Little Brother – Kapitel 20

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist The Tattered Cover gewidmet, Denvers legendärer unabhängiger Buchhandlung. Auf The Tattered Cover bin ich eher zufällig gestoßen: Alice und ich waren gerade aus London kommend in Denver gelandet, es war früh am Morgen, es war kalt, und wir brauchten Kaffee. Wir fuhren im Mietwagen ziellos im Kreis, und da sah ich es, das Tattered-Cover-Schild. Irgendein Glöckchen klingelte bei mir- ich wusste, davon hatte ich schon mal was gehört. Wir parkten, tranken einen Kaffee und betraten den Laden – ein Wunderland aus dunklem Holz, lauschigen Lesenischen und meilenweise Bücherregalen.

The Tattered Cover
http://www.tatteredcover.com/NASApp/store/Product?s=showproduct&isbn=9780765319852
1628 16th St., Denver, CO USA 80202+1 303 436 1070

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Keiner der drei Jungs war momentan zu sehen, und ich ging los. Mein Kopf schmerzte so sehr, dass ich glaubte, er müsse bluten, aber meine prüfenden Hände blieben trocken. Mein lädierter Knöchel war im Truck steifgefroren, deshalb lief ich wie eine kaputte Marionette, doch ich hielt nur ein einziges Mal an, um den Löschvorgang auf Mashas Handy abzubrechen. Den Funk schaltete ich aus, um den Akku zu schonen und damit man mich nicht darüber orten konnte, und ich stellte es so ein, dass es erst nach zwei Stunden auf Standby ging – das war die längste einstellbare Zeit.

Ich versuchte die Passwortabfrage beim Starten aus Standby auszuschalten, aber diese Einstellung erforderte selbst wieder ein Passwort. Also musste ich zumindest ein Mal alle zwei Stunden irgendwas tippen, bis ich eine Möglichkeit bekam, das Bild aus dem Handy zu überspielen. Und ich musste ein Ladegerät besorgen.

Ich hatte keinen Plan. Ich brauchte aber einen. Ich musste mich mal irgendwo hinsetzen, online gehen – einfach mal austüfteln, was ich als Nächstes tun sollte. Ich hatte es so satt, andere Leute meine Pläne machen zu lassen. Ich wollte nicht mehr handeln, weil Masha irgendwas getan hatte, oder wegen des DHS oder wegen meines Vaters. Oder wegen Ange? Na, vielleicht würde ich Ange zuliebe handeln. Doch, das wäre wohl das Richtige.

Ich war einfach nur talwärts gestromert, so oft wie möglich auf Nebenstraßen, und war jetzt ein Teil der Menge im Tenderloin. Ich hatte kein bestimmtes Ziel. Alle paar Minuten steckte ich die Hand in die Tasche, um eine der Tasten auf Mashas Handy zu drücken, damit es nicht auf Standby ging. Aufgeklappt machte es eine scheußliche Ausbuchtung in meiner Tasche.

Ich blieb stehen und lehnte mich an ein Gebäude. Mein Knöchel brachte mich bald um. Und überhaupt: Wo war ich?

O’Farrell Ecke Hyde Street. Vor einem dubiosen „Asiatischen Massagesalon“. Meine heimtückischen Füße hatten mich bis ganz an den Anfang zurückgebracht – dorthin, wo das Foto auf Mashas Handy aufgenommen worden war, unmittelbar bevor die Bay Bridge hochging, bevor mein Leben sich für immer änderte.

Mir war danach, mich auf den Bürgersteig zu setzen und zu heulen, aber das würde meine Probleme nicht lösen.

Ich musste Barbara Stratford anrufen und ihr erzählen, was geschehen war. Musste ihr das Foto von Darryl zeigen.

Ach, was dachte ich denn? Ich musste ihr das Video zeigen, das eine, das Masha mir geschickt hatte – das, in dem der Stabschef des Präsidenten sich an den Anschlägen auf San Francisco geweidet hatte, in dem er zugegeben hatte, dass er wusste, wann und wo die nächsten Anschläge stattfinden würden, und dass er sie nicht zu stoppen gedenke, weil sie seinem Chef die Wiederwahl sichern würden.

Na, das war doch mal ein Plan: mit Barbara in Kontakt treten, ihr die Dokumente geben und sie in Druck bringen. Der VampMob musste die Leute wirklich ziemlich verstört haben, so dass sie jetzt dachten, dass wir wirklich ne Horde Terroristen waren.Als ich es geplant hatte, hatte ich natürlich nur dran gedacht, was für eine tolle Ablenkung es sein würde, und nicht, wie es auf irgendeinen NASCAR-Dad in Nebraska wirken würde.

Ich würde also Barbara anrufen, und ich würde clever sein dabei: aus einem Münztelefon, Kapuze auf, so dass die unvermeidliche Überwachungskamera kein Foto von mir bekäme. Ich grub einen Quarter aus meiner Tasche und polierte ihn am T-Shirt-Saum, um meine Fingerabdrücke abzuwischen.

Ich ging immer weiter runter in Richtung der BART-Station mit ihren Münztelefonen. Ich schaffte es bis zur Straßenbahnhaltestelle, als ich die Titelseite des aktuellen „Bay Guardian“ sah, auf einem hohen Stapel neben einem farbigen Obdachlosen, der mich angrinste. „Na los, lies die Schlagzeilen, ist gratis. Reingucken kostet dich aber 50 Cent.“

Der Aufmacher war in der größten Typo gesetzt, die ich seit dem 11. September gesehen hatte:

IN GUANTANAMO-AN-DER-BAY

Darunter, in kaum kleinerer Schrift:

„Wie das DHS unsere Kinder und Freunde in Geheimgefängnissen vor unserer Haustür gefangen hält.

Von Barbara Stratford, exklusiv im Bay Guardian“

Der Zeitungsverkäufer schüttelte den Kopf. „Kannste das glauben?“, sagte er. „Hier mitten in San Francisco. Mann, die Regierung ist scheiße.“

Theoretisch war der „Guardian“ gratis, aber dieser Typ schien alle Exemplare in der Gegend abgegriffen zu haben. Ich hatte einen Quarter in der Hand, ließ ihn in seinen Becher fallen und angelte nach einem zweiten. Dieses Mal machte ich mir nicht die Mühe, meine Fingerabdrücke zu beseitigen.

„Man sagte uns, die Welt habe sich für immer geändert, als die Bay Bridge von unbekannten Tätern in die Luft gejagt wurde. Tausende unserer Freunde und Nachbarn starben an jenem Tag. Kaum ein Opfer wurde jemals geborgen – ihre sterblichen Überreste ruhen, so nahmen wir es bislang an, am Grund des Hafens dieser Stadt.

Doch eine außergewöhnliche Geschichte, die dieser Reporterin von einem jungen Mann zugetragen wurde, der vom DHS Minuten nach der Explosion festgenommen wurde, lässt darauf schließen, dass unsere eigene Regierung viele derer, die wir tot glaubten, auf Treasure Island gefangen hält – jener Insel, die kurz nach dem Anschlag evakuiert und zum Sperrgebiet erklärt wurde.“

Ich setzte mich auf eine Bank – dieselbe Bank, wie ich mit kräuselndem Nackenhaar merkte, auf die wir Darryl nach der Flucht aus der BART-Station gebettet hatten – und las den Artikel von vorn bis hinten. Es kostete mich eine Menge Anstrengung, nicht auf der Stelle in Tränen auszubrechen. Barbara hatte ein paar Schnappschüsse von Darryl und mir bei gemeinsamen Abenteuern aufgetrieben und ihrem Text zur Seite gestellt. Die Fotos waren vielleicht ein Jahr alt, aber ich sah auf ihnen so viel jünger aus – als ob ich erst zehn oder elf wäre. In den letzten paar Monaten war ich ziemlich erwachsen geworden.

