlich war. Sie hörten nicht auf, mir zu sagen, dass sie mich liebten. Ich sagte ihnen, ich liebte sie auch.

Es war ein tränenreiches Abendessen, und Mom und Dad tranken beide ein paar Gläser Wein, was für ihre Verhältnisse viel war. Dann sagte ich ihnen, ich sei todmüde, was nicht gelogen war, und stratzte in mein Zimmer rauf. Aber ins Bett ging ich nicht. Ich musste noch mal online gehen und rausfinden, was eigentlich los war. Ich musste mit Jolu und Vanessa reden. Und ich musste mit der Suche nach Darryl beginnen.

Ich schlich also zu meinem Zimmer hoch und öffnete die Tür. Mein altes Bett hatte ich jetzt gefühlte tausend Jahre nicht gesehen. Ich legte mich drauf und langte zum Nachttisch, um meinen Laptop zu holen.Vermutlich hatte ich ihn nicht richtig angestöpselt – das Netzteil anzuschließen war ein bisschen frickelig -, deshalb hatte er sich während meiner Abwesenheit langsam entladen.

Ich stöpselte ihn wieder ein und wartete ein, zwei Minuten, bevor ich ihn wieder einzuschalten versuchte. In der Zwischenzeit zog ich mich aus, warf meine Klamotten in den Müll – die wollte ich nämlich nie wieder sehen – und zog saubere Boxershorts und ein frisches T-Shirt an. Die frisch gewaschene Wäsche, direkt aus der Schublade, fühlte sich genauso vertraut und gemütlich an wie eine Umarmung von meinen Eltern.

Ich schaltete den Laptop ein und stopfte ein paar Kissen hinter mir ans Kopfende des Betts. Dann lehnte ich mich zurück und legte mir den aufgeklappten Computer auf den Schoß. Er war immer noch am Hochfahren, und die Icons, die da so über das Display krochen, Mann, sah das gut aus. Er fuhr vollständig hoch und zeigte dann gleich neue Warnungen über niedrigen Akkustand. Ich prüfte das Stromkabel noch mal, rüttelte dran, und die Warnungen verschwanden. Die Netzbuchse gab echt bald den Geist auf.

Genau genommen wars so übel, dass ich überhaupt nichts tun konnte. Jedes Mal, wenn ich die Hand vom Stromkabel nahm, verlor es den Kontakt, und der Computer fing wieder an, über den Akku zu meckern. Das musste ich mir mal genauer ansehen.

Das gesamte Computergehäuse war ganz leicht in sich verschoben, die Nahtstelle war vorn dicht und ging in einem gleichmäßigen Winkel nach hinten auseinander.

Manchmal schaust du dir ja irgendein Gerät an und entdeckst irgendwas, und dann fragst du dich, ob das immer schon so war. Vielleicht ist es dir ja bloß nie aufgefallen.

Aber bei meinem Laptop konnte das nicht sein. Den hatte ich immerhin selbst gebaut. Nachdem die Schulbehörde uns alle mit SchulBooks ausstaffiert hatte, hätten meine Eltern mir nie und nimmer noch einen eigenen Computer gekauft, obwohl das SchulBook ja streng genommen nicht mir gehörte, und auf dem sollte ich ja keine Software installieren oder es sonstwie tunen.

Aber ich hatte was gespart – hier und da mal ein Job, Weihnachten, Geburtstage, ein bisschen cleveres Ebaying. Wenn man das alles zusammenlegte, war es genug Geld, eine total schrottige, fünf Jahre alte Mühle zu kaufen.

Also bauten Darryl und ich uns selbst einen. Laptopgehäuse kann man genauso kaufen wie Desktop-Gehäuse, allerdings sind sie schon etwas spezieller als 08/15-PCs. Ein paar Rechner hatte ich mit Darryl über die Jahre schon zusammengeschraubt, indem wir Teile von Craigslist und Garagenverkäufen und superbilligen taiwanesischen Online-Händlern zusammentrugen. Also dachte ich, einen Laptop zu bauen wäre der beste Weg, zu einem Preis, den ich mir leisten konnte, die Leistung zu bekommen, die ich haben wollte.

