Ein asiatisches Milchmärchen

Milchluege

Die letzten Tage erregte vor allem ein Thema die öffentliche Aufmerksamkeit: Preissteigerungen bei Milchprodukten. Als Grund dafür wird immer auch die gestiegene Nachfrage für Milchprodukte aus Indien und China angegeben:

„Die Nachfrage aufstrebender Länder wie China und Indien sowie der Boom bei Biokraftstoffen treiben die Preise vieler Rohstoffe nach oben. Das bekommen jetzt auch die deutschen Verbraucher zu spüren“, sagte der RWI-Konjunkturexperte Torsten Schmidt.

Financial Times Deutschland,
29.07.2007

Diese Äusserungen nehmen meist Bezug auf eine Pressemeldung des Milchindustrieverbandes MIV vom 25. Juli 2007:

Dafür verantwortlich sind nicht nur schlechte Ernten. Mindestens im gleiche Maße ist nach Einschätzung der ZMP die wachsende Nachfrage aus Asien für die Engpässe verantwortlich. Der wachsende Wohlstand in den Schwellenländern wie China und Indien führe dort auch zu höherem Nahrungsmittelkonsum.

Milchindustrie Verband e.V.
25.07.2007

Ein Blogger berichtete nun gestern von einer erstaunlichen Pressemeldung der chinesischen Presseagentur China Daily:

China ist drittgrößter Milchproduzent weltweit

Chinas Milchproduktion erreichte im Jahr 2006 einen Umfang von 30 Millionen Tonnen, und setzte das Land damit an dritte Stelle weltweit, übertroffen nur von Indien und Amerika. Alleine der riesige landeseigene Verbrauch verzehnfachte sich die letzten 10 Jahre.

China Daily,
31.07.2007

Ich bin nun alles andere als ein Milchwirtschaftsspezialist, aber die Begründung für höhere Preise bei Milchprodukten damit rechtfertigen zu wollen, daß der drittgrößte Milchproduzent der Welt einen erhöhten Bedarf hat, das erschließt sich mir nun kaum noch. Schade daß ich dazu in der Presse bisher keine weiteren Details finden konnte, würde mich wirklich interessieren…

Die Frankfurter Rundschau widmet dem Thema heute einige sehr interessante Beiträge. In einem Interview vermutet der Leiter der Verbraucherschutzzentrale Gerd Biller sogar Preisabsprachen:

Die Milchindustrie und die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle, die ZMP, haben vier Tage vor der Preiserhöhung die künftigen Endpreise bis auf den Cent genau angekündigt. Danach hat sich der Handel offenbar gerichtet. Das halte ich für einen Offenbarungseid und den Beweis, dass sich die Milchpreise nach anderen Gesetzen richten als nur nach Angebot und Nachfrage.

Frankfurter Rundschau,
01.08.2007

In einem weiteren Beitrag wird Gerd Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, mit seiner Forderung nach höheren Preisen auch für Fleisch so zitiert:

Tatsächlich sind die Schlachtpreise trotz leicht steigender Tendenz im Keller: Schweinemäster, rechnet die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle der Agrarwirtschaft ZMP vor, hätten dieses Jahr noch keinen Gewinn gemacht.

Nach Abzug der Kosten für Futter und Ferkel hätten sie je Tier nur sieben Euro, im März sogar nur 2,75 Euro erhalten. Davon müssten noch die Kosten für Arbeit und Energie beglichen werden. Im Vergleich: Vor einem Jahr erzielten sie das Zehnfache, nämlich 27 Euro je Tier.

Frankfurter Rundschau,
01.08.2007

Keine 3 Euro für ein ganzes Schwein? Da frägt man sich wirklich, wie für dieses Geld ein Tier aufgezogen, geschlachtet, verarbeitet und transportiert werden kann…

via: [yigg|China Guide]

Weitere Links zum Thema:

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Nachtrag o5.o8.2oo7:

Keine fünf Tage später scheint sich die Vermutung von Preisabsprachen zusehends zu verdichten. Die Financial Times Deutschland schreibt heute:

Experten vermuten Preisabsprache bei Lebensmitteln

DIW-Konjunkturchef Alfred Steinherr sagte dem „Tagesspiegel am Sonntag“, die Gründe für den Anstieg bei Milchprodukten lägen nicht in einer plötzlich gestiegenen Nachfrage in Asien. Diese habe seit Jahren zugenommen, ohne dass es in Europa zu einem Anstieg der Preise gekommen sei. Darum dränge sich der Verdacht auf, „dass sich einige große Anbieter zusammengetan haben, um die Preise abzusprechen“.

Financial Times Deutschland,
05.08.2007
Tagesspiegel am Sonntag,
05.08.2007

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Politik

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4 Kommentare »

  1. Anika said

    Und BILD titelte mal wieder total seriös „Warum trinken uns die Chinesen die Milch weg?“…und ich habe ein paar Stirnfalten mehr…

  2. Fipo said

    China Milch wird zur Zeit dreckbillig in Lateinamerika verkauft.
    Aktuelles Bild einer gekauften China Milch Packung auf der Dom. Rep.

    Sie ist billiger als die europäische Milch.

    Wie ist sowas möglich?
    Die haben doch angebliche Milchknappheit in China?

    Wir werden ganz klar über den Tisch gezogen.
    Man muss doch etwas gegen das Milchkartell unternehmen können.

  3. joker said

    Betr.: Nachtrag
    Das Kartellamt hat offenbar Büros der ZMP und des Milchindustrieverbandes durchsucht:
    Reuters-Nachrichtenlink

  4. japhy said

    Danone, Fonterra, Parmalat oder der Nestlé-Konzern haben bestimmt nichts gegen den Milchboom…. :( Die Großindustrie versorgt den unwissenden Menschen mit der „Nahrung“, die den größten Profit verspricht und nicht mit dem, was gut für den Menschen ist. Und auf wessen Kosten geht das ganze wieder: Die armen Tiere….., fortschreitende Umweltzerstörung (alleine was die Kühe jeden Tag fressen!) und die Gesundheit der Menschen (Osteoporose)

    Ich hätte da eine ganz einfache Lösung:

    Keine Milch mehr trinken! GO VEGAN :)

    Milchinfos unter: http://www.milchlos.de

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