Little Brother – Kapitel 15

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Cory DoctorowLittle Brother
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Dieses Kapitel ist Chapters/Indigo gewidmet, der nationalen kanadischen Mega-Kette. Ich arbeitete zu der Zeit bei Bakka, der unabhängigen Science-Fiction-Buchhandlung, als Chapters seine erste Filiale in Toronto eröffnete; und es war mir schnell klar, dass da was Großes am Werden war, weil zwei unserer klügsten und bestinformierten Kunden bei uns reinschneiten, um mir zu berichten, dass sie für die Leitung der dortigen Science-Fiction-Abteilung angestellt worden seien. Von Beginn an legte Chapters die Messlatte für eine große Buchhandels-Filiale hoch – mit erweiterten Öffnungszeiten, einem freundlichen Café mit vielen Sitzplätzen, Selbstbedienungs-Terminals und einem erstaunlich vielfältigen Sortiment.

Chapters/Indigo:

http://www.chapters.indigo.ca/books/Little-Brother-Cory-Doctorow/9780765319852-item.html

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Ich bloggte über die Pressekonferenz, noch bevor ich die Einladungen an die Presse rausschickte. Es war klar, dass all diese Schreiberlinge mich zu einem Führer oder General oder obersten Guerilla-Kommandeur hochstilisieren wollten, und der beste Weg, dem zu begegnen, schien mir der, sicherzustellen, dass noch eine Menge anderer Xnetter sich dort herumtrieben und Fragen beantworteten.

Dann mailte ich den Presseleuten. Die Reaktionen rangierten von verwirrt bis enthusiastisch – nur die Reporterin von Fox war “empört”, dass ich es wagte, ihr dieses Spielchen aufzunötigen, um in ihrer TV-Show zu erscheinen. Die anderen schienen das für den Beginn einer ziemlich coolen Story zu halten, allerdings brauchten etliche von ihnen eine ganze Menge Support, um sich bei dem Spiel anzumelden.

Ich entschied mich für acht Uhr abends, nach dem Essen. Mom hatte schon länger nachgebohrt, wo ich mich in letzter Zeit abends rumtrieb, bis ich schließlich mit Ange rausgerückt war; seither sah sie mich ständig mit diesem verträumten Blick an, als ob sie sagen wolle, “oh, mein Kleiner wird langsam groß”. Sie wollte Ange treffen, und das benutzte ich als Hebel, indem ich versprach, sie am nächsten Abend einmal mitzubringen, wenn ich mit Ange heute “ins Kino gehen” dürfe.

Anges Mom und ihre Schwester waren schon wieder unterwegs – sie waren beide keine Stubenfliegen -, so dass ich mit Ange und unseren beiden Xboxen in ihrem Zimmer allein war. Ich stöpselte einen der Monitore neben ihrem Bett aus und hängte meine Xbox dran, damit wir uns beide zugleich einloggen konnten.

Beide Xboxen waren jetzt in Clockwork Plunder eingeloggt und ansonsten untätig. Ich lief nervös auf und ab.

“Sieht aus, als obs gut für uns läuft”, sagte sie, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden. “Auf dem Markt von Patcheye Pete hats jetzt 600 Spieler!” Patcheye Pete hatten wir uns ausgeguckt, weil es vom Dorfplatz aus, wo neue Spieler “ausschlüpften”, der nächstgelegene Markt war. Sofern die Reporter nicht schon Clockwork Plunder spielten (haha), würden sie dort automatisch auftauchen. Deshalb hatte ich in meinem Blogeintrag darum gebeten, dass sich ein paar Leute an der Strecke zwischen Patcheye Pete und dem Ankunftstor aufhalten mögen, um jeden, der wie ein orientierungsloser Reporter aussah, zu Pete weiterzulotsen.

“Was zum Teufel soll ich denen denn erzählen?”

“Du beantwortest einfach nur ihre Fragen. Und wenn dir eine Frage nicht passt, ignorier sie. Wird sich schon jemand finden, der sie beantwortet. Alles wird gut.”

“Das ist Wahnsinn.”

“Das ist perfekt, Marcus. Wenn du das DHS wirklich drankriegen willst, dann musst du sie piesacken. Wenn du es auf ein direktes Duell ankommen lässt, hast du keine Chance. Deine einzige Waffe ist deine Fähigkeit, sie als Idioten dastehen zu lassen.”

Ich ließ mich aufs Bett fallen, und sie zog meinen Kopf in ihren Schoß und strich mir übers Haar. Vor den Anschlägen hatte ich mit diversen Schnitten experimentiert und meine Haare in den lustigsten Farben getönt, aber seit ich aus dem Knast raus war, war mir das alles unwichtig geworden. Mein Haar war lang und zottelig geworden, und dann war ich ins Bad gegangen, hatte mir die Schere geschnappt und alles rundum auf gut einen Zentimeter Länge getrimmt; das war völlig pflegeleicht, und außerdem war es hilfreich, beim Jammen und RFID-Klonen unauffällig auszusehen.

Ich öffnete die Augen und blickte in ihre großen, braunen Augen hinter der Brille. Sie waren rund, feucht und sehr ausdrucksstark. Sie konnte sie hervorpoppen lassen, um mich zum Lachen zu bringen, sie konnte sie weich und traurig wirken lassen, aber auch träge und schläfrig auf eine Weise, die mich vor Geilheit fast zerfließen ließ.

Und genau das tat sie gerade jetzt.

Ich setzte mich langsam auf und umarmte sie. Sie erwiderte die Umarmung. Wir küssten uns. Sie küsste unglaublich. Ich weiß, ich sagte es schon, aber das kann man nicht oft genug wiederholen. Wir küssten uns ziemlich oft, aber irgendwie hörten wir immer auf, bevor es zu heftig zur Sache ging.