Wenn du einen Laptop bauen willst, fängt es damit an, dass du ein „Barebook“ bestellst – ein Gehäuse mit einem Minimum an Hardware drin und mit allen wichtigen Einschüben. Und das Gute war, dass ich letztlich einen Rechner hatte, der ein ganzes Pfund leichter war als der Dell, den ich im Auge gehabt hatte, schneller war und nur ein Drittel dessen kostete, was ich für den Dell gelöhnt hätte. Das Schlechte war, dass Laptopbauen was von Flaschenschiffbauen hat.

Es ist total frickelig, man braucht ne Pinzette und eine Lupenbrille, wenn man versucht, all das Zeug in dem kleinen Gehäuse unterzubringen. Im Gegensatz zu einem normal großen Rechner, der ja hauptsächlich aus Luft besteht, wird jeder Kubikmillimeter Raum in einem Laptop tatsächlich gebraucht. Jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt hätte ichs, versuchte ich die Kiste zuzuschrauben und merkte dann, dass da immer noch irgendwas war, das das Gehäuse daran hinderte, sich komplett schließen zu lassen, und dann gings wieder zurück ans Zeichenbrett.

Von daher wusste ich ganz genau, wie die Nahtstelle meines Laptops aussehen musste, wenn das Ding zu war; und so durfte sie ganz sicher nicht aussehen.

Ich wackelte also weiter am Netzadapter, aber es hatte keinen Zweck. Ich würde die Kiste nicht sauber zum Booten bringen, ohne sie einmal auseinanderzuschrauben. Ich stöhnte und stellte den Laptop neben das Bett. Darum würde ich mich morgen früh kümmern.

[x]

So weit zur Theorie, haha … Zwei Stunden später starrte ich immer noch an die Decke und ließ die Filme in meinem Kopf ablaufen, was sie mit mir gemacht hatten, was ich hätte tun sollen, jede Menge Bedauern und „esprit d’escalier“.

Ich wälzte mich aus dem Bett. Inzwischen wars Mitternacht, und ich hatte um elf gehört, wie meine Eltern in die Falle krochen. Ich schnappte mir den Laptop, schaufelte etwas Platz auf dem Schreibtisch frei, klippte kleine LED-Lampen an den Seiten meiner Vergrößerungsbrille an und holte einen Satz kleiner Präzisionsschraubendreher. Eine Minute später hatte ich das Gehäuse geöffnet und blickte auf die Eingeweide meines Laptops. Ich holte eine Dose Druckluft, pustete den Staub weg, den der Lüfter reingesogen hatte, und schaute alles durch.

Irgendwas stimmte nicht. Ich konnte nicht genau sagen, was, aber schließlich wars ja auch schon Monate her, dass ich den Deckel von diesem Ding runterhatte. Zum Glück war ich beim dritten Mal Auf- und mühsamem Wiederzumachen schlauer geworden. Ich hatte ein Foto des Innenlebens gemacht mit allem an seinem richtigen Platz.

So richtig schlau war ich aber noch nicht: Zuerst hatte ich das Foto bloß auf der Festplatte gelassen, und da kam ich natürlich nicht ran, wenn ich den Laptop zerlegt hatte. Aber dann hatte ichs ausgedruckt und irgendwo in meinem Wust von Papieren versenkt, diesem Friedhof toter Bäume, wo ich alle Garantieunterlagen und Schaltdiagramme deponierte. Ich blätterte den Stapel durch – irgendwie sah er unordentlicher aus, als ich ihn in Erinnerung hatte – und holte mein Foto raus. Das legte ich neben den Computer, dann versuchte ich meine Augen auf nichts Bestimmtes zu fokussieren und Dinge zu finden, die deplatziert schienen.

Dann hatte ichs. Das Verbindungskabel zwischen Tastatur und Mainboard saß nicht richtig drin. Das war merkwürdig. Auf diesem Teil lastete kein Zug, da war nichts, das es im normalen Betrieb hätte verschieben können. Ich versuchte es wieder richtig reinzudrücken und entdeckte, dass der Stecker nicht bloß schief drinsaß – da war irgendwas zwischen ihm und dem Mainboard. Ich holte es mit der Pinzette raus und leuchtete es an.