Der Artikel war wundervoll geschrieben. Ich spürte Zorn in mir hochsteigen darüber, wie man diesen armen Kids mitgespielt hatte; dann fiel mir wieder ein, dass sie ja über mich schrieb. Zebs Nachricht war abgedruckt, seine winzige Handschrift auf die halbe Zeitungsseite aufgeblasen. Barbara hatte noch mehr Infos über andere Kids recherchiert, die vermisst waren und als wahrscheinlich tot galten, eine lange Liste; und sie stellte die Frage, wie viele von ihnen lediglich dort auf der Insel festgehalten wurden, nur ein paar Meilen von den elterlichen Türen.

Ich kramte einen weiteren Quarter aus meiner Tasche, dann überlegte ich es mir anders. Wie wahrscheinlich war es denn, dass Barbaras Telefon nicht angezapft wurde? Es gab keine Möglichkeit für mich, sie jetzt anzurufen, jedenfalls nicht direkt. Ich brauchte einen Mittelsmann, der sie kontaktieren und sie dazu bringen musste, mich irgendwo im Süden zu treffen. So viel zum Thema Pläne.

Was ich wirklich dringend brauchte, war das Xnet.

Aber wie zum Teufel konnte ich online gehen? Der WLAN-Finder meines Handys blinkte wie bescheuert – um mich rum alles drahtlos, aber ich hatte weder eine Xbox und einen Fernseher, noch eine ParanoidXbox-DVD, um davon zu booten. WLAN, WLAN überall…

Und da sah ich sie. Zwei Kids, etwa mein Alter, unterwegs in der Masse, oben auf der Treppe runter zur BART.

Was meine Aufmerksamkeit erregte, war ihre Art, sich zu bewegen; etwas unbeholfen rempelten sie die Pendler und die Touristen an. Jeder hatte eine Hand in der Tasche, und sooft sich ihre Blicke trafen, kicherten sie. Noch auffälliger hätten sie ihre Jammerei nicht betreiben können, aber die Menge ignorierte sie. Wenn du da unten in diesem Viertel bist, rechnest du ständig damit, irgendwelche Obdachlosen und Spinner abwimmeln zu müssen, also nimmst du keinen Blickkontakt auf; du vermeidest es überhaupt tunlichst, dich umzuschauen.

Ich näherte mich einem von ihnen. Er wirkte ziemlich jung, obwohl er vermutlich kaum jünger war als ich.

„Hey“, sagte ich. „Hey, könnt ihr Jungs mal einen Moment herkommen?“ Er tat so, als hörte er mich nicht. Er sah gradewegs durch mich durch, so wie du es mit einem Obdachlosen machen würdest.

„Komm schon. Ich hab nicht viel Zeit.“ Ich griff ihn an der Schulter und zischte ihm ins Ohr: „Die Bullen sind hinter mir her. Ich bin vom Xnet.“

Jetzt sah er ängstlich aus, als wolle er jeden Moment weglaufen, und sein Freund kam auf uns zu. „Ich meins ernst“, sagte ich. „Hört mir bloß mal zu.“

Sein Freund erreichte uns. Er war größer und stämmig – wie Darryl. „Ey“, sagte er, „stimmt was nicht?“

Sein Freund flüsterte ihm was ins Ohr. Beide sahen so aus, als wollten sie dichtmachen.

Ich zog mein Exemplar des „Bay Guardian“ unterm Arm hervor und wedelte ihnen damit vor der Nase rum.

„Schlagt einfach mal Seite 5 auf, ja?“

Sie taten es. Sie betrachteten die Schlagzeile. Das Foto. Mich.

„Ooh, Alter!“, sagte der erste. „Wir sind sooo unwürdig.“ Er grinste mich an wie völlig durchgeknallt, und der Stämmigere klopfte mir auf den Rücken.

„Isnichwahr“, sagte er. „Du bist M…“

Ich hielt ihm den Mund zu. „Kommt mal hier rüber, okay?“ Ich schleppte sie zu meiner Bank zurück. Dabei fielen mir alte, braune Flecken auf dem Bürgersteig darunter ins Auge. Darryls Blut? Ich bekam Gänsehaut. Wir setzten uns hin.

„Ich bin Marcus“, sagte ich. Es kostete mich einige Überwindung, diesen beiden, die mich schon als M1k3y kannten, meinen Realnamen zu nennen. Ich gab damit meine Deckung auf, aber gut, der „Bay Guardian“ hatte die Verbindung ja ohnehin schon hergestellt.

„Nate“, sagte der Kleine. „Liam“, sagte der Große. „Alter, es ist sooo eine Ehre, dich zu treffen. Du bist echt unser Über-Held…“

„Sagt das nicht, bitte sagt das nicht. Und ihr zwo seid echt eine Leuchtreklame, die sagt, ,Ich jamme, bitte verfrachtet meinen Arsch nach Gitmo-an-der-Bay. Ihr könntet echt nicht mehr auffälliger sein.“

Liam machte ein Gesicht, als wolle er gleich losheulen.

„Keine Sorge, sie haben euch ja nicht erwischt. Ich geb euch später ein paar Tips.“ Schon strahlte er wieder. Die beiden, das war eine merkwürdige Erkenntnis, schienen M1k3y wirklich zu vergöttern, und sie würden alles tun, was ich ihnen sagte. Sie grinsten beide wie grenzdebil. Ich fühlte mich unwohl dabei, mir drehte das fast den Magen um.

„Hört mal, ich muss jetzt sofort mal ins Xnet, aber ohne dafür nach Hause gehen zu müssen oder auch nur in die Nähe. Wohnt ihr beiden hier in der Gegend?“

„Ich“, sagte Nate. „Oben in California Street. Is ne Ecke zu laufen – steile Hügel.“ Das war ich grade erst den ganzen Weg runtergekommen. Irgendwo da oben war Masha. Trotzdem – es war besser als alles, was ich erwarten durfte.

„Gehn wir“, sagte ich.

Nate lieh mir sein Baseball-Cap, und wir tauschten die Jacken. Um Schritterkennung musste ich mich nicht kümmern, nicht bei diesen Schmerzen in meinem Knöchel – ich humpelte wie ein Komparse in einem Cowboyfilm.

Nate lebte in einem riesigen Apartment am oberen Ende von Nob Hill. Das Gebäude hatte einen Portier im roten Mantel mit Goldbrokat, der sich an die Mütze tippte, zu Nate „Mr. Nate“ sagte und uns alle willkommen hieß. Das Apartment war makellos und roch nach Möbelpolitur. Ich bemühte mich sehr, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich diese offenkundig mehrere Millionen Dollar teure Eigentumswohnung beeindruckte.

„Mein Vater“, erklärte er. „Er war ein Investmentbanker. Massig Lebensversicherungen. Er ist gestorben, als ich vierzehn war, und wir bekamen alles. Sie waren zwar seit Jahren geschieden, aber er hatte trotzdem meine Mutter als Begünstigte eingesetzt.“

Aus dem wandhohen Fenster hatte man einen gigantischen Blick auf die andere Seite von Nob Hill, ganz bis runter nach Fisherman’s Wharf, zum hässlichen Stumpf der Bay Bridge, der Masse von Kränen und Lastern. Durch den Nebel konnte ich gerade eben Treasure Island erkennen. Ganz bis dort hinunter zu schauen weckte in mir das verrückte Bedürfnis zu springen.