Jetzt wollte ich einen Schritt weiter gehen. Ich fand den Saum ihres T-Shirts und zog. Sie hob ihre Hände übern Kopf und rutschte ein kleines Stück zurück. Ich hatte gewusst, dass sie das tun würde; ich hatte es seit der Nacht im Park gewusst. Vielleicht waren wir deshalb nie weiter gegangen. Ich wusste, ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass sie rechtzeitig die Notbremse zog, und das machte mir ein wenig Angst.

Aber dieses Mal hatte ich keine Angst. Die bevorstehende Pressekonferenz, die Querelen mit meinen Eltern, die internationale Aufmerksamkeit, dieses Gefühl, dass es da eine Bewegung gab, die sich über die Stadt ausbreitete wie eine wildgewordene Flipperkugel – das alles prickelte auf meiner Haut und ließ mein Herz singen.

Und sie war wunderschön, klug und lustig, und ich verliebte mich mehr und mehr in sie.

Ihr Shirt rutschte heraus, mit einer Biegung ihres Rückens half sie mir, es über ihre Schultern zu ziehen. Dann griff sie hinter sich, hantierte etwas, und ihr BH fiel aufs Bett. Ich konnte sie nur sprachlos, bewegungslos anstarren, und dann griff sie nach meinem Shirt, zerrte es mir über den Kopf und zog mich an sich heran, Brust an nackte Brust.

Wir wälzten uns übers Bett, berührten einander, vernestelten unsere Körper ineinander und stöhnten. Sie bedeckte meine Brust mit Küssen, und ich ihre ebenso. Ich konnte nicht atmen, nicht denken; ich konnte mich nur bewegen und küssen und lecken und berühren.

Dann trauten wir uns noch einen Schritt weiter. Ich knöpfte ihre Jeans auf, sie öffnete meine. Ich zog ihren Reißverschluss auf, sie meinen, dann zog sie mir die Jeans aus und ich ihre. Einen Augenblick später waren wir beide nackt, mit Ausnahme meiner Socken, die ich mit den Zehen abstreifte.

Und genau in diesem Moment erhaschte ich einen Blick auf ihren Wecker, der schon vor langer Zeit auf den Boden gerollt war und uns von dort unten entgegenleuchtete.

“Verdammt!”, schrie ich. “Es geht in zwei Minuten los!” Ich konnte es selbst nicht fassen, dass ich im Begriff war, damit aufzuhören, wo ich doch gerade erst damit aufgehört hatte, vorher aufzuhören. Ich mein, hätte man mich gefragt, “Marcus, du wirst gleich zum allerersten Mal in deinem Leben mit einem Mädchen ins Bett gehen; würde es dich stören, wenn ich im gleichen Raum diese Atombombe zündete?”, dann wäre meine Antwort ein beherztes, eindeutiges “NEIN” gewesen.

Und doch: Dafür hörten wir auf.

Sie zog mich zu sich heran, mein Gesicht eng an das ihre, und küsste mich, bis ich dachte, gleich ohnmächtig werden zu müssen; dann schnappten wir uns unsere Klamotten, hockten uns mehr oder weniger angezogen hinter unsere Tastaturen und Mäuse und machten uns auf den Weg zu Patcheye Pete.

Die Presseleute konnte man leicht erkennen. Das waren die Anfänger, die ihre Charaktere wie stolpernde Besoffskis spielten, hin- und her-, rauf- und runterwankend versuchten, sich irgendwie zurechtzufinden, und gelegentlich die falsche Taste drückten, was dann dazu führte, dass sie Fremden ihre Ausrüstung ganz oder teilweise zum Tausch anboten oder sie versehentlich umarmten oder traten.

Auch die Xnetter waren leicht zu erkennen. Wir spielten alle Clockwork Plunder, sooft wir etwas Freizeit hatten (oder keine Lust auf Hausaufgaben), und wir hatten ziemlich ausgefuchste Charaktere mit coolen Waffen und Sprengsätzen an den Schlüsseln hinten am Rücken, die jedem eine Ladung verpassen würden, der versuchte, uns die Schlüssel zu mopsen und uns leerlaufen zu lassen.

Als ich auftauchte, erschien eine Systemstatusmeldung M1K3Y HAT PATCHEYE PETE’S BETRETEN – WILLKOMMEN, SWABBIE, HIER GIBT ES GUTE WARE FÜR FETTE BEUTE. Alle Spieler auf dem Monitor erstarrten, dann scharten sie sich um mich. Der Chat explodierte. Ich dachte kurz daran, auf Sprachsteuerung umzuschalten und mir ein Headset zu nehmen, aber angesichts dessen, wie viele Leute hier gleichzeitig zu reden versuchten, wurde mir klar, wie verwirrend das sein würde. Texte waren viel leichter zu erfassen, und dann konnten sie mich auch nicht falsch zitieren (hehe).

Ich hatte die Örtlichkeiten vorher mit Ange ausgekundschaftet – es war super, mit ihr zusammen im Spiel loszuziehen, weil wir unsere Figuren gegenseitig aufziehen konnten. Es gab da einen erhöhten Punkt auf einem Stapel von Packungen mit Salzrationen; wenn ich mich dort raufstellte, konnte ich aus jedem Winkel des Marktes gesehen werden.

> Guten Abend und herzlichen Dank Ihnen allen fürs Erscheinen. Mein Name ist M1k3y, und ich bin nicht der Anführer von was-auch-immer. Überall um Sie herum sind andere Xnetter, die ebenso viel wie ich darüber zu sagen haben, warum wir hier sind. Ich benutze das Xnet, weil ich an die Freiheit glaube und an die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich benutze das Xnet, weil das DHS meine Stadt in einen Polizeistaat verwandelt hat, in dem wir alle terrorismusverdächtig sind. Ich benutze das Xnet, weil ich denke, dass man die Freiheit nicht verteidigen kann, indem man die Bill of Rights zerreißt. Was ich über die Verfassung weiß, habe ich an einer Schule in Kalifornien gelernt, und ich bin aufgewachsen in einem Land, das ich um seiner Freiheit willen liebe.