Das war was Neues in meiner Tastatur. Ein kleines Bröckchen Hardware, nur gut einen Millimeter dick, ohne Kennzeichnung. Das Keyboard war daran angeschlossen, und es selbst war ans Mainboard angestöpselt. Mit anderen Worten: Es war am genau richtigen Platz, um alle Tastatureingaben aufzuzeichnen, während ich an der Maschine tippte.

Es war eine Wanze.

Mein Herz pochte bis zu den Ohren. Es war dunkel und ruhig im Haus, aber es war keine beruhigende Dunkelheit. Da draußen waren Augen, Augen und Ohren, und die beobachteten mich. Überwachten mich. Die Überwachungsmaßnahmen aus der Schule waren mir bis nach Hause gefolgt, aber dieses Mal schaute mir nicht nur die Schulbe hörde über die Schulter: Die Heimatschutzbehörde war jetzt auch dabei.

Fast hätte ich die Wanze rausgenommen. Dann fiel mir ein, dass derjenige, der das Ding eingebaut hatte, merken würde, wenn es nicht mehr drin war. Mir wurde übel dabei, aber ich ließ es drin.

Ich schaute rum, ob mir noch mehr Eingriffe auffielen. Ich fand sonst nichts, aber bedeutete das auch, dass wirklich nichts da war? Jemand war in mein Zimmer eingedrungen und hatte dieses Gerät installiert – er hatte meinen Laptop zerlegt und wieder zusammengebaut. Es gab noch etliche andere Möglichkeiten, einen Computer anzuzapfen. Die würde ich niemals alle finden.

Mit tauben Fingern baute ich die Maschine wieder zusammen. Dieses Mal ließ sich nicht nur das Gehäuse sauber schließen, sondern das Stromkabel blieb auch drin. Ich fuhr den Rechner hoch und war schon mit den Fingern auf der Tastatur, um ein paar Prüfungen laufen zu lassen und die Dinge zu sortieren.

Aber ich konnte es nicht.

Verdammt, vielleicht war mein ganzes Zimmer verwanzt. Vielleicht spähte mich grade eine Kamera aus.

Als ich heimkam, hatte ich mich schon paranoid gefühlt. Aber jetzt war ich völlig neben der Spur. Ich fühlte mich so, als ob ich wieder im Knast wäre, wieder im Befragungszimmer, verfolgt von Mächten, die mich vollständig unter Kontrolle hatten. Fast fing ich wieder an zu weinen.

Nur noch dieses eine.

Ich ging ins Badezimmer, nahm die Klopapierrolle raus und setzte eine neue ein. Zum Glück war die alte sowieso fast leer. Ich rollte den Rest Papier ab und kramte in meiner Teilekiste, bis ich den kleinen Plastikumschlag mit den ultrahellen weißen LEDs gefunden hatte, die ich aus einer kaputten Fahrradleuchte ausgebaut hatte. Vorsichtig drückte ich ihre Anschlüsse durch die Plastikröhre, nachdem ich mit einer Nadel passende Löcher gemacht hatte; dann holte ich Draht und schaltete sie alle mit kleinen Metallklammern in Reihe. Die Kabelenden bog ich passend zurecht und schloss sie an eine 9-Volt-Batterie an. Jetzt hatte ich eine Röhre mit einem Ringlicht aus ultrahellen, gerichteten LEDs, die ich vors Auge halten und durchschauen konnte.

So eine hatte ich letztes Jahr als Projektbeitrag zur Wissenschafts-Messe gebaut, und man hatte mich aus der Ausstellung geworfen, nachdem ich gezeigt hatte, dass in der Hälfte aller Klassenzimmer in Chavez High versteckte Kameras installiert waren. Stecknadelkopfgroße Videokameras kosten heutzutage weniger als ein gutes Abendessen im Restaurant, deshalb tauchen sie an allen Ecken und Enden auf.