Ich ging mit seiner Xbox über einen riesigen Plasma-Monitor im Wohnzimmer online. Er zeigte mir, wie viele offene WLANs von diesem hohen Standpunkt aus sichtbar waren – zwanzig, dreißig. Das hier war ein guter Platz für einen Xnetter.

Mein M1k3y-Postfach war enorm voll. 20.000 neue Nachrichten, seit Ange und ich heute früh aufgebrochen waren. Viele waren von Journalisten, die weitere Interviews anfragten, aber das meiste war von den Xnettern, von Leuten, die die Guardian-Story gelesen hatten und mir mitteilen wollten, dass sie alles tun würden, um mir zu helfen, mich mit allem versorgen wollten, was ich brauchte.

Das gab mir den Rest. Tränen liefen mir die Wangen runter.

Nate und Liam wechselten Blicke. Ich versuchte aufzuhören, aber es hatte keinen Zweck. Jetzt war ich am Schluchzen. Nate ging zu einem eichenen Bücherschrank und schwenkte eines seiner Regale heraus, was den Blick auf schimmernde Reihen von Flaschen freigab. Er goss einen Schuss von etwas Goldbraunem in ein Glas und brachte es mir.

„Seltener irischer Whiskey“, sagte er. „Moms Lieblingssorte.“ Er schmeckte wie Feuer und wie Gold. Ich nippte daran und versuchte mich nicht zu verschlucken. Eigentlich mochte ich keine harten Getränke, aber das hier war was anderes. Ich holte ein paar Mal tief Luft.

„Danke, Nate“, sagte ich. Er machte ein Gesicht, als hätte ich ihm gerade einen Orden angeheftet. Er war ein guter Kerl.

„Na gut“, sagte ich und schnappte mir die Tastatur. Die beiden Jungs sahen fasziniert zu, wie ich auf dem Monsterbildschirm meine Mails durchging.

Wonach ich vor allem suchte, war eine Mail von Ange. Es war ja möglich, dass sie davongekommen war. Das war immer möglich.

Es war idiotisch, es auch nur zu hoffen. Es war nichts von ihr dabei. Dann fing ich an, die Mails so schnell wie möglich durchzugehen, indem ich nach Presseanfragen, Fan-Mails, Hass-Mails und Spam sortierte…

Und da fand ich sie: eine Nachricht von Zeb.

>  Es war nicht schön, heute morgen aufzuwachen und den Brief, den du eigentlich zerstören solltest, in der Zeitung abgedruckt zu finden. Überhaupt nicht schön. Gab mir das Gefühl, verfolgt zu werden.

>  Aber ich habe mittlerweile verstanden, warum du es getan hast. Ich bin nicht sicher, dass ich deine Taktik gutheißen kann, aber es ist offensichtlich, dass deine Motive stichhaltig waren.

>  Wenn du dies liest, dann bist du sehr wahrscheinlich in den Untergrund gegangen. Das ist nicht leicht, das habe ich gelernt. Und ich habe noch eine Menge mehr gelernt.

>  Ich kann dir helfen. Ich sollte das für dich tun. Du tust ja auch für mich, was du kannst. (Auch wenn du es nicht mit meiner Erlaubnis tust.)

>  Antworte, wenn du dies bekommst, wenn du auf der Flucht bist und allein. Oder antworte, wenn du im Gewahrsam bist, bei unseren Freunden auf Gitmo, und nach einem Mittel suchst, die Schmerzen zu beenden. Wenn sie dich haben, dann wirst du tun, was sie dir sagen. Das weiß ich. Das Risiko gehe ich ein.

>  Für dich, M1k3y.

„Boooooah“, schnaufte Liam, „Aaaaaalter!“ Ich hätte ihm eine reinhauen mögen. Ich drehte mich um, um zumindest etwas Hässliches, Bissiges zu sagen, aber er starrte mich an mit Augen groß wie Suppenteller und sah aus, als wolle er gleich auf die Knie fallen, um mich anzubeten.

„Darf ich nur sagen“, fragte Nate, „darf ich nur sagen, dass es die größte Ehre in meinem Leben ist, dir zu helfen? Darf ich einfach nur das sagen?“

Jetzt wurde ich rot. Ich konnte es nicht ändern. Diese beiden waren völlig auf ihren Star fixiert, obwohl ich ja überhaupt kein Star war, zumindest nicht in meiner eigenen Wahrnehmung.

„Könnt ihr Jungs…“ Ich schluckte. „Könnte ich ein bisschen Privatsphäre haben?“ Sie schlichen aus dem Zimmer wie geprügelte Hunde, und ich fühlte mich wie ein Idiot. Ich tippte schnell.

>  Ich bin davongekommen, Zeb. Und ich bin auf der Flucht. Ich brauche alle Hilfe, die ich kriegen kann. Ich will, dass das ein Ende hat.

Ich erinnerte mich daran, Mashas Handy aus der Tasche zu fischen und zu befingern, damit es nicht auf Standby ging.

Sie ließen mich die Dusche benutzen, gaben mir einen frischen Satz Klamotten, einen neuen Rucksack mit ihrer halben Erdbebenration drin – Energieriegel, Medikamenten, Heiß- und Kühlpacks und einem alten Schlafsack. Sie packten sogar noch eine überzählige Xbox Universal mit aufgespieltem ParanoidXbox ein. Bei der Signalpistole musste ich die Reißleine ziehen.

Ich prüfte immer wieder meine Mails, um zu schauen, ob Zeb geantwortet hatte. Ich beantwortete die Fan-Post. Ich beantwortete die Mails von der Presse. Ich löschte die Hass-Mails. Halb erwartete ich, was von Masha zu lesen, aber wahrscheinlich war sie jetzt schon halbwegs in L.A., mit kaputten Fingern und nicht in der Lage, irgendwas zu tippen. Ich kitzelte wieder ihr Telefon.

Die Jungs überredeten mich, mich für einen Moment aufs Ohr zu legen, und einen kurzen, peinlichen Moment lang wurde ich völlig paranoid und dachte, was, wenn diese Jungs mich ausliefern wollten, während ich schliefe? Natürlich war das idiotisch – sie hätten mich genauso einfach verpfeifen können, während ich wach war.

Ich konnte einfach nicht damit umgehen, dass sie so viel von mir hielten. Rein vom Kopf her hatte ich gewusst, dass es Leute gab, die bereit waren, M1k3y zu folgen. Ein paar von denen hatte ich heute früh getroffen, als sie

– Beißen Beißen Beißen – übers Civic Center hergefallen waren. Aber diese beiden waren persönlicher. Sie waren einfach nur nette, bisschen trottelige Kerle, die damals in den Tagen vor dem Xnet durchaus meine Freunde hätten sein können, einfach zwei Kumpel, mit denen man Teenager-Abenteuer hätte bestehen können. Und sie hatten sich freiwillig zu einer Armee gemeldet, zu meiner Armee. Ich war ihnen gegenüber verantwortlich. Auf sich selbst gestellt, würden sie früher oder später geschnappt werden. Sie waren zu vertrauensselig.

„Jungs, hört mir mal einen Moment zu. Ich muss mit euch über was Ernstes reden.“ Fast standen sie in Habacht-Stellung. Wäre es nicht so finster gewesen, hätte ichs komisch gefunden.