Wenn ich eine Philosophie habe, dann diese:

>  daß, um diese Rechte zu sichern, Regierungen eingesetzt sein müssen, deren volle Gewalten von der Zustimmung der Regierten herkommen; daß zu jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform zerstörend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu ändern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzusetzen, und diese auf solche Grundsätze zu gründen, und deren Gewalten in solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit und seinem Glücke am zweckmäßigsten erscheint.

>  Ich habe das nicht geschrieben, aber ich glaube daran. Das DHS regiert nicht mit meiner Zustimmung.

> Vielen Dank.

Ich hatte das am Tag zuvor geschrieben und immer wieder Entwürfe mit Ange ausgetauscht. Den Text einzufügen dauerte bloß eine Sekunde, aber jeder im Spiel brauchte einen Moment, um ihn zu lesen. Eine Menge Xnetter jubelten, wilde exaltierte Piraten-Hurras mit emporgereckten Säbeln und Papageien, die ihnen krächzend um die Köpfe flatterten.

Nach und nach verdauten auch die Journalisten das Gelesene. Der Chat raste nur so an uns vorbei, so schnell, dass es kaum zu lesen war; etliche Xnetter schrieben Sachen wie “Auf gehts”, “Amerika: Wenn du es nicht liebst, dann verschwinde”, “Weg mit dem DHS” und “Amerika raus aus San Francisco”, alles Slogans, die in der Xnet-Blogosphäre angesagt waren.

>  M1 k3y, ich bin Priya Rajneesh von der BBC. Sie sagen, sie sind nicht der Führer einer Bewegung, aber würden Sie sagen, dass es eine Bewegung gibt? Nennt sie sich Xnet?

Jede Menge Antworten. Manche Leute sagten nein, es gebe keine Bewegung, andere sagten ja, es gebe eine, und viele Leute kamen mit Vorschlägen dafür, wie sie sich nannte: Xnetter, Kleine Brüder, Kleine Schwestern, und mein persönlicher Favorit, Vereinigte Staaten von Amerika.

Sie liefen zu großer Form auf. Ich kümmerte mich erst mal nicht weiter, sondern überlegte mir eine eigene Antwort. Dann tippte ich

>  Ich schätze, das beantwortet Ihre Frage, nicht wahr? Möglicherweise gibt eine oder auch mehrere Bewegungen, und möglicherweise heißen sie Xnet oder auch nicht.

>  M1 k3y, ich bin Doug Christensen von der Washington Internet Daily. Was sollte das DHS Ihrer Meinung nach tun, um einen weiteren Anschlag auf San Francisco zu verhindern, wenn das, was sie jetzt tun, nicht erfolgreich ist?

Weiteres Geschnatter. Viele Leute sagten, die Terroristen und die Regierung seien dasselbe – entweder wörtlich oder in dem Sinne, dass sie gleichermaßen böse seien. Andere behaupteten, die Regierung wisse, wie man Terroristen fange, bevorzuge aber, es nicht zu tun, weil “Kriegspräsidenten” wiedergewählt würden.

>  Ich weiß es nicht

tippte ich schließlich.

>  Ich weiß es wirklich nicht. Und ich stelle mir diese Frage wirklich oft, denn ich möchte nicht hochgejagt werden, und ich möchte auch nicht, dass meine Stadt hochgejagt wird. Aber was ich weiß, ist dies: Wenn es der Job des DHS ist, unsere Sicherheit zu gewährleisten, dann versagt es kläglich. All der Budenzauber, den sie hier veranstaltet haben – nichts davon würde einen Terroristen davon abhalten, die Brücke ein zweites Mal zu sprengen. Unsere Spuren durch die ganze Stadt verfolgen? Unsere Freiheit beschneiden? Uns dazu bringen, uns gegenseitig zu verdächtigen, und uns gegeneinander ausspielen? Andersdenkende als Verräter beschimpfen? Das Ziel von Terrorismus ist es, uns in Angst zu versetzen. Das DHS versetzt mich in Angst.

>  Ich habe keinen Einfluss darauf, was die Terroristen mir antun, aber wenn dies ein freies Land ist, dann sollte ich zumindest ein Mitspracherecht darüber haben, was meine eigenen Polizisten mir antun dürfen. Ich sollte in der Lage sein, sie davon abzuhalten, mich zu terrorisieren.

>  Ich weiß, dass das keine gute Antwort ist. Tut mir Leid.

> Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass das DHS Terroristen nicht aufhalten könnte? Woher wollen Sie das wissen?

> Wer sind Sie?

>  Ich arbeite für den Sydney Morning Herald.

>  Ich bin 17 Jahre alt. Und ich bin bestimmt kein Einserschüler oder so was. Und trotzdem habe ich es fertiggebracht, ein Internet aufzubauen, das sie nicht anzapfen können. Ich habe Methoden ausgetüftelt, ihre Personenverfolgungs-Techniken zu manipulieren. Ich kann unschuldige Menschen zu Verdächtigen und schuldige Menschen in ihren Augen zu Unschuldigen machen. Ich könnte Metall in ein Flugzeug schmuggeln oder eine Flugverbots-Liste umgehen. Das alles habe ich herausgefunden, indem ich ins Internet geschaut und darüber nachgedacht habe. Wenn ich das kann, können Terroristen es auch. Man hat uns gesagt, dass man uns unsere Freiheit nimmt, um uns mehr Sicherheit zu geben. Fühlen Sie sich sicher?

>  In Australien? Oh, ja doch.

Alle Piraten lachten.