Tückische Ladenangestellte installieren das Zeug in Umkleidekabinen oder Sonnenstudios und werden spitz von dem Zeug, das ihnen da von den Kunden präsentiert wird; manchmal laden sies auch bloß ins Internet hoch. Zu wissen, wie man aus einer Klopapierrolle und Kleinteilen für drei Dollar einen Kameradetektor baut, ist einfach nur vernünftig.

Das ist die einfachste Methode, eine Schnüffelkamera zu erwischen. Die haben zwar winzige Objektive, reflektieren aber trotzdem wie Sau. Am besten funktioniert das in einem abgedunkelten Zimmer: Guck durch die Röhre und such langsam die Wände ab und all die anderen Orte, wo jemand eine Kamera versteckt haben könnte, bis du den Hauch einer Reflexion siehst. Wenn die Reflexion da bleibt, wenn du dich bewegst, ist es ein Objektiv.

In meinem Zimmer war keine Kamera – zumindest keine, die ich erkennen konnte. Audio-Wanzen hätten natürlich trotzdem da sein können. Oder bessere Kameras. Oder gar nichts. Kann ich was dafür, dass ich Paranoia entwickelte?

Ich mochte diesen Laptop gern. Ich nannte ihn „Salmagundi“, was soviel heißt wie „etwas aus Ersatzteilen Zusammengebautes“.

Wenn man erst mal damit anfängt, seinem Laptop einen Namen zu geben, ist klar, dass man eine enge Beziehung zu dem Teil hat. Aber jetzt hatte ich das Gefühl, ich würde ihn nie wieder berühren mögen. Ich wollte ihn aus dem Fenster werfen. Wer weiß, was die damit gemacht hatten? Wer weiß, wie der angezapft war?

Ich klappte ihn zu, steckte ihn in eine Schublade und starrte an die Decke. Es war spät, und ich sollte schlafen. Aber jetzt konnte ich schon mal gar nicht schlafen. Ich war verwanzt. Jeder konnte verwanzt sein. Die Welt war für immer eine andere geworden.

„Irgendwie krieg ich die“, sagte ich. Das war ein Schwur, ich wusste es, als ich es hörte, obwohl ich nie zuvor einen Schwur geleistet hatte.

Jetzt konnte ich nicht mehr schlafen. Und außerdem hatte ich eine Idee.

Irgendwo im Schrank hatte ich noch einen eingeschweißten Karton mit einer unberührten, originalverpackten Xbox Universal. Jede Xbox war deutlich unter Herstellungspreis verkauft worden – Microsoft macht das meiste Geld damit, Lizenzgebühren von Spielefirmen zu nehmen, die Xbox-Spiele vertreiben wollen -, aber die Universal war die erste Xbox, die Microsoft völlig gratis unters Volk brachte.

Letzten Advent standen an jeder Ecke arme Loser, verkleidet als Krieger aus der Halo-Serie, und hauten Taschen mit diesen Spielkonsolen raus, so schnell sie konnten. Scheint funktioniert zu haben – jeder sagt, sie hätten einen Riesenberg Spiele verkauft. Natürlich gabs Sicherheitsvorkehrungen, damit du damit wirklich nur Spiele von Firmen spielen konntest, die dafür Lizenzen von Microsoft erworben hatten.

Hacker gehen durch solche Sperren glatt durch. Die Ur-Xbox wurde von nem Jungen am MIT gecrackt, der dann einen Bestseller drüber schrieb; dann war die 360 an der Reihe, und danach ging die kurzlebige Xbox portable in die Knie (wir nannten sie „die Schleppbox“, weil sie drei Pfund wog). Die Universal sollte komplett kugelsicher sein. Die Highschool-Kids, die sie knackten, waren brasilianische Linux-Hacker, die in einer Favela lebten, einer illegalen Armen-Siedlung.

Unterschätze nie die Entschlossenheit eines Jungen mit viel Zeit und wenig Geld.

Als die Brasilianer ihren Hack veröffentlichten, fuhren wir alle drauf ab. Bald gabs Dutzende alternativer Betriebssysteme für die Xbox Universal. Meine erste Wahl war ParanoidXbox, eine Variante von ParanoidLinux. Dieses Betriebssystem geht davon aus, dass der Benutzer von seiner Regierung unter Druck gesetzt wird (ursprünglich war es für chinesische und syrische Dissidenten gedacht), und ist darauf ausgelegt, deine Kommunikation und deine Dokumente möglichst geheim zu halten.