„Okay, es geht um Folgendes. Jetzt, da ihr mir geholfen habt, ist es wirklich gefährlich. Wenn ihr geschnappt werdet, werde ich geschnappt. Sie werden alles aus euch rauskriegen, was ihr wisst…“ – ich hob die Hand, um ihre Proteste abzuwehren. „Nein, ehrlich. Ihr habt es noch nicht durchgemacht. Jeder redet. Jeder zerbricht. Wenn ihr also jemals geschnappt werdet, dann erzählt ihnen sofort alles, was ihr wisst, so schnell ihr könnt. Sie bekommen es irgendwann doch raus. So arbeiten die nun mal.

Aber ihr werdet nicht geschnappt werden, und zwar deshalb: Ihr seid jetzt keine Jammer mehr. Ihr seid vom aktiven Dienst befreit. Ihr seid jetzt…“, ich fischte in meinem Gedächtnis nach Schlagworten aus Spionagethrillern, „ihr seid jetzt eine Schläferzelle. Zieht euch zurück, verhaltet euch wieder wie normale Kids. Irgendwie, ich weiß noch nicht, wie, werde ich diese Sache knacken, voll und ganz, ich werde sie zu einem Ende bringen. Oder sie knackt mich und erledigt mich endgültig. Wenn ihr nicht innerhalb von 72 Stunden von mir hört, dann geht davon aus, dass sie mich geschnappt haben. Dann könnt ihr tun, was immer ihr wollt. Aber die nächsten drei Tage – und für immer, wenn ich das erledige, was ich erledigen will – haltet euch bitte raus. Versprecht ihr mir das?“

Sie versprachen es mit heiligem Ernst. Dann erlaubte ich ihnen, mich in einen Dämmerschlaf zu plappern, aber ließ sie schwören, mich einmal pro Stunde zu wecken, damit ich Mashas Handy kitzeln und nachschauen konnte, ob mir Zeb schon geantwortet hatte.

[x]

Der Treffpunkt war in einem BART-Waggon, was mich nervös machte. Die Dinger sind voll von Kameras. Aber Zeb wusste, was er tat. Er ließ mich in den letzten Waggon eines bestimmten Zuges einsteigen, der zu einer Uhrzeit von Powell Street Station abfuhr, zu der die Leute dicht an dicht standen. Er näherte sich mir in der Masse, und die guten Pendler von San Francisco machten ihm etwas Platz, die Sorte Freiraum, die man immer um Obdachlose herum beobachtet.

„Schön, dich wieder zu sehen“, murmelte er, das Gesicht auf den Eingang gerichtet. Im dunklen Glas konnte ich erkennen, dass niemand dicht genug war, um uns belauschen zu können, zumindest nicht ohne ein Hochleistungs-Richtmikrofon; und wenn sie genug wussten, um mit so einem hier aufzukreuzen, dann waren wir sowieso schon tot.

„Dich auch, Bruder“, antwortete ich. „Ich, es… es tut mir Leid, weißt du?“

„Klappe. Muss dir nicht Leid tun. Du warst mutiger, als ich es bin. Bist du jetzt bereit, in den Untergrund zu gehen? Bereit zu verschwinden?“

„Was das angeht…“

Ja?“

„Das ist nicht der Plan.“

„Oh“, sagte er.

„Hör mal, okay? Ich habe… ich habe Bilder und Video. Sachen, die echt was beweisen.“ Ich griff in meine Tasche und befingerte mal wieder Mashas Handy. Ich hatte auf dem Weg hierher in Union Square ein Ladegerät gekauft und war in einem Café lange genug sitzen geblieben, bis die Batterieanzeige wieder bei vier von fünf Strichen war.

„Ich muss das hier zu Barbara Stratford kriegen, der Frau beim ,Guardian‘. Aber die werden sie beobachten, um zu sehen, ob ich auftauche.“

„Glaubst du nicht, die werden auch nach mir Ausschau halten? Falls es ein Teil deines Plans ist, dass ich mich auch bloß auf eine Meile der Wohnung oder dem Büro dieser Frau…“

„Ich will nur, dass du Van dazu bringst, dass sie kommt und mich trifft. Hat Darryl dir mal von Van erzählt? Das Mädchen…“

„Hat er. Ja, er hat mir von ihr erzählt. Meinst du nicht, die beobachten sie auch? Euch alle, die sie festgenommen haben?“

„Ich denke schon. Trotzdem: Ich glaube, sie beobachten sie nicht ganz so genau. Und Van hat eine total weiße Weste. Sie hat nie bei einem meiner…“, ich schluckte, „… meiner Projekte mitgewirkt. Deshalb sind sie mit ihr vielleicht ein bisschen entspannter. Wenn sie den Bay Guardian anruft, um einen Termin zu machen, um zu berichten, was für ein Mistkerl ich eigentlich bin, dann lassen sie es ihr vielleicht durchgehen.“

Er starrte die Tür an. Ziemlich lange.

„Du weißt, was passiert, wenn sie uns noch mal schnappen.“ Es war keine Frage.

Ich nickte.

„Bist du sicher? Ein paar von den Leuten, die mit uns auf Treasure Island waren, sind mit Hubschraubern weggebracht worden. Außer Landes. Es gibt ein paar Länder, in die Amerika seine Folter auslagern kann. Länder, in denen du auf ewig versauerst. Länder, in denen du dir irgendwann wünschen wirst, dass sie es einfach nur zu Ende bringen; dass sie dich einen Graben ausheben lassen und dir ins Genick schießen, während du dich drüberbeugst.“

Ich schluckte und nickte.

„Ist es das Risiko wert? Wir könnten für sehr, sehr lange Zeit im Untergrund verschwinden. Und vielleicht bekommen wir unser Land eines Tages zurück. Wir können das aussitzen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Du kannst nichts bewegen, indem du nichts tust. Es ist unser Land. Und sie haben es uns weggenommen. Die Terroristen, die uns angegriffen haben, sind immer noch frei – aber wir nicht. Ich kann nicht für ein Jahr, zehn Jahre, mein ganzes Leben im Untergrund verschwinden und daraufwarten, dass mir die Freiheit gegeben wird. Freiheit ist etwas, das du dir nehmen musst.“

[x]

An diesem Nachmittag verließ Van die Schule wie üblich, saß inmitten eines dichten Knäuels ihrer Freundinnen hinten im Bus, lachend und scherzend wie immer. Die anderen Passagiere im Bus schenkten ihr besondere Beachtung, weil sie so laut war und weil sie außerdem diesen blöden, riesigen Schlapphut trug, der aussah wie aus einem Schultheaterstück über Renaissance-Schwertkämpfer. Zu einem bestimmten Zeitpunkt gluckten sie alle aufeinander, schauten dann hinten aus dem Bus raus, gestikulierend und gickelnd. Das Mädchen, das jetzt den Hut trug, hatte annähernd dieselbe Größe wie Van, und von hinten würde sie als Van durchgehen.

Niemand achtete auf das kleine asiatische Mädchen, das ein paar Haltestellen vor der BART ausstieg. Sie war in eine ganz gewöhnliche Schuluniform gekleidet und schaute schüchtern zu Boden, als sie ausstieg. Außerdem gab just in diesem Moment die laute Koreanerin einen Aufschrei von sich, den ihre Freundinnen aufgriffen und so laut lachten, dass selbst der Busfahrer langsamer wurde, sich im Sitz umdrehte und ihnen einen schmutzigen Blick zuwarf.