Weitere Journalisten stellten Fragen. Einige waren freundlich, andere feindselig. Wenn ich müde wurde, reichte ich meine Tastatur an Ange weiter und ließ sie für eine Weile M1k3y sein. Ich hatte sowieso nicht mehr das Gefühl, dass M1k3y und ich dieselbe Person waren. M1k3y war ein Jugendlicher, der mit internationalen Journalisten sprach und eine Bewegung inspirierte. Marcus wurde zeitweise der Schule verwiesen, stritt sich mit seinem Dad und fragte sich, ob er gut genug sei für seine rattenscharfe Freundin.

Gegen elf Uhr hatte ich genug. Außerdem würden meine Eltern mich bald daheim erwarten. Ich loggte mich aus dem Spiel aus, Ange ebenso, und dann lagen wir für einen Moment bloß da. Ich nahm ihre Hand in meine, und sie drückte sie fest. Wir umarmten uns.

Sie küsste meinen Nacken und murmelte etwas.

“Was?”

“Ich sagte, ich liebe dich”, sagte sie. “Soll ichs dir auch noch mal als Telegramm schicken?”

“Wow.”

“Überrascht dich das so sehr?”

“Nein. Hm. Es ist bloß… Ich wollte grade dasselbe sagen.”

“Na klar”, sagte sie und biss mir in die Nasenspitze.

“Ich hab das bloß noch nie gesagt. Und solche Dinge brauchen etwas Vorlauf.”

“Du hast es aber immer noch nicht gesagt. Glaub nicht, ich hätte das nicht gemerkt. Wir Mädchen nehmen es mit solchen Dingen sehr genau.”

“Ich liebe dich, Ange Carvelli”, sagte ich.

“Ich liebe dich auch, Marcus Yallow.”

Wir küssten und streichelten einander, mein Atem wurde heftiger und ihrer auch. Da klopfte ihre Mutter an die Tür.

“Angela, ich denke, es ist an der Zeit, dass dein Freund sich auf den Weg macht, meinst du nicht auch?”

“Ja, Mutter”, sagte sie und schwang eine imaginäre Axt. Während ich meine Socken und Schuhe anzog, murmelte sie: “Sie werden sagen, diese Angela, sie war so ein gutes Mädchen, wer hätte das gedacht, immer war sie hinten im Garten und half ihrer Mutter, indem sie diese Axt schärfte.”

Ich lachte. “Du glaubst gar nicht, wie gut du es hast. Es ist undenkbar, dass meine Leute uns in meinem Zimmer bis elf Uhr nachts allein lassen würden.”

“Viertel vor zwölf”, sagte sie mit Blick auf die Uhr.

“Mist!”, schrie ich und schnürte meine Schuhe.

“Geh”, sagte sie, “renn und sei frei! Schau in beide Richtungen, bevor du über die Straße gehst! Schreib, wenn du Arbeit findest! Halt bloß nicht noch mal für eine Umarmung an! Wenn du nicht bei zehn draußen bist, dann gibt’s Ärger, mein Herr. Eins. Zwei. Drei.”

Ich brachte sie zum Schweigen, indem ich aufs Bett hüpfte, auf ihr landete und sie küsste, bis sie mit Zählen aufhörte. Zufrieden mit meinem Sieg stapfte ich mit der Xbox unterm Arm die Treppe runter.

Ihre Mom stand unten an der Treppe. Wir waren uns erst ein paar Mal begegnet. Sie sah wie eine ältere, größere Variante von Ange aus – laut Ange war ihr Vater der Kleinere – und trug Kontaktlinsen statt Brille. Sie schien mich vorläufig als einen netten Jungen eingestuft zu haben, und ich wusste das zu schätzen.

“Gute Nacht, Mrs. Carvelli.”

“Gute Nacht, Mr. Yallow.” Das war eins unserer kleinen Rituale, seit ich sie bei unserer ersten Begegnung als Mrs. Carvelli angesprochen hatte.

Ich blieb ein wenig unbeholfen an der Tür stehen.

“Ja?”, fragte sie.

“Äh, danke, dass ich hier sein darf.”

“In unserem Haus sind Sie stets willkommen, junger Mann”, sagte sie.

“Und danke für Ange”, sagte ich dann noch und hasste es, wie platt das klang. Aber sie lächelte breit und umarmte mich kurz.

“Sehr gern geschehen”, sagte sie.

Während der ganzen Busfahrt heim dachte ich an die Pressekonferenz, an Ange, die sich nackt mit mir auf ihrem Bett wälzte, und an Anges Mutter, wie sie mich lächelnd nach draußen brachte.

Meine Mom war wach geblieben, um auf mich zu warten. Sie fragte mich nach dem Film, und ich erzählte ihr, was ich mir vorab aus der Besprechung im “Bay Guardian” zurechtgelegt hatte.

Beim Einschlafen dachte ich nochmals an die Pressekonferenz. Ich war wirklich stolz darauf, wie es gelaufen war. Es war sehr cool gewesen, wie all diese Superjournalisten im Spiel aufgetaucht waren, wie sie mir zuhörten und all den Leuten, die an dasselbe glaubten wie ich. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief ich ein.

Ich hätte es besser wissen müssen.

XNET-ANFÜHRER: ICH KÖNNTE METALL IN EIN FLUGZEUG SCHMUGGELN

DAS DHS REGIERT NICHT MIT MEINER ZUSTIMMUNG

XNET-KIDS: USA RAUS AUS SAN FRANCISCO

Und das waren noch die guten Schlagzeilen. Jeder sandte mir Artikel zum Bloggen, aber das war das Letzte, was ich jetzt tun wollte.