Es setzt sogar Pseudokommunikation in Gang, um den Umstand zu verschleiern, dass du grade was Geheimes machst. Während du zum Beispiel Buchstabe für Buchstabe eine politische Nachricht erhältst, tut ParanoidLinux so, als surfst du im Web und flirtest in Chats. Dabei ist jeder fünfhundertste Buchstabe, der bei dir ankommt, Teil der eigentlichen Nachricht, eine Nadel in einem gigantischen Heuhaufen.

Ich hatte mir ne ParanoidXbox-DVD gebrannt, als es frisch draußen war, aber irgendwie war ich nie dazu gekommen, die Xbox in meinem Schrank auszupacken, einen Fernseher zum Anschließen zu finden und so weiter. Mein Zimmer ist auch so schon verstopft genug, ohne dass Microsoft-Crashware wertvollen Raum beansprucht.

Heute Nacht würde ich den Raum opfern. Es dauerte etwa zwanzig Minuten, bis alles lief. Keine Glotze zu haben war das kniffligste Problem, aber dann fiel mir ein, dass ich noch einen kleinen LCD-Projektor mit Standard-TV-Eingängen hatte. Ich schloss die Xbox an, warf das Bild an meine Zimmertür und installierte ParanoidLinux.

Jetzt war ich soweit, und ParanoidLinux suchte nach anderen Xbox Universals, mit denen es sprechen konnte. Jede Xbox Universal hat WLAN für Mehrspieler-Modi eingebaut. Du kannst dich mit deinen Nachbarn direkt drahtlos verbinden oder übers Internet, wenn du einen drahtlosen Zugang hast. Ich fand drei Nachbarn in Funkreichweite. Zwei davon hatten ihre Xbox Universal auch mit dem Internet verbunden. Das war für ParanoidXbox ideal: Es konnte einen Teil der Internet-Verbindungen der Nachbarn für sich abzweigen und so über das Spielenetzwerk selbst online gehen. Den Nachbarn würde das bisschen Datentransfer nicht auffallen: Sie hatten Flatrate-Internetverbindungen, und nachts um zwei surften sie selbst nicht viel.

Das Beste an all dem war, dass ich wieder das Gefühl hatte, alles unter Kontrolle zu haben. Meine Technik arbeitete für mich, diente mir, beschützte mich. Sie schnüffelte mir nicht hinterher. Dafür liebte ich Technik: Wenn du sie richtig benutzt, gibt sie dir Macht und Privatsphäre.

Mein Gehirn lief jetzt auf vollen Touren. Es gab ne Menge Gründe, mit ParanoidXbox zu arbeiten – vor allem, dass jeder dafür Spiele schreiben konnte. MAME, der „Multiple Arcade-Maschinen-Emulator“, war schon portiert, so dass man praktisch jedes je geschriebene Spiel laufen lassen konnte, ganz bis zurück zu Pong – Spiele für den Apple ][+, für die Colecovision, für die NES, die Dreamcast und so weiter.

Und noch besser waren all die coolen Multiplayer-Spiele, die speziell für ParanoidXbox geschrieben waren – kostenlose Spiele von Hobbyprogrammierern, die jeder benutzen konnte. Alles in allem hattest du also ne Gratiskonsole mit lauter Gratisspielen, die dir Gratis-Internetzugang verschaffte.

Und am besten war, soweit es mich betraf, dass ParanoidXbox wirklich paranoid war. Dein gesamter Datenverkehr wurde bis zur Unkenntlichkeit verquirlt. Man könnte es abhören, so viel man wollte, aber man würde nicht rauskriegen, wer da sprach, worüber sie sprachen oder mit wem. Anonymes Web, Mail und Messaging. Genau das, was ich brauchte.

Jetzt musste ich nur noch jeden, den ich kannte, dazu bringen, es auch zu benutzen.

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Cory DoctorowLittle Brother
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