Van eilte mit gesenktem Kopf die Straße hinunter, das Haar zurückgebunden und über den Kragen ihrer altmodischen Ballonjacke fallend. Sie trug Einlagen in ihren Schuhen, die sie fünf wacklige Zentimeter größer machten, sie hatte ihre Kontaktlinsen herausgenommen und gegen ihre meistgehasste Brille getauscht, deren riesige Gläser ihr halbes Gesicht einnahmen. Obwohl ich an der Bushaltestelle auf sie gewartet und gewusst hatte, wann ich sie zu erwarten hatte, hätte ich sie fast nicht erkannt. Ich stand auf und folgte ihr mit einem halben Block Abstand über die Straße.

Die Leute, die mir begegneten, schauten so schnell wie möglich weg. Ich sah aus wie ein junger Obdachloser mit meinem schmuddeligen Pappschild, dem speckigen Mantel und dem riesigen Ranzen, der an den Kanten mit Ducktape geflickt war. Niemand will einen Straßenjungen anschauen, denn wenn du seinem Blick begegnest, bettelt er dich womöglich um Kleingeld an. Ich war den ganzen Nachmittag in Oakland rumgestromert, und die einzigen Leute, die mich angesprochen hatten, waren ein Zeuge Jehovas und ein Scientologe gewesen, die mich beide hatten bekehren wollen. Das fühlte sich eklig an, wie von einem Perversen angebaggert zu werden.

Van folgte den Anweisungen, die ich aufgeschrieben hatte, sehr sorgfältig. Zeb hatte sie ihr auf demselben Wege zukommen lassen wie mir damals vor der Schule – er war in sie reingerannt und hatte sich überschwänglich entschuldigt. Ich hatte die Nachricht kurz und knapp gehalten, nur rasch umrissen, was ich wollte: Ich weiß, du bist nicht damit einverstanden. Ich verstehe das. Aber das ist es nun mal, es ist der wichtigste Gefallen, den ich jemals von dir erbeten habe. Bitte. Bitte.

Sie war gekommen. Ich hatte gewusst, dass sie kommen würde. Wir beide hatten eine Menge gemeinsamer Geschichte. Und sie mochte es auch nicht, was mit der Welt passiert war. Und im Übrigen sagte mir eine böse, hämisch glucksende Stimme in meinem Kopf, dass auch sie jetzt, da Barbaras Artikel erschienen war, unter Verdacht stand.

So gingen wir sechs, sieben Blöcke weit, achteten darauf, wer in unserer Nähe war, welche Autos vorbeifuhren. Zeb hatte mir von Fünferketten erzählt, bei denen fünf verschiedene Verdeckte sich dabei abwechselten, dir zu folgen, was es nahezu unmöglich machte, sie zu bemerken. Du musstest schon in eine völlig verlassene Gegend gehen, wo einfach jeder einzelne Mensch klar zu erkennen war.

Die Überführung für die 880 war nur ein paar Blöcke weit von der BART-Station Coliseum entfernt, und selbst wenn man so viele Schlenker machte wie Van, hatte man sie schnell erreicht. Der Lärm von oben war ohrenbetäubend. Niemand sonst war hier, soweit ich das erkennen konnte. Ich war hier gewesen, bevor ich die Location in meiner Nachricht an Van vorgeschlagen hatte, um zu checken, ob es Ecken gäbe, in denen sich jemand verstecken konnte. Es gab keine.

Sobald sie am vereinbarten Platz stehengeblieben war, ging ich schneller, um zu ihr zu gelangen. Sie blinzelte mich mit großen Augen hinter der Brille an.

„Marcus“, wisperte sie, und Tränen schimmerten in ihren Augen. Ich bemerkte, dass ich ebenfalls weinte. Mann, ich gab einen lausigen Flüchtling ab. Zu sentimental.

Sie umarmte mich so stürmisch, dass ich keine Luft mehr bekam, und ich umarmte sie noch heftiger.

Dann küsste sie mich.

Nicht auf die Wange, nicht wie eine Schwester. Voll auf die Lippen, ein heißer, feuchter, dampfender Kuss, der nie mehr zu enden schien. Ich war von meinen Gefühlen so übermannt…

Ach Quatsch. Ich wusste genau, was ich tat. Ich erwiderte den Kuss.

Dann hörte ich auf und trat zurück, fast schubste ich sie zurück. „Van“, keuchte ich.

„Ups“, sagte sie.

„Van“, begann ich nochmals.

„Sorry“, sagte sie, „ich…“

Und in diesem Moment wurde mir etwas bewusst, das ich vermutlich schon sehr viel länger hätte bemerken müssen.

„Du magst mich, stimmts?“

Sie nickte jämmerlich. „Seit Jahren.“

Oh Gott. Darryl war all die Jahre so sehr in sie verliebt, und die ganze Zeit hatte sie nur Augen für mich und war insgeheim scharf auf mich. Und dann kam ich mit Ange an. Ange hatte gesagt, dass sie immer schon Streit mit Van hatte. Und ich lief hier rum und hatte nichts als Ärger.

„Van, es tut mir so Leid.“

„Vergiss es“, sagte sie und blickte zur Seite. „Ich weiß, dass es nicht sein kann. Ich wollte das nur dieses eine Mal, nur für den Fall, dass ich dich nie…“ Sie verkniff sich den Rest.

„Van, ich bin drauf angewiesen, dass du etwas für mich erledigst. Etwas sehr Wichtiges. Du musst die Journalistin vom Bay Guardian treffen, Barbara Stratford, die Frau, die den Artikel geschrieben hat. Du musst ihr etwas übergeben.“ Ich erklärte ihr die Sache mit Mashas Handy und erzählte ihr von dem Video, das Masha mir geschickt hatte.

„Wozu soll das noch gut sein, Marcus? Was erwartest du dir davon?“

„Van, du hattest Recht, zumindest zum Teil. Wir können die Welt nicht reparieren, indem wir andere Menschen in Gefahr bringen. Ich muss das Problem lösen, indem ich erzähle, was ich weiß. Ich hätte das von Anfang an tun sollen. Ich hätte direkt aus ihrem Knast zu Darryls Vater marschieren sollen und ihm erzählen, was ich wusste.

Aber jetzt habe ich Beweise. Dieses Zeug hier – das könnte die Welt ändern. Und es ist meine letzte Hoffnung. Die einzige Hoffnung, Darryl rauszuhauen und mein Leben nicht ewig im Untergrund, auf der Flucht vor den Bullen fristen zu müssen. Und du bist der einzige Mensch, dem ich es anvertrauen kann, das zu erledigen.“

„Warum ich?“

„Machst du Witze? Guck mal, wie gut du es gemacht hast, hierher zu kommen. Du bist ein Profi. Du bist von uns allen die Beste in so was. Und du bist die Einzige, der ich trauen kann. Darum du.“

„Und warum nicht deine Freundin Angie?“ Sie sagte den Namen ohne jegliche Betonung, als sei er ein Block Zement.

Ich schaute zu Boden. „Ich dachte, du wüsstest es. Sie haben sie verhaftet. Sie ist in Gitmo – auf Treasure Island. Schon seit Tagen.“ Ich hatte versucht, nicht daran zu denken, nicht darüber nachzugrübeln, was mit ihr geschehen könnte. Doch nun konnte ich das Schluchzen nicht mehr unterdrücken. Ich spürte einen Schmerz im Magen, als ob ich einen Tritt bekommen hätte, und presste mir die Hände auf den Bauch, um mich zusammenzunehmen. Dann klappte ich zusammen, und das Nächste, was ich merkte, war, wie ich im Schutt unter dem Freeway lag, zusammengekrümmt und heulend.

Van kniete sich neben mich. „Gib mir das Handy“, sagte sie, ihre Stimme ein wütendes Zischen. Ich kramte es aus meiner Tasche und gab es ihr.