Irgendwie hatte ich es vergeigt. Die Presse war zu meiner Pressekonferenz gekommen und hatte den Eindruck gewonnen, dass wir Terroristen oder Terroristennachbildungen seien. Am schlimmsten war die Reporterin von Fox News, die offensichtlich doch noch aufgetaucht war und die uns einen zehnminütigen Kommentar widmete, in dem sie über unseren “verbrecherischen Verrat” sprach. Ihr Kommentar gipfelte in diesem Abschnitt, der in jedem Nachrichtenkanal, den ich fand, wiederholt wurde:

“Sie sagen, sie haben keinen Namen. Ich habe einen für sie. Nennen wir diese verdorbenen Kinder Kal-Kaida. Sie erledigen die Arbeit der Terroristen an der Heimatfront. Wenn – nicht falls, sondern wenn – Kalifornien noch einmal angegriffen wird, dann werden diese Kröten ebenso viel Schuld daran haben wie das Haus Saud.”

Führer der Antikriegsbewegung taten uns als Randerscheinung ab. Einer sagte sogar im Fernsehen, er glaube, dass wir eine Erfindung des DHS seien, um die Bewegung in Misskredit zu bringen.

Das DHS hielt eine eigene Pressekonferenz ab, bei der angekündigt wurde, die Sicherheitsmaßnahmen in San Francisco zu verdoppeln. Sie zeigten einen RFID-Kloner und demonstrierten den Einsatz, wobei sie so taten, als ginge es dabei um einen Autodiebstahl, und warnten eindringlich vor jungen Menschen, die sich verdächtig verhielten, insbesondere, wenn man ihre Hände nicht sehen könne.

Sie meinten es ernst. Ich beendete meinen Kerouac-Aufsatz und fing einen Text über den Sommer der Liebe an, den Sommer 1967, als die Antikriegsbewegung und die Hippies in San Francisco zusammenkamen. Die Gründer von Ben and Jerry’s, selbst alte Hippies, hatten ein Hippie-Museum im Haight gegründet, und es gab noch mehr Archive und Ausstellungen überall in der Stadt.

Aber dorthin zu kommen war nicht einfach. Am Ende der Woche wurde ich bereits durchschnittlich vier Mal täglich gefilzt. Bullen checkten meinen Ausweis und fragten mich, was ich auf der Straße zu tun hätte, wobei sie dem Brief von Chavez über meine Suspendierung immer besondere Aufmerksamkeit schenkten.

Ich hatte Glück. Niemand verhaftete mich. Aber die anderen im Xnet hatten nicht so viel Glück. Jeden Abend verkündete das DHS neue Verhaftungen; “Rädelsführer” und “Mitläufer” des Xnet, Leute, von denen ich noch nie gehört hatte, wurden im Fernsehen vorgeführt, zusammen mit ihren RFID-Sensoren und anderen Gerätschaften, die man bei ihnen gefunden hatte. Das DHS behauptete, diese Leute würden “Namen nennen” und das Xnet “bloßstellen”; man erwarte in Kürze weitere Verhaftungen. Der Name “M1k3y” fiel häufig.

Dad fand das alles toll. Er und ich sahen zusammen die Nachrichten, er mit diebischer Freude, ich im inneren Rückzug, insgeheim halb wahnsinnig werdend. “Du müsstest mal das Zeug sehen, das sie gegen diese Kids einsetzen werden”, sagte Dad. “Ich habe es schon in Aktion gesehen. Wenn sie eine Handvoll dieser Kids haben, dann gehen sie ihre Buddy-Listen im Messenger und die Kurzwahlen in den Handys durch und suchen nach Namen, die immer wieder mal auftauchen, nach Mustern, und so erwischen sie immer mehr von ihnen. Sie werden das Xnet auseinanderdröseln wie einen alten Pullover.”

Ich sagte Anges Abendessen bei uns ab und verbrachte stattdessen noch mehr Zeit bei ihr. Anges kleine Schwester Tina fing an, mich den “Hausgast” zu nennen, und sagte Sachen wie “Isst der Hausgast heute mit mir zu Abend?” Ich mochte Tina. Sie interessierte sich eigentlich nur fürs Ausgehen, Feiern und Jungstreffen, aber sie war witzig und völlig vernarrt in Ange. Als wir einmal abends das Geschirr abräumten, trocknete sie ihre Hände ab und sagte beiläufig: “Weißt du, Marcus, du scheinst ja ein netter Typ zu sein. Meine Schwester ist total in dich verknallt, und ich mag dich auch ganz gern. Aber ich muss dir eins sagen: Wenn du ihr das Herz brichst, dann erwisch ich dich und stülp dir deinen eigenen Hodensack über den Kopf. Und das sieht nicht schön aus.”

Ich versicherte ihr, eher würde ich mir selbst meine Hoden übern Kopf ziehen, als Anges Herz zu brechen, und sie nickte. “So lange das mal klar ist.”

“Deine Schwester ist ein bisschen bekloppt”, sagte ich, als wir wieder auf Anges Bett lagen und Xnet-Blogs lasen.

Viel was sonst machten wir nicht – rumgammeln und Xnet lesen.

“Oh, hat sie die Sack-Nummer gebracht? Ich hasse es, wenn sie das macht. Weißt du, sie findet das Wort “Hodensack” einfach klasse. Nimms nicht persönlich.”

Ich küsste sie, und wir lasen weiter.

“Hör mal”, sagte sie. “Die Polizei rechnet für dieses Wochenende mit vier- bis sechshundert Verhaftungen im Rahmen des, wie sie sagen, bislang größten abgestimmten Einsatzes gegen Xnet-Dissidenten.”

Mir kam das Essen hoch.

“Wir müssen das abbrechen”, sagte ich. “Weißt du, dass es sogar Leute gibt, die jetzt noch mehr jammen, bloß um zu zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen? Ist das nicht völlig bescheuert?”

“Ich find, es ist mutig. Wir können es doch nicht zulassen, dass die uns einschüchtern bis zur Unterwerfung.”

“Wie bitte? Nein, Ange, nein. Wir können nicht zulassen, dass Hunderte von Leuten im Knast enden. Du warst nicht da. Ich schon. Und es ist schlimmer, als du denkst: Es ist sogar schlimmer, als du es dir vorstellen kannst.”

