Hitlers Nuntius & der Papst

Hitlers Nuntius & der Papst

Es war nur ein kleiner Artikel im Lokalteil der heutigen Ausgabe der Sueddeutschen Zeitung, welcher mich auf diese sehr kreative Art des Papstprotestes aufmerksam machte. Demnach ist der Aktionskünstler Wolfram P. Kastner gestern vormittag als päpstlicher Nuntius zusammen mit dem Lektor Georg Ledig, verkleidet als Adolf Hitler, durch die Münchner Innenstadt gezogen. Die beiden wollten mit dieser Aktion auf das Konkordat (Staatskirchenvertrag) von 1933 hinweisen, welches die Nazis damals mit dem Vatikan abgeschlossen hatten.

Auf der Webseite des im Artikel angesprochenen Vereines Bund für Geistesfreiheit findet sich unter anderem dieser Auszug des konfiszierten Flugblattes:

Weg mit dem Konkordat!

Im Juli 1933 wurde ein Abkommen zwischen dem Nazi-Staat und dem Vatikan unterzeichnet, das bis heute in Deutschland gilt.

Dieses Konkordat ist die Grundlage für die immer noch nicht vollzogene Trennung von Kirche und Staat, die in demokratischen Gesellschaften heute selbstverständlich ist.

In vielen gesellschaftlichen Bereichen haben die christlichen Kirchen einen Einfluss, der den Grundsätzen der Gleichberechtigung in einer offenen demokratischen Gesellschaft widerspricht und verfassungswidrig ist.

Wir fordern die längst überfällige Trennung von Kirche und Staat!“

Dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Außer daß die Junge Welt auch noch darüber berichtet.

Religionsfreie Zone

Update 9. September 2oo6: Auch Fritz Letsch berichtet über die Aktion:

A bisserl Polizeistaat schad’t doch nix

festnahme


Gerade vorhin ist mir noch das Titelbild des aktuellen Stern-Magazins aufgefallen:

Stern Ante portas

Papa ante portas schreiben sie da. Ich hatte nie Latein zu lernen, aber wofür gibt’s denn die Wikipedia, die dazu schreibt:

„Heute wird das Sprichwort genutzt, um vor einer unmittelbar bevorstehenden Gefahr, zum Beispiel einer Person oder Sache, von der eine Bedrohung auszugehen scheint, zu warnen.“

Ich frage mich, war das Absicht? So eine kritische Haltung hätte ich dem Hamburger Magazin gar nicht zugetraut; oder vertrauen sie vielleicht auf eine latente Lateinschwäche der Deutschen? ;)


Update: Da ich diese Aktion oben für hervorragend halte, habe ich sie für die internationale Leserschaft in’s Englische übertragen:

English version of this article:

Hitlers Nuncio and the Pope

Hitlers Nuntius & der Papst

Less people outside Germany know about the tense connection between the Catholic Church and the Government. This affects many aspects of the daily life of the citizens and goes back to 1933, when Nazi-Germany signed a contract with the Vatican, called the Reichskonkordat. Most parts of this contract are still in progress here in Germany.

As some people may have noticed, the Pope is visiting Germany these days, and his first spot is the former Reichshauptstadt Munich, down in the south of the Republic, an area well known as deep catholic.

To make people aware of the still not executed seperation of government and church in Germany, the artist Wolfram P. Kastner had a great performance a few days ago in the midtown of Munich: together with a friend they strolled through the city, dressed as a Nuncio and Hitler. Policemen arrested them and confiscated their flyers.

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Politik

4 Kommentare »

  1. Woiferl said

    Eher Lateinschwäche des STERN als die der Bevölkerung.
    Klingt so, als wenn die auch mal was Gebildetes schreiben wollen. Und Latein macht sich da beim Papst auch ganz gut.

  2. rollmops said

    Ja, aber vielleicht ist es auch selbstreferenzierend zu verstehen: der Stern fürchtet sich vorm Papst. :)

  3. […] Es war nur ein kleiner Artikel im Lokalteil der heutigen Ausgabe der Sueddeutschen Zeitung, welcher mich auf diese sehr kreative Art des Papstprotestes aufmerksam machte. Demnach ist der Aktionskünstler Wolfram P. Kastner gestern vormittag als päpstlicher Nuntius zusammen mit dem Lektor Georg Ledig, verkleidet als Adolf Hitler, durch die Münchner Innenstadt gezogen. Die beiden wollten mit dieser Aktion auf das Konkordat (Staatskirchenvertrag) von 1933 hinweisen, welches die Nazis damals mit dem Vatikan abgeschlossen hatten. Mehr dazu bei Rollmops. […]

  4. Cyberdroid said

    Ich denke, der Stern wollte einfach lustich sein mit einer Anspielung auf den Loriot-Film. Der Titel „Papa ante portas“ ist ja schon eine Satire auf auf das Sprichwort „Hannibal ante portas“, wodurch der Stern-Titel zu einer Satire der Satire wird. Quasi Satire ins Quadrat. Man kann sich drüber streiten, ob das lustig ist, aber passen tut es auf jeden Fall.

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