Beschämt hörte ich auf zu weinen und rappelte mich hoch. Ich spürte, dass mir Schnodder übers Gesicht lief. Van betrachtete mich mit einem Ausdruck des reinsten Ekels.

„Du musst drauf achten, dass es nicht auf Standby geht“, sagte ich. „Hier ist ein Ladegerät.“

Ich wühlte in der Tasche. In der Nacht, seit ich es gekauft hatte, hatte ich nicht viel geschlafen. Ich hatte den Timer des Handys auf 90 Minuten gestellt, damit es mich so rechtzeitig weckte, dass ich es vom „Schlafen“ abhalten konnte. „Klapp es bitte auch nicht zu.“

„Und das Video?“

„Das ist schwieriger“, erwiderte ich. „Ich hab mir selbst eine Kopie gemailt, aber ich komm nicht mehr ins Xnet.“ Im Notfall hätte ich noch mal zu Nate und Liam zurückgehen und ihre Xbox benutzen können, aber das wollte ich nicht riskieren. „Pass auf, ich geb dir mein Login und das Passwort für den Mailserver der Piratenpartei. Du musst aber Tor benutzen, um ihn aufzurufen – der Heimatschutz achtet garantiert auf Leute, die sich bei P-Partei-Mail einloggen.“

„Dein Login und Passwort“, sagte sie mit Erstaunen im Blick.

„Ich vertraue dir, Van. Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann.“

Sie schüttelte den Kopf. „Du gibst deine Passwörter nie raus, Marcus.“

„Ich glaube, darauf kommts jetzt auch nicht mehr an. Entweder du hast Erfolg, oder – oder es ist das Ende von Marcus Yallow. Vielleicht bekomme ich ja eine neue Identität, aber ich glaubs eher nicht. Ich schätze, die werden mich kriegen. Wahrscheinlich habe ichs die ganze Zeit schon gewusst, dass sie mich irgendwann kriegen werden.“

Jetzt sah sie mich mit blanker Wut an. „Was für eine Vergeudung. Und wozu war das Ganze jetzt gut?“

Sie hätte nichts sagen können, das mich mehr verletzt hätte. Dieser Satz war wie ein weiterer Tritt in den Unterleib. Was für eine Vergeudung das alles, völlig vergebens. Darryl und Ange waren verschwunden. Meine Familie würde ich vielleicht nie wieder sehen. Und immer noch hielt der Heimatschutz meine Stadt und mein Land in einem gewaltigen, irrationalen Klammergriff gefangen, wo im Namen der Terrorabwehr ausnahmslos alles erlaubt war.

Van sah aus, als erwarte sie eine Antwort von mir, aber dazu hatte ich nichts mehr zu sagen. Sie ließ mich dort stehen.

[x]

Zeb hatte eine Pizza für mich, als ich „heim“ kam – zu dem Zelt, das er für die Nacht unter einer Freeway-Überführung in der Mission aufgestellt hatte. Es war eine Dackelgarage aus Militärbeständen, bedruckt mit SAN FRANCISCO ÖRTLICHE OBDACHLOSEN-KOORDINATION.

Die Pizza war von Domino’s, kalt und labberig, aber nichtsdestotrotz lecker. „Magst du Ananas auf deiner Pizza?“

Zeb lächelte herablassend. „Freeganer dürfen nicht wählerisch sein“, sagte er.

„Freeganer?“

„Wie Veganer, aber wir essen nur Gratisspeisen.“

„Gratisspeisen?“

Er grinste wieder. „Du weißt schon – Gratisspeisen. Aus dem Gratisspeisenladen.“

„Du hast das Zeug geklaut?“

„Nein, Blödmann. Es ist aus dem anderen Laden. Aus dem kleinen hinter dem Laden. Dem aus blauem Stahl, mit dem merkwürdigen Geruch.“

„Du hast das hier aus dem Müll?“

Er warf seinen Kopf zurück und gickelte. „Na klar doch. Dein Gesicht müsstest du sehen. Alter, es ist okay. Es ist ja nicht so, dass das Zeug vergammelt wäre. Es war frisch – bloß eine versaute Bestellung. Die haben sie in der Schachtel weggeworfen. Nach Ladenschluss streuen sie Rattengift überall drüber, aber wenn du rechtzeitig kommst, bist du okay. Du solltest mal sehen, was Obst- und Gemüseläden so wegwerfen! Warte bis zum Frühstück. Ich mach dir einen Obstsalat, das glaubst du nicht. Sobald auch nur eine Erdbeere in der Kiste ein bisschen grün oder matschig wird, kommt alles weg…“

Ich brachte ihn zum Schweigen. Die Pizza war okay. Es war ja nicht so, dass sie von dem kurzen Aufenthalt in der Mülle irgendwie infiziert worden wäre. Wenn daran etwas eklig war, dann der Umstand, dass sie von Domino’s kam – der grässlichsten Pizzakette der Stadt. Ich hatte ihr Essen noch nie sehr gemocht, und als ich erfahren hatte, dass sie eine Gruppe ultrabescheuerter Politiker finanzierten, die daran glaubten, dass globale Erwärmung und Evolution satanische Tricks waren, hatte ichs ganz aufgegeben.

Das Gefühl von Ekel war dennoch nicht so leicht zu unterdrücken.

Aber die Sache hatte noch einen ganz anderen Aspekt. Zeb hatte mir ein Geheimnis offenbart, etwas, worauf ich nicht vorbereitet gewesen war: Da draußen existierte eine ganze versteckte Welt, eine Art, irgendwie durchzukommen, ohne ein Teil des Systems zu werden.

„Freeganer, ja?“

„Jogurt brauchen wir auch“, sagte er und nickte nachdrücklich. „Für den Obstsalat. Den werfen sie am Tag nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum gleich weg, aber der wird ja nicht um Mitternacht sofort grün. Hey, es ist Jogurt, ich mein, das ist doch sowieso schon vergammelte Milch.“

Ich schluckte. Die Pizza schmeckte komisch. Rattengift. Abgelaufener Jogurt. Matschige Erdbeeren. Daran würde ich mich erst mal gewöhnen müssen.

Ich biss noch mal ab. Wenn man sie für lau bekam, war Domino’s Pizza ein bisschen weniger scheußlich.

Liams Schlafsack war warm und einladend nach diesem langen, emotional aufreibenden Tag. Van dürfte Barbara mittlerweile kontaktiert haben. Sie würde das Video und das Foto haben. Ich würde sie am nächsten Morgen anrufen und in Erfahrung bringen, was sie als nächste Aktion für angebracht hielt. Sobald sie veröffentlichte, würde ich noch mal reinkommen müssen, um die Geschichte zu untermauern.

Darüber dachte ich nach, als ich meine Augen schloss; ich dachte daran, wie es wohl sein würde, mich selbst zu stellen, vor laufenden Kameras, die dem berüchtigten M1k3y in eines jener großen, säulengeschmückten Gebäude am Civic Center folgten.

Der Lärm der über mir vorbeisausenden Autos verwandelte sich in ein Ozeanrauschen, als ich wegdämmerte. In der Nähe standen noch andere Zelte von Obdachlosen. Ein paar von ihnen hatte ich an diesem Nachmittag getroffen, bevor es dunkel wurde und wir uns alle zu unseren eigenen Zelten zurückzogen. Sie waren alle älter als ich und sahen grob und derb aus. Aber keiner von ihnen sah aus, als sei er verrückt oder gewalttätig. Nur eben wie Leute, die nicht viel Glück gehabt hatten oder schlechte Entscheidungen getroffen oder beides.