“Ach, ich habe eine ziemlich lebhafte Fantasie.”

“Hör auf damit, ja? Sei doch mal einen Moment ernsthaft. Ich mach das nicht. Ich schicke keine Leute ins Gefängnis. Wenn ich das tue, dann bin ich genau der Typ, für den Van mich hält.”

“Marcus, ich meine das ernst. Denkst du etwa, diese Jungs wissen nicht, dass sie möglicherweise ins Gefängnis kommen? Hey, die glauben an die Sache. Du glaubst doch auch dran. Du kannst ihnen ruhig zugestehen, dass sie wissen, was sie da tun. Die brauchen dich nicht, um zu entscheiden, welches Risiko sie eingehen können und welches nicht.”

“Es ist aber meine Verantwortung, weil sie damit aufhören, wenn ich es ihnen sage.”

“Ich dachte, du bist nicht der Anführer?”

“Bin ich auch nicht; natürlich nicht. Aber ich kann nichts dafür, dass sie sich zur Orientierung an mich halten. Und so lange sie das tun, so lange habe ich die Verantwortung, ihnen dabei zu helfen, in Sicherheit zu sein. Das verstehst du doch, oder?”

“Ich verstehe nur, dass du bereit bist, beim ersten Anzeichen von Ärger die Kurve zu kratzen. Und ich glaube, du hast Angst, dass sie dahinterkommen, wer du bist. Ich glaube, du hast um dich selbst Angst.”

“Das ist nicht fair”, sagte ich, setze mich auf und rückte ein Stück ab von ihr.

“Ach nein? Wer hatte denn fast einen Herzinfarkt, als er glaubte, seine geheime Identität sei enttarnt?”

“Das war was anderes. Jetzt gehts nicht um mich. Und das weißt du auch. Warum also benimmst du dich so?”

“Warum benimmst DU dich so? Warum bist DU nicht mehr bereit, der Typ zu sein, der mutig genug war, dies alles anzufangen?”

“Das hier ist nicht mutig, sondern selbstmörderisch.”

“Billiges Schülertheater, M1k3y.”

“Nenn mich nicht so!”

“Was, M1k3y? Warum nicht, M1k3y?”

Ich zog meine Schuhe an, schnappte meine Tasche und ging zu Fuß nach Hause.

> Warum ich nicht mehr jamme

>  Ich werde keinem von euch erzählen, was er tun soll, weil ich nicht euer Anführer bin, egal, was die Fox-News glauben.

> Aber ich werde euch erzählen, was ich vorhabe. Wenn ihr denkt, dass es das Richtige ist, dann macht ihr es ja vielleicht auch so.

>  Ich jamme nicht. Diese Woche nicht. Vielleicht auch nicht nächste Woche. Nicht, weil ich Angst habe. Sondern weil ich klug genug bin zu wissen, dass ich in Freiheit mehr tun kann als im Knast. Die haben rausgefunden, wie sie unsere Taktik durchkreuzen können, also müssen wir uns eine neue Taktik ausdenken. Es ist mir im Grunde egal, welche Taktik das ist, Hauptsache, sie funktioniert. Es ist dumm, sich schnappen zu lassen. Es ist nur Jamming, wenn ihr damit durchkommt.

>  Und es gibt noch einen Grund, nicht zu jammen. Wenn ihr geschnappt werdet, dann könnten sie mit eurer Hilfe eure Freunde schnappen, deren Freunde und die Freunde ihrer Freunde. Die könnten eure Freunde sogar hopsnehmen, wenn die gar nicht im Xnet sind, weil das DHS sich benimmt wie eine angeschossene Wildsau und es den Typen völlig egal ist, ob sie vielleicht einen Falschen geschnappt haben.

>  Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt.

> Aber das DHS ist dumm, und wir sind klug. Jammen beweist, dass sie nicht in der Lage sind, Terrorismus zu bekämpfen, weil es beweist, dass sie nicht mal eine Horde Jugendlicher aufhalten können. Wenn ihr geschnappt werdet, dann sieht es so aus, als ob die klüger sind als wir.

>  DIE SIND NICHT KLÜGER ALS WIR! Wir sind klüger als die. Lasst uns klug sein. Lasst uns Wege finden, sie zu jammen, egal, wie viele trottelige Schläger sie in unserer Stadt auf Streife schicken.

Ich postete es und ging ins Bett.

Ich vermisste Ange.

[x]

Ange und ich sprachen vier Tage lang nicht miteinander, das Wochenende inbegriffen, und dann war es wieder Zeit, in die Schule zu gehen. Eine Million Mal hatte ich sie fast angerufen, eintausend E-Mails und Instant Messages nicht versendet.

Jetzt war ich zurück im Gesellschaftskunde-Kurs, Mrs. Andersen begrüßte mich mit wortreich-sarkastischer Höflichkeit und fragte mich zuckersüß, wie denn mein “Urlaub” gewesen sei. Ich setzte mich hin und murmelte irgendwas. Dabei konnte ich Charles kichern hören.

In dieser Stunde ging es um Manifest Destiny, den Gedanken, dass Amerikaner dazu auserwählt seien, die ganze Welt zu erobern (zumindest klang es in ihrer Darstellung so), und sie schien mir zu versuchen, mich zu irgendwelchen Reaktionen zu provozieren, um mich wieder rauswerfen zu können.

Ich spürte die Blicke der ganzen Klasse auf mir, und das erinnerte mich an M1k3y und die Leute, die zu ihm aufschauten. Ich hatte es satt, dass man zu mir aufschaute. Ich vermisste Ange.

Ich brachte den Rest des Tages hinter mich, ohne mir irgendwelche Kainszeichen einzuhandeln. Schätzungsweise sagte ich keine acht Worte.

Endlich war es vorbei, und ich sauste zur Tür, zum Tor, raus zur blöden Mission und zu meinem dämlichen Zuhause.

