Verstorbene Unschuldsvermutung

Jean Charles de Menezes
Bild: Wikipedia

In der hysterisch aufgeheizten Stimmung in London nach den Bombenanschlägen vom 7. Juli 2005 war der Brasilianer Jean Charles de Menezes das erste Opfer. Ein unschuldiges Opfer von polizeilicher Fehleinschätzung, wer als Terrorverdächtiger einzuschätzen ist, und warum. In seinem Fall führte eine Reihe von Ereignissen zu seiner öffentlichen Hinrichtung in einer Londoner U-Bahn Station:

… wurde zu Fall gebracht und von vier Beamten am Boden festgehalten, worauf einer der Polizisten eine Waffe zog und die tödlichen Schüsse in den Hinterkopf abgab.

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Dieser folgenschwere Fehler war den beteiligten Behörden schnell klar, weniger jedoch das Unrechtsbewusstsein. So wurde die offizielle Darstellung des genauen Tathergangs mehrmals öffentlich korrigiert. Erst hatte er eine „verdächtige dicke Jacke“ an, dann wieder nicht. Auch intern wurde heftig versucht, die Verantwortung weiter zu schieben, so

… soll zudem den eingesetzten Beamten über Funk fälschlicherweise von der Polizeiführung mitgeteilt worden sein, bei Menezes handele es sich um einen gesuchten muslimischen Terrorverdächtigen.

Diese Meldung soll später aus den Protokollen entfernt worden sein um die Verantwortung auf die lokalen Einsatzkräfte abschieben zu können.

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Die Süddeutsche Zeitung berichtet heute, zwei Jahre nach diesem schrecklichen Irrtum, von ersten Erfolgen bei den Ermittlungen:

Der stellvertretende Polizeichef Andy Hayman habe binnen weniger Stunden gewusst, dass der 27-Jährige fälschlicherweise für einen Attentäter gehalten wurde.

Er habe diese Information aber bewusst vor seinen Vorgesetzten zurückgehalten und die Öffentlichkeit getäuscht, heißt es in dem Bericht der Unabhängigen Kommission für Beschwerden gegen die Polizei.

Süddeutsche Zeitung,
02.08.2007

Selbst wenn dieser Mann ein „muslimischer Terrorverdächtiger“ gewesen wäre, muss man jemand der schon gefesselt am Boden liegt noch sieben Kugeln in den Hinterkopf verpassen? Welch pervertierte Vorstellung von völlig entfesselten Sicherheitsdenken kann so etwas rechtfertigen?

Seit 2002 sind Sicherheitskräfte in Großbritannien angewiesen, möglichen Selbstmordattentätern direkt in den Kopf zu schießen, statt erst auf den Körper zu zielen.

So soll verhindert werden, dass die Schüsse eine Bombe auslösen oder der Attentäter noch Zeit findet, einen möglichen Sprengsatz zu zünden.

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Wieso nur bekomme ich zusehends Angst, wenn ich solche Fälle mit Benno Ohnesorg (Berlin 1967) und Carlo Giuliani (Genua 2001) mit Äusserungen und Bestrebungen unseres Innenministers Wolfgang Schäuble vergleiche?
Aber vielleicht sollte man das einfach auch nicht tun…

Benno-Ohnesorg

Den Beamten wurde vorsorglich mitgeteilt, dass die verhassten Studenten einen Polizisten erstochen hätten, und natürlich wollten sie den Kollegen rächen. Es war nur nicht wahr. Den ganzen Abend wurde der angebliche Tote über Lautsprecher durchgesagt.

Katja Ebstein über den 2. Juni 1967,
Süddeutsche Zeitung vom 30. Mai 2007

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Carlo-Giuliani

Ein Polizist sei bei der nächtlichen Razzia mit einem Messer angegriffen worden. Als Beweisstücke wurden die kugelsichere Weste und die Uniform des Beamten präsentiert, die Stichspuren aufwiesen.

Der Standard,
21. Juli 2006

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2 Kommentare »

  1. christoph said

    hallo, ich bin auf der suche nach dem bild von carlo giuliani. ist bekannt, wer es gemacht hat? wurde es irgendwo veröffentlicht?

  2. siamo-tutti-antifascisti said

    das untere bild zeigt nicht carlo giuliani !!

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