Ich musste eingeschlafen sein, denn ich erinnere mich an nichts mehr bis zu dem Moment, an dem ein blendend helles Licht auf mein Gesicht fiel.

„Das ist er“, sagte eine Stimme hinter dem Licht.

„Sackt ihn ein“, sagte eine andere Stimme, eine Stimme, die ich früher schon einmal gehört hatte und dann wieder und wieder in meinen Träumen, wie sie mir Vorträge hielt und meine Passwörter verlangte. Frau Strenger Haarschnitt.

Blitzschnell war der Sack über meinem Kopf, und sie zogen ihn an der Kehle so fest an, dass ich zu ersticken glaubte und meine Freeganer-Pizza erbrach. Während ich zuckte und würgte, fesselten harte Hände meine Handgelenke und meine Knöchel. Ich wurde auf eine Trage gerollt und emporgehoben, dann in ein Fahrzeug getragen, ein paar klappernde Metallstufen hinauf. Sie ließen mich auf einen gepolsterten Boden fallen. Hinten im Fahrzeug war bei geschlossenen Türen absolut nichts zu hören. Die Polsterung unterdrückte alles außer meinem eigenen Würgen.

„Hallo nochmal!“, sagte sie. Ich spürte den Lieferwagen wippen, als sie zu mir hineinstieg. Ich würgte immer noch und versuchte verzweifelt, Luft zu bekommen. Erbrochenes füllte meinen Mund und rann mir in die Luftröhre.

„Wir werden dich nicht sterben lassen“, sagte sie. „Wenn du aufhörst zu atmen, sorgen wir dafür, dass du wieder anfängst. Mach dir darum also keine Sorgen.“

Ich würgte heftiger. Ich schnappte nach Luft. Ein bisschen was kam durch. Heftige, schmerzhafte Hustenattacken schüttelten meine Brust und meinen Rücken, und dabei rüttelten sie was von der Kotze weg. Mehr Luft.

„Siehst du? Gar nicht so schlimm. Willkommen daheim, M1k3y. Wir haben einen ganz besonderen Ort für dich ausgesucht.“

Ich versuchte mich auf dem Rücken liegend zu entspannen und spürte den Lieferwagen schaukeln. Der Geruch benutzter Pizza war anfangs übermächtig, aber wie das mit allen starken Stimuli so ist, gewöhnte sich mein Gehirn allmählich daran und filterte ihn aus, bis er nur noch ein schwaches Aroma war. Die Schaukelei des Wagens war fast schon beruhigend.

Und da geschah es. Eine unglaubliche, tiefe Ruhe kam über mich, als läge ich am Strand und der Ozean käme angebrandet und hebe mich empor, sanft wie eine Elternhand, hielte mich in der Schwebe und trage mich hinaus in ein warmes Meer unter einer warmen Sonne. Nach allem, was geschehen war, hatten sie mich gefangen, aber darauf kam es nun nicht mehr an. Ich hatte Barbara die Informationen zukommen lassen. Ich hatte das Xnet organisiert. Ich hatte gewonnen.

Und wenn ich nicht gewonnen hatte, so hatte ich doch alles getan, was ich konnte. Mehr als ich mir jemals selbst zugetraut hätte. Während wir fuhren, zog ich eine mentale Bilanz, dachte an alles, was ich erreicht hatte, was wir erreicht hatten. Die Stadt, das Land, die Welt war voll mit Menschen, die nicht bereit waren, so zu leben, wie das DHS es von uns erwartete. Wir würden ewig weiterkämpfen. Sie konnten uns nicht alle wegsperren.

Ich seufzte und lächelte.

Dann wurde mir klar, dass sie die ganze Zeit geredet hatte. Ich war so weit weg an meinem glücklichen Ort gewesen, dass sie einfach verschwunden war.

„… kluger Junge wie du. Man würde meinen, du solltest es besser wissen, als dich mit uns anzulegen. Wir hatten dich im Visier seit dem Tag, an dem du rausgekommen bist. Und wir hätten dich auch dann erwischt, wenn du nicht zu deiner lesbischen Verräter-Journalistin gerannt wärst, um dich auszuheulen. Ich versteh das einfach nicht – wir waren uns doch einig, du und ich…“

Wir rüttelten über eine Metallplatte, die Federung des Lasters sprach an, und dann änderte sich das Wippen. Wir waren auf dem Wasser. Unterwegs nach Treasure Island. Hey, Ange war da. Und Darryl auch. Vielleicht.

[x]

Die Kapuze nahmen sie mir erst in meiner Zelle wieder ab. Um die Fesseln an Handgelenken und Knöcheln kümmerten sie sich nicht, sondern ließen mich einfach von der Trage auf den Boden rollen. Es war dunkel, aber im Mondlicht, das durch das einzige winzige Fenster hoch oben hereinschien, konnte ich sehen, dass die Matratze vom Bettgestell entfernt worden war. Der Raum beinhaltete mich, eine Toilette, ein Bettgestell und ein Waschbecken. Sonst nichts.

Ich schloss die Augen und ließ mich vom Ozean emporheben. Irgendwo tief unter mir war mein Körper. Ich wusste, was als Nächstes passieren würde. Ich würde hier liegenbleiben, um in die Hose zu pinkeln. Schon wieder. Ich wusste, wie sich das anfühlte, ich hatte schon mal eingepinkelt. Es roch streng. Es juckte. Es war erniedrigend; als sei man ein Baby.

Aber ich hatte es überlebt.

Ich lachte. Der Klang war seltsam, und er zog mich in meinen Körper zurück, zurück in die Gegenwart. Ich lachte und lachte. Ich hatte das Schlimmste erlebt, das sie mir antun konnten, und ich hatte es überlebt; und ich hatte sie geschlagen, monatelang, sie als Trottel und Despoten vorgeführt. Ich hatte gewonnen.

Ich erleichterte meine Blase. Sie war ohnehin voll und schmerzte, und was du heute kannst besorgen…

Der Ozean trug mich davon.

Am nächsten Morgen schnitten zwei effiziente, unpersönliche Wachen meine Fesseln an Hand- und Fußgelenken durch. Ich konnte noch nicht wieder laufen – als ich mich hinstellte, gaben meine Beine nach wie die einer Marionette ohne Fäden. Zu viel Zeit in einer Stellung. Die Wachen zogen meine Arme über ihre Schultern und schleppten mich halb ziehend, halb tragend den vertrauten Korridor entlang. Die Strichcodes an den Türen waren mittlerweile von der aggressiven Salzluft wellig geworden und baumelten herab.

Ich hatte eine Idee. „Ange!“, brüllte ich. „Darryl!“, brüllte ich. Meine Wachen schleppten mich schneller, offenkundig verstört, aber unsicher, was sie nun mit mir machen sollten. „Jungs, ich bins, Marcus!“

Hinter einer der Türen schluchzte jemand. Ein anderer brüllte in einer Sprache, die ich für Arabisch hielt. Dann war es eine Kakophonie, tausend verschiedene schreiende Stimmen.

Sie brachten mich in ein neues Zimmer. Es war ein ehemaliger Duschraum, die Duschköpfe schauten noch zwischen den schimmligen Kacheln hervor.

„Hallo, M1k3y“, sagte Strenger Haarschnitt. „Du scheinst einen ereignisreichen Morgen hinter dir zu haben.“ Sie rümpfte demonstrativ ihre Nase.

