Borat verklagt

Borat-Paris
Borat - ein Mann zeigt uns die Welt

Presseerklärung der EZAF vom 17. Oktober 2oo6:

Das Europäisches Zentrum für Antiziganismusforschung hat am 16. Oktober gegen Sacha Baron Cohen auch bekannt unter den Künstlernamen „Ali G“ oder „Borat“, Twentieth Century Fox Home Entertainment Germany GmbH sowie gegen den Webspaceprovider, Schlund + Partner AG beim Hamburger Leitenden Oberstaatsanwalt eine Strafanzeige gestellt.

Den oben genannten werden volkverhetzende Aussagen, Beleidigung, Aufruf zur Gewalt gegen Roma und Sinti, hier in absichtlich beleidigender weise als „Zigeuner“ genannt und Verstoß gegen das Gleichbehandlungsgesetz vorgeworfen.

Was ist passiert?

Die Roma und Sinti sind wahrlich nicht die einzige Volksgruppe, die Cohen in seinen Realsketchen zur polarisierenden Provokation benutzt. Bereits Mitte September vermeldete offenbar ein Sprecher des kasachischen Außenministeriums:

„Wir finden das Benehmen von Mr. Cohen vollkommen inakzeptabel. Wir behalten uns vor, rechtliche Schritte einzuleiten.“

Quelle, 13.o9.2oo6

Um dann ein Monat später zu der Einsicht zu gelangen:

„Wir müssen das Ganze mit Humor nehmen und die künstlerische Freiheit akzeptieren. Es ist sinnlos, einen Schauspieler zu verklagen. Das ruiniert das Image unseres Landes und macht Borat nur noch populärer.“

Quelle, 2o.1o.2oo6

Doch zurück zur EZAF, dem Europäischen Zentrum für Antiziganismusforschung. In der Erklärung vom 17. Oktober 2006 ist auch die Rede von einer einstweiligen Verfügung gegen den Film, die erwirkt werden soll. Dies käme einem Aufführungsverbot in deutschen Kinos gleich:

Borat-EZ<p>AF

Da dies wohl kaum durchsetzbar gewesen wäre – und nach einer speziellen Vorführung des Films für Vertreter dieser Volksgruppe in Hamburg – einigte man sich mit dem Filmverleih darauf, wenigstens die Werbekampagne zu entschärfen. So enthält sowohl der deutsche Filmtrailer als auch die deutsche Webseite keine entsprechenden Passagen mehr.

Roma und Sinti Verbände stoppen „Zigeuner“ Kampagne zu Borat.

Ich halte das für einen vernünftigen Kompromiss, denn die im Trailer gezeigten Szenen sind schlichtweg aus dem Kontext des ganzen Films gerissen, und vermitteln dadurch leicht ein falsches Bild beim Betrachter. Noch vor dem offiziellen Filmstart kristallisiert sich also heraus, was kino.de so treffend in einem Satz zusammenfasst:

Feuilleton hui, Publikum pfui?

In dem Artikel wird berichtet, dass der Film Borat in Amerika nun mit einer deutlich geringeren Kopienzahl starten soll. Viele Amerikaner hätten sich angeblich bei den Testvorführungen weniger unterhalten als beleidigt gefühlt.

Das alles zeigt, daß sarkastischer Humor, der mittels massiver Grenzüberschreitungen uns politisch-korrekt völlig demaskiert, doch eine ordentliche Portion Abstraktionsfähigkeit benötigt. Aus diesem Grund möchte ich noch einmal konsequent auf den sehr aufklärenden Artikel von Tobias Kniebe in der SZ verweisen.

via [filmtagebuch]

mehr zu Borat bei Rollmops:

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7 Kommentare »

  1. zores said

    die amis haben sich weniger unterhalten als beleidigt gefühlt? ich glaube nicht, dass die beleidigung grösser sein kann, als die, die der präsident der amis tagtäglich der restlichen welt zukommen lässt. zugegeben, bushs unterhaltungswert ist monströser und ungleich gefährlicher als der des scheissfilmchens.

  2. Skywalker said

    Fällt denen irgendwie auch sehr früh ein. Was ich nich genau verstanden habe: Haben sich Roma & Sinti (bzw der Rest der political-correct-Masse) über den Film, oder die über des Kontext entrissenen Trailer aufgeregt?
    Denn im Grunde genommen kann der Kompromiss noch so gnädig sein, Borat ist ein Film/künstlerischer Ausdruck, der provozieren soll. Ich kenne viele Filme (ganz zu schweigen von Reality Shows) wo Leute hingebungsvoll alle möglichen Menschenrechte mit Füßen treten- und die werden auch hingenommen…

    Wer die Ironie nicht versteht, sollte nicht ins Kino. Von mir aus sollen die die Altersfreigabe höherschrauben, aber so eine Zensur ist unangebracht und würde evtl. andere Rechte wie die der Meinungsfreiheit/Pressefreiheit (sollte man Borat als Dokumentarfilm nehmen ;) verletzen.