Ich war kaum zum Tor raus, als jemand in mich reinrannte. Es war ein junger Obdachloser, vielleicht mein Alter oder ein bisschen älter. Er trug einen langen, speckigen Mantel, Jeans wie Kartoffelsäcke und verwarzte Turnschuhe, die aussahen wie einmal durch den Häcksler gelaufen. Sein langes Haar hing ihm ins Gesicht, und ein Zottelbart hing ihm bis runter in den Kragen eines völlig verblichenen Strickpullis.

Das alles realisierte ich, während wir nebeneinander auf dem Bürgersteig lagen und die Leute an uns vorbeihasteten und komisch guckten. Sah so aus, als sei er in mich reingerannt, während er Valencia runterhastete, vermutlich von der Last seines Rucksacks gebeugt, der neben ihm auf dem Gehsteig lag, eng bedeckt mit geometrischen Kritzeleien mit Filzstift.

Er setzte sich auf die Knie und wippte vor und zurück, als ob er betrunken war oder seinen Kopf gestoßen hatte.

“Sorry, Kumpel”, sagte er. “Hab dich nicht gesehen. Biste verletzt?” Ich setzte mich ebenfalls auf. Nichts fühlte sich verletzt an.

“Hm, nein, alles okay.”

Er stand auf und lächelte. Seine Zähne waren erschreckend weiß und ebenmäßig, die hätten auch eine Anzeige für eine kieferorthopädische Klinik zieren können. Er streckte mir seine Hand entgegen, und sein Griff war kräftig und bestimmt.

“Tut mir echt Leid.” Auch seine Stimme war klar und aufgeweckt. Ich hätte erwartet, dass er klang wie einer dieser Besoffenen, die mit sich selbst sprachen, wenn sie nachts durch die Straßen der Mission wankten, aber er klang eher wie ein gut informierter Buchhändler.

“Kein Problem”, sagte ich.

Er streckte nochmals die Hand aus.

“Zeb.”

“Marcus.”

“Ein Vergnügen, Marcus”, sagte er. “Hoffe, ich renne mal wieder in dich rein!” Lachend schnappte er seinen Rucksack, machte auf dem Absatz kehrt und eilte davon.

[x]

Den Rest des Weges nach Hause lief ich wie benebelt vor mich hin. Mom saß am Küchentisch, und wir plauderten über dies und jenes, gerade so, wie wir es immer getan hatten, bevor sich alles änderte.

Ich ging rauf in mein Zimmer und ließ mich in meinen Stuhl fallen. Ausnahmsweise hatte ich keine Lust, mich ins Xnet einzuloggen. Das hatte ich schon heute früh vor der Schule getan und dabei festgestellt, dass mein Blogeintrag eine gigantische Kontroverse ausgelöst hatte zwischen Leuten, die sich meiner Meinung anschlossen, und anderen, die ernsthaft angepisst waren davon, dass ich ihnen sagte, sie sollten ihren Lieblingssport aufgeben.

Hier lagen noch dreitausend Projekte rum aus der Zeit, bevor das alles angefangen hatte. Ich war dabei, eine Lochkamera aus Legos zu bauen, und ich hatte ein bisschen mit Lenkdrachen-Luftbildfotografie rumgespielt, indem ich eine alte Digitalkamera mit einem Auslöser aus Hüpfknete getunt hatte, der sich beim Start des Drachens ausdehnte, langsam zu seiner alten Form zurückfand und dabei die Kamera in gleichmäßigen Abständen auslöste. Außerdem war da noch ein Vakuum-Röhrenverstärker, den ich in eine prähistorische, verrostete und verbeulte Olivenöl-Dose eingebaut hatte – sobald das erledigt war, wollte ich eine Docking-Station für mein Handy einbauen und das Ganze um ein Set von 5.1-Surround-Boxen aus Tunfischdosen erweitern.

Ich schaute über meine Arbeitsplatte und griff mir schließlich die Lochkamera. Gewissenhaft Legos ineinanderzustecken war heute genau mein Tempo.

Ich nahm meine Uhr ab, ebenso den klobigen silbernen Zwei-Finger-Ring, der einen Affen und einen Ninja in Zweikampfbereitschaft zeigte, und ließ beides in die kleine Kiste fallen, die ich für das ganze Zeug benutzte, das ich jeden Tag in die Taschen und um den Hals packe, bevor ich das Haus verlasse: Handy, Brieftasche, Schlüssel, WLAN-Finder, Kleingeld, Akkus, aufrollbare Kabel,… ich ließ alles ins Kistchen ploppen und merkte plötzlich, dass ich etwas in der Hand hielt, das ich nicht in meine Tasche gesteckt hatte.

Es war ein Stück Papier, grau und weich wie Flanell, ausgefasert an den Kanten, wo es aus einem größeren Stück Papier herausgerissen worden war. Es war übersät mit der kleinsten, sorgfältigsten Handschrift, die ich je gesehen hatte. Ich faltete es auf und nahm es hoch. Das Geschriebene bedeckte beide Seiten, ohne Unterbrechung von der linken oberen Ecke bis zu einer kaum lesbaren Unterschrift rechts unten auf der anderen Seite.

Die Unterschrift lautete einfach Zeb.
Ich nahm den Zettel und begann zu lesen.

Lieber Marcus

Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Die letzten drei Monate, seit die Bay Bridge hochgejagt wurde, wurde ich aufTreasure Island gefangen gehalten. Ich war an dem Tag im Hof, an dem du mit dem asiatischen Mädchen sprachst und in die Mangel genommen wurdest. Du warst mutig. Respekt.

Ich hatte am folgenden Tag einen Blinddarmdurchbruch und kam in die Krankenstation. Im nächsten Bett lag ein Typ namens Darryl. Wir waren beide eine ganze Weile in Rekonvaleszenz, und als wir irgendwann wieder gesund waren, wäre es allzu lästig geworden, uns laufen zu lassen.