„Ich hab mich bepisst“, sagte ich fröhlich. „Sollten Sie auch mal probieren.“

„Na, vielleicht sollten wir dir dann ein Bad gönnen.“ Sie nickte, und meine Wachen trugen mich zu einer anderen Liege. Diese hatte Befestigungsschnallen über die ganze Länge. Sie ließen mich draufplumpsen, und sie war eiskalt und durchgeweicht. Ehe ich mich versah, hatten sie mich an Schultern, Hüfte und Knöcheln festgestrappt. Nach einer weiteren Minute waren noch drei weitere Schnallen angezogen. Eine Männerhand griff nach den Stäben an meinem Kopf und löste ein paar Arretierungen, und einen Moment später lag ich geneigt da, der Kopf tiefer als die Füße.

„Lass uns mit etwas Einfachem anfangen“, sagte sie. Ich reckte meinen Kopf, um sie zu sehen. Sie hatte sich zu einem Tisch mit einer Xbox gedreht, die mit einem augenscheinlich teuren Flachfernseher verbunden war. „Ich möchte bitte, dass du mir deine Nutzerkennung und das Passwort für deine Piratenpartei-E-Mail verrätst.“

Ich schloss die Augen und ließ mich vom Ozean vom Strand wegtreiben.

„Weißt du, was Waterboarding ist, M1k3y?“ Ihre Stimme zog mich wieder an Land. „Du wirst genau so festgebunden, und wir gießen dir Wasser über den Kopf, in deine Nase und in deinen Mund. Du wirst den Würgereflex nicht unterdrücken können. Man nennt es eine simulierte Hinrichtung, und soweit ich es von dieser Seite des Raums beurteilen kann, ist das eine angemessene Einschätzung. Du wirst das Gefühl nicht loswerden, dass du stirbst.“

Ich versuchte mich wieder zu entfernen. Von Waterboarding hatte ich gehört. Das war es also, echte Folter. Und das war erst der Anfang.

Ich konnte mich nicht mehr entfernen. Der Ozean brandete nicht mehr heran, um mich emporzuheben. In meiner Brust wurde es eng, und meine Augenlider begannen zu flattern. Ich fühlte die feuchtkalte Pisse an meinen Beinen und den feuchtkalten Schweiß im Haar. Meine Haut juckte von der getrockneten Kotze.

Sie schwamm oberhalb von mir in mein Gesichtsfeld. „Lass uns mit der Kennung anfangen“, sagte sie.

Ich schloss die Augen und presste sie fest zu.

„Gebt ihm was zu trinken“, sagte sie.

Ich hörte, wie sich Leute bewegten. Ich holte einmal tief Luft und hielt sie an.

Das Wasser fing als Rinnsal an, eine Kelle voll Wasser, das sanft über mein Kinn und meine Lippen gegossen wurde. In meine umgekehrten Nasenlöcher hinein. Es lief zurück in meine Kehle und begann mich zu ersticken, aber ich würde nicht husten, würde nicht keuchen und es in meine Lungen einsaugen. Ich hielt den Atem an und presste meine Augen noch fester zu.

Von außerhalb war ein Tumult zu hören, ein Klang von hektisch stampfenden Stiefeln, wütende, erboste Schreie.

Die Kelle wurde über meinem Gesicht ausgeleert.

Ich hörte sie mit jemandem im Raum murmeln, dann sagte sie zu mir: „Nur die Kennung, Marcus. Das ist eine einfache Frage. Was sollte ich denn schon mit deinem Login anfangen können?“

Dieses Mal war es ein Eimer voll Wasser, alles auf einmal, eine Flut ohne Ende, wirklich gigantisch. Ich konnte es nicht mehr vermeiden: Ich keuchte und atmete das Wasser in meine Lungen, hustete und sog noch mehr Wasser ein. Ich wusste zwar, dass sie mich nicht töten würden, aber ich konnte meinen Körper nicht davon überzeugen. Mit jeder Faser meines Seins wusste ich, dass ich jetzt sterben würde. Ich konnte nicht einmal weinen – es wurde immer noch mehr Wasser über mich gegossen.

Dann hörte es auf. Ich hustete, hustete, hustete, aber in dem Winkel, in dem ich mich befand, lief das Wasser, das ich aushustete, in meine Nase zurück und brannte in den Nebenhöhlen.

Die Hustenanfälle gingen so tief, dass sie schmerzten, an den Rippen und an den Hüften, als ich mich ihnen entgegenstemmte. Ich hasste es, dass mein Körper mich verriet, dass mein Geist meinen Körper nicht kontrollieren konnte; aber ich konnte nichts dagegen tun.

Schließlich ließ das Husten so weit nach, dass ich wahrnehmen konnte, was um mich herum vorging. Leute brüllten, und es klang nach einer Schlägerei oder einem Ringkampf. Ich öffnete die Augen und blinzelte ins grelle Licht, dann reckte ich, immer noch hustend, den Hals.

Im Zimmer waren jetzt eine Menge mehr Leute als zu Beginn. Die meisten davon schienen Panzerwesten, Helme und Rauchglas-Visiere zu tragen. Sie brüllten auf die Treasure-Island-Wachen ein, und die brüllten mit angeschwollenen Halsadern zurück.

„Stehenbleiben!“, sagte einer von den Panzerwesten. „Stehenbleiben und Hände in die Luft. Sie sind verhaftet!“

Frau Strenger Haarschnitt war am Telefonieren. Einer der Gepanzerten bemerkte sie, stürzte auf sie zu und hieb ihr mit seinem Handschuh das Telefon aus der Hand. Jeder verstummte, als es in einem Bogen durch das ganze kleine Zimmer segelte und in einem Hagel von Einzelteilen auf dem Boden zerschellte.

Das Schweigen war nur von kurzer Dauer, dann kamen die Panzerwesten weiter ins Zimmer herein. Zwei schnappten sich je einen meiner Folterer. Fast brachte ich ein Lächeln zuwege, als ich den Gesichtsausdruck von Strenger Haarschnitt sah, als zwei Männer sie an den Schultern packten, umdrehten und ihr Plastikhandschellen um die Handgelenke legten.

Einer der Gepanzerten trat durch den Türrahmen herein. Er hatte eine Videokamera auf der Schulter, eine ziemlich anständige Ausrüstung mit gleißend hellem Scheinwerfer. Er nahm das ganze Zimmer auf und umkreiste mich zwei Mal, während er auf mich draufhielt. Ich ertappte mich dabei, absolut stillzuhalten, als ob ich jemandem Porträt sitzen würde.

Es war lächerlich.

„Meinen Sie, Sie könnten mich wohl mal von diesem Ding hier losmachen?“ Ich schaffte es, alles herauszubringen und dabei nur ein kleines bisschen zu würgen.

Zwei Panzerwesten kamen auf mich zu, eine davon eine Frau, und fingen an, mich loszubinden. Sie klappten ihre Visiere hoch und lächelten mich an. Sie hatten rote Kreuze auf ihren Schultern und Helmen.

Unter den roten Kreuzen war ein weiteres Logo: CHP. California Highway Patrol. Sie waren Nationalgardisten.

Ich wollte gerade fragen, was sie hier machten, da sah ich Barbara Stratford. Sie war offensichtlich im Flur zurückgehalten worden, aber jetzt drängte sie sich mit Macht herein. „Hier bist du ja“, sagte sie, kniete sich neben mir nieder und zog mich in die längste, kräftigste Umarmung meines Lebens.

Und da wusste ich es – Gitmo-an-der-Bay war in der Hand seiner Feinde. Ich war gerettet.

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Cory DoctorowLittle Brother
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