  3. […] Wer zur Hölle braucht eigentlich Politik? Ich jedenfalls nicht. Und Borat auch nicht, nur um’s hier kurz mal anzusprechen. Wenn ich für das liberale Gedankengut der Abschaffung einer Staatsgewalt bin, dann nur, damit ich mir den Wirtschafts & Politik Scheiss in der Schule sparen kann. Konjunktur, Gewinnerewartung, Kalkulationszinssatz, Investitionsgüternachfrage- hallo? Ey ich schaff’s nich mal 5 Euro die Woche zur Seite zu legen um in eine neue Seele zu investieren, die ich mir laut Berechnung in ca. 2 Jahren leisten könnte…. (endlich meinen eigenen Brockhaus, vollständig! Och, seufz…) […]

  4. rollmops said

    Skywalker, sie haben sich wohl wegen des Trailers über den Film aufgeregt, so hab ich das zumindest verstanden. Deshalb kam es dann ja auch am 25. Oktober zu der speziellen Vorführung, welche letztendlich dann zu dem Kompromiss geführt hatte (keine einstweilige Verfügung gegen veränderte Werbekampagne = meine Interpretation).

    Aber es ist schon ein großer Unterschied, ob sich eine einzelne Person bewusst der Lächerlichkeit preisgibt, oder ob eine ganze Bevölkerungsgruppe diffamiert wird. Vor allem missverständlich, was sich offenbar durch den fehlenden Kontext im Trailer so ergeben hat.

    Als nicht Betroffener mag einem da manchmal etwas die Sensibilität dafür fehlen – meine erste Reaktion war deiner gar nicht unnähnlich. Zwei Beispiele der Weltgeschichte zeigen aber recht deutlich, daß es gerade für einen offenen Rechtsstaat sehr bedeutend ist, daß jede darin lebende Volksgruppe um Schutz suchen kann.

    – jahrhundertelange Erniedrigungen der Juden in vielen Ländern haben sich schliesslich im Naziregime zum denkbar abartigsten Umgang mit dieser Bevölkerungsgruppe gesteigert.

    – selbst nach offizieller Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten mussten Schwarze noch jahrzehntelang für die Durchsetung ihnen per Verfassung zustehender Basisrechte kämpfen.

    Ich denke daß man da sicher noch eine Menge mehr Beispiele aus der ganzen Welt zusammentragen kann. Sicher ist aber, daß sich Diskriminierung eben auch über verbale Äußerungen Bahn schlägt, die sehr mühsam wieder aus dem allgemeinen Sprachgebrauch zu tilgen sind. Insofern finde ich die Reaktion des Vereins angemessen und konsequent.

  5. Skywalker said

    Im Sinne der Menschenrechte ist mir absolut bewusst, worum es dem Vereins an dieser Stelle ging, aber ich bin selbst von Vorurteilen betroffen (ich sag mal als Person mit arabischer Herkunft) und weiß genau, wie schwer es ist sich durchzusetzen- den Kompromiss der Werbung find ich in Ordnung, wer will sich darüber beschweren dass bestimmte Dinge jetzt nicht mehr missverstanden werden. Dennoch find ich dass die Kontroverse um Borat übertrieben ist und gerade hier eigentlich eher mit politischer Vernunft betrachtet werden sollte, anstatt gleich wieder in Verteidigungspose zu gehen.

    Im Grunde genommen wollte Mr. Cohen aber wahrscheinlich genau das erzwecken- so lange man darüber nachdenkt, was der Film bewirken soll und was nicht. Ihn als negativ anzusehen fände ich lächerlich, und die einzigen, die sich dieses Recht vorbehalten sollten sind Kasachen- DIE könnten den Film auf jeden Fall falsch verstehen! (Aber auch hier: Die Ironie lässt grüßen, und wer dem nicht gewachsen ist, soll es einfach ignorieren).

  6. […] zur Hölle braucht eigentlich Politik? Ich jedenfalls nicht. Und Borat auch nicht, nur um’s hier kurz mal anzusprechen. Wenn ich für das liberale Gedankengut der Abschaffung einer Staatsgewalt bin, dann nur, damit […]

  7. […] [via] Categories unterwegs […]

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