Also entschieden sie, dass wir wirklich schuldig sein müssten. Sie befragten uns jeden Tag. Du kennst ihre Befragungen, das weiß ich. Stell dir dasselbe monatelang vor. Darryl und ich waren irgendwann Zellengenossen. Wir wussten, dass sie uns verwanzt hatten, also redeten wir nur über belangloses Zeug. Aber nachts auf unseren Pritschen haben wir uns leise Nachrichten mit Morse-Code zugeklopft (ich wusste es immer, dass meine Amateurfunkerei irgendwann mal zu etwas gut ist).

Zuerst waren ihre Fragen an uns derselbe Dreck wie immer – wer war es, wie haben sie es getan. Aber ein bisschen später haben sie dann angefangen, uns über das Xnet zu befragen. Natürlich hatten wir davon noch nie was gehört. Aber das hielt sie nicht vom Fragen ab.

Darryl erzählte mir, dass sie ihm RFID-Kloner, Xboxen und alles mögliche Technikzeug brachten und von ihm verlangten, dass er ihnen erzählte, wer das benutzte und wo sie lernen würden, das Zeug zu tunen. Darryl hat mir von euren Spielen erzählt und davon, was ihr dabei alles gelernt habt.

Insbesondere hat das DHS uns über unsere Freunde ausgefragt. Wen kannten wir? Wie waren sie so? Hatten sie politische Ansichten? Hatten sie Ärger in der Schule oder mit dem Gesetz?

Wir nennen den Knast Gitmo-an-der-Bay. Ich bin jetzt seit einer Woche draußen, und ich glaube nicht, dass hier irgendjemand eine Ahnung hat, dass ihre Söhne und Töchter mitten in der Bay gefangen gehalten werden. Nachts konnten wir sogar die Leute auf dem Festland lachen und feiern hören.

Letzte Woche bin ich rausgekommen. Ich erzähl dir nicht, wie, falls das hier in die falschen Hände gerät. Mögen andere meiner Route folgen.

Darryl hat mir erzählt, wie ich dich finde, und ich musste ihm versprechen, dir alles zu berichten, was ich weiß. Jetzt, da ich das getan habe, bin ich nix wie weg hier. Ich werde einen Weg finden, dieses Land zu verlassen. Scheiß auf Amerika.

Bleib stark. Die haben Angst vor dir. Tritt sie von mir. Lass dich nicht erwischen.

Zeb

Als ich mit der Nachricht fertig war, hatte ich Tränen in den Augen. Irgendwo auf meinem Schreibtisch hatte ich ein Einwegfeuerzeug, das ich manchmal benutzte, um die Isolierung von Kabeln abzuschmelzen, und ich kramte es hervor und hielt es an den Zettel. Ich wusste, ich schuldete es Zeb, ihn zu zerstören, um sicherzugehen, dass niemand sonst ihn jemals finden würde, um sie nicht auf seine Spur zu führen, wohin immer er jetzt ging.

Ich hielt die Flamme und den Zettel, aber ich brachte es nicht über mich.

Darryl.

Über all dem Zeugs mit dem Xnet und Ange und dem DHS hatte ich fast vergessen, dass es ihn gab. Er war zu einem Geist geworden, wie ein Jugendfreund, der jetzt weggezogen oder auf einem Austauschprogramm war. Und diese ganze Zeit hatten sie ihn befragt, von ihm verlangt, dass er mich verrate, das Xnet erkläre und die Jammerei. Er war also auf Treasure Island, dem verlassenen Militärstützpunkt eine halbe Länge der zerstörten Bay Bridge entfernt. Er war all die Zeit so nah gewesen, dass ich zu ihm hätte hinschwimmen können.

Ich legte das Feuerzeug wieder weg und las den Zettel nochmals. Bis ich damit durch war, weinte und schluchzte ich hemmungslos. Es kam alles zurück, die Lady mit dem strengen Haarschnitt, ihre Fragen, der Geruch von Pisse und die Steifigkeit meiner Hose, als der Urin darin langsam trocknete.

“Marcus?”

Meine Tür stand offen, und darin stand meine Mutter, einen besorgten Ausdruck im Gesicht. Wie lange mochte sie dort schon gestanden haben?

Ich wischte mir die Tränen weg und zog die Nase hoch. “Mom”, sagte ich. “Hi.”

Sie kam zu mir ins Zimmer und nahm mich in den Arm. “Was ist los? Möchtest du drüber sprechen?”

Die Nachricht lag auf dem Tisch. “Ist das von deiner Freundin? Ist alles in Ordnung?”

Sie hatte mir ein Hintertürchen geöffnet. Ich hätte es einfach alles auf Probleme mit Ange abwälzen können, und sie wäre aus meinem Zimmer verschwunden und hätte mich allein gelassen. Ich öffnete den Mund, um genau das zu sagen, und dann sagte ich stattdessen:

“Ich war im Gefängnis. Als sie die Brücke gesprengt hatten. Ich war die ganze Zeit im Knast.”

Die Schluchzer, die dann kamen, klangen kein Stück wie meine Stimme. Sie klangen wie die Stimme eines Tiers, eines Esels vielleicht oder einer großen Katze in der Nacht. Ich schluchzte, dass meine Kehle brannte und meine Brust bebte.

Mom nahm mich in ihre Arme, genau so, wie sie es früher getan hatte, als ich ein kleiner Junge war; und dann streichelte sie mein Haar, murmelte mir etwas ins Ohr und wiegte mich hin und her, und langsam, ganz langsam, ließ das Schluchzen nach.

Ich holte einmal tief Luft, und Mom holte mir ein Glas Wasser. Ich setzte mich auf meine Bettkante, und sie setzte sich auf meinen Schreibtischstuhl, und dann erzählte ich ihr alles.

Alles.

Naja, fast alles.

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Cory DoctorowLittle Brother
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